Freiheit im Sound – CHLOÉ im Interview

CHLOÉ – Freiheit im Sound

Neun Jahre sind vergangen, seit CHLOÉ mit „Endless Revisions“ ihr letztes Soloalbum veröffentlichte. Nun kehrt die französische Produzentin mit „Shape of the Unknown“ zurück und öffnet ein neues Kapitel ihrer musikalischen Reise. In der Zwischenzeit hat sie ihre künstlerischen Ausdrucksformen stetig erweitert: Neben zahlreichen DJ-Sets in renommierten Clubs und auf internationalen Festivals widmete sie sich Filmkompositionen, Tanzperformances und vielfältigen Kollaborationen. All diese Erfahrungen haben ihren Blick auf Musik geprägt und neue kreative Impulse gesetzt.

Mit „Shape of the Unknown“ präsentiert CHLOÉ ein facettenreiches Werk, das sich bewusst zwischen hypnotischen Rhythmen, experimentellen Klanglandschaften und introspektiven Momenten bewegt. Statt sich an festen Strukturen oder Erwartungen zu orientieren, lässt sie Raum für spontane Ideen, unerwartete Wendungen und musikalische Entdeckungen. Das Ergebnis ist ein Album, das sich nicht in eine eindeutige Form pressen lässt, sondern von Veränderung, Offenheit und der Freude am Experiment lebt.

Im Gespräch erzählt CHLOÉ, wie sich ihre musikalische und persönliche Perspektive in den vergangenen Jahren verändert hat, welchen Einfluss ihre Erfahrungen als DJ auf ihre Produktionen haben und warum es gerade in einer zunehmend schnelllebigen Musikindustrie wichtig ist, sich Zeit zu nehmen, eigene Wege zu gehen und dem Unbekannten Raum zu geben.

Neun Jahre liegen zwischen Endless Revisions und „Shape of the Unknown“. Was hat sich in dieser Zeit für dich musikalisch und persönlich verändert – und wie viel von dieser Entwicklung spiegelt sich im neuen Album wider?

Seit meinem letzten Soloalbum „Endless Revisions“ war ich mit Live-Auftritten auf Tour, habe weiterhin als DJ gearbeitet und Musik für EPs sowie für verschiedene Projekte produziert. Dazu gehörten beispielsweise Kompositionen für Filme und Tanzperformances sowie Zusammenarbeiten mit der Marimbaspielerin Vassilena Serafimova und dem Künstler Ben Shemie.

Auch die Musikindustrie hat sich seit dieser Veröffentlichung stark verändert. Es herrscht ein ständiger Druck, die Plattformen und Algorithmen mit neuen Inhalten zu versorgen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass es wichtig ist, Räume zu bewahren, in denen Musik unabhängig von dieser Logik existieren kann.

„Shape of the Unknown“ ist ein sehr persönliches Projekt, bei dem ich mir bewusst Freiraum geben wollte, um mich auszuprobieren und mich von unerwarteten Ideen inspirieren zu lassen, ohne unbedingt zu versuchen, diese in ein bestimmtes Format zu bringen. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum ich mich letztendlich dazu entschieden habe, ein langes, ruhiges Album zu veröffentlichen – in einer Zeit, in der alles auf Effizienz und Schnelligkeit ausgerichtet ist.

„Shape of the Unknown“ ist als eine Art Doppelalbum konzipiert und beschäftigt sich intensiv mit dem Gedanken der Erkundung. Was bedeutet „das Unbekannte“ für dich und was hast du während der Entstehung dieses Albums über dich selbst herausgefunden?

Der Albumtitel bezieht sich auf eine Art undefinierte Form. Ich hatte das Gefühl, dass die beiden Wörter „Shape“ und „Unknown“ eine gewisse Spannung erzeugen: zwischen etwas Greifbarem, etwas, das man beinahe fassen kann, und etwas Unbekanntem, das geheimnisvoll bleibt und Raum für Interpretationen lässt.

Die Arbeit an diesem Album hat mich daran erinnert, wie wichtig es ist, Raum für kleine Details und Zufälle zu lassen. Außerdem habe ich dabei gemerkt, wie viel Freude mir der Prozess des Suchens und Experimentierens nach wie vor bereitet.

Deine erste Single „Shapeshifter“ trägt bereits die Idee der Verwandlung im Titel. Inwiefern spiegelt der Track deine eigene künstlerische Entwicklung der vergangenen Jahre wider?

„Shapeshifter“ beschäftigt sich mit der Vorstellung eines Sounds oder einer musikalischen Form, die sich ständig verändert – manchmal beinahe unmerklich, durch Wiederholungen und kleine Variationen.

