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Normen Flaskamp ist Solee. Der Stuttgarter veröffentlicht seit nunmehr zehn Jahren Musik unter diesem Pseudonym und hat sich im Laufe der vergangenen Dekade eine eigene Nische in unserer von Schubladendenken durchsetzten Welt errichtet: Solee-Sound. Dieser Sound ist melodiös, beinhaltet sowohl technoide als auch housige sowie trancige Elemente und klingt niemals platt. Wieso es anfänglich sehr schwierig für ihn gewesen ist, seine Art von Sound zu releasen, und weshalb er irgendwann keine Lust mehr hatte, Versicherungen und Bausparverträge zu verkaufen, hat er uns im persönlichen Gespräch verraten. Und da wir seine Musik sehr schätzen, haben wir ihn auch gleich noch unseren monatlichen Download-Mix anfertigen lassen. Und nicht nur dieser ist absolut erinnerungswürdig.

Zehn Jahre bist du nun schon mit deinem Label aktiv, hast in dieser Zeit viele erfolgreiche Releases herausgebracht und viele andere Labels überlebt. Was war für dich 2006 der Grund, dein eigenes Label zu starten?

Zu dieser Zeit war minimaler Sound sehr gehypt und mit melodiösem und trancigem House- und Techno-Sound war es nicht gerade einfach, Gehör zu finden. Im Gegenteil, es war eher etwas uncool und man wurde teilweise belächelt beziehungsweise nicht ernst genommen. Nach einigen erfolglosen Versuchen, meine Musik auf etablierteren Labels unterzubringen, beschloss ich zusammen mit meinem damaligen Arbeitgeber Frank Schreiner (Dig Dis Distribution), ein neues Label für meine Musik zu starten. Parquet Recordings sollte also in erster Linie als Plattform für meine eigenen Produktionen dienen. Nachdem das erste Release aber wider Erwarten super funktionierte, landeten auch immer mehr Demos mit ähnlicher Musik von anderen Künstlern in unserem Briefkasten. Also beschlossen wir, auch andere Künstler zu signen und Parquet Recordings in eine Art Anlaufstelle für Produzenten umzuwandeln, die keine Angst vor Melodien und Trance-Einflüssen haben.

Gerade erst ist ein „Quasi-Best-of“ von dir entstanden. Das Album „What Remains Are The Memories“, das sehr erfolgreich auf iTunes lief, beinhaltet 24 Stücke. In dem Titel des Albums sprichst du Erinnerungen an. Was waren die bislang schönsten Erinnerungen als Labelbetreiber für dich und in welchen Momenten hast du es bereut, einer geworden zu sein?

Eigentlich habe ich fast nur schöne Erinnerungen in Bezug auf Parquet Recordings und habe nie etwas bereut. Ich liebe die Arbeit als Labelbetreiber und kann mir nichts Schöneres vorstellen, als jeden Tag Musik zu hören und mit anderen Künstlern zu kommunizieren. Da heute fast jeder Interessierte elektronische Musik produzieren kann – oder vielmehr denkt, er könnte es –, muss man sich natürlich auch viel durch, nennen wir es mal, vorsichtig ausgedrückt, anstrengende Demos hören. Aber der Moment, in dem man einen tollen neuen Track von einem noch unbekannten Künstler entdeckt, ist schon ein Highlight, über das man sich sehr freut als Labelbetreiber. Auch unsere Label-Showcases, vor allem die während des Amsterdam Dance Events in den letzten Jahren, zählen definitiv zu den schönsten Erinnerungen. Künstler zu treffen, die man bisher nur über E-Mail oder Facebook-Chats kannte, und ihnen dann mal live gegenüberzustehen, zusammen eine Bühne zu bespielen und dann auch noch zu sehen, dass die Menschen auf der Tanzfläche viel Spaß haben und das Ganze genießen – das sind tolle Momente, die mich auch sehr motivieren, weiterzumachen.

