Bei unserem letzten Gespräch im Herbst 2017 lautete die Headline des Features mit dem Frankfurter „Human Machine“. Im Fokus stand dabei die überaus greifbare Symbiose zwischen ihm und den zahlreichen analogen Maschinen, mit denen der Hesse bei seinen Produktionen regelrecht verschmilzt. Schon damals listete Wigbert Veröffentlichungen auf Labels wie SCI-TEC und Second State. Auf Letzterem ist nun am 26. Februar sein Debüt-Langspieler erschienen. Auf „Distorted Matter“ changiert er auf zwölf Titeln zwischen atmosphärischen sowie Club-orientierten Stücken und zeigt dabei seine Affinität zu ebendiesen Welten.

 

Gratulation zum ersten Album, Wigbert! Diese Vision hattest du schon länger, oder?

Vielen Dank. Und ja, um ehrlich zu sein, geht mit dem Album für mich ein Traum in Erfüllung. Seitdem ich Musik produziere, war es schon immer mein Ziel und Wunsch, eine Art Konzeptalbum zu veröffentlichen. Ich bin kein so großer Fan davon, einfach Tracks zu nehmen, die gerade auf meiner Festplatte herumliegen, zu einem Paket zu schnüren und dann zu sagen, das ist mein Album. Ich wollte immer auf den richtigen Zeitpunkt warten und als wir – Second State und ich – 2019 darüber sprachen, ein Album zu veröffentlichen, fühlte es sich richtig an und ich spürte, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist.

Bei unserem letzten Interview hattest du gerade die „Stream EP“ mit fünf Titeln auf Second State veröffentlicht. Wie rekapitulierst du diese über dreieinhalb Jahre seither?

Rückblickend betrachtet war es definitiv eine Zeit, in der ich viel über mich persönlich lernen konnte, sowie eine Zeit der Transformation. Dafür steht u. a. auch mein Track „Transformed“ auf dem Album. Neben Höhen und Tiefen war es eine wichtige Zeit, um mich selbst zu reflektieren und um mir bewusst zu werden, was wichtig ist und wie mein Weg aussieht. Seit zwei Jahren beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung und meditiere seitdem fast täglich. Das hilft mir mental, die Balance zu halten und gelassener zu sein. Ein positiver Nebeneffekt ist auch, dass es meine Kreativität fördert und ich mich stärker auf die Musik fokussieren kann. Dadurch wurde das Gefühl gestärkt, bereit zu sein, nun ein Album zu produzieren.

Vor allem in diesen Zeiten ein in der Tat wichtiges Thema, ja. Im Interview damals ging es intensiv um dein „neues altes“ Studio, aus dem du zunächst aus-, aber schlussendlich wieder eingezogen bist. Wie hat sich der Workflow dort entwickelt in den letzten Jahren?

Es ist ein konstanter Prozess und immer mal wieder optimiere ich kleine Schritte im Workflow. Selbst banale Dinge, wie das Umstellen von Geräten, führen manchmal dazu, dass ich einen neuen Zugang zum Instrument bekomme. Die gravierendste Veränderung im Studio war dann Anfang 2019. Über die Jahre hatten sich viele Geräte angesammelt, sodass ich mich manchmal schon verloren fühlte. Ich habe mich dazu entschlossen, mein Setup zu reduzieren, mich von redundanten Geräten zu trennen und mich auf einige persönliche Favoriten zu beschränken. Ich habe mir eine API-Studiokonsole angeschafft und den Workflow um das Mischpult herum aufgebaut. Seitdem fühle ich mich einfach wohler und bin letztendlich auch kreativer.

Wie und warum entstand dann die Idee für das erste Album?

Wie du bereits angesprochen hast, hatte ich diese Vision zu einem Album bereits einige Zeit. Wann das genau sein wird, wusste ich allerdings nicht. Es gab hier nicht diesen einen bestimmten Anlass. Es war vielmehr das Bedürfnis, die über die Jahre angesammelten Emotionen frei in die Musik zu übersetzen. Das Gefühl, ein Album zu produzieren, entwickelte sich recht schnell und bedeutet für mich auch den nächsten logischen Schritt.

Du hast bereits erwähnt, dass „Distorted Matter“ einem Konzept unterliegt. Welche Rolle spielt dabei tatsächlich verzerrte Materie für dich?

Der Titel „Distorted Matter“ beschreibt einen Konflikt im Inneren eines Menschen, ausgelöst durch zu viele Themen, Gedanken und Ideen, die einen zeitgleich beschäftigen. Man kämpft mit sich selbst, und die innere Welt fühlt sich verzerrt an. Die Vision ist nicht mehr klar vor Augen und verwischt mit der Zeit. Daher ist es ganz wichtig, den Fokus nicht zu verlieren und bewusster zu sein. Jedes Stück auf dem Album reflektiert eine bestimmte Situation, Phase oder ein Gefühl aus meiner Vergangenheit. Eine Art komprimiertes Tagebuch, wenn man so möchte.

Wie, würdest du sagen, hat die Pandemie rund um Covid-19 das Werk beeinflusst? Wäre das Ergebnis ohne Corona ein anderes?

Aus musikalischer Perspektive höchstwahrscheinlich nicht, da die Stücke tatsächlich kurz vor Anfang der Pandemie fertig wurden. Ich habe im Sommer 2019 angefangen und habe mich dann im Winter zusätzlich sechs Wochen im Studio isoliert. Im Januar 2020 war dann das Album im Kasten.

