DAF_Sabine Raef5

 

Wegbereiter des Techno, Gründer von EBM – wie auch immer man das Schaffen von Gabi Delgado-López und Robert Görl bezeichnen möchte, ohne Zweifel gehören die beiden mit ihrem Projekt Deutsch Amerikanische Freundschaft, kurz DAF, zu den Ikonen der elektronischen Musik. Punk aus Synthesizern, das Brechen der musikalischen Gesetze, das ist es, was DAF ausmachte – und noch immer ausmacht. 1978 im berühmten Düsseldorfer Ratinger Hof gegründet, dort, wo auch der deutsche Punk seine Wurzeln hatte, wurden sie anfangs für ihre unkonventionelle Musik eher belächelt. Jahre später entstand ein wahrer Kult um die Band. In der Vergangenheit oft getrennt und oft wieder vereint, releasen sie jetzt eine neue Sammlerbox mit fünf CDs, neuen Remixen und einer brandneuen Single. Wir trafen Robert Görl zu einem Gespräch und wurden im Verlauf des Interviews davon überrascht, dass es sogar ein neues Album geben könnte.

Es ist ja nun kein Geheimnis, dass ihr euch des Öfteren getrennt habt und dann wieder zusammengekommen seid. Es wurde fast zur Gewohnheit, möchte man sagen. Die erste Trennung blieb jedoch immer in den Köpfen hängen. Wie kam es damals dazu?

Das ist in der Tat kein Geheimnis, wir wollten ja auch mal Soloprojekte verfolgen. Die erste Trennung, das war 1983, war einfach der Höhepunkt, an dem wir dann aufgehört haben. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre durchgearbeitet, Tag und Nacht quasi. Wir haben alles zusammen gemacht. Zusammen gewohnt, zusammen nach England gegangen, in unserem Leben drehte sich alles nur um DAF. Da waren wir einfach durch. Viele haben das nicht verstanden, denn alles lief ja und wir konnten die größten Geschäfte machen. Wir hätten eigentlich alles, was wir wollten, auch machen können. Genau da hörten wir auf und ich glaube, dieser erste Break hat uns auch zum Kult verholfen.

Und ihr habt wieder zusammengefunden und euch wieder getrennt. So war das Spiel. Wie würdest du euren aktuellen „Beziehungsstatus“ beschreiben?

Heute sind wir wesentlich entspannter. Wir arbeiten auch viel aus der Distanz heraus, Gabi wohnt in Spanien, ich in Berlin und München. Wir sehen uns eigentlich nie! Wir sehen uns nur auf der Bühne und kurz vor dem Gig. Es kam auch schon mal vor, dass wir uns erst trafen, kurz bevor wir auf die Bühne gingen. Ab und zu gehen wir auch noch gemeinsam ins Studio, wie letztens erst für unsere beiden neuen Tracks. Wir haben mittlerweile ein Arbeitsritual drauf, das einfach funktioniert: Gabi ist komplett für die Lyrics zuständig, ich für die Musik und wir reden uns da auch gar nicht rein.

Ihr wart sehr provokant und martialisch unterwegs – ob nun mit euren Bühnenauftritten, euren Outfits oder euren Texten. Ihr habt in der Musikszene und auch generell in der Gesellschaft immer wieder für Kontroversen gesorgt. Waren die Provokationen von Anfang an teil des Konzepts?

Ganz klar, ja! Das kam nicht zufällig, das war ganz bewusst von uns initiiert – wir spielten mit dem Feuer. Journalisten sagten uns damals: „Wenn man mit dem Feuer spielt, kann man aber auch verbrennen.“ Darauf kam von uns ein klares: „Das wäre super! Gerne!“ Das war Teil unseres Konzepts, in allen Belangen. In den Texten, in den Outfits, in der Art, wie wir uns gaben, bis hin zu unserem Haarschnitt. Je öfter uns gesagt wurde, dass dies und das gar nicht ginge, desto mehr fühlten wir uns bestätigt.

