
Sam und Ricco haben nicht geplant, was hier entstanden ist. Es hat sich einfach so ergeben, wie die besten Dinge eben entstehen: aus echter Begeisterung, einem Gespräch nach einer Party und dem gemeinsamen Gefühl, dass hier etwas fehlt. Heute sind die beiden als DiVa Collective Residents der Druckerei Solothurn, hosten ihre Partyreihe Eclipse und veröffentlichen ihren Sound auf internationalen Labels. Wir haben uns mit den beiden unterhalten.
Wie fing das alles an?
Sam: Ich hatte schon eine Weile Melodic-Events in Solothurn organisiert, weil ich das Gefühl hatte, dass dieser Sound hier einfach noch keinen richtigen Platz hatte. Ricco war dann an einer meiner Partys und hat mich danach angesprochen.
Ricco: Ich stand an diesem Abend auf dem Floor und dachte: endlich. Genau das hat hier gefehlt, dieser Sound, dieser Spirit. Und dann war klar, ich will nicht einfach nur zuschauen.
Sam: Wir haben uns hingesetzt, geredet, und sehr schnell gemerkt, dass wir auf einer Wellenlänge sind. Aus dem Gespräch wurde ein Kollektiv. Und was ich nicht erwartet hatte: eine echte, tiefe Freundschaft. Das ist eigentlich das Herzstück von allem. (lacht) Und ich als reiner Techno-DJ durfte plötzlich auch meine weichere Seite rauslassen.
Was für ein Sound ist das geworden, den ihr zusammen entwickelt habt?
Ricco: Melodic House und Techno, aber mit einer klaren Handschrift. Wir suchen beide diese Tiefe, diesen Moment wo ein Track dich nicht nur bewegt sondern wirklich berührt. Das ist unser gemeinsamer Nenner, auch wenn wir als Menschen ziemlich unterschiedlich sind.
Sam: Ich komme vom harten Techno, Ricco bringt eine andere Sensibilität mit. Dieses Spannungsfeld hat unseren Sound geprägt. Es ist keine Kompromisslösung, es ist etwas Eigenes geworden.
Und diesen Sound bringt ihr als Residents in die Druckerei Solothurn. Was bedeutet euch diese Rolle?
Ricco: Verantwortung. Du bist nicht Artist, du bist Teil des Hauses. Du kennst die Leute, den Raum, du weißt was auf diesem Floor funktioniert. Und du willst, dass es jedes Mal etwas Besonderes ist.
Sam: Als Resident kannst du eine Geschichte erzählen, nicht nur einen Abend lang, sondern über Monate. Eclipse entwickelt sich mit jedem Event weiter. Wir bauen hier wirklich etwas auf, das spürt man auch beim Publikum.
Ricco: Solothurn ist keine Metropole. Aber genau das macht es interessant. Die Leute kommen wirklich wegen der Musik, nicht wegen des Hypes. Diese Nähe ist etwas, das du in Zürich oder Berlin so nicht hast.
Eclipse heißt eure Partyreihe. Was steckt hinter dem Konzept?
Sam: Dieser Moment wo Licht und Dunkel ineinandergleiten, wo sich etwas verändert ohne dass man genau sagen kann wann. Das ist Eclipse. Musikalisch wie atmosphärisch. Und diesen Herbst machen wir das zum ersten Mal wörtlich: ein Day-to-Night-Format, Start am späten Nachmittag bis in den frühen Morgen.
Ricco: Es ist die konsequente Weiterentwicklung dessen, was wir von Anfang an wollten. Eine Reise, kein einzelner Moment.
Ihr seid zwei sehr unterschiedliche Menschen. Wie prägt das, was ihr seid, euren gemeinsamen Auftritt?
Sam: Ich bin queer, ich fühle mich als Frau, ich stehe auf Frauen.
Ich stehe auf der Bühne und bin einfach ich. Keine Maske, keine Rolle, die ich für jemand anderen spiele. Wenn das jemandem im Publikum zeigt, dass es okay ist genauso zu sein wie man ist, dann ist das mehr wert als jedes Statement. Die Welt ist voll von Menschen, die dir sagen wollen wie du zu leben hast. Der Floor ist kein Ort dafür. Der ist für alle.
Ricco: Ich merke es täglich. Wenn wir gemeinsam irgendwo auftauchen, erlebe ich, wie unterschiedlich die Welt auf uns reagiert. Das hat mich verändert. Ich sehe Dinge, die ich vorher einfach nicht gesehen habe, weil ich sie nicht sehen musste. Ich lerne von Sam, was es bedeutet, sich einen Raum zu erkämpfen, der für andere selbstverständlich ist. Das macht etwas mit dir. Es macht dich wacher.
