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Jean-Michel Jarre – Der Kreis schließt sich

Fällt der Name Jean-Michel Jarre, kommt auch keine zwei Sekunden später das Stichwort „Oxygene” wie ein Lasersynthesizer-Sound angeschossen. Längst sind die Namen Keywords, die zu Kulturgut geworden sind – aber nicht zu museal eingestaubten Relikten. Denn der Elektronikpionier Jean-Michel Jarre war seit seinen Anfängen vor 40 Jahren immer so etwas wie „die Rolling Stones der elektronischen Musik“, er hat sich nie auf seinen ersten Erfolgen ausgeruht.

Gerade tourt er auch noch mit seinen beiden letzten „Electronica“-Kollaborationsalben durch Europa und hat frisch sein neuestes Studioalbum bei Sony/Columbia veröffentlicht, das nun als dritter Teil seiner „Oxygene“-Reihe einen Kreis schließt. Mit dem ersten „Oxygene“-Album hatte der französische Elektronikpionier 1976 seinen großen Durchbruch und lieferte damit den trancig-abgespacten Soundtrack zum Lebensgefühl einer ganzen Generation – und beeinflusste noch weitere, nicht zuletzt künstlerisch. „Oxygene“ machte Jean-Michel Jarre und elektronische Musik ungeahnt populär. Die über PolyGram weltweit vertriebene Platte war ein überraschender Erfolg und erhielt vielfach Platin, sie ging allein bis 2003 weltweit in 12 Millionen Exemplaren über die Ladentheken. Seitdem hat der Franzose mit über 80 Millionen verkauften Alben eine Karriere von einer solchen Dimension hingelegt, wie er auch seine Shows spielt: großformatig, gigantisch fast schon, gern mal vor über einer Million Zuschauer.

Seine Fanbase hält ihm auch heute die Treue, junge Audience kommt hinzu. Das liegt auch an seinen beiden „Electronica“-Alben, die er letztes beziehungsweise dieses Jahr in Kollaborationen mit anderen Schwergewichten produziert hatte. Für „Electronica 1: The Time Machine“ und „Electronica 2: The Heart Of Noise“ ging der französische Altmeister mit 30 Musikern ins Studio – unter anderem mit Boys Noize, Siriusmo, Armin van Buuren, Sébastien Tellier, Massive Attack, Yello, Peaches und Air. Als ob das nicht genug wäre, kündigte er unvermittelt im September das neue Solo-Album an, mit dem er eine Trilogie erschaffen und gleichzeitig komplettiert hat. 40 Jahre also nach seinem „Oxygene“-Erstling und fast 20 nach dem Nachfolger „Oxygene 7–13“ greift der Elektronikpionier seine konzeptorientierte Arbeitsweise in „Oxygene 3“ wieder auf. „Jubiläen bedeuten mir eigentlich nicht viel“, erzählt Jarre. „Aber als ich vor zwei Jahren ‚Electronica‘ aufnahm, arbeitete ich an einem Stück, aus dem ‚Oxygene Part 19‘ wurde. Ich dachte darüber nach, wie ‚Oxygene‘ klingen würde, wenn ich die Musik heute komponieren würde. Letztlich wurde das 40. Jubiläum des ersten Albums zu meiner Deadline. Ich spornte mich selbst an und gestattete mir – wie schon beim ersten ‚Oxygene‘-Album – sechs Wochen für die Aufnahmen.“

Der neue Longplayer enthält sieben kürzlich aufgenommene Tracks, die in chronologischer Konsequenz als Parts 14–20 betitelt wurden – von reinen Flashbacks und melancholischer Nostalgie aber keine Spur. Es geht eher um das Hier und Jetzt, mit Connections zu Jarres Gesamtwerk: „Ich wollte vermeiden, zu viele Gedanken daran zu verschwenden, ob meine Idee richtig war. Und ich wollte alles aus einem Guss entstehen lassen. Es ging nicht darum, das erste Album zu kopieren. Vielmehr war es mir wichtig, meinem Leitsatz treu zu bleiben und den Zuhörer auf eine Reise zu locken, von Anfang bis Ende – mit unterschiedlichen Kapiteln, die miteinander verbunden sind.“ Einige Live-Auszüge gab es schon auf seiner „Electronica“-Worldtour, die der Arenen-Magier klassisch großformatig bespielte. Als State-of-the-art-Aufnahme vereint „Oxygene 3“ sowohl klassische wie auch moderne Musikproduktionsmethoden.