Musik kann kontinuierlich ihre Form verändern und dabei dennoch etwas von ihrer ursprünglichen Identität bewahren. Ich habe mich schon immer für Wiederholungen und die hypnotische Dimension elektronischer Musik begeistert.

In den vergangenen Jahren hast du viel Zeit als DJ verbracht und in Clubs und auf Festivals rund um die Welt gespielt – vom Rex Club und Robert Johnson bis zur Panorama Bar und Glastonbury. Wie haben diese Erfahrungen hinter den Decks dich als Produzent beeinflusst und das neue Album geprägt?

Ich denke, „Shape of the Unknown“ bewegt sich irgendwo zwischen diesen beiden Welten. Das Album besitzt einerseits eine körperliche, hypnotische Dimension, andererseits aber auch eine eher introspektive Seite.

DJing war schon immer ein wichtiger Bestandteil meiner musikalischen Ausbildung. Stundenlang hinter den Decks zu stehen, lehrt einen viel über Zeit, Spannung, Dynamik und darüber, wie Musik Menschen auf körperlicher Ebene beeinflusst.

Ich mag lange DJ-Sets, weil sie einem ermöglichen, etwas allmählich aufzubauen, die Richtung zu verändern und sowohl Momente großer Intensität als auch Augenblicke des Innehaltens zu schaffen. Man lernt dabei, dass manchmal nur sehr wenig passieren muss, damit etwas eine große Wirkung entfaltet.

Diese Erfahrung beeinflusst definitiv auch meine Produktionen, beispielsweise die Art und Weise, wie sich ein Track im Laufe der Zeit entwickelt. Wenn ich ein Album produziere, möchte ich nicht unbedingt das Club-Erlebnis reproduzieren. Ich bewege mich gerne auch in fragilere Klangwelten – in Bereiche, die auf einem Dancefloor vielleicht nicht sofort Sinn ergeben.

Dein Label Lumière Noire ist seit vielen Jahren ein wichtiger Bestandteil deiner musikalischen Identität. Welche Rolle spielt das Label heute für dich, insbesondere in einer Zeit, in der sich die elektronische Musikszene und ihre Strukturen so rasant verändern?

Ich habe das Label gegründet, um Musik zu veröffentlichen, mit der ich mich verbunden fühle, ohne mich dabei auf eine bestimmte Ästhetik festlegen zu müssen. Sie kann etwas stärker in Richtung Electro, Leftfield oder Minimal gehen.

Ich möchte nicht unbedingt dem folgen, was gerade um mich herum passiert. Vielmehr vertraue ich meinen Instinkten und bringe unterschiedliche musikalische Welten zusammen, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht zusammenzugehören scheinen.

Das ist meine Art, eine persönlichere Beziehung zur Musik aufrechtzuerhalten.

Du scheinst dir zwischen deinen Alben ganz bewusst viel Zeit genommen zu haben, um neue kreative Wege zu erkunden. Gab es einen bestimmten Moment oder ein Experiment, bei dem dir klar wurde: „Das verändert die Richtung des Albums“?

Ich hatte nie das Bedürfnis, eine neue Platte zu erzwingen. In gewisser Weise hat das Album nach und nach aus etwas Gestalt angenommen, das anfangs noch ziemlich undefiniert war – womit ich wieder bei seinem Titel wäre.

Es gab nicht wirklich einen bestimmten Moment, in dem sich plötzlich alles verändert hat. Vielmehr war es ein schrittweiser Prozess. Ich hatte im Laufe der Zeit Ideen, Sounds und Skizzen gesammelt. Einige entstanden bei Studioexperimenten, andere während Live-Sessions oder durch Zusammenarbeiten mit anderen Künstlern.

Anstatt von Anfang an zu versuchen, alles in einen stimmigen Zusammenhang zu bringen, wurde mir klar, dass gerade die Vielfalt dieser Stücke zu einem Teil ihrer Identität werden könnte.

Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass diese unterschiedlichen Stücke miteinander verbunden waren, auch wenn sie nicht unbedingt denselben Sound oder dieselbe musikalische Richtung teilten. Es gab etwas Gemeinsames in der Art und Weise, wie sie sich bewegten, entwickelten und verwandelten.

Wenn du „Shape of the Unknown“ in nur einem Satz beschreiben müsstest: Was sollen die Hörerinnen und Hörer von dieser Reise mitnehmen?

Ich hoffe, dass sich jeder frei fühlt, diese Reise auf seine eigene Weise zu erleben – ohne unbedingt wissen zu müssen, wohin sie ihn führen wird.

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