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Vor zehn Jahren starteten Daniel Ströter und Martin Müller ihr Label Rotary Cocktail. Grund genug, ein vorläufiges Resümee zu ziehen und auf diese Dekade zurückzublicken. Die beiden, die vor allem durch ihr gemeinsames Projekt youANDme bekannt sind, haben sich für eine Compilation mit Tracks aus dem Backkatalog entschieden. Die Geschichte beginnt in Göttingen…

Was tun, wenn der Zivildienst beendet ist und man eine Auslöse von jeweils 750 EUR bekommt? Man presst eine Platte. Das haben jedenfalls Daniel und Martin vor zehn Jahren nach Beendigung ihres Wehrersatzdienstes getan, den sie beide in der Universitätsstadt abgeleistet haben. Die beiden kennen sich schon seit ihrer Jugend, haben damals schon an Beats geschraubt, aber in Göttingen wurde es konkreter, da sie dort auch zusammenwohnten und ihr Wohnzimmer in ein gemeinsames Studio umwandelten. Es endete schließlich mit der Katalognummer RCC 001 von Rotary Cocktail Recordings und dem Aufbruch aus Südniedersachsen nach Berlin. „In unserem jugendlichen Leichtsinn haben wir die Kohle zusammengeschmissen und ohne jeden Plan die erste Schallplatte gepresst. Da wir wahrscheinlich mehr Glück als Verstand hatten und WordAndSound uns im Sommerloch auch noch alle Platten als Vertrieb abgenommen hat, sind wir heute nach zehn Jahren und über 50 Releases immer noch da.“ Der Name des Labels entstand „in einer Cocktaillaune“. In Göttingen gab es kaum Clubs, Daniel und Martin legten vornehmlich in Bars auf, wo man musikalisch breit gefächert spielen konnte. Diese stilistische Offenheit haben sie auch für ihr Imprint übernommen: „Im Katalog kann man auch gut hören, dass wir gerne mal einen Bruch zu der Platte davor haben, was vielleicht einige abschreckt, aber das macht es für uns auf jeden Fall spannender.“ Anfangs haben beide noch solo produziert, auf der ersten EP von Rotary war jeweils ein Track von Daniel (El Locco) und Martin (Two_EM) sowie von Surphase (Marko Fürstenberg) und R-TEM. „Marko ist ein alter Freund aus unserer Heimat. Artem hab ich bei meinem ersten Gig in Russland getroffen, und der Kontakt besteht bis heute.“ Auch in Berlin formten die beiden eine gemeinsame WG mit angeschlossenem Studio, und es war nur noch eine Frage der Zeit, dass sie auch zusammen produzieren und auflegen würden. Es entstand das Projekt youANDme.

Wenn es um das Label geht, so haben sie gewisse Grundsätze, die ihre Veröffentlichungspolitik steuern. Die Künstler, die auf Rotary veröffentlichen, kennen sie persönlich, meist sind sie mit ihnen befreundet. Es muss natürlich beiden gefallen. Obwohl Daniel und Martin über ein Vetorecht verfügen, wenn etwas dem anderen gar nicht passt, mussten sie es noch nie anwenden, da liegen sie meistens auf einer Wellenlänge. Und auch die grafische Gestaltung folgt einem festen Corporate Design, das sich im Laufe der Jahre entwickelt hat. „In diesem Rahmen gibt es bei jedem Release einen anderen Künstler, der die grafische Gestaltung des Covers übernimmt. Dadurch ist es nie langweilig, und man wird auch immer wieder überrascht.“ Veröffentlicht wird digital und auf Vinyl, beide Formate haben für youANDme Vor- und Nachteile. „Bei einem digitalen Release hat man beispielsweise den Vorzug, dass man viel schneller reagieren kann. Und es ist auch Mal möglich, verrücktes Zeug ohne großes Risiko zu releasen.“ Aber am Vinyl hängt eben das Herz. „Wir finden die Entwicklung natürlich auch schade, da wir mit Vinyl aufgewachsen sind und Platten auch immer noch oft kaufen, spielen und sammeln.“ Aber dennoch gibt es am Horizont einen Silberstreif, beobachten Daniel und Martin doch in Berlin, „dass es besonders unter jungen DJs auf einmal wieder viel cooler ist, Vinyl zu spielen und das tolle Plattenläden aufmachen, wie z.B. das Record Loft.“

Die Jubiläumscompilation umfasst 32 Tracks, ungemixt. Es sollen alle Stücke ungekürzt für sich stehen. Die Auswahl war nicht einfach – eine Mischung aus persönlichen Favoriten und dem Aufzeigen der Labelentwicklung. „Während der Zusammenstellung kamen zu jeder Nummer nochmal viele Erinnerungen hoch. Deep’a & Biri, die beide aus Tel Aviv kommen, transportieren zum Beispiel mit ihren Track ‚Bright‘ ein unglaubliches Gefühl zwischen Verzweiflung und Hoffnung – und das beschreibt ganz gut die aktuelle politische Situation dort. Wir haben schon ein paar Mal in Israel gespielt, und der Track lief beim letzten Mal oft im Auto, als wir über das Land gefahren sind. Es gibt da eine neue Generation, die einfach nur mit ihren Nachbarn in Frieden leben möchte. Die Musik gibt ihnen die Kraft, Grenzen zu überwinden. Sie haben zum Beispiel im Frühjahr zusammen mit Aril Brikha, der iranische Wurzeln hat, die Platte ‚Hope‘ auf ihren eigenem Label aufgenommen, um ein politisches Statement zu setzen. So könnte man zu vielen anderen Songs noch weitere Geschichten erzählen, was aber hier den Rahmen sprengen würde. Es ist auf jeden Fall auch für uns ein schöner persönlicher Rückblick der letzten zehn Jahre.“

Soweit der Blick zurück. In der nahen Zukunft erwartet uns ein weiterer Teil der „Patterns“-Serie von The Analog Roland Orchestra sowie EPs von Echonomist und Deep’a & Biri zusammen mit Kenny Larkin. Und darüber hinaus: „Es wäre schön, wenn wir in zehn Jahren immer noch Vinyl machen könnten und wir weiterhin so viel spannende Musik entdecken, die das Ganze für uns selbst interessant hält. Ansonsten darf gerne alles so bleiben wie es ist.“

www.rotary-cocktail.de

 

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