Cubase – Das bisher größte Update für elektronische Musik

Es gibt ein mehr als 15 Jahre altes Video-Interview von zwei illustren und teils barfüßigen Techno-Produzenten. Ihre Namen sind Dominik Eulberg und Gabriel Ananda, beim Interview sind sie in ihrem Studio. In dem Gespräch geht es um die  Software, mit der sie damals Tracks wie „The Space Between Us“ oder „Owltastic“ produzierten. Ein bisschen hemdsärmelig antworten sie auf die Frage, was sie sich noch von Cubase wünschen. Es sind ein paar Features, die heute wirklich haarsträubend banal klingen: Samples in der Projekt-Geschwindigkeit vorhören zu können. Samples einfach in die Session ziehen zu können, ohne sich Gedanken zu machen, ob die Loops temposynchron sind. Oder dass man Loops, z.B. ein Hi-Hat-Pattern, unendlich lange aufziehen kann.

Und es war wirklich so, dass gerade diese für elektronische Musik wichtigen Dinge in Cubase nicht liefen. Wenn man das Tempo änderte, ist manchmal, ohne besondere Einstellungen vorzunehmen, das gesamte Projekt verrutscht und nichts passte mehr zueinander. So gab es dann andere DAWs, die voll auf das temposynchrone Playback von Samples setzten und dafür bekannt wurden. Bei Cubase lagen diese Umstände damals auch an einer anderen Zielgruppe, nämlich Komponist*innen, Engineers und Instrumentalist*innen. Der Fokus auf elektronische Musik ist jedoch spätestens mit der neuen Version Cubase 15 voll integrriert. In Cubase 15 sind tatsächlich so viele Features wie noch nie für die Belange von Producer*innen aus dem Spektrum des FAZEmags dabei. Im Test habe ich mich durch diese durchgearbeitet und auch gemerkt, was Cubase sonst noch zu bieten hat, was die anderen DAWs nicht haben.

In der elektronischen Musik gehen Menschen manchmal anders mit Instrumenten, Effekten oder auch DAWs um, um andere Ergebnisse zu erzielen. Deswegen sind die allerwichtigsten Features für mich in Cubase die Modulatoren: LFOs, S&H, Randomizer, Envelope-Follower, Shaper oder Makro-Knobs, mit denen man viele Parameter gleichzeitig steuern kann. Mit den Modulatoren wirkt diese früher so erzseriöse DAW ein bisschen wie ein Modularsystem. Man kann alles mit allem verschalten, alles kann zu einem Effekt werden, sogar der Volume-Regler. Dann gibt es da auch noch den Modulator namens ModScripter. Mit dem kann man selbst programmieren, was einem an Funktionen fehlt. Oder man holt sich halt Hilfe aus der Steinberg-Community. Damit sind wir Ableton und seinem Max for Live schon ein gutes Stück nähergekommen.

Das sehr offensiv beworbene der neuen Features ist der Melodic-Pattern-Sequencer. Das Besondere ist, dass er zwar das Intuitive eines Pattern-basierten Sequencers hat, was oft der schnellste Weg zu einem Groove oder einer besonderen Melodie ist. Wenn man aber aus diesem simplen Modus raus muss, um an die Feinheiten zu kommen, geht das alles innerhalb des Melodic-Pattern-Sequencers: So können Effekt-Automationen als Step eingezeichnet werden, ähnlich wie der Parameter-Lock bei den Elektron-Hardware-Synthesizern. Weiterhin gibt es einen Randomizer, der sich sehr gut einstellen lässt, bevor er seine Magie auf die Patterns loslässt: Ich konnte intuitiv einstellen, wie viele Sprünge das Pattern haben soll, wie dicht es sein soll oder wie viele Ton-Wiederholungen es geben soll. Das hat mich wiederum positiv an den tollen ACDGEN-Generator von Spektro-Audio erinnert, den Künstler wie Gui Boratto in ihren Live-Sets nutzen, um schnell passende Melodie- und Basslines zu generieren.

