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Es war im Jahr 2011, als die beiden Herren Tobias Rieser und Adrian Held die Idee hatten, einen gemeinsamen Track auf der Plattform SoundCloud hochzuladen. Rieser war schon davor solo mit ebenjenem Namen unterwegs, Held unter dem Pseudonym herald and i. Ihre ersten gemeinsamen Schritte unternahmen sie 2011 erst mal unter dem Namen Heldenklang, bevor sie sich dazu entschlossen, gemeinsam als Klangkarussell aufzutreten. Sicher war es nicht ihre erste Produktion, aber es war genau dieser eine Track, der knapp ein halbes Jahr nach seiner Veröffentlichung plötzlich zum ungeahnten Hit wurde: „Sonnentanz“. In zehn Staaten unter den Top 10 vertreten, Doppelplatin in Deutschland, dreifach gar in der Schweiz; in den Niederlanden führten sie eine gefühlte Ewigkeit die Charts an. Die Niederlande waren es auch, wo die Kritik an ebendiesem Track aufkam. Der niederländische Radiomoderator Domien Verschuuren war es, der eine große Diskussion über das exzessive Sampling in die Wege geleitet hat. Die Geschichte sollte bekannt sein, man muss sicher nicht mehr auf ihr herumreiten. Der Erfolg übte ebenso wie die Kritik großen Druck auf Klangkarussell aus – und sie wurden ihm gerecht. Es folgten „All Eyes On You“, „Celebrate“, „Symmetry“ und ihr zweiter internationaler Radiohit „Netzwerk (Falls Like Rain)“. Was am Anfang als kleines One-Hit-Wonder abgestempelt wurde, entwickelte sich zu einem Erfolgsduo. Auch was das Produzieren angeht, wurden die beiden merklich erwachsen. Fünf Jahre nach dem Beginn ihrer Erfolgsgeschichte und zwei Jahre nach ihrem Debütalbum kommt im nächsten Jahr ihr zweiter Longplayer auf den Markt. Wir trafen die beiden Österreicher, um über sie, ihr Leben, ihre Musik und auch ein wenig über das kommende Album zu sprechen. 

Lasst uns ein wenig zurückschauen: Wie habt ihr eure gemeinsame Zeit erlebt? Ihr seid ja damals quasi über Nacht auf die Erfolgsschiene aufgesprungen, was sicherlich den einen oder anderen Einschnitt in eurem Leben bewirkte oder auch Vorteil mit sich brachte. Wie würdet ihr eure persönliche, aber auch musikalische Entwicklung heute bewerten?

Tobias: Alles hat natürlich seine Vor- und Nachteile. Der große Vorteil ist, dass man viel rumkommt und auch viele interessante Menschen kennenlernt. Und der Nachteil ist natürlich das Warten am Flughafen. (lacht) Nein, im Ernst. Generell hat alles mehr Vorteile als Nachteile mit sich gebracht. Aber du hast Recht, es ist schon so, dass es sehr schnell ging. Ich glaube auch, dass das ein Nachteil war, da wir ja kaum Produktionen hatten. Im Gegensatz zu anderen, die vielleicht mehr vorzuweisen hatten, standen wir da mit nur einem Track. Und dann waren wir plötzlich viel unterwegs und fanden auch gar keine Zeit zum Produzieren. Daher hat es auch gedauert, bis wir unser Album fertig hatten.

Wie kam es denn generell dazu, dass ihr euch auf elektronische Musik fokussiert habt? Bevor ihr euch zusammengeschlossen habt, wart ihr jeweils auch solo unterwegs.