„Das erste ‚Oxygene‘-Album war damals so speziell, weil es auf Minimalismus fußte. Es gab darauf fast keine Drums. Ich wollte diese Herangehensweise beibehalten und den Groove vor allem mit Sequenzen und den Melodiestrukturen schaffen. Das erste ‚Oxygene‘ entstand im Vinyl-Zeitalter und die Struktur, die mir vorschwebte, sah die Unterteilung in zwei Parts vor, die den Platz der A- und B-Seiten eines Vinyl-Albums einnehmen sollten. Es gefiel mir, diesmal genauso vorzugehen. ‚Oxygene 3‘ besitzt tatsächlich zwei Seiten …“, sagt Jarre und führt die Parallele zum Anfang der „Oxygene“-Story weiter aus: „Ich spielte das erste ‚Oxygene‘-Album auf einer 8-Spur-Maschine ein, mit nur wenigen Instrumenten. Mir blieb damals keine andere Wahl, als minimalistisch zu arbeiten. Die minimalistische Herangehensweise behielt ich für ‚Oxygene 3‘ bei. Ein paar Momente sind um ein, zwei Elemente herum entstanden – wie im ersten Teil.“ Die Genealogie des neuen Albums ist in ihrer Evolution aber deutlich erkennbar – reduziert, von den für Jarre typischen Lasersynth-Sounds getragen und mit neuen Einflüssen verwachsen: „,Oxygene 19’ ist der Track, der das ganze Projekt angetriggert hat. Die Melodie ist ähnlich zu ,Oxygene 4’. ,Extreme Wave’ war der Arbeitstitel, da ich einen Space-Surfer dazu im Kopf hatte, der auf einer gigantischen organischen Welle surft.“

Und damit klingt auch direkt ein wichtiges Thema des Albums an, das schon bei den Vorgängern spürbar war und im neuen Release seine Fortführung findet: der Kosmos. Jarre war es immer wichtig, die Ambivalenz zwischen dem Weltall und dem irdischen Lebensraum zu erkunden. Deshalb war die grafische Gestaltung des Covers entscheidend. Michel Grangers Grafik für das erste „Oxygene“-Album wurde wieder aufgenommen – nur gab Jean-Michel diesmal ein 3D-Modell des Schädels für das Cover von „Oxygene 3“ in Auftrag: „Damals, vor 40 Jahren, entdeckte ich Michel Grangers visuelle Welt und fand umgehend, dass sie die Musik, die ich komponierte, wunderbar komplementierte. Das Cover ist längst legendär geworden als ökologisches Warnschild – dunkel und surreal, das Weltall und unseren Lebensraum auf der Erde betreffend. Dieses Bild lässt sich von der Musik nicht mehr trennen“, findet Jarre und erklärt seinen musikalischen Ansatz zu dem Thema: „,Oxygene 17’ etwa ist der erste helle Moment des Albums. Ich wollte einen Groove mit einem eigenständigen melodischen Part kreieren und dabei ein echtes Gefühl für einen spacey Trip schaffen – das, worum es bei ,Oxygene’ geht, und das mit minimalen Drums. Was ‚Oxygene‘ so besonders und anders macht, ist, dass ein wesentlicher Teil der Sounds aus ,White Noise’ gemacht ist, mit einer diffusen Atmosphäre. Es ist schon ironisch, an die Zeiten zurückzudenken, als ich so viel ,White Noise’ als Teil meiner Musik benutzte, während jeder davon besessen war, das Signal-Rausch-Verhältnis zu verbessern …“

Aus dem FAZEmag 058/12.2016
www.jeanmicheljarre.com
Text: Csilla Letay
Pic by Tom Sheehan ©EDDA