patrickpeiki_richiehawtinRichie Hawtin und Patrick Peiki auf dem 20. Geburtstag der PollerWiesen
Foto Credit: Barbara Klein

Zeitreise gefällig? Dann begebt Euch mit uns ins Jahr 1993. Das Jahr, in dem Bill Clinton amerikanischer Präsident wurde. Das Jahr, in dem nicht nur der britische Sänger George Ezra geboren wurde, sondern auch eine Open-Air-Partyreihe das Licht der Welt erblickte: die PollerWiesen. Heute längst eine Institution am Technofirmament, legte ein gewisser Patrick Peiki vor 25 Jahren den Grundstein zu einem Veranstaltungsformat, das weit über die Kölner Grenzen hinaus einen exzellenten Ruf in der Branche hat und bei Besuchern, Künstler und Kritikern hoch angesehen ist. Wir hatten die Freude, dass sich der Initiator der PollerWiesen die Zeit genommen hat, ein ausführliches Interview zu geben.

Peiki, herzlichen Glückwunsch! Die PollerWiesen werden in diesem Jahr 25 Jahre alt. Ich kann mich an eine der frühen PollerWiesen erinnern. Sie fand neben einem Erdbeerfeld bei Köln statt. Legendär auch die PollerWiesen auf der gut versteckten Location im Wasserwerkswäldchen am Bonner Verteiler im Kölner Süden. Mittlerweile bespielt ihr jedes Jahr mehrere große und vollkommen offiziell genehmigte Flächen in Köln und Dortmund mit mehreren Tausend Gästen und veranstaltet zwei PollerWiesen Boote auf der MS RheinEnergie auf dem Rhein. Welcher ist oder war euer Lieblingsspot und was ist rückblickend die tollste Erinnerung, die dir spontan einfällt?

Die original Poller Wiesen am Rheinufer in Köln-Poll waren, sind und werden immer unser Lieblingsspot für unsere PollerWiesen-Partys sein (Anmerkung der Redaktion, die „Poller Wiesen“ sind die geographische Location in Köln Poll und „PollerWiesen“ wird die Party an sich genannt). Im zweiten Halbjahr 1994 in Frechen-Großkönigsdorf, waren wir sonntags morgen wieder auf dem Weg zum Aufbau unserer Open-Air-Party am Grillplatz hinter der DEA-Tankstelle. Als wir morgens gegen 8h dort ankamen, war eine Straßensperre vor dem öffentlichen Grillplatz in Frechen-Großkönigsdorf aufgebaut und mit Bürgermeister, Feuerwehr und Polizei verstärkt worden. Auf einem großen Schild stand: “Grillplatz wegen Brandgefahr geschlossen!“. Dies war die elegante Aussage des damaligen Bürgermeisters von Frechen: „Hier feiert ihr Bitte nicht mehr eure Partys!“. Wir waren zuerst total geschockt, weil wir ja wussten welche Promotion Maschine bereits in Gang gesetzt war und was gleich alles an Party People hier aufschlagen würde, wenn die Clubs in und um Köln zumachen würden. Nach der anfänglichen Panik habe ich mit meiner damaligen „Geschäfts“-Partnerin Nadezhda Georgieva entschieden, dass wir nach Köln auf die Poller Wiesen fahren werden und dort versuchen werden unsere Feier umzusetzen. Diese Location hat mich persönlich seit je her stark gereizt, dort eine Open-Air-Party am Rheinufer mit Domblick war das Beste was ich mir vorstellen konnte für eine Techno Party! Unser Anlagenlieferant „Der Gute Ton“ mit seinem Macher Michael Buchholz hatte in dieser Situation in Frechen spontan die vereinbarten Parameter geändert und forderte nun das Geld für die Anlage statt wie gewohnt abends nach der Party zu nun als Vorkasse vor dem Aufbau. Die nächste Panik machte sich breit. Auf einmal fing ein Raver an, der dies mitbekam, mit seinem Käppi Geld von allen Gästen, die bereits vor Ort waren, einzusammeln. Er ging an jedes Auto, zu jedem rumstehenden Gast und bekam überall relativ großzügige Spenden. Leider reichte das Geld vorne und hinten nicht aus, um die Anlage per Vorkasse zu bezahlen und als uns das bewusst geworden ist und wir händeringend eine Lösung suchten, kam ein silberner Mercedes 560 SEC mit quietschenden Reifen um die Ecke gefahren und bremste lautstark nur wenige Meter vor uns ab. Der Fahrer stieg aus dem Wagen und rief laut: “Wo ist denn jetzt die Party?“ Wir erklärten ihm die Situation und er zögerte nicht lange und legte das fehlende Geld auf die Sammlung drauf und sagte: „Kommt lasst uns endlich feiern!“ Wenn ich mich recht erinnere, waren das damals so um die 500 Mark, die ein einziger Fremder beigetragen hat, um diese Party für uns alle möglich zu machen. An dieser Stelle noch mal ein herzliches Dankeschön an den edlen, unbekannten Spender! Die Anlage wurde bezahlt und einer von unserem Team wurde an der Straßensperre platziert, um allen Gästen Bescheid zu geben, dass wir in Köln-Poll auf den Poller Wiesen an der Südbrücke feiern werden. Dann setzten wir uns als Autokarawane von Frechen nach Köln mit mehr als 20 Autos über die Aachener Straße quer durch die Stadt in Gang auf dem Weg nach Köln-Poll. Auf den Poller Wiesen angekommen, haben wir alles wie gewohnt aufgebaut, nachdem wir die Stelle, an der wir feiern wollten, erstmal komplett vom Müll, der überall rumgelegen hat, befreit haben. Dann haben wir von mittags bis spät abends ohne jegliche Probleme durchgefeiert und hatten so um die 1000 Gäste vor Ort. Das war die Geburtsstunde der PollerWiesen auf den Poller Wiesen in Köln-Poll an der Südbrücke. Abends haben Nadezhda und ich uns angeschaut und gesagt, dass war so cool hier, ab heute heißen unsere Partys „PollerWiesen“!

