Auf die vergangenen Jahre zurückblickend, war Trance für mich persönlich eine der wichtigsten Richtungen der elektronischen Musik, die mich weitläufig geprägt und unabhängig von verschiedenen Trends, ständig begleitet hat. Zu meinen Lieblingslabels aus der Vergangenheit gehört unter anderem Perfecto, das 1989 in England von Altmeister Paul Oakenfold gegründet wurde. Nostalgisch denke ich an Oakis Compilations wie „Travelling“ und „Great Wall“ aus den Jahren 2000 und 2003 als Sinnbild des „perfekten“ und individuellen Trance-Sounds zurück.
Diese wurden durch einen melodisch undergroundigen Touch geprägt, verloren aber dabei nie ihren poppigen Charakter, wie auch Paul selbst in seinen Releases und zahlreichen Remixen für Madonna, U2, Justin Timberlake oder sogar Elvis Presley. Die Philosophie des Labels ist gewesen, neue Talente zu Produktionen ermutigen, jedoch diese nicht zu kommerziellen Sounds oder Kompositionen zu zwingen. Dass sie dabei Unterstützung von einem Labelboss erhielten, der in der gesamten Musikindustrie als Produzent, Remixer und sogar Filmmusik-Komponist diverse Auszeichnungen erhielt und einen über jeden Zweifel erhabenen Ruf genoss, stellte sich nicht als Hindernis heraus. Leider muss ich jedoch feststellen, dass nachdem Perfecto vor einigen Jahren als Sublabel von Armada Music übernommen wurde, der Funke der Vergangenheit nicht auf die Gegenwart übergesprungen ist. Die aktuelle Single „Pop Star“ ist grundsätzlich eine gute Nummer, die auch mit einem gewissen Popcharakter und Robert Vadneys Stimme rockt, jedoch klingt das alles im Vergleich zu vorherigen Releases nicht besonders herausragend oder neu. Sicherlich zeichnet sich Perfecto immer noch durch einen recht eigenständigen Sound aus, im Hinblick auf frühere Eigenschaften des Labels ist jedoch eine zunehmende Kommerzialisierung und ein Mitschwimmen nach aktuellen Trends erkennbar. Vielfältig ist die internationale Auswahl der Remixer, die von DJ Feel und Eximinds jeweils aus Russland, Yahel aus Israel, allesamt in Ordnung ist, wobei mich persönlich aber nur die Interpretation des Holländers Phynn wirklich anspricht. Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass Perfecto versucht, auch wieder an Traditionen anzuknüpfen und das mit einem bestimmten Überraschungsfaktor. Das Potential ist definitiv vorhanden. Ungewöhnlich positiv überrascht hingegen hat mich in diesem Monat „Ordinary World“ der Finnen Tom Fall & Heikki L auf Zouk Recordings. Es handelt sich um einen tollen proghousigen Ohrwurm mit brillanten Vocals von Ben Andreas, in Begleitung eines eingängigen Pianos, untermalt mit himmlischen Streichern. Zugegebenermaßen ist es nicht einfach, in der heutigen Zeit einen Tune zu finden, der sich inmitten Hunderter stilistisch ähnelnder Releases nach dem ersten Hören einprägt, und dies, obwohl man vom Radio, oder irgendwelchen Großraumdiscoketten Resident DJs penetrant nach zehn Repeats am gleichen Tag dazu gezwungen wurde. „Ordinary World“ ist ein gutes Beispiel dafür wie auch eine Bestätigung, dass nicht ausschlaggebend ist, welche Tools oder Plug-Ins bei der Produktion verwendet wurden, sondern schlicht und einfach, ob der Track emotional das gewisse Etwas auslöst oder nicht. Beide Versionen bieten 100% Feel-Good-Faktor, und sind auch super geeignet als Motivator für die Morgenmuffel, die Schwierigkeiten haben, früh aus dem Bett zu kommen.