Lacht ihr über solche Momente, wenn ihr zurückdenkt? Ich meine, ihr wurdet sogar mal als „schwule Nazis“ beschimpft … 

… weil die Musik ja so hart war. Wir haben uns wirklich einen abgelacht! Privat hatten wir daran richtig Spaß! Wir haben da ein Spiel entwickelt mit den Medien und wollten sie ärgern. Es war uns wichtig, dass alles aufregend bleibt, und dazu gehörte es, Tabus zu brechen. „Normal“ fanden wir nicht gut.

Ihr habt spätestens mit dem Song „Der Sheriff“ eine klare politische Stellung bezogen und euch auch in Gesellschaftskritik geübt. Auch ein wichtiger Bestandteil eures Konzepts?

Für uns war es wichtig, auch mal brisante Themen anzusprechen. Wenn irgendwas krumm läuft, sei es Krieg oder Korruption, dann thematisieren wir das schon gerne mal. Wir sind da offen, aber wir würden uns niemals als politische Band sehen.

Wie hieße euer Song heute, wenn ihr zur aktuellen politischen Situation Stellung beziehen würdet?

Wir sprechen gerade darüber, ob wir ein ganz neues Album herausbringen wollen. Wenn wir es tun, dann eventuell 2018. Mehr kann ich dazu nicht sagen, daher möchte ich da jetzt auch keine Themen vorwegnehmen. Aber falls wir ein neues Album herausbringen, dann bin ich mir sicher, dass da einiges Brisantes dabei sein wird. Vielleicht auch etwas aus der politischen Ecke. Aber mehr sage ich dazu nicht, nur so viel: Man kann auch heute noch Tabus brechen!

Jetzt habt ihr ja im Zuge der erschienenen „Das Ist DAF“-Box erst mal eine neue Single produziert, erhältlich aber nur als 7Inch in der Vinyl-Box. „Worte Der Liebe“ und „Ich Bin Nicht Da“ – ein Geschenk an eure Fans?

Stimmt, die Single ist nur in der großen Vinyl-Box enthalten. Zu „Worte Der Liebe“ gibt es auch noch ein Video. Die neue Single entstand aus vielen Gesprächen. Wir haben ja auch lange nichts mehr gemacht und da lag das natürlich in der Luft, genauso wie ein neues Album. Gabi hat dafür auch eine Woche in Berlin verbracht. Ich glaube, das ist so das Größte, was du machen kannst als Band. Dass du deinen Fans immer wieder mit neuen Werken eine Freude machst. „Worte Der Liebe“ klingt zwar sehr romantisch, ist aber heftiger, als man denkt. Es ist ein Brett. „Ich Bin Nicht Da“ ist eher abstrakt und dann auch romantisch.

Außerdem gibt es in der Box noch eine Platte mit teils neuen Remixen von beispielsweise Westbam oder von dir in Zusammenarbeit mit DJ Hell.

Westbam war unser Vorschlag und mit Hell wollte ich schon seit Ewigkeiten etwas zusammen machen. Jetzt hat es auch endlich geklappt! Maroder, der „Mussolini“ geremixt hat, wurde hingegen von unserem Label Grönland vorgeschlagen. Und bei so einem Namen kannst du natürlich nicht nein sagen!

Als ob das nicht schon genug wäre, erscheint im November auch noch eine autorisierte Biografie über euch. Geschrieben von Miriam Spies und vor allem Rudi Esch, der ja auch schon das Buch „Electri_City“ über die Düsseldorfer Musikhistorie geschrieben hat.

Das war eine wahnsinnige Arbeit! Wir haben richtige Marathon-Interviews absolviert. Insgesamt kamen pro Person 28 Stunden Aufnahmematerial zusammen, drei volle Tage für uns. Das war ja auch nicht alles. Ein Jahr lang gab es dann Rückfragen, Besprechungen, Kontroversen. Insgesamt war es eine sehr spannende, aber auch sehr mühsame Arbeit. Ich schreibe zusätzlich auch schon seit fast zehn Jahren an meiner Autobiografie, die nun fast zum Abschluss kommt. Ich bin auch echt froh, dass diese beiden Deckel zugemacht werden können. Da kommen Emotionen hoch, das ist wie eine Therapie. Ich bin froh, wenn das vorbei ist. Irgendwann muss man auch wieder in die Gegenwart und in die Zukunft schauen!

 

Aus dem FAZEmag 068/10.2017