Purple Disco Machine

Der Dresdner DJ, Produzent und Remixer Tino Piontek aka Purple Disco Machine feierte seinen Durchbruch im Jahr 2013. Mit „My House“ auf OFF Recordings startete er vor rund vier Jahren seine Karriere. Mit seiner Mixtur aus Nu Disco, House und Pop feierte er seitdem unzählige Single-Hits, landete Top-Platzierungen bei Beatport, erhielt den Award als „Best House Act“ und remixte namhafte Acts wie Gorillaz, Jamiroquai, Claptone, Faithless, New Order, Two Door Cinema Club oder Shapeshifters. Dabei gehört Piontek wohl zur selten gewordenen Spezies, die jedem Trend trotzt und beweist, dass Disco und House noch immer eine wohlverdiente Daseinsberechtigung haben. Mit Boris Dlugosch veröffentlichte er auf Defected die beiden Singles „L.O.V.E.“ und „Set It Out“, mit Aeroplane auf Spinnin’ Deep „Sambal“ und „Counting On Me“ feat. Aloe Blac. Weitere Highlights sind seine von Pete Tong zu „Essential New Tunes“ gewählten Stücke „Yo“ auf Kittball und „Magic“ auf Exploited. Nun erscheint mit „Soulmatic“ sein Debütalbum auf dem australischen Tastemaker-Label Sweat It Out, für das er mit Künstlern wie Faithless, Cee-Low Green, Hannah Williams, Karen Harden oder Crush kollaborierte. Außerdem ist Purple Disco Machine in diesem Monat für den offiziellen FAZEmag Download-Mix verantwortlich. Ein Interview.

Wie geht es dir gerade und wo tourst du aktuell?

Mir geht es super, danke. Ich bin gerade auf dem Weg nach Marseille zum MMX 2017. Eines meiner letzten Festivals in Europa für dieses Jahr.

Der Sommer ist quasi vorbei. Dein persönliches Resümee des bisherigen Jahres?

Für mich persönlich war der Sommer wieder verbunden mit vielen guten Festivals. Speziell meine monatlichen Gigs auf Ibiza im Pacha und Hï waren außergewöhnlich. Der PDM-Sound passt natürlich perfekt zum Sommer und somit macht es umso mehr Spaß, die eigenen Songs zu testen. Nun bereite ich mich schon wieder auf meine USA-Tour im Oktober und November vor und nach Weihnachten geht es dann nach Australien, wo ja der Sommer gerade erst beginnt. Somit fällt es mir schwer, schon jetzt ein Sommer-Resümee zu ziehen.

Du veröffentlichst mit „Soulmatic“ dein Debütalbum. Wie fühlt sich das für dich an?

Es ist unbeschreiblich. Ich bin absolut happy, dass das Album endlich fertig ist und nun auch veröffentlicht wird. Die „Soulmatic“-Reise ging jetzt über mehr als drei Jahre mit vielen Höhen und Tiefen. Nun fühlt es sich richtig gut an und ich bin gespannt, ob die Leute es mögen.

Lass uns einige Jahre zurück gehen. Wie rekapitulierst du die Zeit vor deinem Künstler-Dasein, als Purple Disco Machine noch eine Idee war?

In der Schule war ich eher ruhig und zurückhaltend. Musik hat damals aber schon einen extrem großen Einfluss auf mein Leben gehabt. Als ich mich dann 2004 entschlossen habe, meinen Job hinzuschmeißen, um mich voll und ganz der Musik zu verschreiben, waren die Reaktionen bei Familie und Freunden natürlich erst mal sehr verhalten. Zum Glück haben meine Eltern relativ schnell eingesehen, dass es keinen Plan B gibt, und so hatte ich auch von ihnen die volle Unterstützung. Musik ist mein Mittel, um Emotionen und Gefühle auszudrücken.

Wie waren deine ersten Schritte als DJ und Produzent?