Adrian: Das geschah bei mir sehr früh. Mit 14 besuchte ich bereits meine erste Drum-’n’-Bass-Party in einem Kulturzentrum. Das fand ich extrem faszinierend, ich hatte vorher noch nie so energetische Musik gehört und habe dann angefangen, auch Drum ’n’ Bass aufzulegen. Mit 18 Jahren bin ich dann nach Wien gezogen und wurde vom Stil her immer langsamer, bis ich dann irgendwann bei Techno und House gelandet bin. Dazwischen hatte ich auch mal eine Leidenschaft für Breakbeat, aber diese Verlangsamung zog sich schon durch die Jahre.

Tobias: Bei mir kam das eher später, so mit 18 oder 19 Jahren bin ich immer wieder mal auf Technopartys gegangen. Ich bin eher klassisch aufgewachsen. Also nicht musikspezifisch, aber was die Instrumente angeht. Ich habe ganz traditionell Gitarre gelernt, Blaskapelle und so weiter. Irgendwann habe ich ehrlich gesagt die Lust verloren, Musik zu spielen. Und durch die Partys habe ich wieder angefangen, aber dann halt elektronisch. Da ich Adrian auch schon lange kenne, hatte er ebenfalls einen Einfluss auf mich.

Eure Tracks, die ihr selbst produziert, sind aber schon sehr poppig. Das passt ja irgendwie nicht ganz in eure Geschichte, oder?

Adrian: Wenn ich Techno produziere, dann wird mir sehr schnell langweilig. Im Club ist das was ganz anderes, da hat man ein anderes Zeitgefühl und da sind auch die kleinsten Veränderungen spürbar. Aber wenn ich selbst produziere, dann muss da was passieren.

Tobias: Es würde auch nicht zu uns passen und ich glaube, das würde unserer Karriere auch nicht guttun. (lacht) Wir sind ja mit diesem Poppigen bekannt geworden. Eigentlich war das nie unser Ziel, aber irgendwie wurde es als Pop bezeichnet.

Findet ihr, dass der Begriff eher negativ belegt ist?

Tobias: Absolut nicht! Es gibt ja auch gute Popmusik. Eigentlich heißt es ja auch nur, dass es populär ist, und die Genregrenzen sind heutzutage doch eh total egal. Ich finde es allerdings schade, dass einige sich da sehr versteifen. Nach dem Motto: „Der macht Pop, der ist scheiße!“

Adrian: Es geht bei vielen auch um die eigene Identität, die sie bewahren möchten. Sie sehen sich als Teil einer für sie exklusiven Subkultur, möchten nicht, dass andere daran teilhaben, und finden alles andere doof. Im Prinzip gibt es doch nur zwei Genres: gute und schlechte Musik. Und wer welchen Sound in welche dieser beiden Kategorien einordnet, ist doch klar subjektiv.

Ich fragte auch deshalb, weil ihr neben eurem Erfolg auch viel Kritik einstecken musstet. Ihr polarisiert. The Guardian betitelte euer erstes Album als „mixed bag of wannabe summer hits“. Wie geht ihr mit solch einer Kritik um?

Tobias: Bitte? Ich weiß jetzt nicht, ob Acht-Minuten-Tracks unbedingt als Sommerhits bezeichnet werden können. Aber ganz ehrlich, schlechte Kritik gibt es immer. Wenn es einem nicht gefällt, dann ist das halt so. Ich glaube, der Einzige, der Musik gemacht hat, die wirklich jedem gefällt, war Michael Jackson – ansonsten ist das utopisch.

Bei „All Eyes On You“ und „Berlin“ hört man meiner Meinung nach auch stark heraus, dass ihr euch für Techno interessiert habt.

Adrian: Das sticht immer mal wieder heraus, stimmt. Auch auf dem neuen Album wird es Stücke geben, die alles andere als poppig sind.

Euer neues Album soll 2018 erscheinen. Wie weit seid ihr damit?

