
Alles in allem war es mein Festival-Highlight dieses Jahres. Aufgrund familiärer Verbandelung ging es Anfang August nämlich nach Schmelz ins Saarland. Zum Heidebeat. Selbst hier in der Redaktion hatten wir das Heidebeat noch nicht auf dem Schirm. Und dann das: Der Festivaltag war wirklich einer dieser Tage, an denen man von Anfang an weiß, dass heute alles stimmt. Und an denen auch alle anderen das wissen. Das lag zum einen an der charmanten Location des Heidebads direkt am Waldrand, den kleinen Details und der guten Organisation. Auch der Sound war sehr spannend: In den letzten Jahren haben hier zwischen Headlinern wie Dominik Eulberg, Pretty Pink, Moonbootica, Jonas Saalbach, Marten Hørger, Agatino Romero oder Nora En Pure viele aufstrebende Talente gespielt, bei denen diesmal mein Shazam ziemlich gefordert wurde. Die drei Bühnen von der klassischen Mainstage über die gemütliche Wohnzimmer-Bühne bis zur Busstage für härtere Beats waren abwechslungsreich. Was aber am stärksten in Erinnerung blieb, war der pure Vibe: Den ganzen Tag über kamen wir ständig ins Gespräch mit den anderen der 4.000 Besuchenden – was auf anderen Festivals gar nicht mal so selbstverständlich ist. Wohin man schaute, ergaben sich immer gute Interaktionen und am Ende dachte man, das gesamte Saarland kennengelernt zu haben.
Der Vorverkauf für 2027 startete vor wenigen Wochen und das Heidebeat war einfach innerhalb einer Stunde wieder restlos ausverkauft. Höchste Zeit, mit Andreas Schmitt und Patrick Backes vom Local Move e.V. zu reden, wie sie ihr Festival zu einem Ort des Gelingens gemacht haben:
Jungs, wie hat das mit dem Heidebeat eigentlich alles gestartet damals?
Nach Corona war der richtige Zeitpunkt für uns, etwas für die Region zu machen. Keiner der acht Leute am Anfang hatte bis dahin Erfahrung mit dem Planen von Events. Aber wir waren von Anfang an sehr umtriebig auf anderen Festivals, wo wir uns viel connected haben, was uns später unglaublich geholfen hat. Denn unter den Leuten, an die wir sehr offen rangetreten sind, waren viele dabei, die später Teil des Festivals wurden. Sei es als Besucher, Helfer, DJ oder sogar Crew-Mitglied. Aber auch viele Gewerke wie die Bühnentechnik haben wir im persönlichen Umfeld kennengelernt und sind mit uns gemeinsam gewachsen. Bei der ersten Ausgabe haben wir gerade mal mit 300–400 Leuten gerechnet, am Ende limitierten wir auf 1.200, weil wir nicht wussten, was uns erwartet.

Okay, aber wollten die Menschen mitten im Saarland denn wirklich Techno?
Den elektronischen Sound mussten wir teilweise erst in die Region bringen. Denn anfangs kamen viele Menschen aus der Region vor allem wegen der besonderen Atmosphäre und weniger wegen der Musik. Das hat sich mittlerweile verändert: Das Festival hat bei vielen Besuchenden Emotionen mit der elektronischen Musik verbunden. Zu den Emotionen gehört neben der Musik das Gesamtbild, also auch die Dekoration, das Bühnenbild und die Menschen, mit denen man gemeinsam feiert. Wir mussten den Menschen in Schmelz aber erst zeigen, was wir vorhaben und warum es sich lohnt, sich darauf einzulassen. Darüber hinaus gibt es im gesamten Saarland schon mehrere Clubs, die seit Jahrzehnten bestehen. Auch die Festivallandschaft entwickelt sich weiter. Veranstaltungen wie das Tropical Mountain oder das Wasenbeat tragen dazu bei, dass elektronische Musik in der Region immer sichtbarer wird.
Euer Booking besteht immer aus einer Mischung von Headliner und regionalen Acts. Worauf achtet ihr beim Booking?
Mittlerweile buchen wir jedes Jahr drei bis vier größere internationale DJs und setzen aufstrebende Talente um diese Acts herum ins Line-up. Manchmal müssen wir schon darüber schmunzeln, dass z. B. Nora En Pure zuvor in Kapstadt und New York unterwegs war, bevor sie in unser kleines Schmelz kam. Die nächsten Gigs waren dann wieder San Diego und San Francisco.
