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Der Betreiber des Labels Assassin Soldier Recordings, Israel Toledo, ist eines der Aushängeschilder des Technos aus Mittelamerika. Digital und auf Vinyl fördert er hier hochwertige Rhythmen. Dabei ist es ganz egal, ob sie aus der Schmiede eines Newcomers wie Lathan oder aus der eines alten Hasen wie DJ Rush oder Alexander Kowalski stammen. Für Israel Toledo zählt nur Qualität. Wir haben uns mit dem Mexikaner und Wahlberliner über sein eigenes Schaffen unterhalten.
 

Sprechen wir doch gleich zu Beginn über dein neues Release, die „9 Volts“-EP. Wunderbarer Techno, sehr energetisch, aber mit hypnotischer Note. Einige Tracks haben mich auf Anhieb gecatcht. Wie ist der Sound zu dieser EP entstanden? Hast du dir etwas Schönes im Maschinenpark ausgesucht oder arbeitest du bevorzugt „in the box“?

Vielen Dank für deine Worte. Ich freue mich über die positive Resonanz, schließlich habe ich beinahe sieben Monate an der „9 Volts“-EP gesessen, bis sie komplett fertig war. Für die Produktion habe ich etwas Hardware sowie VSTs hinzugezogen und auch ich selbst habe als „natürliches“ Instrument hinhalten müssen. Für sechs der acht Nummern habe ich meine eigenen Claps aufgenommen oder mit dem Mund eine Hi-Hat imitiert. Auch ein Hundebellen habe ich verarbeitet. Manchmal lassen sich bestimme Soundtexturen einfach nur schwer in irgendeiner Hard- oder Software erzeugen, wieso also nicht auf diese Weise?

Könntest du auch ganz auf dein sonstiges Equipment verzichten und die Tracks nur durch eigene Aufnahmen gestalten?

Es wäre auf jeden Fall entgegen dem momentanen Trend, all die analogen Gerätschaften wieder hervorzukramen. Meiner Meinung nach ist das wichtigste Gerät, um Musik aller Art entstehen zu lassen, dein Gehirn. Völlig egal, ob du nun ein 80.000-Euro-Studio hast oder nur einen Laptop und Recorder beanspruchst. Wenn es dir gelingt, deine Ideen und Konzepte in den Sequenzer zu packen, hast du es geschafft. Es geht also weniger darum, wie viel Equipment du hast, sondern vielmehr, wie du das vorhandene nutzt, um deine Ideen umzusetzen.

Und woher nimmst du die Ideen für deine Musik? Gibt es eine gute Inspirationsquelle oder hast du auch nach Jahren in der Szene noch musikalische Vorbilder?

Tatsächlich bekomme ich den Großteil meiner Ideen durch meine Frau und darüber hinaus hauptsächlich durch meine persönliche Gefühlslage. Emotionen wie Wut, Trauer, Glück oder Melancholie sind starke Motoren im kreativen Schaffensprozess. Letztendlich beeinflusst jedoch alles in meiner Umgebung auch meine Arbeit.

Nach 30 Jahren als DJ und 20 Jahren als Produzent habe ich keine Vorbilder mehr im eigentlichen Sinne. Jedoch respektiere ich nach wie vor alle, die mich in meiner Zeit als heranwachsender Künstler geformt haben. Da sich in der heutigen Zeit leider 90 % der Tracks gleich anhören, dürfte es für die neueste Generation schwieriger sein, konkrete musikalische Vorbilder zu haben. Um dem Einheitsbrei vorzubeugen, versuche ich, mich außerhalb dieser Blase zu bewegen und möglichst viel andere Musik zu hören.

Du gehörst zu den bekanntesten Techno-DJs und -Produzenten Mexikos. Doch dort hat es dich nicht länger gehalten und so wurde Berlin zu deiner neuen Basis. Wieso hast du dich für Berlin entschieden und welche Auswirkungen hat deine Wahlheimat auf deine Karriere?