Die PollerWiesen werden nun 25 Jahre alt, im Eventbusiness ein biblisches Alter. Es gibt Gäste, die waren zur ersten PollerWiesen noch nicht geboren, andere begleiten euch sicher von Anfang an. Wie beschreibt ihr eure Besucher? Was zeichnet sie aus?

Unsere Besucher sind uns heilig. Egal ob die alte Garde oder die Gäste, die gerade mitten in ihrem Partyleben sind, und auch die nächste Generation, die gerade erst Techno für sich entdeckt. Bei uns darf man ja bereits ab 16 Jahren dabei sein, da die Partys tagsüber von 12 bis 22 Uhr stattfinden. Ich denke, die Gäste haben das all die Jahre gespürt, dass wir die Partys speziell für sie machen. Wir haben immer darauf geachtet, dass unsere Gäste das bestmögliche Techno-Partyerlebnis auf den PollerWiesen haben können. Die Gäste spüren das und kommen deswegen immer gerne zu uns. Aus diesem Grund hatten wir nie Probleme mit unserem Nachwuchs. Das Open-Air-Flair zieht die Leute an, der Techno-Sound verzaubert die Gäste und unser Spirit bindet sie dann an die PollerWiesen langfristig. Auf unseren Partys sind sich so viele Menschen begegnet, daraus entstanden Ehen, Kinder wurden geboren – und selbst die kommen schon mittlerweile auf unsere Partys. Vor kurzem wurde mir ein Junge vorgestellt, der 1995 noch im Bauch der Mutter auf der PollerWiesen gewesen ist, da sie damals schwanger auf den PollerWiesen im Sommer tanzte. Und nun kommt der junge Mann selbst als Gast zu uns. Beim Cocoon-Opening im Pacha auf Ibiza wurde mir von Maurizio Schmitz (Manager von Sven Väth, Anm. der Redaktion) ein befreundetes Pärchen aus Bonn vorgestellt, dass seit knapp zwei Jahrzehnten zusammen ist und sich auf den PollerWiesen in Köln kennen und lieben gelernt hat. Wir waren alle vier so glücklich darüber, dass wir uns erstmal in den Arm genommen haben und uns gemeinsam darüber gefreut haben. Wir stehen mit drei Generationen auf unseren Partys und das sagt alles über die PollerWiesen aus. Uns zeichnet vor allem aus, dass wir immer alle Menschen integrieren, dabei immer offen ehrlich bleiben und vor allem zu jedem herzlich sind!

In 25 Jahren Techno-Business sieht man viele Namen aufsteigen, glitzern, verblassen oder auch kontinuierlich leuchten. Welche Acts, vielleicht auch sogar Kölner Locals, haben euch am längsten und intensivsten begleitet?

