20161129_018_DanielBoon_byDavidulrich5
Der Berliner Daniel Boon ist seit Jahren ein vielbeschäftigter Mann, denn neben seinem DJ- und Produzentendasein managte er bis vor kurzer Zeit noch den Club Magdalena und betreibt mit Neuhain auch sein eigenes Label. Auf ebendiesem erschien Mitte März sein erster Langspieler „Boon&Bane“. Wir haben mit ihm über seine Arbeit gesprochen.

„Boon&Bane“ ist dein Debütalbum. Wie bist du da rangegangen?

Ja, richtig, das ist mein Debütalbum. Seit 2012 war ich damit beschäftigt, die Bookings im Club Magdalena zu machen, zeitgleich habe ich dann noch mein eigenes Label Neuhain aufgebaut und 2014 kam meine wundervolle Tochter zur Welt. 2015 merkte ich, dass etwas passieren musste, und so habe ich dann einfach mit den ersten Rohentwürfen angefangen. An den einzelnen Tracks habe ich dann nach und nach weitergearbeitet. Da ich nicht jeden Tag im Studio sein konnte, hat es sich etwa ein Jahr lang hingezogen, bis ich 15 Tracks fertig hatte. Daraus habe ich mir dann die für mich besten und stärksten zehn rausgesucht. Da ich auch kein eigenes Studio besaß, bin ich mit den Tracks zu meinem Produzenten-Kumpel Soeren aka Stereo Jack gegangen, wo wir in etwa zwei bis drei Wochen die Tracks final abmischten oder hier und da noch ein paar Kleinigkeiten veränderten. Der Name entstand erst später. Ich hatte zwar schon ein paar Ideen in der Pipeline, aber zu 100 Prozent hatte mich noch keine richtig gecatcht. Ich überlegte also weiter und dabei sind Sören und ich auf „Segen und Fluch“ gekommen. Ein Album kann, wenn es gut ist, ein Segen sein. Gleichzeitig kann es aber auch, wenn es schlecht ist, ein Fluch sein. Mit „Boon&Bane“ passte das natürlich umso besser.

Verspürt man Stress und Druck, wenn man sich an die Arbeit des ersten Albums macht?

Ich habe ja schon etliche Releases auf verschiedenen Labels herausgebracht, aber ich finde ein Album ist dann doch noch mal etwas ganz Besonderes. Also habe ich mir den Druck gemacht, ein Album zu produzieren, aber mich zeitlich nicht festgelegt. Ich denke, man muss das auch wollen und die kreativen Momente nutzen, dann geht es von alleine. So war es jedenfalls bei mir.

Zehn Titel präsentierst du deinen Hörern auf „Boon&Bane“. Wo und mit welchem Equipment hast du den Sound der Tracks entstehen lassen und geformt?

Ich habe einige Ideen und am besten kann ich diese über Ableton Live umsetzen. Wenn der Grundstein gelegt ist, wird der abschließende Feinschliff und das Abmischen im Studio zusammen mit Sören vollendet. Dort werden, falls nötig, auch nochmal Änderungen oder Verbesserungen vorgenommen.

Welchen Anspruch hast du generell an einen Track und welche Eigenschaft musste dieser haben, um auf „Boon&Bane“ landen zu können?

Ich weiß noch, wie ich meine ersten Techno-Alben gehört habe und dachte: Warum sind da so viele ruhige Stücke drauf? Als ich dann selbst mit dem Produzieren anfing und für mich entschieden habe, ein Album zu machen, war für mich eines sofort klar: Ich möchte nur straighte Tracks, kein Intro, Outro oder Ähnliches. Jeder Track sollte tanzbar sein und so bin ich auch an die Sache rangegangen. Also muss ein Track für mich in erster Linie für den Dancefloor geeignet sein, mit möglichst dicker Kick und rollender Hi-Hat.

Seit etwas mehr als 20 Jahren sammelst du nun schon Erfahrungen als DJ in unserer Techno-Hauptstadt. Was hat sich seit den 90ern in der Szene getan? Was war damals Segen und Fluch – was ist es heute?

