Die aus Medianeira, Brasilien, stammende DJ und Produzentin gilt nicht erst seit gestern als eine feste und wichtige Instanz in der Techno-Welt. Mit ihren gefeierten DJ-Sets um den gesamten Globus – unfassbare Skills in Sachen Mixing inklusive – machte die 1982 geborene Südamerikanerin, die nun in Barcelona lebt, nicht nur in den Niederlanden und Spanien mit Shows beim Awakenings oder dem Monegros Desert Festival auf sich aufmerksam, sondern auch in deutschen Gefilden. Ein Interview.

Fernanda Martins

Fernanda, erzähl uns mehr über deine ersten Schritte in der Welt der Musik.

Bereits als kleines Kind war ich in sehr engem Kontakt mit Musik – sie war so speziell für mich, dass mein gesamter Alltag davon dominiert war. Ich komme aus einer kleinen Stadt im Südwesten Brasiliens und als ich gerade dabei war, zu einem Teenie heranzuwachsen, Anfang der 90er-Jahre, kannte man sich untereinander in Medianeira. Fast wie in einem Dorf. Ich erinnere mich daran, sehr, sehr viele Nachmittage in einem Plattenladen von Bekannten meiner Familie verbracht und dabei nach neuer Musik gesucht zu haben. Ich hörte mir die neuesten und auch alte Vinyls an und machte mir Notizen zu meinen Lieblingsstücken, die der Besitzer des Ladens später für mich zu einem sehr fairen Preis auf K7-Kassetten überspielte. Ich war es auch gewohnt, Stunden in meinem Zimmer zu verbringen und Musik zu hören, oder auch vor dem Fernseher, während ich darauf wartete, dass die Musiksender meine Lieblings-Videoclips spielten. Einige Jahre später, als ich meinen ersten Computer mit Internetzugang bekam, suchte ich dort nach Musik. Irgendwie fand ich dann dort elektronische Musik – und so kam ich das erste Mal mit ihr in Kontakt. Ich war sofort fasziniert und erstaunt, obwohl ich einige Jahre gebraucht habe, um die verschiedenen Subgenres zu entdecken und zu unterscheiden. Die Zeit verging und ich verstand: Techno war mein Ding. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass ich keine anderen Stile aus dem Bereich der elektronischen Musik mag oder höre.

Wie bist du dann zum Auflegen gekommen?

Um 2000 herum zog ich von meiner Heimatstadt nach Curitiba, in eine viel größere Stadt, in der Techno bereits eine richtige Szene hatte. Das brachte mich mit vielen Leuten von dort zusammen. Einer von ihnen, DJ Bad, mit bürgerlichem Namen Josué Rozeira, wurde ein sehr enger Freund. Und er hat mir auch die ersten grundlegenden Dinge des Mischens beigebracht. Als ich mit dem Auflegen anfing, hatte ich nicht die Absicht, professioneller DJ zu werden. Es war für mich, zum Spaß. Wir nahmen DJ-Equipment zum Grillen mit Freunden mit und hatten stundenlang Spaß, genauso wie damals mit Videospielen. Irgendwann bekam ich Einladungen, bei Veranstaltungen eines Freundes zu spielen, und das Ding begann sich weiterzuentwickeln. Das Spielen in Clubs und auf Partys war das Ergebnis eines natürlichen Prozesses und ergab sich recht schnell.

Welche Künstler haben dich dabei am meisten inspiriert?

Es gibt so viele Künstler aus verschiedenen Musikstilen, die mich in all den Jahren inspiriert haben. Von Bands und Künstlern wie a-ha, Michael Jackson, Prince, David Bowie, Madonna, Pet Shop Boys, Duran Duran etc. bis hin zu Acts aus meinem Teenager-Alter wie Nirvana, Beastie Boys oder Lauryn Hill. Aus dem elektronischen Kosmos waren das Leute wie Jeff Mills, Dave Clark, Carl Cox, Dave the drummer und sogar mein Lehrer DJ Bad und mein langjähriger Partner Lucas Freire. Es ist ein Einfluss, der mich unaufhörlich inspiriert. Jeden Tag nimmst du etwas Neues auf. Aber um einige Namen zu nennen, die ich aktuell sehr mag: Ilario Alicante, Paul Ritch, Flug oder Matrixxman gehören zum Beispiel dazu.