Angefangen hat es schon mit 16 oder 17 mit dem Auflegen auf Schuldiskos oder Geburtstagspartys. Freunde haben dann in meiner Heimatstadt Dresden einen Club eröffnet, in dem ich meine erste Residency hatte. Housemusik war zu der Zeit absolut angesagt und der Sound hat mich von der ersten Minute an in den Bann gezogen. Künstler wie Daft Punk, Etienne de Crecy oder Cassius waren meine absoluten Helden. Ich fing an, alte Disco- und Funk-Platten zu sammeln. Zudem war ich oft auf Plattenbörsen, um Raritäten für kleines Geld zu finden. Dann begann ich auch mit dem Produzieren, machte meine ersten Schritte mit Programmen wie Magix Musik Maker. Später kaufte ich dann Cubase, eine MPC, die Korg-Electribe-Serie und einen Vocoder und dachte: Jetzt werde ich der nächste French-House-Star! Leider bin ich dann schon kläglich an der Bedienung der Geräte gescheitert und so verkaufte ich frustriert alles bis auf Cubase, versuchte dann, musikalisch und technisch meinen eigenen Weg zu gehen, und so brachte ich 2003 endlich mein erstes eigenes Release raus. Da war ich schon stolz wie Bolle, die erste eigene Platte in der Hand zu halten. Mit dem Sampeln alter Disco-, Funk- und Soul-Songs kam ich dem Ideal meines Sounds dann immer näher.

Das hört man in jedem deiner Tracks. In den vergangenen Jahren hast du damit große Erfolge gefeiert – ob bei Beatport, im Radio oder auf dem Dancefloor generell. Wann und warum entstand die Idee, nun zu diesem Zeitpunkt einen Longplayer anzugehen?

Ich weiß, dass ein Album zu Zeiten von Spotify und Apple Music keine große Beachtung mehr bekommt, aber für mich war immer klar, dass ich irgendwann ein Album veröffentlichen würde. Ich erinnere mich noch an eine Situation, die mich sehr geprägt hat. Im Sommer 2015 saß ich eines Abends mit meinem Manager Matt Jagger und Simon Dunmore von Defected in seiner Finca auf Ibiza. Bier, Snacks – und ich hatte eine Ansammlung von Songs fertig und glaubte, dass das der heißeste Shit sei, der sofort als Album raus müsse. Wir hörten die Songs durch und danach sagte Simon ganz trocken: „Tino, die Songs sind okay, aber du weißt, momentan wartet keiner auf ein Album von Purple Disco Machine. Gib dir noch ein, zwei Jahre Zeit, bring das Projekt nach vorn und dann mach es richtig.“ Das war natürlich überhaupt nicht das, was ich hören wollte, aber nach ein paar Wochen verstand ich es. Heute bin ich froh über diesen Abend – und jetzt, zwei Jahre später, fühlt es sich definitiv richtig an, ein Album zu veröffentlichen.

Hat sich die Arbeit im Studio – vor dem Hintergrund, an einem Album zu arbeiten, und durch dieses Feedback – verändert?

Ja, durchaus. Seit dem Tag auf Ibiza habe ich den Entschluss gefasst, das Thema Album richtig anzugehen. Ich habe angefangen, neue Ideen zu sammeln und alte wegzuschmeißen, bei denen ich nicht sofort diesen Wow-Effekt hatte. Ich war teilweise so was von motiviert, dass ich Freunde und Familie permanent teilhaben ließ. Ich spielte ihnen Album-Songs vor, die sich fast monatlich änderten, und meine Frau sagte dann nach gut zwei Jahren relativ genervt nur noch: „Ich glaube es erst, wenn es wirklich rauskommt!“ Zwischenzeitlich gab es aber auch Phasen, in denen ich am liebsten alles hingeschmissen hätte, als ich Songs entweder viel zu oft gehört oder mich in irgendwas verrannt hatte. Letztendlich war es ein langer Weg, die 13 besten Songs zu finden.

Neben deinen eigenen Arbeiten bist du ein grandioser Remixer. Du hast bereits Weltstars wie Faithless, Jamiroquai, New Order, Gorillaz etc. neu interpretiert. Wie geht man an Arbeiten für solche Künstler heran? Ist der Druck besonders groß?