Bei uns haben in der Regel immer sehr viele verschiedene Künstler gespielt. Doch wenn ich einige nennen müsste, dann wären das als allererstes Tobi Neumann, der wohl die meistens Gigs von allen Künstlern auf der PollerWiesen gespielt hat und der auch extrem viele PollerWiesen privat als Gast besucht hat. Man muss definitiv Ricardo Villalobos nennen, der sehr viele Jahre immer darauf geachtet hat, jedes Jahr mindestens ein PollerWiesen-Booking im Kalendar zu haben. Weiterhin als dritter im Bunde unserer engsten PollerWiesen-Begleiter ist Richie Hawtin, der uns immer auf allen Ebenen mit Seinem gesamten Team auf der Produktion unterstützt hat und das schon seit Mitte der 90er-Jahre! Der Support dieser drei Künstler ging weit über das normale Booking hinaus. Ihnen war die PollerWiesen schon immer eine Herzensangelegenheit! Dafür sage ich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich DANKESCHÖN Tobi, Ricardo und Richie, genau wie jedem einzelnen DJ, der uns nur einmal besucht hat oder in anderen Jahren der PollerWiesen-Geschichte regelmäßig bei uns gespielt hat. Wie zum Beispiel Sven Väth, Len Faki, Marcel Dettmann, Ben Klock, Rødhåd, Marco Carola und auch Nina Kraviz – um nur einige hier mal beim Namen zu nennen. Es sind einfach zu viele, um sie allesamt aufzuzählen, aber auch an alle Ungenannten noch mal ausdrücklich ein herzliches Dankeschön. Denn auch ihr habt die PollerWiesen zu dem gemacht, was sie heute sind: eine der beliebtesten Techno-Open-Air-Partyreihe Deutschlands! Weiterhin möchte ich nochmal für die gemeinsam vereinbarte Realität in Techno-Deutschland ergänzen, dass die PollerWiesen, die erste tagsüber Open-Air-Partyserie Deutschlands ist, auf der konsequent Techno gespielt wurde. Uns gibt es bereits seit dem Frühling 1993! Mir ist aktuell keine ältere Techno-Open-Air in Deutschland bekannt.

Es haben schon sehr viele große Namen bei euch gespielt. Gibt es noch einen Wunschkandidaten?

Alles, was ich mir für die PollerWiesen wünsche, sind Künstler, die unseren Spirit teilen. Künstler, die sich mit dem Was und vor allem wie wir es machen. bereits im frühen Booking-Prozess ernsthaft auseinandersetzen und zu dem Schluss kommen: „Die PollerWiesen möchte ich sehr gerne unterstützen. Ich mache es in meinem Kalender möglich, da zu spielen, da mir das Konzept, die Macher, die Gäste und vor allem auch der Vibe auf den Events sehr gut gefallen.“ Unsere neue Generation von Machern im Office, die seit Oktober 2014 die Geschicke der PollerWiesen lenken, wie beim Booking zum Beispiel der Lars Müller, machen das alle sehr gut. Sie tragen den Spirit weiter, bringen das auch im ganzen Prozess der Produktion vom Booking bis zum Aufbau sehr gut rüber. Das sieht man vor allem am Feedback der Gäste, auf unseren Social-Media-Kanälen. Ich bin wunschlos glücklich diesbezüglich, wobei ich persönlich mich immer freue, wenn ein klassischer Hochkaräter wie Sven Väth, Richie Hawtin, Ricardo Villalobos, Luciano oder Marco Carola spielt.

Festivals sind mittlerweile das neue Clubbing. Es gibt oft das Streben nach Superlativen, z. B. mit Flugzeugen oder Hochzeiten sowie eigens konzipierten Themenwelten. PollerWiesen war immer sehr basic. Siehst du darin eure Stärke und Kontinuität?

Ich wurde im indischen Goa inspiriert, diese Open-Air-Partys in Köln zu veranstalten. Dort war alles sehr minimalistisch und basic umgesetzt. Ein Generator, zwei Kühltruhen, ein Tapeziertisch und zwei Plattenspieler mit einem Mixer. Klar, in Indien gab es immer tolle Goa-Dekos, die in tagelanger liebevoller Arbeit mit extrem vielen helfenden Händen entstanden sind. Dazu Blacklight in der Nacht und Mega Paintings über das ganze Partyareal verteilt. Das war oft wie auf einer Kunstausstellung. Auf den ersten Partys, die wir im Wald veranstaltet hatten und wo wir genügend Bäume als Hängepunkte hatten, gab es auch bei uns viel Deko, die von der lieben Anke Narres damals mit ihrem Team liebevoll installiert wurde. Doch mit dem Wechsel auf die Poller Wiesen waren alle Bäume und somit die „Hängepunkte“ weg und es gab – bis auf ein Bild am DJ-Pult – leider nicht mehr viel Deko. Auf der anderen Seite ist Deko auf so einer großen Fläche immer sehr aufwendig und damit natürlich auch extrem kostenintensiv. Aus diesem Grund sprach leider mehr dagegen als dafür. Das haben wir so angenommen und alles nach dem Motto „Reduce to the Max“ das Beste draus gemacht. Unsere Themenwelt ist grüner Rasen, blauer Himmel und Sonne! Schöner kann man das selbst nicht dekorieren, wie es unser Planet Erde bereits für uns getan hat. Das sind Parameter, nach denen noch heute unsere Location Wahl abläuft. Schau dir den Revierpark Wischlingen in Dortmund an, das ist eine Perle sondergleichen. Die riesige Wiese, der Beach am See, der Berg und ein kleines Wäldchen – überall tolle Stages mit tollen Künstlern. Was will man denn noch mehr an einem Sommertag als Deko?