Dein Name ist in der Hardtechno-Szene sehr bekannt, trotzdem bist du in letzter Zeit wieder sehr im Techno-Genre aktiv. Warum die Veränderung und wie fühlt es sich an?

Nicht alle Leute wissen, dass ich mit Techno angefangen habe. Groove- und Acid-Sachen hat man in der Zeit um 2005 in meiner Plattentasche gefunden. Mit der Zeit habe ich mehr und mehr Hardtechno-Tracks in mein Repertoire aufgenommen. Und das war genau der Zeitraum, in dem ich zu meinen ersten Europatourneen kam. So war es hier ebenfalls ein natürlicher Prozess, dass mich die meisten Leute nun mit Hardtechno in Verbindung bringen. Ich sehe diese Verbindung mit Techno als normal an. Ich versuche immer, meinen Gefühlen zu folgen, und seit 2012 habe ich angefangen, mich immer mehr auf Techno zu konzentrieren. Natürlich hat es einige Zeit gedauert, mich dafür zu entscheiden, wenn man das überhaupt so nennen kann. Mir war klar, dass es schwer werden würde, meine Hardtechno-Anhänger zu behalten, und gleichzeitig war es nie meine Absicht, sie dazu zu bringen, meine Veränderung zu akzeptieren. Ich möchte einfach genießen, was ich tue, und wenn die Menge es auch genießen kann, was gibt es dann Schöneres? Was ich sagen kann, ist, dass ich diesen Moment der Rückkehr zu meinen Wurzeln zurzeit sehr genieße. Und ja, ich denke nicht daran, komplett auf Hardtechno zu verzichten. Es ist toll, sich als DJ zwischen diesen beiden Nuancen des riesigen Techno-Universums zu bewegen. Und jetzt genieße ich die Vibes, die beide Stile mit sich bringen. Die meisten Anfragen kommen aktuell tatsächlich aus der Techno-Ecke. Meistens ist es mir jedoch möglich, lange Sets von fünf bis sogar sieben Stunden zu spielen. Dann kann ich mein gesamtes Repertoire zeigen und den Dancefloor mit auf eine Reise nehmen.

Worin liegen deiner Meinung nach die Unterschiede dieser zwei Welten?
Von meinem Standpunkt aus und rein musikalisch gesprochen: Ich kann viel flexibler sein, wenn ich Techno spiele. Für mich als Künstler ist es gut, dass ich jetzt für eine ganz andere Crowd an den verschiedensten Orten spielen kann, da es mir eine Menge Motivation gibt.

Lass uns über dein Techno-Label Devotion Records sprechen. Welche Philosophie verfolgst du dort und was können wir in den kommenden Wochen und Monaten erwarten?

Wir setzen auf Frische, wollen neue Talente entdecken. Gepaart mit der Qualität bereits etablierter Künstler der Branche, ergibt das für uns eine besondere Kombination. Unsere Idee ist es, dynamischen, authentischen, hochwertigen Techno zu veröffentlichen. Unser Release-Plan geht bereits bis April 2019 und einige sehr, sehr gute Sachen sind auf dem Weg. Aufregende Neuigkeiten, die ich teilen kann: Wir starten sehr bald mit einer Vinyl-Serie namens „Devotion LTD“. Das offizielle Release-Date und die Künstler-Infos werden in Kürze auf unseren Social-Media-Kanälen bekannt gegeben.

Wie sieht dein aktuelles Setup auf der Bühne aus und was brauchst du, um dich in einem Club bzw. auf einem Festival wohlzufühlen?

Ich benutze gerne drei CDJ 2000NXS2, als Mischer den DJM 900NXS2 und einen RMX 1000 für Effekte. Gepaart mit einem guten Soundsystem mit guten Monitoren, habe ich einen perfekten Arbeitsplatz, um die bestmögliche Performance abzuliefern.

Wie arbeitest du im Studio und was sind deine favorisierten Tools in Sachen Soft- und Hardware?