Genau auf die musikalische Skala des Tracks angepasste Mutationen des Originals macht der Variation-Knob, mit dem ich mehrmals gute 8-Bar-Loops in noch bessere 32-Bar-Loops umwandeln konnte. Den Variations-Knob konnte ich aber auch verwenden, um Ghost-Notes in einem Drumgroove zu variieren. Ich wollte, dass Cubase mir immer unvorhersehbare Snares liefert und war richtig überrascht, wie gut das Ergebnis zum Vibe meines Tracks passte. Auch alle üblichen Verdächtigen für melodische Pattern-Sequencer wie ein Euclicedean Sequecer, der Noten maximal gleich weit voneinander verteilt, Swing, Wahrscheinlichkeit oder Legato sind dabei.

Das nächste Feature ist die im Moment allseits um sich greifende Stem-Separation: Man kann einen fertigen Track mittels KI in vier Spuren aufsplitten: Vocals, Drums, Bass und den Rest. Das ist megacool zum Remixen, Bootleggen, Instrumentals bauen oder auch einfach um ein Play-Along zum Üben zu haben. Da es ja jetzt schon mehrere Anbieter gibt, die Stems separieren, ist es immer die Frage, welcher Algorithmus am besten klingt und am wenigsten Glitches erzeugt. Es gibt noch keinen, der komplett überzeugt. So macht es eher keinen Sinn, alle Tracks in vier voreingestellte Instrumente zu zerlegen. Aber das ist eben gerade der Stand der Technik, und Cubase macht einen soliden Job. Die ebenfalls von Steinberg entwickelte Software Spectral Layers, die abgespeckt auch in Cubase enthalten ist, klingt da aber nochmal besser. Sowieso cool, dass man eine eigene Audio-Restaurations-Software an Board hat und nicht RX für mehrere hundert Euro kaufen muss.

Die interne Soundlibrary wurde nochmal sehr auf elektronische Musik getrimmt, sodass für Genres wie Bounce, Drum ’n’ Bass, Garage oder House genügend Futter dabei ist. Das Spannende an Stocksounds ist ja, dass sie niemand nutzt, weil alle denken, dass die Anderen sie bereits verwenden. Mit diesem befreienden Gedanken im Hintergrund kann man sich ja mal durch alles durchhören in Cubase 15. Es gibt eine neue KI-Voice: Da finde ich es sehr spannend, was intern schon mit dabei ist: Statt kostspieliger Software-Abos kann man nun einfach einen Text eingeben, eine Melodie einzeichnen und hat eine richtig gute Stimme für seine Tracks. Wenn die KI-Voice nicht perfekt genug ist, kommt noch das neue interne Auto-Tune-Plug-in namens Pitch-Shifter ins Spiel, das auch nahe an das Original von Antares rankommt. Es gibt also einige neue Kreativwerkzeuge, um schnell Ideen zu realisieren. Dazu kommen noch viele neue Effekte, ein modernerer Browser und viele Workflow-Hacks.

Zum Ende gibt es aber noch ein paar grundsätzliche Dinge, die in Cubase gut für elektronische Musik sind, die es bei manch anderer DAW nicht gibt: So kann man eigene Shortcuts zuweisen zum Beispiel. Man kann sich hier entweder alles genauso einrichten, wie man will. Oder man stellt beim Wechsel auf Cubase die identischen Shortcuts ein, die man im vorher genutzten Programm verwendet hat. Auch kann man sich hier eigene Makros bauen. Dann geht so etwas wie „Reverse das Sample“, „Pack einen Hall drauf“, „Rendere das Ergebnis“ und „Mache Fades auf beiden Seiten“ mit nur einem Klick.

Da Techno-Producer nicht immer viel Geld haben, ist es vielleicht auch gut zu wissen, dass man Sessions aus älteren und neuen Cubase-Versionen ohne Probleme öffnen kann. Auch die „Track-Presets“ sind ganz cool, um seinen Sound zu finden und ihn immer wieder abzurufen. So kann man einerseits Audio- und MIDI-Routings zu Hardware-Synths speichern, andererseits aber auch für sich selbst charakteristische Effekte speichern und diese mit einem Klick aufrufen. Also: Das am Anfang genannte Interview würde heute natürlich anders ausfallen. Kein Wunder, dass Dominik auch bei seinem neuen Album wieder auf Cubase vertraut hat. Damit ist er nicht allein, um noch einige weitere Namen zu nennen: Purple Disco Machine, Prok & Fitch, Nils Frahm, Hans Zimmer, Amon Tobin, Chromeo, Ludwig Görannson oder Junkie XL.

Aus dem FAZEmag 167/01.2026
Text: Bastian Gies
www.steinberg.net