Adrian: Das ist so ziemlich fertig, es sind nur noch Kleinigkeiten, die wir ändern wollen. Wir sitzen an dem Album jetzt schon drei Jahre. Was das neue grundsätzlich vom ersten Album unterscheiden wird, ist, dass es definitiv mehr Struktur haben wird. Bei „Netzwerk“ war es so, dass wir ein paar Songs hatten, den plötzlichen Erfolg hatten – und am Ende fühlte sich das Album für uns persönlich eher wie eine Compilation an. Dieses Mal haben wir uns von Anfang an hingesetzt, ein Konzept erstellt und uns viel mehr Gedanken über die Herangehensweise gemacht. Wir haben uns auch gesagt, dass wir nicht wie vorher unter der Woche immer nur mal schnell zwei oder drei Tage ins Studio hüpfen wollen. Stattdessen haben wir uns wirklich für jeden einzelnen Song Zeit genommen, lange an den Songs geschrieben, sie durchproduziert. Also, es steckt einfach mehr Struktur dahinter!

Tobias: Musikalisch wird man das auch merken, denke ich. Wir haben uns viel Wissen angeeignet, wir haben viel probiert und bei den Produktionen steckt viel mehr Know-how dahinter.

Für eure neue Single „Jericho“, die auch auf dem Album zu finden sein wird, habt ihr Mando-Diao-Sänger Björn Dixgård mit ins Boot geholt. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Adrian: Wir wollten schon länger mal etwas zusammen machen und nun haben wir es endlich geschafft, uns gemeinsam im Studio zu treffen. Wir müssen aber dazu sagen, dass da nicht nur Björn mitgeschrieben hat, sondern auch Jens Siverstedt von Mando Diao. Wir haben uns gleich sehr gut verstanden und daher ging die ganze Arbeit auch sehr leicht von der Hand. Wir haben uns beim Feiern in Berlin kennengelernt.

Tobias: Das sind ja auch ganz lustige Jungs, die gehen öfter in Berlin feiern – wie wir ja auch. Da wir beim gleichen Label sind, kennen wir uns auch daher beziehungsweise waren uns gleich sehr vertraut.

Mando Diao haben ja dieses Jahr selbst ein Comeback mit ihrem neuen Album „Good Times“ hingelegt und sind nicht nur daher ständig auf Tour. Wie schwer war es, Björn Dixgård überhaupt in den Prozess einzubinden?

Tobias: Die Jungs wissen ja auch, dass Deutschland für sie ein großer Markt ist. Dementsprechend sind sie oft in Berlin. Wir haben es dann geschafft, uns für drei oder vier Studio-Sessions zu treffen; insgesamt hat es aber ein ganzes Jahr gedauert, bis wir dann alles bis zu den letzten Vocals durch hatten.

Wie konzipiert ihr eure Tracks denn generell?

Adrian: Da gibt es bei uns verschiedene Ansätze. Wir fangen meistens mit den Vocals an, entwickeln eine Harmonie und schauen, ob sich da eine Melodie ergibt, was auch meist der Fall ist. Ganz selten fangen wir mit einer Melodie an. Trotzdem haben wir da nie einen starren Produktionsprozess, dem wir immer und immer wieder folgen. Das muss einfach vom Feeling her passen.

Ihr seid auch dafür bekannt, dass ihr viel mit Vokalisten arbeitet und diese größtenteils aus verschiedenen Bereichen beziehungsweise Genres stammen. Wie geht ihr bei der Auswahl vor?

Adrian: Die Stimme ist natürlich ausschlaggebend, das ist ganz klar. Das zweite Kriterium ist, dass wir mit der Sängerin oder dem Sänger menschlich zusammenfinden. Dass wir uns verstehen und gut miteinander arbeiten können. Wir schauen aber nie darauf, aus welchen Genres sie jeweils stammen. Auch gucken wir nicht, ob die Leute gerade einen Hype erfahren und wir nur wegen des Namens einen Vorteil hätten. Die Farbe der Stimme ist das A und O!

Kurze Zwischenfrage: Habt ihr schon mal überlegt, den Spieß umzudrehen und selbst zu singen?

