Berlin ist nicht nur die Hauptstadt der Bundesrepublik und mit momentan 3,5 Millionen Einwohnern die größte Stadt Mitteleuropas, sondern seit einigen Jahren auch das Mekka für Musikliebende und Musikschaffende aus allen Teilen der Welt. Unzählige Clubs und die Möglichkeit, jeden Tag in der Woche nahezu jede Musikrichtung live oder im Clubkontext aufsaugen zu können, hat Berlin zu einer der wichtigsten Anlaufstellen für Musiker, Produzenten und DJs weltweit werden lassen. Da verwundert es nicht mehr, dass auf den Straßen Englisch, Französisch, Spanisch, Türkisch und Portugiesisch genauso selbstverständlich gesprochen werden wie Deutsch. Diese Vielfalt an Einflüssen und Optionen bietet natürlich auch Gefahren. Zum Beispiel die, sich zu sehr treiben zu lassen oder in der Flut an jungen Produzenten unterzugehen. Wir waren mit FAZE TV in Berlin, um einer jungen Künstlerin mit einer bewegten Lebensgeschichte zum Debütalbum zu gratulieren und mit ihr Berlin zu erkunden.

Simina Grigoriu ist in Bukarest geboren, doch als sie drei war, sind ihre Eltern aufgrund des Ceausescu-Regimes mit ihr nach Toronto emigriert. Nach der späteren Trennung ihrer Eltern lebte sie mit Mutter und Geschwistern in der kanadischen Metropole und besuchte in den Sommermonaten ihren Vater in Rumänien, nachdem im Zuge der Rumänischen Revolution von 1989 das Regime von Ceausescu gestürzt werden konnte. Sie erinnert sich an die beiden verschiedenen Welten: „In Toronto kann man nicht viel machen als Teenager. Du kannst Fahrrad fahren oder ins Kino gehen. Auf die Dauer langweilt dich das. In der Schule war ich immer das größte Mädchen und deswegen eine Art von Außenseiter. Es war für mich total überraschend, als sich irgendwann Jungs für mich interessierten. Ich versuchte, mich unter großen Caps und in weiten Hosen zu verstecken. In Rumänien war es ganz anders. Hier war ich akzeptiert, konnte schon als 13-Jährige Discotheken besuchen und Alkohol bestellen. Das war aufregend, und ich sog viele verschiedene Musikrichtungen in mich auf.“

Hörte sie in Kanada noch hauptsächlich Rock und Grunge, entdeckte sie in den Sommermonaten ihre Liebe zu Rave und Jungle. The Prodigy war zu der Zeit ihre Lieblingsband. „Ich trug die weitesten Hosen der Stadt und hatte einen blond gefärbten Schopf. Ich sah urkomisch aus.“ Obwohl sie als Kind klassisch musikalisch erzogen worden war mit Geigen- und Klavierunterricht, verfiel sie doch relativ früh der elektronischen Musik, besuchte Raves und begann in Clubs an der Bar zu arbeiten. So entwickelte sich auch schnell das Interesse am Auflegen. Gerade, als sie es geschafft hatte und in einem der angesagtesten Clubs Torontos eine eigene Nacht hosten durfte, lernte sie über einen guten gemeinsamen Freund Paul Kalkbrenner kennen. Paul macht gerade Promo für seinen Film „Berlin Calling“ und wie im Klischee- hollywood-Blockbuster hat es direkt ‚Klick‘ gemacht. Bereits nach kurzer Zeit stand Siminas Entschluss fest, Paul nach Berlin zu folgen und ihre Residency in den Wind zu schreiben. Das war vor vier Jahren. Zu einer Zeit, als PK noch nicht der Superstar war, der er jetzt zweifellos ist. „Ich kannte seine Musik auf BPitch Control und mochte sie sehr. Ich denke, es ist gut, dass ich ihn kennengelernt habe, bevor der ganze Rummel um ihn und den Film losging. Wahrscheinlich hätten wir uns nicht leiden können. Wir haben beide recht große Egos“, sagt sie, während wir in einem ihrer Lieblingsrestaurants ganz in der Nähe ihrer Wohnung sitzen. Wir sind hier mit ihrem Bruder zum Essen verabredet, der anlässlich ihrer bevorstehenden Hochzeit mit Paul in der Stadt ist.