Richtig poetisch mit einem orchestralen Touch lehnt sich an ein antikes Klagelied aus dem fernen Russland Alexander Popovs „Elegia“ an. Konstant mit einer progressiven Tiefe zeichnet sich das instrumentale „Carmen“ mit einer steigernd erhellenden Melodie und langen Flächen als ein Beispiel für Dramatik aus. Nicht verwunderlich, dass Armin van Buuren diesen Track einige Zeit exklusiv für seine Sets vorbehalten hat, letztendlich jedoch auf Armind nun dieser auch an die Öffentlichkeit freigegeben wurde. Rein intuitiv beim Hören ohne Vorkenntnisse könnte man zwar meinen, dass die Produktion vielleicht von Armin selbst ist, da sie sehr stark seinen eigenen symphonischen Releases ähnelt. Letztendlich wird aber eine eigene Geschichte mit Schwebefaktor erzählt und ist einfach mal als echtes Armind Release zu betrachten.

Echt schön ist auch die Album Version von „The Real You“ des Dark Matters Projekts mit Vocals von Jess Morgan anzuhören, die eine Auskopplung des „Fallen Feathers“ Albums auf S107 ist. Eine entspannende Down-Tempo-Ballade für zwischendrin und die ganz ruhigen Momente des Tages. Sollte man von der palmigen Chill-Out Atmosphäre genug haben, bietet das Paket mit zwei kontrastreichen Remixen viel Abwechslung. Mit knapp 137 BPM steuert Jorn Van Deynhoven eine charakteristisch upliftige Version bei, die aber das Gesicht des Original-Themas nicht verliert. Progressiver und mit 10 BPM weniger geht es im Remix des holländischen Duos DubVision zu, das dem kompletten Paket das Tüpfelchen auf dem I verleiht und hier keine geschmacksspezifischen Wünsche offen lässt.

Offene Wünsche bleiben auch keine bei der aktuellen Auswahl von Markus Schulz auf seinem eigenen Coldharbour Imprint, und der 28. Ausgabe seiner Mini-Compilation- Reihe „Coldharbour Selections“. Die Auswahl der Tracks hierfür beruht auf einer besonders positiven Resonanz in bestimmten Zeitabständen der Hörer von Markus‘ wöchentlicher Global DJ Broadcast Radio Show. Ich bekenne mich, selbst ein ganz großer Fan des Labels und auch von Markus Schulz zu sein, weil die Sachen schlicht und einfach gut sind sehr gut sogar. Es gibt kein Release, das mir bisher wenig zusagte, der Sound ist zeitgemäß und geht gut nach vorne, und besonders zu betonen ist dabei, dass das alles komplett von Markus selbst entwickelt worden ist. Wenn man Schulz-Sound hören möchte, weiß man dass man Schulz-Sound bekommt, was zu einer sehr großen Individualität dieses Künstlers beiträgt. „Mosni“ des Rumänen Adrian Ivan, oder besser bekannt als Mr. Pit, wurde Ende Oktober letzten Jahres auf dem Escape To Wonderland Festival in Kalifornien zum ersten Mal von Markus präsentiert und fand nach weiteren Einbindungen in der wöchentlichen Radioshow und Touren rund um den Globus, wahrscheinlich nicht nur wegen der hypnotischprägenden Melodie, einen sehr großen Anklang bei den Fans. Ähnliche Anerkennung bekam das irische Duo Tucandeo für „Nibiru“. Eine tiefe Bassline und die verträumte Melodie könnten dem Namen der babylonischen Gottheit gerecht werden, auf welche der Titel anspielt. Jüngste Entdeckung: „Starfall“ des 20-jährigen Russen Sensetive5 führt mit einer dunklen Bassline und verschiedenen progressiven Schichten einen entwickelnden Aufbau bis zum wunderschönen Piano-Break hin, das von einem stampfenden Beat abgerundet wird.

In Anbetracht der vielfältigen Bandbreite und ständig neuen ans Licht tretenden Künstlern wie auch stark melodischen Einflüssen in anderen Richtungen der elektronischen Musik, ist es unschwer erkennbar, dass Trance keine unterentwickelte Modeerscheinung ist, wie einige behaupten, sondern ein langjähriger Techno-Wegbereiter, was sich an der zunehmenden globalen Popularität und auch Bildung neuer Szenen widerspiegeln lässt.

Bis nächsten Monat
Damian Duda