
Wer in den vergangenen Monaten auf TikTok oder SoundCloud nach neuer Clubmusik gesucht hat, ist möglicherweise schon über XETEX gestolpert, ohne den Namen direkt zu kennen. Der in Nürnberg aufgewachsene und heute in München lebende Producer und DJ hat sich vor allem mit Edits deutscher Pop- und Rap-Tracks eine wachsende Hörerschaft aufgebaut. Paula Hartmanns „7 Mädchen“, SXTNs „Bongzimmer“, „Nummer Unterdrückt“ von Bonez MC & RAF Camora oder KUMMERs „Bei Dir“ hat er in einen neuen Club-Kontext gesetzt und dabei einen Sound entwickelt, der UK Garage, Bounce, Speed House und Trance mit bekannten deutschen Vocals verbindet. Doch XETEX soll nicht auf Edits reduziert werden. Eigene Musik veröffentlicht er bereits seit 2023, die Edits versteht er eher als Türöffner. Mit seiner aktuellen Single „FEELURBODY“ rückt deshalb zunehmend auch die eigene musikalische Handschrift in den Mittelpunkt. Im Interview spricht XETEX über seinen Weg zum eigenen Sound, den Einfluss von TikTok, die neue Rolle von SoundCloud und die Frage, warum Deutschrap und Pop derzeit so gut auf der Tanzfläche funktionieren. Außerdem ist er in diesem Monat für den offiziellen FAZEmag Mix verantwortlich.
Let’s start from scratch. Wer ist XETEX und wie würdest du deinen Sound selbst beschreiben?
XETEX bin basically ich und das, was musikalisch gerade in meinem Kopf abgeht. Ich komme ursprünglich eher aus dem House und UK Garage, mittlerweile würde ich meinen Sound aber als eine Mischung aus Bounce, Trance, UKG und viel Fusion mit deutschen Vocals beschreiben. Mir ist wichtig, dass meine Musik Energie hat und im Club funktioniert, aber trotzdem nicht komplett austauschbar klingt. Dabei habe ich seit letztem Jahr viele bekannte deutsche Rap- und Popsongs geflipped und dadurch meinen Sound gefunden.
Wann hast du gemerkt, dass deine Edits mehr sind als nur ein Nebenprojekt?
Ich glaube, so richtig gemerkt habe ich es, als die Leute angefangen haben, die Edits unabhängig von mir weiterzuschicken und auf TikTok zu benutzen. Alles hat mit meinem Edit von Paula Hartmann „7 Mädchen“ angefangen. Da ging das erste Mal was viral und es kamen dann Nachrichten wie „Wann kommt das auf SoundCloud?“ oder andere DJs haben sich gemeldet, da sie den Track in ihren Sets spielen wollten. Da dachte ich mir schon: Okay, das ist gerade mehr als einfach nur ein Edit, den ich für mich gemacht habe. Vor allem, weil ich eigentlich nie mit dem Gedanken angefangen habe, dass daraus so eine große Sache werden könnte.
Wie findest du die Balance zwischen bekannten Vocals und einem eigenen XETEX-Sound?
Das ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Punkte bei meinen Edits. Der Vocal soll natürlich der Teil sein, den die Leute direkt erkennen und der sie abholt. Gleichzeitig will ich aber nicht einfach nur einen Beat darunterlegen. Für mich muss der Drop oder das Arrangement trotzdem nach XETEX klingen. Ich versuche deshalb, die Vocals teilweise komplett anders einzusetzen, als man es erwarten würde, und drumherum einen Sound zu bauen, der auch ohne den Vocal funktionieren würde. Ein gutes Beispiel ist mein Souly-„Bundeswehr“-Edit, der klingt im Original eher atmosphärischer und bei mir durch die Synths und Drums eher härter.
Wie stark beeinflusst das direkte Feedback auf TikTok, welche Ideen du wirklich fertig produzierst?
Schon ziemlich stark. TikTok ist für mich mittlerweile fast wie ein direkter Test, ob eine Idee bei anderen Leuten genauso funktioniert wie in meinem Kopf. Wenn ich einen Snippet poste und plötzlich viele Leute kommentieren oder nach dem Release fragen, motiviert mich das natürlich extrem, den Track fertig zu machen. Aber ich würde jetzt auch nicht jede Idee nur danach produzieren, ob sie auf TikTok gut funktioniert. Am Ende muss ich selbst Bock auf den Song haben. Sonst merkt man das meiner Meinung nach auch.

