
Was man eigentlich während der Sommersaison von Festivals kennt, gilt dieses Wochenende für Technoparaden: Gleich vier größere Paraden in Reichweite finden am Samstag statt. Nicht nur beim Zug der Liebe in Berlin zieht man zu elektronischer Musik mit Trucks durch die Straßen. Auch drei weitere Techno-Demos stehen am selben Termin zur Auswahl.
Rave The Planet ist doch schon vorbei? Mit den Technoparaden bzw -demos geht es trotzdem weiter – und zwar direkt vierfach. Drei Mal Deutschland, ein Mal Polen. Der Name Demo wird auch allen Veranstaltungen gerecht, wobei jede den Fokus etwas anders liegt. Im Grunde geht es um Werte der Freiheit, Liebe, Toleranz und – selbstverständlich um Belange der elektronischen Musikkultur, wie kulturelle Freiräume, Gleichberechtigung der elektronischen Musik gegenüber anderer Kultur, Erhaltung von Clubs etc. Hinzu kommen Themen wie Nächstenliebe, ehrenamtliches Engagement, Mietendeckel und ein Entgegenwirken der Gentrifizierung, was insgesamt zeigt: Techno und elektronische Musik können durchaus politisch sein.
Zug der Liebe (Berlin)

Los geht es in der Hauptstadt der Technoparaden, Berlin. Und auch wenn der Titel wie eine mögliche deutsche Übersetzung der Loveparade klingt, hat der Zug der Liebe eine anders fokussierte Ausrichtung. Hier geht es vor allen Dingen um die Nächstenliebe, die sich durch ehrenamtliches Engagement ausdrücken kann. Deswegen wird jeder der LKW gemeinsam von einem gemeinnützigen Verein und einer Institution der elektronischen Musik gestellt. Die Demo soll die Demokratiebildung stärken und für soziale Gerechtigkeit sorgen. Man positioniert sich gegen Antisemitismus. 15 kleine LKW ziehen kreuz und quer mit geänderter Routenführung durch Berlin-Mitte. Mit dabei sind unter anderem DEX!T, Der Weisse Hase, SLUST e. V. oder auch Volume Berlin Records.
Hier ein Eindruck vom Zug der Liebe aus dem Jahr 2019:
Als letztes Update teilten die Veranstalter unter anderem, dass Nationalflaggen auf der Demo verboten sind, so, wie es auch schon bei der Rave The Planet Parade der Fall gewesen ist. Mehrere Tausend Teilnehmer werden erwartet. Die Afterparty findet im Ritter Butzke statt. Weitere Informationen gibt es hier.
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Tolerade (Dresden)

Gar nicht mal so weit von Berlin entfernt, bewegt sich auch die Tolerade am Samstag durch eine deutsche Großstadt. Genauer gesagt, durch die sächsische Landeshauptstadt Dresden. Der Termin wurde nicht zufällig gewählt. In Sachsen stehen am Sonntag die Landtagswahl an – angesichts des Rechtsrucks im Osten, der laut den Veranstaltern der Tolerade eine Bedrohung für Sozial- und Kulturförderungen sei, eine wichtige Demo. Passt auch irgendwie, wenn man bedenkt, dass die Demo als Gegenantwort auf die Pegida-Bewegung entstanden ist. Gemeinsam wollen 70 verschiedene Gruppen von Dresdner Kulturschaffenden der elektronischen Musik Fremdenfeindlichkeit etwas entgegensetzen und sich für Toleranz einsetzen, wie bereits der Name der Demo verrät. Die Trucks werden in verschiedene Themenblöcke eingeteilt: Gleichberechtigung, Menschenrechte, Kultur, Freiräume, Gesundheit, Klimaschutz, Tierrechte und Antifaschismus. Zehntausend bis mehrere Zehntausend Teilnehmer werden erwartet. Dieses Jahr hat sich auch die Leipziger Techno-Demo Global Space Odyssey angeschlossen, die sonst ihre eigene Tanzdemo veranstalten.
Zuletzt baten die Veranstalter darum, Cis-Männer sollten sich, falls sie oberkörperfrei heraumlaufen wollen, aus Solidarität vor dem feministischen Block und für die Entsexualisierung der weiblichen Brust, ihre Brustnippel abkleben. Hier der entsprechende Post dazu:
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Eine offizielle Afterparty des Veranstalters gibt es nicht, das Sektor Evolution veranstaltet jedoch eine eigene. Weitere Infos zur Tolerade 2024 gibt es hier.
Ausführliche Eindrücke eines privaten YouTube-Nutzers aus dem letzten Jahr:
Demorave (Hamburg)

Selbes Datum, andere Stadt. Der Demorave Hamburg fokussiert sich vor allen Dingen auf die Belange der Akteure elektronischer Musik in der Hansestadt. Dabei geht es unter anderem um Preissteigerungen und die Gentrifizierung in der Stadt. Kulturveranstaltungen und – institutionen würden immer teuer, nicht-kommerzielle Räume hätten es immer schwieriger. Die Mieten der Clubs stiegen, die Mindestumsätze würden erhöht, außerdem fielen steigende Artist- und Awareness-Gagen an. Lokale Kultur habe sei bedroht. Man setzt sich für nichtkommerzielle Openair-Freiflächen ein. 28 Kollektive haben sich für 13 Musikwagen unter dem Motto „Reclaim Hamburg“ zusammengeschlossen, um am Samstag in der Tradition der in den 90er-Jahren entstandenen Reclaim-The-Streets-Bewegung Hamburg zu beschallen. Mit dabei sind unter anderem Groove Kitchen, Transcendænce oder auch Technogami. Aftershows gibt es unter anderem im Uebel und Gefährlich sowie im Bunker. Weitere Infos erhaltet ihr hier.
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Parada Wolności (Łódź, Polen)

Last but not least: Auch in der viertgrößten Stadt Polens, Łódź, macht sich das Erbe der Loveparade bemerkbar. Bei der Parade handelt es sich um die Neuauflage der polnischen Technoparade, die bereits 1997 bis 2002 stattgefunden hat und seitdem politisch nicht mehr erwünscht gewesen ist. 2022 fand die Parade, im selben Jahr wie die Rave The Planet Parade, ihr Comeback. Unter anderem vor Ort: Dr. Motte. Auch wenn sich die Parade etwas kommerzieller als ihre deutschen Pendants dieses Wochenende gestaltet, hat sie durchaus einen politischen Charakter. Parada Wolności heißt auf Deutsch übersetzt so viel wie “Freiheitsparade”, weswegen die Parade international auch als Freedom Parade betitelt wird. Ein wichtiges Thema, da die konservative Regierung die Freiheit vieler Menschengruppen dort immer mehr einschränkt. Passend zum Namen endet die Parade am Plac Wolności, dem Freiheitsplatz in Łódź. Dort wird es unter anderem von 17 bis 22 Uhr ein Bühnenprogramm, gestaltet von Verknipt geben. Außerdem ziehen acht Trucks verschiedener Kollektive und Clubs durch die Stadt, etwa der Klub Willa, Sonic nation oder auch Electrum Up To Date Festival.
Der Aftermovie vom letzten Jahr:
Und hier die Timetables der Trucks und der Bühnen:
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