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Wirft man einen Blick auf die Karriere des im Nettetal am Niederrhein groß gewordenen André Hommen, erkennt man neben dem glücklichen Zufall, dass er eines Tages Dennis Ferrer getroffen hat, eine enorme Beständigkeit. Mit seinen Produktionen und nicht zuletzt mit seinen frenetisch gefeierten DJ-Sets schafft er es nicht erst seit gestern, immer wieder in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. 2009 debütierte er gemeinsam mit Gorge auf dem von Ferrer gegründeten New Yorker Imprint Objektivity. Es folgten waschechte Hits wie „Battery Park“ – Platz 7 in den Top 100 von Resident Advisor 2015 –, sein Remix für Ane Bruns „To Let Myself Go“, welcher zu den meistgespielten Tracks beim Amsterdam Dance Event 2014 zählte, sowie seine Interpretation von Fritz Kalkbrenners „Void“. Aktuell spielen Szene-Connaisseure wie Dixon, Âme und Co. seinen neuesten Track „Bassari People“. Der Hype um André Hommen wird größer und größer. Wir sprachen mit ihm über Vergangenheit, Gegenwart und die Tatsache, dass die wahren Highlights erst noch anstehen.

Wo bist du gerade und wie geht es dir?

Aktuell sitze ich im schönen Nettetal, draußen im Garten, und höre mir das neue Album eines sehr guten Freundes an. Ich kann leider den Namen nicht nennen, da es noch absolut geheim ist. Aber ich bin sehr positiv überrascht von den Tracks und daher geht es mir auch hervorragend hier. Es ist die perfekte musikalische Untermalung, um jetzt so ein Interview zu führen. Man würde es auf jeden Fall in dieser Form erst mal nicht von ihm erwarten und ich bin mir ziemlich sicher, dass er die gesamte Szene damit überraschen wird.

Das klingt sehr spannend. Lass uns über das aktuelle Jahr sprechen: Wie war 2016 bislang für dich?

Das Jahr verlief bisher gut – viele neue Erlebnisse und auch zahlreiche gute Gigs. Meine neuste EP „Bassari People“ kommt auch ganz gut an und es stehen einige neue Produktionen an, sodass ich mich in der nächsten Zeit so gut wie komplett auf das Touren konzentrieren kann. Es wäre aber noch zu früh, um Highlights dieses Jahres auszumachen, denn die eigentlichen kommen meiner Meinung nach erst noch, so z. B. Gigs in Südamerika, meine persönliche Fortführung der Hassliebe zu Ibiza sowie eine große Asien- und Australien-Tour im November. Des Weiteren ist es an der Zeit, den nächsten Schritt zu gehen und noch ein ganz eigenes Label an den Start zu bringen.

Erzähl uns davon! Welche Idee wirst du dabei verfolgen?

Viel kann und möchte ich eigentlich noch nicht sagen, aber ich denke, es ist einfach richtig, diesen nächsten Schritt zu gehen. Momentan schießen die Labels ja nur so aus dem Boden und ja, nicht jeder sollte direkt ein eigenes machen. Aber ich will mich einfach dieser Herausforderung stellen, denn ich habe jetzt mit Objektivity lange genug ein Label gemacht und möchte nun gerne eine neue Plattform kreieren – mit speziellerem Sound. Das hat auch im Grunde nichts mit dem Sound von Objektivity zu tun, es wird etwas ganz Eigenes sein. Die ersten drei Releases stehen bereits, die erste EP kommt natürlich von mir und wird den gleichen Namen wie das Label tragen. Die darauffolgenden zwei EPs kommen nicht von Newcomern und ich freue mich daher umso mehr, dass ich direkt Leute solchen Kalibers für dieses neue Projekt gewinnen konnte. Zu jedem Release wird es ein limitiertes Vinyl geben und, wie gesagt, mir ist wichtig, dass es nicht einfach noch ein weiteres Label ist, sondern etwas anderes als das, was man bereits zu Genüge kennt. Ich bin gespannt auf die ersten Feedbacks.

Wie bereits erwähnt, betreibst du gemeinsam mit Dennis Ferrer das Label Objektivity. Wie habt ihr euch kennengelernt bzw. wie kam es dann zu der Zusammenarbeit?

