Nur wenige Künstler schaffen es, ihre Vision von elektronischer Tanzmusik so oft zu ändern, und noch weniger schaffen es, dabei auch ständig im Fokus der Szene zu bleiben. Einer, der das schaffte, ist Jose Antonio Rios Ferro, der seit den Neunzigern als Toni Rios unterwegs ist. Als gebürtiger Wetzlarer mit spanischen Wurzeln war das Rhein-Main-Gebiet schon immer seine Heimat, mit der er sich bis heute sehr verbunden fühlt, wie im Gespräch klar wird. Nun erscheint sein mittlerweile fünftes Studioalbum, „Facets“, und wir wollten erfahren, welche Facetten ihn, seine Heimat und seine Zukunft ausmachen. Ein Protokoll über enthusiastische Heimatliebe und musikalische Reflexion.

Toni Rios by Edward Park

Während Frankfurt vor allem vor der Jahrtausendwende im deutschen Raum als die Techno-Metropole der Republik schlechthin galt, scheint das Rhein-Main-Gebiet heute bis auf wenige Ausnahmen eher ein verschlafenes Nest zu sein. Dorian Gray, Omen, das vormalige Aushängeschild deutscher Technokultur, Cocoon, U60311: Das sind Clubs, die die Entwicklung der elektronischen Szene in Deutschland geprägt haben und auch in und um Frankfurt eine große Szene entstehen ließen. Die beiden Letzteren schlossen ihre Türen erst vor wenigen Jahren, trotzdem fühlt es sich wie eine kleine Ewigkeit an, dass Frankfurt von der Karte der internationalen Relevanz gesprungen ist. Ausgenommen sind natürlich das Tanzhaus West sowie das Robert Johnson in Offenbach, die im besagten Raum zwar fast schon einsam, aber sehr erfolgreich die Fahne hochhalten. Als alteingesessener und maßgeblich prägender Künstler aus der Region sieht Toni Rios das differenzierter als so manch anderer: „Die Stadt schläft nicht, es verteilt sich mittlerweile nur alles sehr, wenn es um die elektronische Szene geht. Wir haben viele Off-Locations, wo Partys veranstaltet werden, es passiert also schon viel hier“, schwärmt Rios von seiner Heimat, während sowohl sein Gesicht als auch seine Stimme puren Idealismus und Enthusiasmus ausstrahlen. Kein Wunder, war Rios doch selbst jahrelang Resident in Clubs wie dem Omen, Cocoon und U60311 und führt mit zwei Freunden und Partnern nun die Reihe „Vicious Club“, die seit diesem Jahr in einer Beach-Bar angesiedelt ist. „Was jedoch zu wünschen übrig lässt, ist die Unterstützung des Frankfurter Sounds. Wenn du auf die Download-Portale gehst, siehst du ‚Berlin bei Nacht‘, ‚Berliner Sound‘, du wirst regelrecht zugeschüttet mit dem Berliner Sound. Aber aus Frankfurt kommt nichts mehr, und das macht mich echt traurig. Frankfurt war eine Hochburg und wir haben verdammt viele Künstler, aber hier dreht sich alles um die Veranstaltungen selbst, nicht um den Sound. Hier gibt es viele Artists, die verdammt gut sind, und die will ich fördern!“ Mit dieser Förderung spricht Toni eine neue Compilation an, mit der er den „New Sound from Frankfurt“ in die weite Welt tragen will. Bestenfalls solle diese noch in diesem Jahr auf den Weg gebracht werden und von der Klangvielfalt her so abwechslungsreich sein wie die Szene selbst, sagt er.