Eigentlich verwende ich ausschließlich Ableton 10 zum Produzieren und Logic für das Mastering. Ich benutze häufig den UAD Shadow Hills, das ist ein Kompressor, der schöne Texturen gibt. Und U-he Diva ist ein sehr cooler Synthesizer. Auch sehr oft nutze ich quasi alle Packs von Native Instruments. An Hardware: Elektron Analog Rytm mkII und Moog Subsequent 37 CV.

Deutschland ist bekannt als ein Mutterland der elektronischen Musik. Was denkst du über die hiesige Szene?

Deutschland ist eines meiner Lieblingsländer, und das meine ich genau so. Ich fühle mich hier seit meinem ersten Besuch sehr willkommen. Eigentlich war meine allererste Show in Europa 2007 in Berlin. Ich liebe die Crowd, weil ich glaube, dass die Leute zum großen Teil da sind, weil sie die Musik wirklich lieben. Und es ist angenehm, für diese Art von Publikum zu spielen.

Was sind deine Pläne für die nächsten Monate hinsichtlich Releases und Shows?

Aktuell arbeite ich an einigen Tracks für ein sehr wichtiges Techno-Label. Sie fragten mich danach und wir werden sehen, was daraus wird. Und natürlich werde ich einige Tracks und Remixe auf Devotion Records veröffentlichen. In den nächsten Monaten stehen Shows in Ländern wie Slowenien, Portugal, Spanien, Tschechien und den Niederlanden an – Deutschland dann im September, November und Dezember.

Fernanda Martins privat: Wenn du nicht auf der Bühne oder im Studio bist – wie sieht ein normaler Tag in deinem Leben aus?

Ich wache jeden Tag sehr früh auf und frühstücke recht ausgiebig. Danach gehe ich mit meinem Hund Bela in den Park und am Morgen versuche ich immer etwas Sport zu machen. Den mache ich entweder gleich im Park oder ich gehe ins Fitnessstudio. Ab und zu geht es auch mal in die Berge. Vor dem Mittagessen, das wir gegen 14:00 oder 15:00 Uhr machen, versuche ich alles zu erledigen, was mit E-Mails, Verträgen und weiterem Bürokram zu tun hat. Am Nachmittag geht es dann ausschließlich um Musik. In meiner Freizeit gehe ich gerne Craft Beer trinken und hänge mit Freunden herum. Ich entdecke sehr gerne neue Restaurants. Ich liebe es, in der Natur zu sein, und gehe gerne schwimmen, schnorcheln, wandern. Auch fast jede Art von Spielen fasziniert mich – vom Videospiel über Kartenspiele bis hin zu Fußball und Bowling.

Apropos Restaurants: Du lebst vegan. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach ist, diesen Lebensstil während der Tour beizubehalten.

Nun, ich bin nicht so streng. Zu Hause koche ich zu 100 Prozent vegan. Aber wenn ich ausgehe oder auf Reisen bin, versuche ich halt immer, so gut es geht, veganes Zeug zu finden. Wenn das nicht funktioniert, bleibt immer noch etwas Vegetarisches, denn das zu finden, ist heutzutage ja supereinfach.

Welche Standards sind dir beim Reisen wichtig, damit sich dieser doch sehr intensive Teil des DJ-Jobs so angenehm wie möglich gestaltet?

Kissen! Das Hotel sollte im besten Fall verschiedene im Angebot haben. (lacht) Es mag seltsam klingen, aber das ist sehr wichtig für mich. Wenn ich mal kein gutes Kissen habe, kann ich oft nicht einmal schlafen. Außerdem versuche ich immer mit meinen liebsten Fluglinien zu reisen und brauche gutes Essen zur richtigen Zeit.

Stell dir vor, du wärst kein DJ – was wärst du stattdessen geworden? Model?

Natürlich wäre ich kein Model geworden! Meine Sucht nach Bier und Essen macht es unmöglich, die Form zu halten. (lacht) Wahrscheinlich hätte ich ein Restaurant, mit einer leckeren veganen Speisekarte und einer Menge an verschiedenen Craft-Bieren im Angebot.

 

Aus dem FAZEmag 078/08.2018
www.facebook.com/djfernandamartins
Text: Triple P


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