Adrian: Das ist witzig, dass du das fragst! Tatsächlich wird es auf dem neuen Album einen Track geben, in dem ich selbst singe. Aber ich werde nicht verraten, welcher das ist.

Ihr habt zu vielen eurer Songs teils sehr aufwendig produzierte Musikvideos präsentiert. Ganz besonders in Erinnerung blieb mir das Video zum vorhin schon angesprochenen Track „All Eyes On You“, das von Edward John Drake in einem Take produziert wurde. Wie viel Zeit nimmt so ein Video bei euch ein und wie viel Mitsprache habt ihr dabei überhaupt? 

Adrian: Unsere Philosophie ist da ganz einfach: Wenn ein Regisseur kommt und eine gute Idee hat, dann wollen wir ihm auch seine künstlerische Freiheit lassen und nicht reinfunken. Das von dir angesprochene Video ist ein tolles Beispiel dafür, wie gut das klappt. Was wir da wollten, war ein düsteres Video – und der Rest ist von Drake selbst gekommen. An dieser Stelle können wir auch mal ein großes Lob an alle Regisseure aussprechen, mit denen wir bisher zusammengearbeitet haben! Obwohl wir immer sehr wenige Informationen geben, sind stets tolle Ergebnisse entstanden. Jörg, der die neuen Videos zu „Time“, „Circuits“ und „Jericho“ gemacht hat, hat auch eine ganz tolle Bildersprache und es passte super zu dem, was wir uns am Anfang vorgestellt hatten.

Tobias: Bei den neuen Videos – so auch bei „Jericho“ – haben wir nur Stichworte wie Umwelt, Zerstörung oder Konsum vorgegeben. Dann bringt der Regisseur noch Ideen ein und die, die uns am besten gefallen, werden umgesetzt. Und da du gerade das eine Video erwähnt hast: Mit Edward Drake würde ich auch gerne noch mal zusammenarbeiten.

Das würde sich doch für das neue Album anbieten, oder nicht? Geht ihr denn auf die Regisseure zu oder kommen die eher zu euch?

Adrian: Auf jeden Fall! Das haben wir uns auch schon gedacht. Bisher war es immer so, dass alle auf uns zugekommen sind, wir haben bisher niemanden aktiv angefragt. Ich denke, bei Drake wird es nun das erste Mal sein, dass wir das von uns aus initiieren.

Wir haben jetzt die ganze Zeit nur über eure Produktionen geredet, nicht aber über euer DJ-Dasein. Es kommt mir jedoch generell so vor, dass ihr eher als Produzenten bekannt seid, weniger als DJs, obwohl ihr regelmäßig auflegt. Täuscht das?

Adrian: Ich glaube schon. Aber unsere DJ-Sets unterscheiden sich auch sehr von unseren Produktionen, vielleicht spielt das eine Rolle. Wenn wir auflegen, dann sehr technolastig. Für manche ist es auch schon zu viel, einige erwarten von uns eher deepen Sunshine-House, aber hier bleiben wir unseren Anfängen treu. Wie ich auch schon zuvor sagte: Im Club hast du ein ganz anderes Gefühl als im Studio. Im Club würde ich Pop-Songs gar nicht aushalten, das ist viel zu schnell und da ist zu viel los in den Tracks. Es ist auch so, dass wir, wenn wir auflegen, recht wenig von unseren eigenen Songs spielen. Dafür haben wir dann die Live-Sets, die wir performen; so halten wir die Balance.

Tobias: Das führt manchmal auch zu sehr skurrilen Situationen. Wenn wir auf einem Festival auf der Mainstage stehen und dann im schlimmsten Fall auch noch vor und nach uns jeweils ein EDM-DJ dran ist. Aber da bleiben wir eiskalt.

Aus dem FAZEmag 070/12.2017 
Text: Janosch Gebauer
Foto: Lena Kauck
www.klangkarussell.com

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