Bei den Headlinern schauen wir natürlich nach ihrer Musik. Gleichzeitig achten wir aber auch darauf, dass ihr Vibe zu unserem Festival passt.
Im Gegenzug möchten wir allen Künstler*innen aber eine besondere Atmosphäre bieten. Uns ist wichtig, dass sich die Künstler bei uns wohlfühlen und sehr gut betreut werden. Agatino Romero ist beispielsweise im vergangenen Jahr über das gesamte Festivalgelände gelaufen und hat sich wirklich jede Ecke angeschaut – von der Fotobox bis zur Weinbar. Anschließend hat er uns noch häufig geschrieben, wie sehr er den Ort, die Atmosphäre und seinen Auftritt genossen hat.

Auch Marten Hørger hat uns ein besonderes Erlebnis beschert: Nur zwei Stunden vor seinem Auftritt fragte er spontan, ob er seine Frau und seine beiden Kinder mitbringen könne, weil er unser Festival als einen Ort empfand, an dem sich die ganze Familie wohlfühlen kann. Eine seiner Töchter stand später sogar mit ihm auf der Bühne und feierte den Abend mit ihm. Für uns ist es wirklich krass, wenn Menschen, die auf der ganzen Welt unterwegs sind und viele Festivals kennen, ausgerechnet unser Schmelz so positiv in Erinnerung behalten.
Wie bringt ihr denn die Region mit ein?
Wir arbeiten mit vielen Firmen, Vereinen und Organisationen aus der Umgebung zusammen. Dabei geht die Zusammenarbeit oft weit über das eigentliche Festival hinaus. Da kann man zum einen die Foodtrucks nennen: Bei denen achten wir möglichst darauf, viele Anbieter aus der Region zu haben. Manche Anbieter entwickeln sogar spezielle Kreationen für uns. Etwa zwei Wochen vor dem Festival laden sie uns ein und zeigen uns, was sie für das Festival vorbereitet haben. Zusätzlich versorgen sie unsere Helfer beim Auf- und Abbau kostenlos mit Essen. Das ist nicht selbstverständlich und zeigt, wie eng und freundschaftlich die Zusammenarbeit mittlerweile geworden ist.
Aber auch von den Behörden und dem Bürgermeister haben wir sehr viel Unterstützung bekommen. Das gute Miteinander ist für uns enorm wichtig. Besonders schön ist es zu sehen, dass sich inzwischen sogar der eine oder andere, der vorher vielleicht nicht viel mit elektronischer Musik anfangen konnte, für Techno begeistert und auf dem Festival mittanzt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist unser Verein Local Move, der hinter Heidebeat steht. Hier kann sich jeder mit eigenen Ideen, Fähigkeiten und Kreativität einbringen. Viele Dinge auf dem Festival entstehen hier durch Eigeninitiative und gemeinsames Anpacken. So ist Heidebeat über die Jahre zu einem Gemeinschaftsprojekt geworden, an dem viele Menschen aus der Region mitwirken.
Auch was die musikalische Vision angeht?
Auch musikalisch möchten wir die regionale Szene aktiv einbinden und gerade Nachwuchs-DJs die Chance geben, Teil von Heidebeat zu werden. Dafür gibt es auf unserer Website ein DJ-Bewerbungsformular, über das man sich ganz einfach bewerben kann. Auch für nächstes Jahr sind übrigens noch einige Slots frei. Unser Motto lautet dabei: „Wenn der Vibe stimmt, stimmt auch die Musik.“ Wir suchen nicht einfach nur DJs, die musikalisch in eine bestimmte Schublade passen. Uns interessiert vor allem auch, welche Persönlichkeit hinter der Musik steckt, was die Menschen antreibt und ob sie zu unserem Festival und unserer Community passen. Denn wir sind überzeugt, dass sich die richtige Einstellung und Begeisterung nicht nur auf die anderen Künstler im Backstage, sondern auch auf die Menschen vor der Bühne übertragen. Deshalb freuen wir uns nicht nur auf eure Sets, sondern sind auch gespannt auf die Geschichten und Menschen dahinter. Also bewerbt euch gerne!

Jetzt seid ihr ja irgendwo zwischen 2026 und der Planung von 2027. Gerade habt ihr den Verein erwähnt: Alle von euch machen das ehrenamtlich – warum tut ihr euch den Stress eigentlich an?