Im Grunde war das ein sehr großer und glücklicher Zufall. Wir waren immer irgendwie im stetigen E-Mail-Kontakt und irgendwann hatte er mich dann gefragt, ob ich ihn bei seinem damals neuen Label ein wenig unterstützen möchte, und mich an seine damalige Managerin verwiesen. Zuerst war ich also von Deutschland aus im Hintergrund aktiv, habe ein wenig Backup gemacht, Releases vorbereitet und koordiniert und vieles mehr. Irgendwann wurde es immer mehr und er fragte dann, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm dauerhaft auf Tour zu gehen. Das war natürlich eine riesige Sache für mich und letztendlich waren es auch die drei einflussreichsten Jahre meines Lebens. Wir waren wirklich so gut wie überall auf der Welt gemeinsam und haben gespielt. Wenn man so lange zusammen auf Tour ist, wächst man natürlich auch zusammen und während dieser Zeit habe ich das Label dann komplett übernommen. Im Grunde bin ich als Fan gestartet und habe mich dann weiterentwickelt. Rückblickend auf jeden Fall eine kuriose und witzige Geschichte.

Was ist dir aus diesen drei Jahren besonders in Erinnerung geblieben?

Einiges! Wir waren ja wirklich überall – außer in Australien. Klar, jetzt ist es immer noch abgefahren und ereignisreich, aber wenn man solche Eindrücke das allererste Mal erlebt – und dann auch noch zu zweit ist –, dann ist es natürlich etwas sehr Besonderes. Wir hatten wirklich verrückte Trips. Einmal waren wir in Angola, haben dort in Luanda in einem Club direkt am Strand gespielt und erlebten einen extrem speziellen Moment, als die Sonne aufging und wir quasi hinter uns die ganzen Fischer sehen konnten, während vor uns noch immer 1.000 Leute getanzt haben, die wie verrückt durchgedreht sind. Oder das erste Mal im Space in Miami – das war natürlich auch sehr kurios. Dort geht es ja bekanntermaßen sehr oft sehr lange, sodass wir insgesamt wohl 14 oder 15 Stunden gespielt haben – was für dortige Verhältnisse noch recht wenig ist. Marco Carola und Loco Dice spielen da gerne mal 24 Stunden am Stück. Natürlich war auch nicht jeder Gig so, aber rückblickend muss man schon sagen, dass 85 % der Gigs wirklich super waren und wir immer sehr viel Spaß hatten. Da war einfach alles dabei. Vom Flieger in den Club und wieder in den Flieger und in den Club oder innerhalb von knapp 20 Stunden in Kroatien beim Suncebeat Festival, in Amsterdam bei Welcome To The Future und in London bei Ministry Of Sound. Danach wacht man auf und muss erst mal stark überlegen, wo man denn gerade ist. Ich könnte noch ganz viele Storys erzählen – alles in allem war es eine fantastische Zeit, für die ich auch sehr dankbar bin.

Wie würdest du Dennis‘ Einfluss auf deine Karriere und deine musikalische Entwicklung beschreiben?

Ich habe das schon oft gesagt und sage es auch immer wieder: ohne Dennis wäre ich niemals da, wo ich jetzt bin. Das klingt vielleicht im ersten Moment hart, aber letztendlich ist es so. Er hat mir sehr viel beigebracht, nicht nur was das Produzieren angeht. Er hat mir auch einfach viel an Lebenserfahrung mitgegeben. Das ganze Touren, wie man sich in fremden Ländern verhält, wie man mit dem ganzen Tour-Stress klarkommt und auch nach dem siebten Gig in fünf Tagen immer noch 100 % geben kann. All das hat er mir beigebracht und darüber hinaus eben auch musikalisch die Richtung vorgegeben. 2011 haben wir ja mit „No Difference“ sogar noch einen gemeinsamen Track gemacht. Da bin ich zu ihm nach New York ins Studio und innerhalb einer Woche haben wir das Ding gebastelt. Ich bin sehr stolz darauf, denn wer kann schon von sich sagen, dass er gemeinsam mit Dennis Ferrer einen Track produziert hat. Die Nummer lief sehr gut und kam sogar bis auf Platz 3 in den regulären Beatport-Charts. Auch heute tauschen wir uns weiterhin stark aus, wir schicken uns gegenseitig Promos zu, die wir entdeckt haben, und insbesondere für Objektivity müssen wir natürlich immer wieder regelmäßige Listening-Sessions einbauen. Das klappt auch meistens ganz gut, manchmal dauert es aber dennoch, bis Leute eine Antwort erhalten. Mittlerweile macht jeder zwar sein eigenes Ding, wenn wir aber eine Meinung brauchen, sind wir füreinander Ansprechpartner Nummer eins, so zum Beispiel bei neuen Tracks. Das ist auch gut und wichtig, weil wir über die Jahre ein eingespieltes Team geworden sind. Neben dem Musikalischen ist es auch toll, zu sehen, wie konstant und intensiv so eine Freundschaft wird.