Du hast bereits vor Parquet Recordings Musik produziert und damals auch unter anderen Pseudonymen veröffentlicht. Wie ist der Name Solee entstanden und woher wusstest du, dass das der richtige Name ist?

Vor Solee und Parquet Recordings habe ich vieles ausprobiert und wollte mich auch nicht wirklich festlegen. Ich habe von Chill-out über Trance bis hin zu House und Electro alles Mögliche produziert und teilweise auch als Ghost-Producer gearbeitet. Mit dem Projekt Solee wollte ich mich zum ersten Mal nur auf eine Sache konzentrieren und auch nur die Musik produzieren, die ich toll finde – ohne Rücksicht auf irgendwelche Trends oder Verkaufsstrategien. Dass ich dann tatsächlich heute, zehn Jahre später, immer noch unter diesem Namen produziere, Auftritte habe und auch noch davon leben kann, hätte ich damals, als das alles anfing, niemals gedacht!

Wir gehen ein wenig zurück in den Erinnerungen. Welche Tracks und welche Künstler haben dich mit elektronischer Musik in Berührung gebracht und was war die erste 12Inch, die du dir gekauft hast?

Ich bin in den 90er-Jahren über Bands wie Depeche Mode, The Cure, Front 242 und diverse andere EBM/Wave-Acts zum ersten Mal mit elektronischer Musik in Berührung gekommen. Mich haben diese düsteren, teilweise melancholischen elektronischen Sounds sehr fasziniert und meine ganze Jugendzeit über begleitet. Irgendwann wurde mir das alles etwas zu depressiv und ich habe dann den Frankfurter Trance-Sound für mich entdeckt. Ich saß also immer vor dem Radio, wenn die „HR3 Clubnight“ lief und Leute wie Heinz Felber, DJ Dag, Ulli Brenner oder Sven Väth dort ihre Sets gespielt haben, und recordete das Ganze auf Kassette. Auch meine ersten Berührungen mit elektronischer Musik im Club waren in Frankfurt, meistens im Dorian Gray, oder dann in meiner Heimatstadt Stuttgart im Oz, Splash und wie die alle hießen. Meine erste 12Inch müsste Depeche Modes „Never Let Me Down“ gewesen sein. Im Techno-Bereich kaufte ich mir dann am Anfang so ziemlich alles von den Labels Harthouse und Noom Records.

Parquet ist sehr erfolgreich, auch weil es nicht nur als dein Outlet fungiert. Welche aktuellen Künstler würdest du gerne auf Parquet releasen sehen und wie gehst du damit um, wenn Künstler Parquet nur als Sprungbrett benutzen und nach ihrem Release bei dir ihr eigenes Label gründen?

Im Moment gibt es sehr viele Künstler, die für mein Empfinden schöne Musik produzieren und gut auf Parquet Recordings passen würden. Das liegt wohl an dem derzeitigen Trend zum trancigen, progressiven Sound. Natürlich kann ich nicht alle auf meinem Label haben, aber meistens kommt es dann früher oder später doch zu einer Zusammenarbeit mit den Künstlern, die ich mag, wenn auch mal nur für einen Remix. Ein Wunschkandidat seit langer Zeit, den ich noch nie auf meinem Label hatte, ist zum Beispiel Stephan Bodzin. Seinen Sound liebe ich schon sehr lange, aber bisher konnte ich ihn noch nicht davon überzeugen, etwas für Parquet Recordings zu machen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden (lacht)! Mein Label existiert aber auch nicht aufgrund großer Namen und es richtet sich auch nicht nach diesen. Mir ist es schon immer sehr wichtig gewesen, neue Künstler zu entdecken. Somit findet man auf Parquet Recordings auch sehr viele unbekanntere Künstler, die vorher noch nie groß in Erscheinung getreten sind. In erster Linie geht es mir um die Musik und nicht um das „Namedropping“. Das finde ich auch gut so und es soll auch so bleiben. Dass manche Künstler Parquet als Sprungbrett sehen und danach auch woanders releasen oder ein eigenes Label gründen, kann ich nicht verhindern und ist wohl in unserer heutigen Zeit keine Seltenheit mehr. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass ein Künstler, der ein erfolgreiches Release bei mir hatte, mich auch nicht ganz vergisst und es immer wieder zu einer weiteren Zusammenarbeit kommt. 