Seit 2004 führte mich meine Tour ein- bis zweimal im Jahr nach Europa, was zu dieser Zeit immer mit enormem Aufwand verbunden war, denn schließlich hatte ich auch in Mexiko einiges zu tun. Speziell nach Berlin ging es dann wegen meiner Frau, was mir jedoch in die Karten spielte. Die vergleichsweise kurzen Distanzen zwischen den Tour-Stopps und der große Markt für elektronische Musik in ganz Europa ermöglichen es mir, mich als Künstler weiterzuentwickeln und meine Arbeit unter vielen Gleichgesinnten zu verbreiten.

Wenn du doch jetzt mitten im Techno-Mekka wohnst, wie oft zieht es dich noch zurück nach Mexiko? Hast du vielleicht auch ein paar Tipps, was man sich als (Techno-)Tourist auf keinen Fall entgehen lassen sollte?

Ich besuche meine Familie und Freunde einmal im Jahr, mache etwas Urlaub und genieße die nationale Küche. Ohne mexikanisches Essen könnte ich vermutlich nicht überleben. Was das Nachtleben betrifft, findest du im ganzen Land gute Partys und Festivals. Mexiko City ist voll von elektronischen Clubs, aber wenn man nach einer richtigen Techno-Party sucht, braucht man etwas Geduld. Einige Promoter veranstalten in unterschiedlichen Locations gute Events, doch bedauerlicherweise gibt es nicht „den“ zentralen Techno-Club.

Neben deiner Doppel-Vinyl-EP „9 Volts“ auf Analogue Audio erschien auf deinem eigenen Label Assassin Soldier Recordings vergangenen Monat auch eine EP mit dem Newcomer Lathan inklusive eines Remixes vom Altmeister DJ Rush. Wie kam diese Kollaboration zustande?

Oh, ich freue mich sehr über das „Graveyard Stories“-Release auf ASR, denn Lathan eröffnete auch mir noch mal eine neue Sichtweise auf die Musik. Andere Medien oder Trends spielen für ihn keine Rolle, er interessiert sich ausschließlich für die Musik. Das gefällt mir. DJ Rush kenne ich bereits seit rund 13 Jahren. Wir spielten damals gemeinsam bei einem Gig in Düsseldorf. Ich muss schon sagen, es freut mich wirklich sehr, wie viel positive Rückmeldung ich in Bezug auf das Label bekomme, wie viele andere Künstler bereit sind, mit uns zusammenzuarbeiten.

Seit mehreren Jahrzehnten arbeitest du im Musikbusiness: Du bist DJ, Produzent, Remixer und Labelbetreiber. Was könntest du dir außerdem noch vorstellen? Wohin wird deine Reise noch gehen?

Bei dieser Art von Karriere hört man nie auf, dazuzulernen. Ob ich in 10 oder 15 Jahren noch auf Tour seine werde, weiß ich nicht, doch als Produzent werde ich sicherlich noch tätig sein. Außerdem werde ich mein Wissen nach und nach weitergeben. Ich hatte ja bereits in Mexiko für einige Jahre eine Musik- und Produktionsschule und unterrichtete auch Vinyl-DJing. Das Unterrichten wäre also nichts Neues für mich und ich könnte es mir auch für die Zukunft wieder vorstellen, denn es hat mir immer großen Spaß gemacht.

Wissen und Erfahrung weiterzugeben, ist immer eine gute Sache. Verrat uns doch schon mal, was du für die zweite Jahreshälfte noch in petto hast.

In den nächsten Monaten stehen einige Gigs in Belgien und Deutschland an. Außerdem wird es wieder Zeit, meine Familie in Mexiko zu besuchen. Von dort aus starte ich dann eine Tour durch Südamerika. Immer dabei habe ich da meine Mix-CD „Assassin Soldier Session“, die auf dem deutschen Label ZYX Music veröffentlicht wurde, sowie die „9 Volts“-EP. Doch auch im Studio gibt es noch viel zu tun. Zwei EPs für Labels aus Frankreich und Italien stehen an, außerdem zwei Remixe für englische und deutsche Labels. Pure Energie!

Aus dem FAZEmag 065/07.2017
Text: Gutkind
Fotocredit: Fotopura by CI-Fotografie
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