Warum funktionieren deutsche Pop- und Rap-Vocals deiner Meinung nach gerade so gut im Club?
Ich glaube, weil die Leute die Vocals sofort verstehen und dadurch eine ganz andere Verbindung zu dem Track haben. Wenn du einen Satz hörst, den du aus deiner Jugend oder aus einem bekannten Song kennst, und der plötzlich in einem komplett anderen Club-Kontext auftaucht, funktioniert das einfach, ob Sido, Kraftklub oder UFO 361. Dazu kommt, dass deutsche Pop- und Rap-Musik gerade extrem viel mit elektronischen Sounds arbeitet. Die Grenze zwischen Pop, Rap und Clubmusik ist sowieso immer kleiner geworden.
Gibt es bei Edits für dich eine Grenze zwischen spannendem Rework und zu offensichtlichem Crowd-Pleaser?
Ja, auf jeden Fall. Ich finde es langweilig, wenn der ganze Edit eigentlich nur daraus besteht, den bekanntesten Part eines Songs zu nehmen und einen vorhersehbaren Drop dahinterzusetzen. Natürlich soll ein Edit funktionieren und die Leute sollen den Moment erkennen, aber für mich muss trotzdem irgendeine eigene Idee dahinterstecken. Ich will, dass jemand die Vocals erkennt, aber danach denkt: „Okay, das habe ich so noch nicht gehört.“
SoundCloud ist für deine Musik extrem wichtig. Was kann die Plattform heute besser als Spotify oder andere Streamingdienste?
Für Edits ist SoundCloud einfach viel freier. Du kannst Sachen hochladen, die auf Spotify so gar nicht funktionieren würden, und die Leute suchen dort auch gezielt nach Remixes, Edits und Bootlegs. Außerdem habe ich das Gefühl, dass SoundCloud viel stärker von DJs und Leuten genutzt wird, die wirklich nach neuer Musik suchen. Spotify ist für mich eher die Plattform für meine offiziellen Releases, während SoundCloud viel mehr der Ort ist, an dem ich mit Ideen experimentieren und direkt sehen kann, wie die Leute darauf reagieren.
Deine eigenen Releases gibt es schon länger als den aktuellen Edit-Hype. Wie wichtig ist dir, dass das Publikum diesen Teil von XETEX genauso wahrnimmt?
Sehr wichtig. Die Edits sind natürlich gerade das, wodurch viele Leute überhaupt erst auf mich aufmerksam werden, und dafür bin ich auch extrem dankbar. Aber langfristig möchte ich nicht nur der Typ sein, der bekannte Vocals auf neue Beats packt. Meine eigenen Songs sind für mich eigentlich der wichtigste Teil von XETEX, weil ich dort komplett selbst bestimmen kann, wie ich klingen will. Wenn Leute durch einen Edit auf mich kommen und dann auch meine eigenen Releases hören, wäre das für mich eigentlich der perfekte Weg.
Was zeigt deine aktuelle Single „FEELURBODY“ über deinen Sound, das man aus den Edits vielleicht noch nicht kennt?
„FEELURBODY“ ist wahrscheinlich ein gutes Beispiel dafür, dass XETEX nicht nur aus Edits besteht. Der Song ist deutlich mehr meine eigene Welt und hat einen härteren, teilweise fast tranceartigen Vibe. Gleichzeitig sind Vocals immer noch ein wichtiger Bestandteil. Ich wollte bei dem Track vor allem dieses Gefühl erzeugen, wenn der Bass wirklich körperlich spürbar wird. Also weniger darüber nachdenken und einfach komplett in der Musik sein. Das ist auch etwas, was ich in meinen eigenen Releases in Zukunft noch stärker zeigen möchte.
UK Garage und Speed House sind auch in Deutschland deutlich präsenter geworden. Wie eigenständig ist die deutsche Szene inzwischen?
Ich glaube, Deutschland hat mittlerweile schon eine eigene Interpretation davon entwickelt. Natürlich kommen viele Einflüsse aus UK, Australien oder generell aus der internationalen Szene, aber gerade durch deutsche Vocals und die Verbindung mit Rap und Pop entsteht etwas Eigenes. Ein Track muss nicht mehr eindeutig House, Garage oder Trance sein. Gerade diese Mischung macht die aktuelle Szene für mich interessant.
Aus dem FAZEmag 175/09.26
Text: Triple P
www.instagram.com/xetex.music/