Jeder Musikinteressierte kennt Solee. Aber wie steht es um den Menschen Normen Flaskamp? Was für einen Berufswunsch hattest du als Jugendlicher und wie hat deine Familie dein Musikerdasein aufgenommen?

Als Jugendlicher war ich etwas orientierungslos und wusste – wie wahrscheinlich die meisten anderen Jugendlichen – nicht so genau, was ich eigentlich machen möchte. Meine Eltern haben mich zu einer kaufmännischen Lehre überredet, was sicherlich auch nicht falsch war. Allerdings merkte ich nach der Ausbildung, dass ich mir nicht vorstellen konnte, mein Leben lang Versicherungen und Bausparverträge an den Mann zu bringen. Meine Leidenschaft für Musik war damals auf jeden Fall schon vorhanden, aber es war nichts in Aussicht, womit man hätte Geld verdienen oder wovon man hätte leben können. Also suchte ich nach anderen Möglichkeiten und jobbte mal hier, mal da, bis ich dann irgendwann eine Stellenanzeige als Vertriebsmitarbeiter bei dem Stuttgarter Musikvertrieb DigDis entdeckte. Glücklicherweise wurde ich genommen, obwohl ich nicht sehr viel Erfahrung im Musikbusiness hatte, und ab da ging dann alles seinen Weg. Meine Eltern haben mich eigentlich immer sehr unterstützt, auch wenn sie sich anfangs nicht so sicher waren, ob das mit der Musik der richtige Weg ist. Es gab also schon viele Diskussionen. Aber als sie merkten, dass mir das alles sehr wichtig ist und ich damit sehr viel Zeit verbringe, wurde es akzeptiert. Als ich dann vor ein paar Jahren meine ersten Gagen nach Hause brachte, waren sie schon auch sehr stolz, standen hinter mir und die Zweifel waren dahin.

Der Solee-Sound lässt sich schwer in eine Schublade stecken und ist damit unverwechselbar. Manchmal technoider, manchmal deeper, aber immer druckvoll. Wie sieht ein normaler Studiotag bei dir aus?

Mein Arbeitstag beginnt meistens zwischen 08:00 und 10:00 Uhr, abhängig davon, ob mein Sohn bei mir schläft und ich ihn zur Schule bringen darf oder nicht. Dann werden erst mal E-Mails gecheckt und anfallende Büroarbeiten erledigt. Gegen 11:00 oder 12:00 Uhr geht es dann ins Studio, um an neuen Ideen zu arbeiten, angefangene Tracks fertigzumachen oder einfach etwas herumzuschrauben. Je nachdem wie erfolgreich das Ganze verläuft, komme ich meistens so zwischen 18:00 und 20:00 Uhr wieder aus dem Studio. Manchmal bin ich aber auch so sehr in einer Produktion gefangen, dass es bis spät in die Nacht geht. Auch wenn das nicht so ideal für mein Umfeld und meine Mitmenschen ist, liebe ich diese Momente immer noch, wenn man durch das Musikmachen Zeit und Raum vergisst und einfach für ein paar Stunden in seiner eigenen kleinen (Klang-)Welt lebt.

Solees All-time Top-Ten
Johnny Cash – One
Lindstrom – I Feel Space
Depeche Mode – Its No Good
John Tejada – The End Of It All
Mory Kante – Yeke, Yeke (Hardfloor Remix)
Stephan Bodzin – Sungam (Rodriguez Jr. Remix)
The Cure – Lovesong (12“ Extended Version)
Carl Craig – Sandstorms
DJ Rolando – Knights Of The Jaguar
Anne Clark – Sleeper In Metropolis

Aus dem FAZEmag 067/09.2017
Ab sofort und exklusiv bei iTunes & Apple Music: FAZEmag DJ-Set #67 – Solee

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