
Seit 13 Jahren schon lebt sich der in Großbritannien geborene und in Paris ansässige David Shaw unter seiner musikalischen Identität David Shaw And The Beat aus, die ihm eine freie und kompromisslose künstlerische Entfaltung ermöglicht. Dazu gründete er damals das Label Her Majesty’s Ship. Nachdem im Jahr 2020 die EP „Love Songs With a Kick Vol. One“ erschien, die einen Wendepunkt in seinem Songwriting markierte, veröffentlichte der Kreativkopf die Fortsetzung in jeweils zwei Teilen als Alben. Nun erschienen ein eindrucksvoller Remix einer Single der beiden Werke („The Mechanic Of Your Power“) und eine komplett neue Single („Fever“). Wir haben David zu seinen letzten Alben, seinem aktuellen Schaffen und Zukunftsplänen interviewt.
Konventionen und Schubladen können Halt und Orientierung bieten, doch für David Shaw stellen sie eher ein Hindernis dar. Der Künstler gestaltet seine Musik lieber frei. So wundert es nicht, dass der Label-Chef, der schon in seiner Jugend von Großbritannien nach Paris umzog, unter verschiedenen Pseudonymen ganz vielfältige Musik unterschiedlicher Couleur über die Jahre aufnahm. Er agierte etwa unter dem Namen Siskid und schuf elektronische Musik oder auch als Gitarrist der Alternativband Blackstrobe – daher auch die häufige Verwendung von Gitarrensound in seinen heutigen Produktionen. Für die Band spielte er auch Keyboard und Bass. Mit der Gruppe DBFC schuf er synthetischen Rock mit Madchester- und Baggy-Anklängen.
In Manchester aufgewachsen prägten ihn Rave, Garage und Punk. Seine eigene musikalische Vielfalt fällt dementsprechend weitläufig aus. 2012 veröffentlichte er das erste Album als David Shaw And The Beat – solo wohlbemerkt. Das Werk „So It Goes“ verknüpfte New Wave und Techno miteinander.
Auf der bereits angesprochenen EP „Love Songs With a Kick vol. One“ aus dem Jahr 2020 erweiterte David sein Spektrum in eine andere Richtung: Synth-Pop traf auf Post-Punk und Apokalypse-artigen Gesang.
Vier Jahre später, im Oktober letzten Jahres, erschienen dann der zweite und der dritte Teil der Reihe – innerhalb weniger Tage aufeinander. Was wie eine lange Pause erscheint, war in Wahrheit ein kreativer Prozess: Innerhalb von drei Jahren entstanden rund vierzig neue Tracks. Die 16 besten davon erschienen auf den Longplayern.
Schon im September 2024 kam die Single „The Mechanic Of Your Power“ als Vorbote heraus – das erste Single-Release von Shaw seit vier Jahren. Der Track verbindet kalte, robotische Club-Energie mit pulsierendem Bass und erinnert an eine Mischung aus Kraftwerk und Aphex Twin. Begleitet von einem eindrucksvollen CGI-Video von Sarah-Lou Sasha Maarek, bekam der Song mit einem Remix von Ivan Smagghe & Johnny Aux am 28. Mai dieses Jahres eine neue, minimalistische Dimension. Die Produzenten, die einst mit David Shaw in der Kultband Blackstrobe aktiv gewesen sind, brachten die gemeinsame Chemie zurück und verwandelten den Track in einen eleganten, intensiven Club-Track – ein echtes Statement für ehrliche, körperliche Musik jenseits künstlicher Lautstärke. Hier geht es zu den Streaming-Portalen.
Am 27. Juni erschien zudem Davids neue Single „Fever“ – eine Neuinterpretation des 1958 erschienen Jazz-Songs der US-amerikanischen Künstlerin Peggy Lee. David Shaw verknüpft darauf Synth-Punk und Industrial Pop miteinander und erschafft somit etwas ganz Eigenes daraus. Hier geht es zu allen Portalen.
Wir haben David interviewt:
Deine Musik wird als ein Duell zwischen Konvention und instinktivem, seelengetriebenem Ausdruck beschrieben. Wie erhältst du diese künstlerische Art und Weise der Kreativität aufrecht?
Ich bleibe einfach so authentisch wie möglich im Moment, und scheiß drauf, was andere von mir denken.
Vor allem in einer Welt, in der jeder eine Meinung hat, obwohl die meisten keine Ahnung haben, wovon sie reden. Das ist es, was mich antreibt und weitermachen lässt. Ich habe meine Musik immer als unvollendeten Rohdiamanten betrachtet, lasse viele der Unfälle in der finalen Version, was ihr wahrscheinlich diese rohe Qualität verleiht.
Von Siskid über DBFC bis hin zu David Shaw And The Beat – deine Projekte decken ein breites klangliches Spektrum ab. Was verbindet sie für dich alle?
Meine Liebe zu Synthesizern und Gitarren, ganz einfach – damit bin ich seit meiner Jugend groß geworden, und ich habe mich nie wirklich für eines von beiden entschieden.