Die Frage verstehen wir schon gut: Am Festivaltag haben wir kaum Zeit, den Moment zu genießen, weil wir ständig am Organisieren und Arbeiten sind. Nach dem Festival folgt dann der Abbau und dabei fragt man sich tatsächlich, warum man sich diesen ganzen Stress eigentlich antut. Mit etwas Abstand kommen wir dann wieder an den Punkt, an dem man voller Ideen für das nächste Jahr ist. Aber was uns vor allem antreibt, ist das gemeinsame Schaffen. Es sind am Anfang Leute in unsere Werkstatt gekommen, die hatten eine Idee und wollten sich bei uns kreativ ausleben. Mittlerweile ist es schön zu sehen, wie sich viele von ihnen unglaublich weiterentwickelt haben und inzwischen die Verantwortung für einen ganzen Bereich des Festivals übernommen haben. Das liegt auch ein bisschen an unserem Spirit in der Vorbereitung: Man darf hier Fehler machen und manchmal darf auch etwas schiefgehen. Oft kann man gerade aus den Fehlern die wertvollsten Erfahrungen mitnehmen, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen.
Das Schönste im Jahr ist für uns eigentlich die Aufbauwoche. Dafür nehmen wir uns ein bis zwei Wochen Urlaub. Dann schlafen wir in unseren Campern am Schwimmbad, verbringen Zeit mit unseren Freunden und bauen gemeinsam das Festival auf. In dieser Zeit sehen wir, wie die unterschiedlichen Bereiche entstehen und sich das Gelände nach und nach in ein Festival verwandelt. Long story short: Es ist einfach toll, das Festival mit Freunden zu erschaffen und anschließend zu erleben, wie andere Menschen daran Freude haben.
Nach fünf Jahren mit eigenem Festival habt ihr bestimmt ein paar Punkte, die jedes Festival aufwerten und welche, die gar nicht gehen:
Fangen wir mit den positiven Dingen an: Für uns sind das zum einen Festival-Totems. Das sind lange Stangen, die Besucher individuell gestalten können, sodass jeder sein eigenes Design mitbringt. Dadurch können sich die Menschen kreativ ausdrücken und ihre Totems werden zu einem wichtigen Teil der Festivalatmosphäre. Gleichzeitig helfen sie dabei, Freunde in der Menge wiederzufinden. Auch Sitzgelegenheiten sind enorm wichtig. Wir haben viele Sofas auf dem Gelände, und trotzdem schreiben uns Besucher im Nachhinein, dass es noch zu wenige waren. Das zeigt, wie sehr die Menschen solche Rückzugsorte schätzen. Ein Festival sollte nicht nur aus Tanzen bestehen, sondern auch Raum bieten, um sich auszuruhen, miteinander zu reden und die Atmosphäre zu genießen. Unsere Sofas haben wir uns übrigens bei Kleinanzeigen geschossen und erst bei der überragenden Community im Dorf in irgendwelchen Kellern gelagert. Mit etwas Glück hat sich dann eine Lagerhalle direkt am Heidebad gefunden.
Was wir eher abschreckend finden, ist Influencer-Marketing auf Festivals. Wir bekommen viele Anfragen von Menschen, die Tickets haben möchten und im Gegenzug ein paar Stories veröffentlichen würden. Für uns passt das nicht zu unserer Vorstellung von authentischer Festivalwerbung: Wenn Besucher*innen eine schöne Zeit bei uns verbringen, erzählen sie anderen davon und teilen ihre Erlebnisse ganz von selbst. Genau das möchten wir fördern.
Auch liegt es uns fern, mit dem Festival profitorientiert zu denken, weil das am Ende auf die Qualität schlägt. Hinter dem Heidebeat steht ein ehrenamtlich organisierter Verein. Die Einnahmen fließen wieder in das Festival oder in gemeinnützige Projekte und Charity-Aktionen. Dadurch konnten wir einerseits unser Konzept Schritt für Schritt weiterentwickeln und wachsen lassen. Andererseits konnten wir mit übrig gebliebenen Gewinnen Projekte in der Region unterstützen, die uns ihrerseits auch die ganze Zeit unterstützt haben. Wir glauben, dass der Erfolg dann kommt, wenn man mit Leidenschaft bei der Sache ist und etwas macht, das einem wirklich Spaß bereitet – und nicht, wenn man den Erfolg um jeden Preis erzwingen möchte.
08.08.2026 • Heidebad, Schmelz
Aus dem FAZEmag 177/11.26
Text: Bastian Gies
www.heidebeat.de