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Zehn musikalische Wegweiser – Marc Acardipane/The Mover


Marc Trauner aka Marc Acardipane aka The Mover ist der Mann der 1000 Pseudonyme. Als Mescalinum United hat er 1990 mit „We Have Arrived“ einen Techno-Klassiker erschaffen, mit dem er zu den Begründern des Hardcore-Techno gehört und den man heutzutage immer noch spielen kann, sei es im Hard-Techno- oder im Hardcore-Set. Für diesen Track hat 1992 Aphex Twin einen Remix abgeliefert – die beiden haben damals des Öfteren auch zusammen aufgelegt und sind bis heute freundschaftlich verbunden. Marc hat die Frankfurter Schule in vollen Zügen miterlebt und -gestaltet, seine für ihn wichtigsten Platten stellt er nun hier vor.

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Second Phase – Mentasm (R&S, 1991)
Als ich den Song das erste Mal gehört habe, dachte ich: „Den muss ein Alien gemacht haben.“ Der „Mentasm Sound” (Roland MKS50/Juno Alpha 1), heute auch als „Dominator Sound“ bekannt. Anders als heute gab es damals Sounds, die man das erste Mal in seinem Leben zu hören bekam! Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, wie Joey Beltram, der zusammen mit Edmundo Perez hinter diesem Projekt stand, diesen Sound gemacht hat – bis ich auch einen MKS50 gekauft habe. Ich kann mich noch gut erinnern, wie schwierig es anfangs war, diese Platte zu verkaufen. Ich habe damals bei AMV – dem ersten Techno-Vinyl-Vertrieb Deutschlands von Alex Azary – mitgeholfen und bin an jedem Donnerstagmorgen die Läden abgefahren, damit die AMV-Platten richtig positioniert wurden. „Mentasm” fand so gut wie kein Shop-Inhaber gut. Ich glaube, das erste Jahr haben wir nur 280 Copys verkauft. Heute zählt dieser Song zu den absoluten Techno-Klassikern!

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Suburban Knight – The Art Of Stalking (Transmat, 1990) 
Die Platte aller Platten. Für mich der beste elektronische Song, der jemals veröffentlicht wurde. Als Alex Azary mir damals die Platte in die Hand gedrückt hat, habe ich sie die ganze Nacht, acht Stunden lang, auf Repeat gehört. Völlig unmenschlich. Alien-Techno. Mein Alias „Alien Christ” basiert einzig und allein auf diesem Track. Voll darauf hängen geblieben damals (lacht).

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Mescalinum United – We Have Arrived (PCP, 1990)
Dieser Song hat mein Leben verändert, bis heute. „We Have Arrived” altert irgendwie nie und wird immer noch gerne gespielt. Er hat den harten Techno-Sound geprägt, könnte aber auch 2017 produziert worden sein. Es war meine erste Platte, die auf R&S veröffentlicht wurde und auf Industrial Strength in Amerika. Der Song ging durch die Decke und wird heute als der erste Hardcore-Techno-Track der Geschichte betitelt. Ich habe ihn gerade neu mastern lassen und er klingt so gut wie noch nie.

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Moby – Thousand (Instinct Records, 1993)
Ich habe diese Platte das erste Mal bei Dag im Dorian Gray gehört. Ein Tornado flog durch das Gray. Das war wieder mal was ganz Neues. Ich dachte nur: „Scheiße, warum bin ich nicht auf diese Idee gekommen?“ Super Track, zeitlos, kompatibel mit jedem Style. Kann man heute immer noch auflegen.

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The Mover – Nightflight (Nonstop To Kaos) (PCP, 1991)

Noch ein Song von mir. Hätte ich „Nightflight (Nonstop To Kaos)” damals nicht veröffentlicht, wäre mein Leben wahrscheinlich ein wenig anders verlaufen. Wurde von allen großen DJs gespielt und genau wie „We Have Arrived” klingt er immer noch fresh. Wir erleben ja gerade eine Renaissance im Techno und da darf „Nightflight (Nonstop To Kaos)” natürlich nicht fehlen. Habe ich auch gerade neu mastern lassen.

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Blake Baxter – When A Thought Becomes U (UR, 1991)

Ganz großes Feeling. Dieser Track verkörpert so viele Emotionen. Blake Baxter, einer der Top-Producer aus Detroit für mich. Es gibt nicht viele Techno-Songs mit Vocals, die mir gefallen, aber Blake hat es geschafft, diese Kombination richtig umzusetzen. Ich fühle in diesem Track so viel Schmerz und Leidenschaft. Die Sounds klingen so schön kaputt. Ich habe letzte Woche bei Facebook gesehen, dass Blake sein 4-Spur-Tape wiedergefunden hat. Er spielt in dem Video die Original-Aufnahme von „When A Thought Becomes U” ab. Richtig geil! Mit so einem Tape-Recorder habe ich damals auch angefangen.

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F.U.S.E. – Substance Abuse (Plus 8, 1991)

Eines der großen Anthems aus dem Omen Frankfurt. Pures XTC. Wenn ich den Song heutzutage spiele, fühle ich mich, als wäre ich wieder im Omen im Jahr 1991. Der Schweiß und das Kondenswasser laufen die Wände runter, Sven mit Sauerstoff-Maske hinter den Turntables. Es war eine geile Zeit!

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Aphex Twin – Dodecahedron (R&S, 1992)

Für mich ist das Richards bester Song ever. Auch dieser Song fühlt sich an, als ob er von einem anderen Planeten kommt. Industrial-Machine-Rhythms und Emotion-Strings. Ich habe den neulich als Closing-Track in Belgien gespielt und die meist doch jüngeren Leute waren wie erstarrt und hypnotisiert. Ich hatte das Gefühl, dass viele den vorher noch nie gehört hatten. Fester Bestandteil meines Sets.

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Model 500 – Time, Space, Transmat (Metroplex, 1985)

Dieser Song ist 1985 veröffentlicht worden. Unglaublich, oder? Einer der Electro-Tracks überhaupt – bis heute. Viel futuristischer und funkiger als Kraftwerk, obwohl die Detroit- und Miami-Jungs natürlich sehr von Kraftwerk beeinflusst wurden. Für mich haben sie das Ganze aber auf ein ganz neues Level gehoben. Textlich war Kraftwerk ja nie auf dem Future-Trip. Auch „No UFOs” (Model 500, 1985) lief bei uns bis zum Abwinken. Detroit- und Chicago-Techno hat mich damals schwer beeinflusst.

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LFO – LFO (Leeds Warehouse Mix) (Warp, 1990)

Diese Bassline, der Sub, die Bleep-Sounds – so was war vorher noch nicht da gewesen. Die Techno-Bewegung stand zu der Zeit ja noch an der Start-Position. Der Track wurde aber trotzdem in allen Clubs und im TV gespielt. „LFO” hat den Weg für den Techno geebnet. Diese kalte, einsame, verlassene Atmosphäre, mächtig!

Ende Mai ist die Compilation „Selected Classics (Remastered 2017)“ unter seinem Pseudonym The Mover digital und auf Vinyl erschienen.

Aus dem FAZEmag 065/07.2017
www.facebook.com/themover2017