Je nach Projekt unterscheiden sich die Klangfarben, aber klar ist der rote Faden, wie ich Synths und Gitarren miteinander vermische. Meine Liebe, mit Effekten und Effektgeräten herumzuspielen, ohne zu wissen, was am Ende dabei herauskommt – das ist der eigentliche Kick – sich vollständig auf das Erlebnis einzulassen.
Die Volumes Two und Three von „Love Songs With a Kick“ zeigen zwei verschiedene Seiten – eine kältere und industriellere, die andere weiter und cineastischer. Was hat dich dazu gebracht, das Projekt so aufzuteilen?
Um ehrlich zu sein, war das überhaupt nicht geplant. Kurz zur Geschichte: Vol. Three war eigentlich zuerst Vol. Two. Meine Stimmung änderte sich, aber ich schrieb weiter Songs. Die neueren Stücke waren kälter und tanzbarer. Ich mochte diese dringendere Energie, also habe ich beschlossen diese zuerst zu veröffentlichen – das wurde dann Vol. Two – und Vol. Three bekam dadurch mehr Raum.
Persönlich mag ich keine Alben, die immer nur dasselbe machen. Ich mag ein breiteres Spektrum der Vision einer Person – das finde ich interessanter.
Volume Three hat eine starke visuelle und erzählerische Qualität – irgendwo zwischen Lou Reed und Blade Runner. Was waren die wichtigsten Inspirationen für diesen Sound und diese Atmosphäre?
Da kommen wir wieder zu meiner Liebe für Gitarren und Synths zurück, beides so zu mischen, dass man nicht genau weiß, was was ist. Dadurch entstehen in meinem Kopf verschiedene Szenen, und ich wandere einfach, bis ich dort ankomme.
Die Vorstellung von Lou Reed und Blade Runner gefällt mir tatsächlich sehr – ich habe nie so darüber nachgedacht, aber ich liebe die Balance zwischen den beiden. Sie sind beide starke Referenzen und Inspirationsquellen.
Du hast in den letzten drei Jahren etwa 40 Tracks komponiert. Wie hast du entschieden welche 16 auf diese beiden Alben kommen?
Das war anfangs keine leichte Entscheidung. All diese neuen Songs – ich brauchte erst etwas Zeit, um alles zu verarbeiten und mir bewusst zu machen, welches Material ich da hatte. Ich habe kleine Auswahlen gemacht, wie Alben in Gruppen von acht bis zehn Songs. Ich bin kein großer Fan von Alben mit mehr als zehn Tracks. Diese habe ich dann im Zufallsmodus gehört. Mit der Zeit stachen einige Songs heraus, und die Auswahl ergab sich dann ganz natürlich.
Es gibt tatsächlich schon ein neues Album mit neuen Songs, die ich von nun an als Singles veröffentlichen werde. Ich schreibe auch gerade neues Material. Also haltet euch fest.
Deine Musik meidet Genre-Schubladen und unterläuft oft Pop-Konventionen. Wie bewusst ist das, und was bringt es dir dazwischen zu bleiben?
Keine Ahnung – wahrscheinlich meine Besessenheit authentisch zu sein statt kommerziell erfolgreich? Es immer spannend und interessant zu halten – zumindest für mich. Ich war wohl schon immer ein einsamer Wolf, der nie in eine bestimmte Schublade passen wollte. Klar, das hat mir manchmal auch Probleme eingebracht, aber ich habe es längst akzeptiert. Und genau das hält mich wohl außerhalb dieser Schubladen, in die die Leute dich unbedingt stecken wollen.
Modehäuser wie Chanel und Gucci haben deinen Sound für sich entdeckt. Warum glaubst du passt deine Musik so gut in diese visuellen und stilistischen Welten?
Ich hatte das Glück, dass diese Marken meine Arbeit mögen, und ich hatte das Vergnügen, mit den meisten von ihnen schon lange zusammenzuarbeiten.
Wenn ich Musik mache, habe ich immer eine Vision im Kopf – wie der Moment sein kann oder sein könnte, wie er eine Szene untermalen könnte. Ich denke, genau das spricht bestimmte Modehäuser an – dass manche meiner Tracks perfekt eine Kollektion oder Kampagne einfangen können.
Jetzt, wo die Alben Volume Two und Three sowie die neue Single „Fever“ und der Remix zu „The Mechanic Of Your Power“ erschienen sind – wohin gehst du kreativ als Nächstes? Was dürfen wir auf einem kommenden Album erwarten?
Wie immer bei mir: Erwarte das Unerwartete. Ich habe viele Songs fertig, probiere aber schon wieder Neues aus, weil ich es interessant halten muss – ich langweile mich sehr schnell. Es könnte ein reines Ambient-Album werden, wer weiß? Ein Industrial-Shoegaze-Album? Keine Ahnung. Wir werden sehen – aber enttäuscht werdet ihr bestimmt nicht sein.
Danke dir für das Interview!
Die Single „Fever” von David Shaw And The Beat ist am 27. Juni 2025 via Her Majesty’s Ship / Virgin Music erschienen. Der Remix von Ivan & Johnny zu „The Mechanic Of Your Power” kam am 28. Mai 2025 via Her Majesty’s Ship heraus.