GODTRIPPER: Ein Blick hinter den Spiegel

Es gibt Künstler, die ihre Persönlichkeit in den Mittelpunkt stellen. Und es gibt GODTRIPPER. Innerhalb von nur drei Jahren führte der Weg des anonymen Live-Projekts von ersten Underground-Auftritten über Radius Chicago, Factory93 und Ultra Miami bis auf die Bühne des Tomorrowland. Dort folgte im Juli 2026 ein weiterer Meilenstein: In der legendären Rave Cave spielte GODTRIPPER erstmals überhaupt ein DJ-Set – allerdings ausschließlich mit eigener Musik. Kurz darauf beginnt mit GODTRIPPER 2.0 das nächste Kapitel: eine weiterentwickelte visuelle Identität, das erste vollständige Online-Release einer Liveperformance und eine Europa-Tour rund um das Amsterdam Dance Event.

Trotz dieser Entwicklung blieb eines bislang aus: ein ausführliches Interview. Für FAZEmag gewährt GODTRIPPER nun erstmals tiefere Einblicke in die Ideen hinter dem Projekt – ohne dabei die zentrale Mystik aufzugeben.

Unter diesem Helm steckt so viel mehr

Wer nach der Person hinter dem spiegelnden Helm sucht, wird bewusst enttäuscht. Denn genau darum soll es nicht gehen. „GODTRIPPER entstand aus vielen sich überschneidenden Ideen. Eine der wichtigsten war jedoch, den Fokus von der Person hinter dem Projekt zu lösen“, erklärt das Projekt. In einer Zeit, in der DJ-Kultur immer stärker um Gesichter, Persönlichkeiten und Smartphone-Aufnahmen kreise, sei das Ganze bewusst anders gedacht worden. „GODTRIPPER wurde geschaffen, um die Aufmerksamkeit wieder auf die Musik, die Kunst und das eigentliche Erlebnis zu lenken.“ Dazu passt auch der Helm, der längst zum Markenzeichen geworden ist. Er versteht sich nicht als klassische Maske, sondern als künstlerisches Objekt.

„Die verchromte Maske wurde zu einem echten Spiegel, der den Betrachter mit sich selbst konfrontiert.“ Dahinter stecke zugleich eine philosophische Idee: Vielleicht liege das, wonach Menschen außerhalb ihrer selbst suchen – Bewusstsein, höhere Intelligenz oder etwas Göttliches –, bereits in ihnen selbst. Der Spiegel lasse diese Frage bewusst offen. Gleichzeitig verweist die schmelzende Form des Helms auf psychedelische Wahrnehmung und veränderte Bewusstseinszustände. Im Hintergrund existiert sogar eine eigene Mythologie rund um den „Oracle of the Mirror Architect“ – eine geheimnisvolle Instanz zwischen verschiedenen Realitäten. Ob es sich dabei um künstliche Intelligenz, uraltes Wissen, außerirdisches Leben oder eine andere Ebene des Bewusstseins handelt, bleibt jedoch bewusst unbeantwortet. „Der Name GODTRIPPER bewegt sich irgendwo innerhalb all dieser Ideen.“

GODTRIPPER 2.0: Eine Figur in ständiger Veränderung

Stillstand scheint nicht zum Konzept zu gehören. Mit GODTRIPPER 2.0 verändert sich nicht nur die Musik, sondern auch die Erscheinung der Figur selbst. „GODTRIPPER 2.0 zeigt noch deutlicher die wandelbare Natur des Charakters“, heißt es. Während das Projekt von Beginn an bewusst androgyn angelegt war, rücke die neue Version stärker eine feminine und sinnliche Ästhetik in den Vordergrund. Silhouette, Styling und Bewegungen könnten sich genauso verändern wie die Musik selbst. Auch das Kostüm entwickelt sich weiter. Statt einer einzigen festen Erscheinungsform entstehen unterschiedliche Varianten und Farbwelten – darunter erstmals auch eine vollständig weiße Version. Der Charakter soll sich von Performance zu Performance und von Epoche zu Epoche weiterentwickeln. Parallel dazu verändert sich auch der Sound. Der stärkere Einfluss von Trance und Psytrance spiegele sich inzwischen unmittelbar in der Körperlichkeit und visuellen Energie der Liveperformance wider.