Ob ich einen Remix annehme oder nicht, hängt meistens davon ab, ob mich an dem Song irgendetwas reizt. Bei den oben Genannten war es natürlich ein No-Brainer. Für mich ist es eine große Ehre, wenn solche Künstler anfragen. Es ist auch eine Bestätigung meiner Arbeit. Trotzdem ist jede Produktion anders. Bei Jamiroquai zum Beispiel hatte mich die Hook sofort und ich wusste, dass ich meinen Remix um den Chorus baue. Ich wollte es sehr auf die Stimme von Jay reduziert angehen. Da die Idee von Anfang an in meinem Kopf war, brauchte es nur gut eine Woche, um den Remix fertigzustellen, und alle waren happy. Dagegen gestaltete sich die Arbeit bei New Order etwas schwieriger. Ich hatte drei oder vier verschiedene Ansätze und ich konnte mich lange Zeit für keinen entscheiden. So lag der Song mehrere Monate und ich konnte ihn einfach nicht fertigstellen. Je öfter ich meine Ideen hörte und versuchte, weiter daran zu arbeiten, desto verzweifelter wurde ich. Ich dachte ernsthaft darüber nach, den Remix abzusagen. Eines Nachts bin ich dann aufgewacht und hatte eine Idee für ein Piano im Kopf – und am nächsten Tag war der Remix nach nur fünf Stunden fertig.

Auf „Soulmatic“ kollaborierst du mit sehr vielen Acts. Wie entstand der Kontakt zu diesen und wie verlief der Prozess der Zusammenarbeit?

Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, mit welchen Künstlern ich für mein Album zusammenarbeiten möchte. Da gab es ein paar Freunde, die mich musikalisch in den letzten Jahren begleitet haben, wie Boris Dlugosch, Lorenz Rhode oder Vito aka Aeroplane. Wir haben uns dann ein paar Tage im Studio eingeschlossen und den Ideen freien Raum gelassen. Bei den Sängern war das etwas anders. Da kamen viele Ideen von meinem Management, Label oder auch vom Verlag. Wir haben dann gemeinsam überlegt, welcher Sänger zu welchem Song passen könnte. So entstanden dann Songs mit Cee-Lo Green, Kool Keith oder Faithless. In London haben wir mit Shovell alle Percussions aufgenommen, um dem Album den letzten Schliff zu geben.

Was bedeutet der Titel „Soulmatic“ für dich persönlich?

Das Wort hatte ich schon ein paar Jahre im Kopf. Als das Album Formen angenommen hatte, merkte ich, dass „Soulmatic“ es am besten beschreibt. Es lässt aber auch viel Raum für eine eigene Interpretation, wie die Songs selbst.

Das Album erscheint auf einem australischen Label. Wie entstand diese Connection?

Matt von Sweat It Out kenne ich jetzt schon ein paar Jahre. Er ist ja mit seinem eigenen Projekt Yolanda Be Cool sehr erfolgreich und hat letztes Jahr mit der Band Rüfüs ein supererfolgreiches Album veröffentlicht. Als wir uns dann letztes Jahr in Sydney getroffen haben, erzählte ich ihm, wo ich mit „Soulmatic“ hin wollte. Uns ist schnell klar geworden, dass wir in dem Punkt auf einer Welle liegen und die Liebe für Disco teilen.

Ein gutes Stichwort: Dein Sound zeichnet sich schon immer durch Disco, House und Pop aus. Schon oft totgesagte Genres. Was lässt dich unermüdlich die Flagge dieser Stilrichtung hochhalten?

Ich denke, es ist immer subjektiv, ob ein Genre totgesagt ist oder nicht. Meiner Meinung nach sind House und Disco nie weggewesen. Seit Jahrzehnten beeinflussen sie auch viele andere Genres wie Hip-Hop oder Rock. Ich spiele mit diesem Sound im Jahr um die 120 Shows rund um den Globus und bei all der Liebe und Begeisterung, die mir entgegengebracht wird, hatte ich nie das Gefühl, eine totgesagte Nische zu bedienen. Letztlich geht es immer darum, dass man liebt, was man macht, und sich treu bleibt.

Was hat dich früher dazu inspiriert und was beeinflusst dich heute?

Disco hat schon immer mein Leben begleitet. Angefangen in meiner Kindheit mit Italo-Disco oder Pop, Künstlern wie Phil Collins oder Prince, bin ich dann schnell zu French- und Disco-House gekommen. Künstler wie Daft Punk oder Cassius waren da sehr wichtig für meine Entwicklung.