20 Jahre sind es noch nicht ganz, ich habe, glaube ich, 1998 das erste Mal aufgelegt. Ich hatte damals im Matrix meinen ersten Gig, da war es noch ein Techno-Club. Was für mich immer Segen und Fluch war, war das Auflegen selbst. Ich wollte eigentlich immer nur auflegen, deswegen habe ich angefangen, Partys zu machen. Leider habe ich anfangs in den falschen Clubs gespielt und wenn man das in Berlin macht, ist man ganz schnell bei einigen Leuten unten durch, das hat mich auf jeden Fall nicht weitergebracht damals. Heute ist es nicht mehr ganz so schlimm wie früher, aber leider muss man immer noch sehr aufpassen, wo in Berlin man spielt, obwohl ich glaube, dass das in fast jeder Stadt so ist. Mit dem Erfolg meiner Veranstaltungsreihe Ostfunk hat sich das ein wenig geändert – dadurch konnte ich Clubs wie Maria, Tresor, Sternradio oder Polar TV bespielen, war aber immer der Veranstalter, der auch auflegt. Man könnte also sagen, dass meine Veranstaltungsreihen, egal welche es waren – und es waren einige in den letzten 17 Jahren –, auch Segen und Fluch zugleich für mich waren.

Als Produzent bist du nun schon seit einigen Jahren aktiv und mit deinem Album hast du sicherlich einen weiteren und großen Schritt gemacht. Welche weiteren Ziele verfolgst du für dieses Jahr und im Allgemeinen?

Mich als Künstler weiterzuentwickeln und mein eigenes Label Neuhain Recordings weiter in der Welt bekanntzumachen. Im Großen und Ganzen möchte ich, dass meine Musik auf der ganzen Welt gehört wird – das ist, würde ich sagen, mein großes Ziel. Ich hoffe, das klingt nicht zu überheblich.

In den letzten Monaten hast du unter anderem in Spanien und Polen gespielt. Wie hast du die Partys dort erlebt?

Ja, ich hatte 2016 meine beiden ersten Spanien-Gigs und beide waren einfach nur geil. Der erste war in Barcelona bei Happy Techno: Eigentlich denkt man bei dem Namen, dass Techno da auch Programm ist, aber das ist eher eine Tech-House-Veranstaltung und der Veranstalter fragte sehr nett, ob ich nicht etwas mehr Tech-House spielen könnte. Da hatte ich schon etwas Angst, dass meine Musik nicht ankommen würde. Ich habe den Schluss gespielt und vor mir waren nur DJs, die Tech-House bis House spielten, das hat mir dann noch mehr Angst gemacht, aber am Ende wurde alles gut. Ich habe mit einem – wie ich ihn nennen würde – Hit von Pig&Dan angefangen und dann ging es so Track für Track weiter. Die Leute sind einfach nur ausgerastet. In Madrid habe ich auf dem Code-Geburtstag gespielt in der Fabrik, das war für mich was ganz Besonderes, denn ich stand mit Leuten wie Sven Väth, Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson im Line-up. Mit Letzterem sind wir dann auch in einem Auto zur Location gefahren, das war für mich schon sehr aufregend. Auf der Party habe ich dann erfahren, dass ich auf einem Floor spielen würde, wo vorher noch das Fußballspiel Atletico gegen Real gezeigt wird. Erst eine Stunde vor meinem Set ging die Musik wieder an. Zu Beginn war es dann auch noch nicht so voll auf meinem Floor und ich dachte: Okay, du warst wenigstens dabei – aber es füllte sich dann doch ziemlich schnell und es war auch hier sehr, sehr geil. In Polen hingegen habe ich in einem sehr kleinen Club gespielt, in den ca. 200 Leute reinpassen. Ich mag solche Partys, weil man da immer sehr nah an den Leuten dran ist und die Stimmung noch besser mitbekommt.

Lass uns zum Abschluss noch kurz das Thema Magdalena anschneiden. Wie wird es hier weitergehen?

Eigentlich wollte ich nicht wirklich über das Thema reden, aber ich habe mich bisher noch überhaupt nicht dazu zu Wort gemeldet. Am Ende kann man sagen, dass einfach alles irgendwie schief lief. Warum das jetzt so gekommen ist, habe ich selbst immer noch nicht so richtig verstanden und werde ich wahrscheinlich auch nie. Fakt ist, es wird erst mal keinen Club Magdalena mehr geben, dafür werden wir aber ein paar Magdalena-Partys im Exil machen und die ersten werden in unserer alten Location stattfinden, also dort, wo der Club Yaam jetzt beheimatet ist. Ansonsten werde ich noch eigene Label-Showcases in Berlin veranstalten und auch Ausschau halten, ob ich außerhalb von Berlin vielleicht ein paar Showcases unterbekomme.

Aus dem FAZEmag 062/04.2017