Obwohl sie sich sofort in Berlin wohlfühlte, verlief ihr DJ-Anfang in Deutschland beschwerlich. Sie wurde von einer ostdeutschen Agentur verbucht und musste sich jedes Wochenende
auf eine neue Situation einstellen. „Ich glaube, ich kenne mittlerweile jeden noch so kleinen Club in Ostdeutschland.“ Die Agentur hat einen guten Job gemacht und sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut verbucht, aber dennoch ist sie froh, jetzt bei Awake gelandet zu sein. „Ich liebe es zu fliegen. Deswegen macht es mir nichts aus, am Wochenende durch die Welt zu fliegen. Allerdings fliege ich nicht mehr über Wien, die waren da so unfreundlich. Generell liebe ich die Höhe und mag auch Bungee-Jumping.“

Musikalisch ist Berlin für sie ein Glücksgriff. Hier passiert an jeder Ecke etwas Spannendes. Und vieles davon hat sie in ihre Album-Produktion einfließen lassen. „Ich liebe Fieldsampling. Ich sample überall. Das Album hat viele urbane Einflüsse.“ Wer Simina im Rahmen der letzten Paul Kalkbrenner-Tour im Vorprogramm erleben durfte, wird von dem Sound ihres Debütalbums „Exit City“, das am 24. August auf Susumu Records erschienen ist, nicht überrascht sein. Es ist technoid, melancholisch, deep und stets auf den Dancefloor
ausgerichtet. An einigen Stellen hätte ich mir ein paar Vocals gewünscht, um dem melancholischen Vibe eine Stimme zu geben, aber das kommt alles noch: „Ich habe viele Monate
mit der Albumproduktion verbracht. Teilweise habe ich mich tagelang im Studio eingeschlossen. Und natürlich habe ich alles selbst produziert. Es ist nicht so, dass ich das Gefühl habe,
mit diesem Album schon alles ausgedrückt zu haben, was ich mitteilen möchte. Es gibt noch viele andere Facetten von mir, die ich noch in Tracks einbauen werde.“

Ein Highlight ist die Single „Kokopelli“, zu der die britische Sängerin MAMA die Vocals beigesteuert hat. „Ich bin sehr stolz auf diese Zusammenarbeit, die durch meinen Remix für
ihre Single ‚Horses‘ entstanden ist. Das Lied beinhaltet Teile eines Kinderliedes, das mir meine Mutter früher vorgesungen hat. Deswegen ist es ein ganz besonderes Stück für mich.“
Aber auch die anderen Tracks auf dem Album können sich hören lassen. „Acid Wash“ versprüht ein trippy-roughes Tribal-Feeling und der Titeltrack „Exit City“ verbindet Deepness
mit Druck und dürfte schon in Bälde in vielen Playlisten zu finden sein. Der Name ist kein Hinweis auf Siminas Wunsch, die Stadt hinter sich zu lassen und aufs Land zu ziehen, sondern ergab sich einfach: „Ich bin aus der Bahn gestiegen und habe das Schild ‚Ausgang City‘ gesehen. ‚Exit City‘, dachte ich. Was für ein super Name für meine Platte.“

Doch jetzt steht erst einmal die Hochzeit mit Paul an und danach folgt das neue Artistalbum ihres Ehemannes. Auf die Frage, ob er ihr bei der „Exit City“-Produktion geholfen
habe, antwortet sie frei heraus: „Natürlich habe ich ihm die Stücke vorgespielt, seine Meinung ist mir ja wichtig. Allerdings würde er nie sagen, ändere dies oder das. In der Produktionsphase habe ich lediglich um seinen Rat gebeten, wenn mir ein spezieller Sound in einem Track nicht gefallen hat. Also, wenn ich eine Clap anders haben wollte oder eine Bassdrum runder klingen sollte. Ansonsten produziert er seine Musik und ich meine.“

Wer Simina im Bewegtbild über ihr Album erzählen sehen möchte, sollte www.fazemag.de/faze-tv checken, denn wir haben eine ganze Woche mit der sympathischen Wahlberlinerin
verbracht. Tag Eins findet ihr hier: http://bcove.me/2lubdpxl / Sven Schäfer

www.siminagrigoriu.com