Hast du mit dieser klaren Absicht eines Albums einen anderen Prozess im Studio durchlebt, als es z.B. für eine EP bislang der Fall war?

Ja, definitiv. Bei EPs mache ich mir in der Regel nicht so viele Gedanken um eine Storyline oder ein Konzept. Beim Album war es mir allerdings wichtig, dass dahinter eine Geschichte steckt – etwas Tiefgründiges. Daher war es anfangs sehr spannend herauszufinden, wohin die Reise geht. Ich fing an, die ersten Stücke zu produzieren und Ideen zu skizzieren. Teilweise arbeitete ich auch parallel an Ideen, je nach Gefühl und Emotion. Nicht jede Idee war am Ende stark genug. Oft habe ich sie dann schon bei der nächsten Studiosession verworfen und erneut begonnen. Als ich dann die ersten potenziellen Tracks für das Album fertig hatte, formte sich langsam ein Bild, und spätestens als ich das Stück „Distorted Matter“ fertig hatte, wurde mir auch das Thema für die LP klar. Jeder Track, der dann im Laufe der Zeit hinzukam, war wie ein weiteres Puzzlestück. Manchmal passte es, manchmal nicht. Ich versuchte zu spüren und zu reflektieren, was dem Album evtl. noch fehlen könnte, bis sich das Gesamtwerk für mich ganzheitlich anfühlte. Ein spannender kreativer Prozess, den ich über Monate durchlebt habe.

Du hast eben die Reduzierung deiner technischen Möglichkeiten im Studio angesprochen. Welche Tools bzw. Hardware waren für das Album deine favorisierten?

Der Moog One Synthesizer hat sicherlich eine große Rolle gespielt. Es ist eins meiner Lieblingsinstrumente, weil die Bedienung zum einen sehr einfach von der Hand geht und der Synth extrem vielfältig ist. Zudem klingt der One unfassbar gut und ist somit auch in fast jedem Stück zu hören. Neben dem Moog habe ich auch viel mit meinem Modularsystem gearbeitet. Speziell Module von Verbos sowie der Cwejman QMMF-4 Multimode-Filter kamen viel zum Einsatz. Dann wäre als dritte wichtige Soundquelle noch der Access Virus TI zu nennen. Der war mein erster Hardware-Synthesizer und er klingt für mich bis heute noch sehr interessant, wenn nicht sogar für einen digitalen Synthesizer irgendwie besonders. Der hat für mich eine gewisse Klangtiefe, die ich beispielsweise bei einem vergleichbaren digitalen Synth-Plugin so noch nicht gehört habe. Für die Drums habe ich die Roland TR0909 sowie die Elektron Analog Rytm genutzt, und dazu war für mich der Analog Heat als Distortion-Effekt-Modul essenziell. Für weitere Effekte habe ich noch den Eventide H8000 und das Roland Space Echo benutzt.

Deinen ersten Kontakt zu Second State hattest du durch eine Remix-Anfrage von Pan-Pot vor einigen Jahren. Wie hat sich die Zusammenarbeit in den Jahren entwickelt?

Im Prinzip arbeiten wir seit diesem Remix konstant immer wieder zusammen. Ich schicke ihnen immer mal wieder neue Musik von mir, und so wurde auch letztendlich die Motivation zum Album getriggert. Als ich Mitte 2019 meine ersten Ideen und Tracks zu den Jungs geschickt habe, bekam ich auch ziemlich schnell das Angebot, ein Album auf Second State veröffentlichen zu können. Ich war schon zu der Zeit, als Pan-Pot ihr Album veröffentlichten, sehr beeindruckt von der Arbeitsweise und Professionalität von Second State. Ich hatte tatsächlich damals schon den Gedanken gehabt, dass Second State vielleicht ein gutes Label für mein Debütalbum wäre. Jetzt ist es Wirklichkeit geworden und ich bin sehr glücklich darüber. Die Zusammenarbeit mit Second State in den letzten Monaten war sehr gut und intensiv. Wir haben viele Ideen ausgetauscht, jeden einzelnen Schritt diskutiert und geplant. So habe ich es mir vorgestellt, und es hat richtig Spaß gemacht bzw. tut es noch immer.

Was sieht deine Agenda für die kommenden Wochen und Monate vor?

Mit der LP fühlt es sich für mich etwas nach einem neuen musikalischen Kapitel an. Ich fühle mich jetzt freier, um auch neue Ansätze in meinen Produktionen auszuprobieren und vielleicht auch mit anderen Genres zu experimentieren. Ich habe schon Ideen und Vorstellungen im Kopf, zum Teil auch schon für das nächste Album. Bisher sind es aber nur Ideen und es wäre momentan sicherlich noch früh, darüber zu sprechen. Wir leben ja momentan in einer äußerst ungewissen Zeit. Musikalisch sowie abseits der Musik ist es daher aktuell für mich schwer, eine Entwicklung abzuschätzen und für mich zu planen. Ich werde die Geschehnisse auf der Welt und in der Musikbranche natürlich gespannt weiter beobachten. Ich hoffe einfach, gesund zu bleiben und, dass ich sehr lange das tun kann, was ich liebe, die Musik.

 

Aus dem FAZEmag 109/03.2021
Text: Triple P
Foto: Darina Franze
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