Stichwort Produktionen: Du hattest in den letzten Jahren einige erfolgreiche, besonders „Battery Park“ im Jahr 2015, aktuell „Bassari People“. Was macht deiner Meinung nach genau diese Tracks so stark?

Das kann ich nicht genau sagen, ein Geheimrezept gibt es nicht. Ich sitze einfach da und probiere Sachen aus. Ich lasse Eindrücke von DJ-Gigs oder Reisen auf mich wirken und irgendwann kommt dann die eine Idee. Man setzt sich nicht hin und nimmt sich vor, einen Hit zu produzieren. Denn was ist ein Hit? Das weiß man vorher natürlich nicht. Man versucht einfach, den Nerv der Leute zu treffen und das mit dem zu vermischen, was man selbst gerne nach außen tragen will. Es gibt aber schon einen gewissen „André-Hommen-Sound“, denke ich. Ich wurde jetzt schon einige Male darauf angesprochen und – egal ob der Remix für Ane Brun oder für Fritz Kalkbrenner, ob „Battery Park“, „Introspectral“ auf Poker Flat oder die aktuelle „Bassari People/A.R.M.C.“ – es gibt immer Elemente, die sich in meinem Sound auf eine gewisse Art und Weise widerspiegeln. Und wenn mir das dann Leute, die ich im Club oder auf Festivals treffe, auch noch bestätigen, dann hat man meiner Meinung nach das Ziel erreicht.

Wie ist dein Workflow im Studio, welche Tools favorisierst du?

Mein Workflow ist eigentlich immer gleich. Am Anfang kümmere ich mich um das Drumming und danach probiere ich rum. Manchmal bleibt die Skizze auch erst mal liegen und ich fange etwas Neues an. Wichtig sind auch Pausen zwischendrin, weil es sonst oftmals in die falsche Richtung geht, zum Beispiel wenn man sich zu lange an einer gewissen Stelle aufhält. Ich habe auch kein wirklich favorisiertes Tool, aber es gibt den Moog Sub Phatty, der sich in all meinen bisherigen Produktionen wiederfindet und mir auch sehr ans Herz gewachsen ist (lacht).

Wie haben sich dein Sound und auch deine Produktionsweise seit deiner ersten Nummer „Marashi“ von 2009 mit Gorge deiner Meinung nach entwickelt?

Als wir „Marashi“ 2009 gemacht haben, hatte ich ja so gut wie keine Erfahrung mit dem Produzieren. Das hat sich dann im Laufe der Produktionsphase entwickelt und ich habe auch nach und nach Blut geleckt. Es gibt ja die Produzenten, die lieber DJ sind, und es gibt die DJs, die lieber Produzenten sind. Ich bin definitiv lieber der DJ, Dennis hingegen ist definitiv lieber der Produzent. Aber beides gehört halt irgendwie zusammen. Seit „Marashi“ ist natürlich viel passiert: Ich habe mich soundtechnisch verändert und auch meine Produktionsweise ist schneller geworden, es wird mehr Hardware genutzt und natürlich habe ich nun auch ein festes Studio-Setup. Das hilft enorm und irgendwann bist du halt in diesem Workflow drin, der extrem hilfreich ist, um Produktionen letztendlich auch abschließen und nicht nur anfangen zu können.

Wie bereits erwähnt, wirst du im November in Asien und in Australien auf Tour gehen. Was genau erwartet dich dort?

