Keine Frage, Helmut Geier aka DJ Hell gehört zu den wohl wichtigsten Vertretern elektronischer Musik, die Deutschland zu bieten hat. Seit jeher hat er ein ganz besonderes Standing in der hiesigen aber auch der internationalen Szene. Er wirkt nicht nur in Verbindung mit seinem Label Gigolo Records stets wie der Gentleman des Nightlifes. Immer scheint es ein wenig so, als sei er durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Doch gibt es durchaus Dinge, die auch einen Hell nicht kalt lassen, und über diese, sowie sein Pläne für 2012 und seinen Lieblingsverein FC Bayern München haben wir mit ihm anlässlich der Erstellung der ersten FAZE-Download-Mixcompilation gesprochen.

2011 sind die “Teufelswerk House Remixes” erschienen. Was hat dich zu dieser Idee veranlasst – zwei Jahre nach der Veröffentlichung des ursprünglichen Albums?

Hell: Als DJ spiele ich ja bereits seit 1985 House Music, als Produzent bearbeite ich dieses Feld nun seit 1992 mit meiner ersten Single auf R&S Records, “My Definiton Of House”, und mit dem House-Remixen findet das Thema nun seine Neubearbeitung. Es ist seit Jahren kein großes Geheimnis mehr, dass in diesem Bereich die höchste Innovationsdichte liegt, und meine aktuellen Sets bestehen zu 80 Prozent aus alter und neuer House Music. Auf dem Album sind die mir zur Zeit am wichtigsten erscheinenden Protagonisten vereint, und es wird  auch noch ein zweites und drittes Teufelswerk-House-Remix-Album geben in diesem Jahr.

Du bist inzwischen seit weit mehr als 20 Jahren dabei und hast zahlreiche Strömungen und Entwicklungen auf dem Musikmarkt miterlebt. Was waren für dich die Einschneidensten der letzten Jahre?

Als Erfinder und Namensgeber des sogenannten Electroclash darf ich das Thema wohl ruhig nochmal nach vorne stellen. Viele der Gigolo-Künstler der ersten Jahre sind ja bekanntlich “Electronic Music Superstars“ geworden. Leider hast du hier einfach mal zwölf Jahre meines Auflegens, also hinter den wheels of steel  – unterschlagen. Angefangen hat alles bei mir mit Punk, New Wave und der Neuen Deutschen Welle 1980 als DJ. Entscheidend für mich und Gigolo waren die Rückbesinnung und Neu- oder Weiterentwicklung des Sound of Detroit und natürlich der modernen Form aller Arten von House und Techno Music. Im Moment sind überraschenderweise wieder deutliche  inhaltliche Anzeichen in Richtung früher Gigolo-Releases zu vernehmen. Ein paar Beispiele wären Johnny Dangerous oder Dopplereffekt, Mount Sims oder Vitalic, Scottt Ferguson oder Bobby Konders. Aber auch Numbers of Names oder die ersten Puff Daddy-Releases auf Gigolo Records sind soundtechnisch wieder hochaktuell.

Wenn du auf das Jahr 2011 zurückblickst … hast du es in positiver Erinnerung? Und was sind die Dinge, Geschehnisse oder auch Künstler, Releases, die dir aus diesem Jahr in Erinnerung bleiben werden?

Der Höhepunkt war sicher meine Aftershow-Party zum Kraftwerk-Konzert in München nach der Eröffnung ihrer 3D-Videoinstallation im Lehnbachhaus. Es gab außerdem eine Flut hochkarätiger Releases, und da ich ja noch Platten, also Vinyl, kaufe, bin ich schon jede Woche intensiv damit beschäftigt, hier auf dem neuesten Stand zu bleiben. Seth Troxler oder Jamie Jones sind in den DJ-Olymp aufgenommen worden, und Labels wie Crosstown Rebel, Innervision, Hot Creation, Get Physical oder Pampa hatten schon ein großes Hitpotential in allen Clubs weltweit. Lana del Ray hat mit “Video Games” das Jahr wohl gebührend abgeschlossen. Und was auffällt ist, dass viele DJs versuchen, sich jetzt auch visuell mitzuteilen und immer mehr Wert auf ein visuelles Gesamtkunstwerk in Form von LED-Wänden oder eigens produzierte Videos legen. So mutiert das alles live immer mehr zu einem Gesamtereignis. Wir waren ja immer dafür, dass das Auflegen mit dem Laptop eine gesonderte Variante  im DJ-Zirkus sein sollte, also auch eine andere Bezeichnung dafür verwendet werden müsste.