Ihr habt schon viele verschiedene Sachen gemacht, von den frühen, noch inoffiziellen Events, über eine PollerWiesen-Stage bei Stereo Sunday in Venlo, ein PollerWiesen-Zirkuszelt mit Sven Väth auf dem Kölner Messeparkplatz oder mit dem niederländischen Free Your Mind Festival, dem Cocoon-Event zum Amsterdam Dance Event, auch mit Sven Väth. Welche Wünsche habt ihr für die Zukunft?

Es gab fünf Jahre die PollerWiesen-Partys, als wir zum Fünfjährigen das PollerWiesen Ambient-PickNick ins Leben gerufen haben. Zum zehnjährigen PollerWiesen-Bestehen gab es dann die PollerWiesen-Boote, die im Übrigen seit 15 Jahren immer ausverkauft sind. Und zum 15-Jährigen gab es den PollerWiesen-Zirkus, eine unbändige Materialschlacht und dem tollen Booking mit Sven Väth und Michael Meyer von Kompakt. Dazu unzählige Kooperationen mit Veranstaltern aus Köln, Deutschland und Europa. Doch unsere volle Stärke haben wir immer wieder in NRW und vor allem in Köln entfaltet. Wenn es um Wünsche geht, so sehe ich die Motivation der neuen Generation der PollerWiesen-Macher Arda Kus, Lars Müller, Michael Kastens sowie unseres ersten Lehrling, den wir ausgebildet haben und der mittlerweile gleichberechtigter Partner geworden ist, den guten Joscha Lässig (den uns im Übrigen Sven Väth empfohlen hat!) als das größte Versprechen auf unsere Zukunft. Wir lassen ihnen seit Oktober 2014 absolut freie Hand bei allem und die Entwicklung der letzten vier Jahre bei den PollerWiesen lässt keine Wünsche offen. Weder beim Booking noch in der Umsetzung der Events selber und auch die Besucherzahlen zeigen, das die neue Generation in unserem Office auf einem sehr guten Weg ist! Das einzige, was ich mir wünsche, ist, dass wir alle gesund bleiben, dabei glücklich sind und gemeinsam die Hände in den Party Himmel strecken und dabei wild tanzen! Das gilt für unsere Gäste, die Künstler und die Macher gleichermaßen.

Den 25. Geburtstag feiert ihr als Doppelpack, zuerst im Jugendpark, anschließend direkt um die Ecke im Bootshaus. Die Verbundenheit zu Köln bleibt. Wird es auch wieder eine PollerWiesen auf den Poller Wiesen geben?

Oliver Hoffmann, mein langjähriger PollerWiesen-Partner, und ich haben uns immer als Promoter des Techno in NRW mit der Homebase Köln gesehen. Warum sollten wir unseren 25-jährigen Geburtstag entgegen dieser lang gelebten Philosophie feiern? Nein! Wir feiern hier im Herzen von Köln, direkt am Rhein, im wunderschönen Jugendpark und gehen dann nachts in einen der besten Clubs der Welt, ins Bootshaus um die Ecke um die 25 Jahre PollerWiesen-Geburtstagsparty rund zu machen! Was die PollerWiesen in Köln-Poll als Party-Location angeht, so kann man davon ausgehen, dass dort grundsätzlich keine Genehmigungen für Partys erteilt werden. Doch ab und zu, wenn das Universum in Feierlaune ist und alles passt, dann kann alles für die PollerWiesen auf den Poller Wiesen in Köln geschehen …

Deine persönlichen drei Top 3 Festival-Hits diese Saison?

Butch – Countach (original mix)
Gregor Tresher – Substance/Inhale
DJ Koze – Pick Up

www.pollerwiesen.org