Sam: Was ich an Ricco schätze, ist dass er Akzeptanz nicht performt. Er lebt es einfach. Das ist mehr wert als alle Statements der Welt.
Eine Frage, die wir trotzdem stellen müssen: Ihr seid kein Paar.
Sam: (lacht) Offenbar muss man das noch sagen, ja. Die Leute fragen ständig oder denken es einfach, ohne zu fragen. Als ob wir zwei zusammen auf der Bühne in nur einer Konstellation denkbar wäre.
Ricco: Wir sind Partner im kreativsten Sinne. Musikalisch, künstlerisch, menschlich. Aber romantisch? Nein. Wir stehen beide auf Frauen, aber das ist eigentlich gar nicht der Punkt. Der Punkt ist: Warum brauchen Leute überhaupt eine Erklärung, um zu verstehen, was wir machen? Zwei Menschen, die gemeinsam etwas aufbauen, weil sie es wollen und weil es funktioniert. Das sollte genug sein.
Sam: Es sagt viel darüber aus, wie Leute denken. Unser Ding ist eigentlich viel interessanter als das.
Und jetzt wächst DiVa Collective auch international. Ihr habt einen Remix für Drumcomplex veröffentlicht, auf Technoleague Records.
Ricco: Drumcomplex ist eine Legende. Als die Zusage kam, war die Antwort sofort klar. Mit vollem Herz.
Sam: Der Track heißt „Resonance of Hope“ und der Name hat uns direkt inspiriert. Wir wollten das Original respektieren und trotzdem unsere eigene Sprache sprechen. Ich glaube, das ist uns gelungen. Und es war ein Signal nach außen: Wir sind nicht nur Residents, wir haben eine Stimme als Produzenten.
Im Juli kommt dann euer nächstes Release, „Another Life.“ auf Perspectives Digital.
Sam: Dieser Track bedeutet uns sehr viel. Ein anderes Leben, andere Möglichkeiten, aber auch das Jetzt feiern. Perspectives Digital ist ein Label das wir tief respektieren. Dort zu releasen fühlt sich richtig an.
Ricco: Es zeigt, wohin die Reise geht. Wir bauen in Solothurn eine Szene auf und gleichzeitig öffnet sich der Kreis nach außen.
Mit „Another Life“ präsentieren wir einen kraftvollen Melodic-Techno-Track, der düstere Atmosphären mit trance-inspirierten Melodien vereint. Tiefe, treibende Basslines und hypnotische Synthesizer erschaffen eine intensive Klangwelt, die den Hörer von der ersten Minute an in ihren Bann zieht.
Was wollt ihr mit DiVa Collective langfristig zeigen?
Sam: Dass es geht. Dass zwei sehr unterschiedliche Menschen gemeinsam etwas aufbauen können, das grösser ist als sie selbst. Dass man keiner Schublade entsprechen muss um gehört zu werden. Und dass Solothurn einen Sound hat, der international mithalten kann.
Ricco: Und dass gute Musik einfach gute Musik ist. Egal wer sie macht. Wir wollen mit DiVa Collective Qualität liefern und gleichzeitig zeigen, dass unterschiedliche Menschen füreinander da sein können und dadurch noch grösseres entstehen kann. Das klingt vielleicht naiv, aber ich glaube wirklich daran.
Sam: Naiv ist manchmal unterschätzt. Naiv heißt oft einfach: offen für das, was sein könnte.
Zum Abschluss, noch eine persönliche Frage: Was macht diese Zusammenarbeit mit euch, als Menschen?
Sam: Diese Zusammenarbeit gibt mir Raum. Raum um musikalisch Dinge auszuprobieren, die ich als Solo-DJ nie gewagt hätte. Aber auch Raum um einfach ich zu sein, ohne das erklären zu müssen. Ricco hat nie eine Version von mir erwartet, die bequemer oder leiser ist. Das klingt vielleicht selbstverständlich, ist es aber nicht. Und ich glaube, genau das hört man in unserer Musik
Ricco: Sie zwingt mich, ehrlicher zu sein. Zu mir selbst, zu anderen. Wenn Sam mir zeigt, wie viel Energie es kostet, in einer Welt zu existieren, die nicht für dich gebaut wurde, dann kann ich nicht mehr einfach wegschauen. Ich will das auch nicht. DiVa Collective ist für mich nicht nur ein Musikprojekt. Es ist eine Entscheidung, wie ich mich in der Welt verhalten will.
DiVa Collective sind Residents der Druckerei Solothurn und hosten dort die Partyreihe Eclipse. Ihr Drumcomplex-Remix „Resonance of Hope“ ist auf Technoleague Records erhältlich. Der neue Release „Another Life.“ erscheint am 24. Juli auf Perspectives Digital.