Du hast schon in München, in Berlin und in New York gelebt. Welche Metropole gibt dir persönlich am meisten?

Berlin und München waren immer schon mein Lebenselexier. Beide Städte sind zu meiner Heimat geworden. Berlin bespiele ich als DJ seit 1991, das heißt mehr als 20 Jahre Nachtleben Berlin wurden musikalisch untermalt und weiter entwickelt. Die Anfänge waren im Tresor, im Planet und weiter im E-Werk und dem legendären WMF mit den Gigolo Nights zur Loveparade – bis hin zum Picknick Club oder aktuell dem Weekend. New York hat seine magische Anziehungskraft über die Jahre nie verloren. Ich durfte ja in den 90er-Jahren im legendären Limelight, einer umgebauten Kirche, als Resident DJ auflegen. Tunnel oder Palladium gab es in der Zeit ja auch noch. Oder das Save The Robot und das legendäre GBGBs. In all diesen Clubs war ich noch als DJ gebucht, habe dort meine Erfahrungen gesammelt und mich weiter entwickelt. Als Nummer drei und vier in der Liste der spektakulärsten Städte darf man Rio und Tokio nicht vergessen. Die magische Anziehungskraft ist auch hier ungebrochen.

Du bist einer der wenigen Künstler, die elektronische Musik in all ihren Genres ausleben, ohne sich dabei zu verkaufen oder sich den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, zu wechselhaft zu sein. Wie wichtig ist dir die diese Freiheit? Und wie forcierst du sie?

Es ging nie um große Verkaufszahlen oder ähnliches. Im Vordergrund stand immer eine Weiterentwicklung der Tanzmusik – oder der deutsche Forschergedanke. Das war schon in den 60er/70er-Jahren bei den deutschen  Electronic Music-Pionieren nicht anders. Hierzulande ging es immer mehr um das Experimentieren. Elektronische Musik-Avantgarde hat hier Tradition. Eine Wiederholung bestehender Formeln des aktuellen Musikgeschehens war immer verboten bzw. unerwünscht.

Es war mal wieder Fashionweek. Welche Shows hast du dir angesehen? Was hat dir warum besonders gefallen? Worauf lohnt es sich, sein Augenmerk zu legen?

Die letzten drei Jahre habe ich für Michalskys Stylenight die Musik und die Aftershow-Partys produziert. Jetzt bin ich bei Patrick Mohr gelandet, den ich persönlich sehr schätze und dessen Shirts von mir den ganzen Sommer über beim Auflegen in den Clubs getragen wurden. Ich war zum ersten Mal auf der Premium Messe und werde da auf jeden Fall im Sommer wieder dabei sein. Die Seek ist eine Messe für neue, frische, ungewöhnliche noch nicht etablierte Desinger, die man auf alle Fälle nicht verpassen darf. Die Aftershow-Party im Cookies von Patrick Mohr war wohl mein persönliches Highlight zur Fashionweek, da Rick Genest und Natalia Avelon meinem Ruf gefolgt sind und sich als DJs an die Plattenspieler … sorry … Laptops wagten.

Was macht für dich als Musiker ein Event wie die Fashionweek aus? Werden dort auch Kontakte für spätere Kollaborationen im Rahmen der Untermalung von Shows etc. geknüpft?

Kontakte werden sicherlich auf solchen Veranstaltungen gemacht. Ich werde zum Beispiel  mit einem österreichischen Brillendesinger eine Brillenkollketion entwerfen. Es gibt sogar Konzepte aus dem Hause Gigolo, die deutschen Desinger, die sich bisher nicht in Berlin gezeigt haben, zu motivieren und das Ganze mit der Clubkultur und der Kunst- und Theaterstadt Berlin zu verknüpfen.