Wie hat sich deiner Meinung nach dein Sound im Laufe deiner Karriere und seit „My House“ verändert?

„My House“ hat damals natürlich alles verändert und ich wäre jetzt nicht hier ohne diesen Song. Als ich 2009 PDM gegründet habe, war es erst nur ein Spaßprojekt, um wieder die Musik zu machen, auf die ich richtig Bock hatte, so wie „My House“. Natürlich ist es immer ein schmaler Grat, sich als Künstler weiterzuentwickeln, ohne sich selbst zu verlieren oder untreu zu werden. Ich versuche aber, mir darüber keine Gedanken zu machen, ob sich mein Sound verändert hat oder nicht. Ich bin sowieso kein Fan von Genres. Musik sollte immer für sich selbst sprechen.

Lass uns über dein Studio sprechen. Welche Tools favorisierst du aktuell?

Ich versuche, in meinen Songs immer eine gute Mischung aus organischen und synthetischen Sounds zu finden. Ich arbeite für Basslines zum Beispiel sehr oft mit Bassgitarren. Der Scarbee-Bass von Native Instruments ist da sehr zu empfehlen. Das Arturia-Bundle nehme ich oft für Rhodes oder Pianos. Claps, Shaker oder Percussions nehme ich aber gern selbst auf. Auch mein Juno106 oder der OB6 kommen oft zum Einsatz.

Was steht für die kommenden Wochen und Monate auf der Agenda?

Auf dem ADE werde ich endlich mein Album vorstellen und ab November dann auch wieder auf Tour gehen. Nächstes Jahr spiele ich dann zum ersten Mal Live-Shows. Darauf freue ich mich besonders, da es auch für mich eine neue Herausforderung sein wird, mit anderen Musikern auf der Bühne zu stehen und zusammen das Album zu performen.

Wo siehst du Purple Disco Machine in einigen Jahren?

Ich hoffe, dass ich in einigen Jahren immer noch die gleiche Freude wie momentan daran habe, Musik zu veröffentlichen und Gigs zu spielen. Dennoch werden die Auszeiten, um Kraft zu tanken, wohl mehr werden.

Genug Musik – sprechen wir über andere Leidenschaften. Denn neben der Musik bist du auch großer Anhänger des FC Bayern München. Deine Einschätzung zur aktuellen Lage, Carlo Ancelotti und den Chancen auf die diesjährige Champions League?

So sehr ich Ancelotti als Trainer schätze, so sehr habe ich manchmal das Gefühl, dass er nicht der Richtige für den FCB ist. Der Erfolg des Vereins beruhte immer auf diesem „Mia san mia“-Gefühl. Ich habe den Eindruck, dass das etwas verloren gegangen ist. Identifikationsfiguren wie Schweinsteiger hätte man nie gehen lassen dürfen. Das Gleiche passiert gerade mit Müller. Auch wenn solche Spieler aktuell nicht die Topleistung auf dem Platz bringen, waren und sind sie unersetzlich für den Verein. Genau wegen Spielern wie Schweinsteiger, Robben oder Lahm, Spielern, die für die Stadt und den Verein stehen, haben wir 2013 die CL gewonnen. Mit Jupp, einem Trainer, der es damals verstanden hat, wie wichtig diese „Mia san mia“-Philosophie ist.

Aus dem FAZEmag 068/10.2017
FAZEmag DJ-Set #68: Purple Disco Machine – ab sofort und exklusiv bei iTunes & Apple Music
www.facebook.com/purplediscomachine
Interview: Rafael Da Cruz

Purple Disco Machine
Disco-Tracks – Top 5

Surface – Falling In Love
Absoluter Ohrwurm, der durch seine Einfachheit besticht. Alle Elemente in dem Song sind auf den Punkt gebracht.

The Whispers – And The Beat Goes On
Drums in Kombination mit Bassline sind die Elemente, die für mich den Song ausmachen.

Mtume – Juicy Fruit
Geschmeidiger Funk aus New York City. Augen zu und zurücklehnen.

Midnight Star – I’ve Been Watching You
Sehr gut produziert und für mich einer der besten Songs von Midnight Star.

Positive Force – We Got The Funk
Ein Song, zu dem man sich unweigerlich bewegen muss. Absolutes Groovemonster.