Ich war schon einige Male in Asien unterwegs und habe dort schon viel gesehen und vor allem erlebt. Der Vibe und die Clubs sind komplett anders als in Europa. Insbesondere Japan hat eine spezielle Energie, aber auch so kleine indonesische Städte wie Jogjakarta oder Bandung haben einen ultrapositiven Vibe. Ich finde es ja immer noch erstaunlich, dass man genau in solch kleinen Städten eine extreme Dankbarkeit verspürt, wenn man dort spielt. 2011 war Südostasien meine erste große Tour, gemeinsam mit Dennis Ferrer. Das war natürlich schon ein extrem krasser, aber positiver Kulturschock für den kleinen Jungen aus Nettetal und diese Tour wird mir auch immer in Erinnerung bleiben. Mein absoluter Lieblingsort ist Bali, dort spiele ich seit dieser besagten Tour vor fünf Jahren mindestens einmal im Jahr und jedes Mal ist es einer der besten Gigs des Jahres. Das gleiche gilt für den Club Kyo in Singapur. Australien ist der einzige Kontinent, auf dem ich noch nicht war, daher freue ich mich natürlich doppelt auf die kommende Tour im November.

Du bist Resident im Egg London sowie im Pacha in Barcelona und hast den gesamten Sommer 2014 auf Ibiza verbracht. Wie unterscheiden sich diese Hotspots voneinander, was macht sie aus?

Nun ja, Ibiza ist einfach Ibiza. Das weiß jeder, der schon mal da war. Das ist einfach eine kleine, aber eigene Welt, die man so wohl nirgendwo ein zweites Mal findet, und genau deshalb ist es auch so besonders und genau deshalb kommen auch die Leute immer wieder dorthin zurück. Als ich 2014 die ganze Saison dort verbracht habe, hatte ich allerdings auch genug am Ende. Es hat sich während dieser Zeit zu einer Love/Hate-Beziehung entwickelt. Als ich am Flughafen saß, ganz zum Schluss, war ich richtig froh, endlich von dort weg zu kommen. Als ich dann aber zu Hause angekommen bin, wollte ich am liebsten wieder zurück. Das schafft aber glaube ich nur Ibiza. Egg in London war bis vor Kurzem noch sehr speziell, um es mal so auszudrücken. Nun haben sie aber umgebaut und ich finde, es hat sich zum Positiven entwickelt. Vorher war das DJ-Pult in einer Art toten Ecke und man hatte kaum eine Verbindung zu den Leuten. Das haben sie nun geändert und ich bin sehr froh darüber. Das Pacha in Barcelona ist letztendlich ein Pacha und genau wie im Pacha auf Ibiza hört man die verschiedensten Musikrichtungen innerhalb einer Woche. Bisher war immer nur der Sonntag sehr undergroundig, nun versuchen sie, auch den Samstag etwas mehr in diese Richtung zu bringen. Ich musste mich jedenfalls soundmäßig noch nie verstellen oder anpassen und das macht den Club für mich aus, wenn dann trotz des Images und der vielen Richtungen alles so gut funktioniert.

Welche Highlights stehen in den kommenden Wochen an?

Ende Juli geht es nach Bogota. Dort hatte ich letztes Jahr meinen absoluten Highlight-Gig, da von Anfang bis Ende einfach alles gepasst hat. Ich habe dort sogar jemanden getroffen, der in Deutschland nur zehn Minuten von mir entfernt wohnt. Von dort aus geht es dann weiter auf ein Festival nach Aruba, und ja – es gibt sicherlich schlechtere Orte für ein Festival und es scheint dort schon wirklich besonders zu sein: Mich hat kürzlich das Auswärtige Amt in Aruba bereits auf Facebook markiert (lacht). Für August gibt es dann noch weitere Highlights wie zum Beispiel das Spellground Festival in Rumänien oder das MS Dockville direkt im Hamburger Hafen. Ganz besonders aber freue ich mich auf den Gig im Hive in Zürich direkt nach der Streetparade. An dem Tag ist ja grundsätzlich Ausnahmezustand in Zürich. Anfang September spiele ich auf der Label-Launch-Party von Eagles & Butterflies im Watergate und in der darauffolgenden Woche geht es nach Beirut, wo ich auch noch nie war. Wie gesagt, die wahren Highlights kommen alle noch (lacht). / Rafael Da Cruz

Aus dem FAZEmag 054
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