Immer mehr DJs machen sich ja auch als Designer eigener Kollektionen verdingt. Ellen Allien ist nur eine von ihnen, und auch Gigolo war schon früh dabei. Was gibt es aktuell von dir bzw. bei Gigolo auf dem Fashionsektor?

Kollektionen von T-Shirts machen wir seit 15 Jahren im Hause Gigolo. Es gab sogar zum 100. Release eine Slip-Kooperation zwischen Agent  Provocateur und Gigolo. Später gab es Herrenunterwäsche von Hell&Wendy&Jim. Aktuell haben wir T-Shirts von Patrick Mohr & Hell. Eine Sneakers Collection soll im Sommer kommen – limitiert, da jedes Paar einzeln bemalt und besprüht wird. Im Grunde hat jeder DJ auf Ibiza seine eigene T-Shirt- und Baseballkappen- oder Badehandtuchkollektion, so dass auch dieses Thema ein wenig inflationär und überflüssig erscheint.

Du bist längst nicht mehr nur Thema in Musikzeitschriften, sondern immer wieder auch in Lifestyle- und Modemagazinen. Wo fühlst du dich am besten aufgehoben?

Mitten im Leben. Kunst, Mode und Musik sind nach wie vor die Säulen, auf die sich alles in meiner Welt stützt. Das eine befruchtet das andere und gibt Antworten auf wichtige Fragen.

Fußball ist für dich auch ein wichtiges Thema in deinem Leben. Nun geht Marco Reus zurück zum BVB statt zu den Bayern … Ist diese Entscheidung etwas, dass dich als eingefleischter FC Bayern-Fan tangiert hat?

Wir haben das registriert, aber der FC Bayern ist gut augestellt auf allen Positionen. Was wir brauchen, ist Verstärkung im defensiven Bereich. Marco Reus ist ein Dortmunder Junge, und ich habe vollstes Verständnis für seine Wahl. Zu den Bayern kann er immer noch kommen – nach der WM 2014 in Brasilien.

Wer wird deiner ehrlichen Einschätzung nach Deutscher Meister 2012? Hat der BVB noch mal eine reelle Chance oder haben die Bayern so zur alten Form zurückgefunden, dass es an denen kein Vorbeikommen gibt?

Schalke darf man nicht vergessen, oder Gladbach könnte oben bei den Top 3 mitmischen.

Klopp ist ein herausragender Motivator, und seine Umgansformen sprechen alle jungen Spieler an. Er hat immer Lösungen zu allen Themen, und ich denke, der BVB kann es wieder schaffen. Wir wollen ins Champions League- Endspiel in München am 19. Mai. Das hat Priorität und wäre das absolute Highlight für den FC Bayern München 2012.

Du erstellst den ersten Mix für die erste Ausgabe von Faze. Mit welchem Anpruch gehst du an die Produktion heran, was kann der Leser erwarten?

Mein Anspruch ist immer, die beste Compilation aus dieser Serie zu erstellen. Im Großen und Ganzen wird es eine Mischung aus alten Klassikern, unreleastem Hell-Material und neuer House Music.

Was können wir 2012 sonst noch von dir erwarten? Arbeitest du vielleicht schon an einem neuen Artistalbum?

Die Arbeit am neuen Album ist fast abgeschlossen, und es wird noch diese Jahr als free Download zur Verfügung stehen. Eine große Tour durch Europa mit neuer visueller Umsetzung soll das Thema begleiten. “CD 13”-Compilation von Gigolo ist fertig und wird jetzt releast. Nadja Michael ist ein neues Projekt, an dem ich gerade arbeite. Nadja ist sehr erfolgreich in der klassischen Musik und tritt in allen renommierten Opernhäusern dieser Welt auf. Danach wird es eine Kooperation mit Natalia Avelon geben.

Wie sehen deine Pläne hinsichtlich des DJings aus? Bist du derzeit und zukünftig mehr im Ausland unterwegs oder steht auch Deutschland im großen Rahmen auf deinem Tourplan?

Deutschland ist nach wie vor der Motor elektronischer Musik weltweit. Hier werde ich über das Jahr verteilt über 50 Shows spielen. Nächste Woche geht es nach Brasilien und für einen kleinen Abstecher nach San Fransisco und zu meiner großen Liebe New York City.

www.gigolorecords.com