Dass Toni Rios generell ein großer Freund von divergierenden Stilen ist, macht sich vor allem auf seinem neuen Album „Facets“ bemerkbar. Sein mittlerweile fünfter Longplayer liefert, wie der Name es schon andeutet, eine facettenreiche Bandbreite unterschiedlicher Stile in 13 Tracks. „Das Album spiegelt genau das wider, was ich bin“, fasst er zusammen. „Ich wollte all meine Facetten zeigen, die mich in den letzten Jahren geprägt haben.“ Old-School-House, melodiöser Techno bis hin zu härteren Tönen oder gar Acid: Mit „Facets“ bündelt Toni Rios die verschiedenen musikalischen Stationen seiner Karriere in einer Platte. „Diese vielen Facetten resultieren auch aus meinem DJ-Dasein. Ich lege ja sehr abwechslungsreich auf, mache gern mal das Warm-up, spiele Vocals, Techno und viele verschiedene Stile. Ich habe mir einige Songs, die ich spielte, dann als Inspiration für die verschiedenen Stimmungen genommen. Ich habe im Endeffekt versucht, das, was ich auflege, in einem Album widerzuspiegeln.“

Entstanden ist „Facets“ mit Unterstützung von BluFin-Labelchefin Andrea Engels und mithilfe des Produzenten und langjährigen Partners André Walter, der vor allem durch seine enge Zusammenarbeit mit Chris Liebing bekannt wurde und mit diesem auch die Labels Stigmata sowie CLR-Records betreibt. 1994 erschien auf dem legendären Label Eye-Q das erste Release von Aquaform, dem gemeinsamen Projekt von Walter und Rios, 1995 spielte Walter auch beim ersten eigenen Release von Rios eine große Rolle. „Zwischenzeitlich war ich ja viel mit Jörg Henze unterwegs, mit dem ich auch das Label Danza Electrònica ins Leben gerufen habe, das wir bis 2004 geführt haben“, erzählt der Wahl-Frankfurter. Die Zusammenarbeit endete, da beide musikalisch getrennte Wege gehen wollten und Toni nun das Genre Tech-House als sein Steckenpferd sah. Trotz der Tatsache, dass sowohl Winter als auch Rios in ihren anfänglichen Jahren eine ganz andere musikalische Vision im Kopf hatten, funktioniere die erneute Zusammenarbeit zwischen den beiden mehr als gut, berichtet Toni. „André ist ja durch und durch Produzent. Obwohl er musikalisch gesehen für Stigmata steht, den Schranz quasi miterfunden hat und EBM feiert, kann er ganz schnell den inneren Schalter umlegen. Ich schicke ihm eine Idee und er sendet mir einige Stunden später ein fast fertiges Ergebnis. Die Zusammenarbeit mit ihm will ich echt nicht mehr missen.“

Die bereits erschienene Vorab-Single „Closer To You“ schließt den Kreis zur am Anfang angesprochenen Heimatliebe. Die prägnanten Vocals des Tracks stammen von der jungen Künstlerin NivesKa, die ebenfalls im Rhein-Main-Gebiet beheimatet ist. „Der Song selbst war 2017 schon fertig. In der ursprünglichen Version kamen die Vocals allerdings von einem Sampler, der schon Millionen Mal zu hören gewesen war, wie ich später merkte. Ein Freund von mir hat NivesKa zu mir ins Studio eingeladen, ihr habe ich den Track gezeigt und sie hat unerwartet nebenbei mitgesungen. Das klang für mich perfekt und daher habe ich sie gefragt, ob sie nicht Lust hätte, die Vocals für diesen Track beizusteuern. Wir werden dieses Projekt‚ Toni Rios feat. NivesKa, noch weiter forcieren; das ist etwas, worauf ich richtig Bock habe. Ich liebe ja diesen Classic-House- bzw. New-York-House-Stil und da kommt mir diese Zusammenarbeit sehr entgegen.“ Bevor sich die Fans aber auf neue musikalische Facetten in Form von neuen Projekten freuen dürfen, liegt der Fokus natürlich auf dem anstehenden Album, zu dem auch eine entsprechende Tour geplant ist.
Aus dem FAZEmag 079/09.2018
Text: Janosch Gebauer
Foto: Edward Park
www.tonirios.com

 

 

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