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38 Jahre hält die Partnerschaft zwischen Dieter Meier und Boris Blank nun schon. Das ist weit mehr als eine durchschnittliche Ehe, denn die bringt es nicht einmal auf 25 Jahre. Dass das so ist, liegt sicherlich auch daran, dass beide Projektmitglieder sich immer wieder nach anderen Kurzzeitpartnern umschauen und das eine oder andere Ding nebenher laufen haben. Monogamie funktioniert nun mal nicht zwingend auf Lebenszeit. Und es sind eben diese Side-Projekte, die ihnen immer wieder genug kreativen Input und ausreichend Freiheiten geben, um mit Yello weiterzumachen. Sieben Jahre nach „Touch Yello“ ist jetzt Album Nr. 13 erschienen und mit ihm die eigentliche Sensation: Drei für Ende Oktober im Berliner Kraftwerk angesetzte – und natürlich längst ausverkaufte – Konzerte. Es sind die ersten Live-Shows des Kult-Duos überhaupt. Der Wirbel darum lässt „Toy“ fast ein wenig in den Hintergrund rücken, sogar für Meier und Blank selbst. 20 Yello-Songs haben sie für die Shows neu aufbereitet, darunter die ganz großen Hits wie „Oh Yeah“, „The Race“ und „Viscious Games“, aber auch die Tracks des neuen Albums werden auf die Bühne transportiert – und die fügen sich in den Backkatalog der Herren hervorragend ein. Noch einmal zur Erinnerung: Dieter Meier ist 71 Jahre alt, Soundtüftler Boris Blank 64. Auf dem Cover des Albums tragen sie Hüte aus Küchengeräten und warten nach eigener Aussage auf intergalaktische Musiksignale. Der Titel „Toy“ ist also genauso gemeint: Musik als spielerisches Lebenselixier mit einer gewissen Portion Schweizer Gelassenheit. Meier dazu: „Unser Humor ist der von Kindern, die sämtliche Sachen genießen und es lieben rumzuspielen. Und deshalb haben wir das neue Album schlussendlich ,Toy’ genannt. Das ist unsere Art, Geschichten zu erzählen, und kein schwarzer Humor.“ Diese Herangehensweise scheint jung zu halten. Und der Fakt, dass die zwei von Haus aus über den Tellerrand hinausblicken, sich Blank auch im Studio weiterentwickelt, neue Techniken kennen- und lieben lernt, man sich dennoch aber soundtechnisch absolut treu bleibt. „Toy“ knüpft musikalisch an Vorangegangenes an, ohne Aktuelles dabei völlig zu vernachlässigen. Dadaistische Sample-Collagen tragen Boris Blanks Produzentenhandschrift und in Kombination mit Meiers Gesangs- bzw. Sprechgesangsparts sowie einigen weiblichen Gästen ergeben sie das Yello-Bild, das sie in den 80ern zu Pionieren der elektronischen Musik gemacht hat. „Toy“ steht wieder für diesen ganz eigenen Yello-Sound, der sich fernab aktueller Trends bewegt und deswegen so eigenständig ist. Nach dem recht verhaltenen „Touch Yello“ geht es jetzt immer mal wieder in Richtung Synthie-Sound, doch schon die erste Single „Limbo“ zeigt, dass das nicht alles ist. Das Stück handelt von einem Mann, der vor lauter Liebe den Boden unter den Füßen verliert. Das soll der Refrain „I – I’m in limbo. I’m in limbo“ zum Ausdruck bringen. Lateinamerikanische Rhythmen gibt es ebenso wie arabische Klangspielereien, zigarrenloungige Downtemponummern, jazzige Arrangements … Nichts davon ist als Ohrwurm angelegt, stattdessen wird in guter alter Yello-Tradition experimentiert. Klangräume nennt es Blank selbst und das beschreibt es sehr gut: Vielschichtige Sounds, die Stimmungen erzeugen, sich nicht für den Dancefloor, sondern eher für die gedankliche Reise auf dem heimischen Sofa eignen. „Toy“ ist wohl kein Album, mit dem Yello auf ihre „alten Tage“ noch junge Fans hinzugewinnen werden, aber das ist auch gar nicht ihre Absicht. Echte Yello-Fans werden dieses Album stolz zu den übrigen zwölf in ihr CD-Regal stellen und sich wie kleine Kinder aufs Konzert in Berlin freuen. 8/10 NicolA


Tracklist:
01. Limbo
02. 30’000 Days
03. Cold Flame
04. Kiss The Cloud
05. Pacific AM
06. Starlight Scene
07. Give You The World
08. Tool Of Love
09. Dialectical Kid
10. Dark Side
11. Blue Biscuit
12. Magma
13. Frautonium

Das komplette Interview aus dem Septemberheft:
YELLO – „Solang wir noch jung sind …“