Die Performance ist der Kern, DJing ein Experiment

Vielleicht der größte Unterschied zu vielen anderen elektronischen Projekten: GODTRIPPER wurde nie als DJ-Act konzipiert. „GODTRIPPER war nie dafür gedacht, in erster Linie als DJ-Set zu existieren“, erklärt das Projekt. Stattdessen verstehe man sich als Experiment und als Erlebnis – „etwas, das aufgeführt und nicht einfach nur abgespielt wird“. Deshalb gehört die Hardware genauso zum Konzept wie die Musik selbst. Das Erzeugen und Manipulieren der Klänge auf der Bühne sei Teil der Identität des Projekts. Langfristig soll sich das Ganze sogar noch stärker in Richtung Performance-Kunst entwickeln. „Die langfristige Vision geht immer stärker in Richtung Performance Art, bei der Klang, Technologie, Visuals und körperliche Performance zu einem einzigen Gesamtkunstwerk verschmelzen.“

Umso überraschender war der Auftritt beim Tomorrowland, bei dem GODTRIPPER erstmals überhaupt ein DJ-Set spielte. Der Grund dafür war allerdings weniger konzeptioneller als praktischer Natur. „Tomorrowland stellte uns vor eine ganz praktische Herausforderung. Alle anderen Künstler in der Rave Cave spielten DJ-Sets, sodass es kaum sinnvoll gewesen wäre, für einen einzigen Auftritt die komplette technische Live-Produktion von GODTRIPPER aufzubauen.“ Anstatt dies als Einschränkung zu verstehen, wurde daraus ein Experiment. „Was passiert, wenn man das Liveprojekt in ein DJ-Format übersetzt?“ Dass ausschließlich eigene Musik gespielt wurde, war dabei eine bewusste Entscheidung. „So blieb die Identität der Performance erhalten und gleichzeitig konnten wir zeigen, dass GODTRIPPER zwischen verschiedenen Formaten wechseln kann, ohne das zu verlieren, was das Projekt ausmacht.“

Ein geplanter Blick hinter den Vorhang

Ebenso bewusst wie die Livephilosophie war bisher auch der Umgang mit Öffentlichkeit. Seit der Entstehung vor drei Jahren habe man das Projekt ganz bewusst langsam wachsen lassen. „Es war immer geplant, GODTRIPPER Schritt für Schritt zu enthüllen. Anstatt sofort alles zu erklären oder die Figur überall zu präsentieren, sollten Musik, Performances, Bilder, Kollaborationen und Fragmente dieser Welt organisch entstehen.“ Mit der bevorstehenden Veröffentlichung der kompletten Liveperformance aus dem Exchange LA sieht GODTRIPPER nun einen natürlichen Wendepunkt erreicht. „Die Veröffentlichung ermöglicht es den Menschen erstmals, das Projekt in seiner vollständigen Form zu erleben. Gleichzeitig trägt sie der Realität Rechnung, wie Musik heute entdeckt wird. Ein vollständiger Livestream erreicht auch Menschen, die GODTRIPPER vielleicht nie in einem Club erlebt hätten.“

Die besondere Verbindung zu Sara Landry

Ein wichtiger Bestandteil der bisherigen Entwicklung ist die Zusammenarbeit mit Sara Landry. Gemeinsam entstanden unter anderem Chaos Magicka, die aktuelle EP auf HEKATE sowie eine weitere Kollaboration für Landrys kommendes Album. Dass diese Verbindung funktioniert, liege jedoch weit vor der Musik. „Die Beziehung zu Sara existierte schon lange, bevor es GODTRIPPER überhaupt gab. Zwischen uns besteht eine sehr tiefe Freundschaft und kreative Verbindung – manchmal fühlt es sich sogar so an, als würde sie schon viel länger als dieses Leben existieren.“ Gerade dieses gegenseitige Vertrauen ermögliche einen ungewöhnlich offenen kreativen Prozess. „Es gibt kaum Hemmungen, ungewöhnliche Ideen miteinander zu teilen, zu experimentieren oder einem Gedanken einfach deshalb zu folgen, weil er sich richtig anfühlt.“ Auch musikalisch entwickelten sich beide Projekte parallel weiter.

„Wir haben denselben Instinkt, uns nie auf einem bestimmten Sound auszuruhen. Immer wieder fließen neue Genres, neue Produktionstechniken und ungewohnte Klangwelten in den Prozess ein. Vieles entsteht aus Intuition – wir folgen dem Klang, der sich in diesem Moment spannend anfühlt, anstatt Vergangenes zu wiederholen.“ Genau deshalb verändere sich die Musik ständig und bleibe dennoch unverkennbar miteinander verbunden.

In der Zukunft bleibt alles anders

Nach Tomorrowland steht bereits die erste Europa-Tour rund um das Amsterdam Dance Event bevor. Auch hier versteht GODTRIPPER Veränderung nicht als Ausnahme, sondern als Grundprinzip. „Weiterentwicklung war von Anfang an Teil des Projekts. GODTRIPPER wurde geschaffen, um sich gemeinsam mit Technologie, elektronischer Musik und der Kultur um sie herum zu verändern. Es gibt kein Interesse daran, die Liveshow für immer in einer einzigen Version einzufrieren.“ Die nächsten Schritte sind bereits definiert: ein erweitertes Hardware-Setup, neue visuelle Systeme und noch stärkere Elemente der Performance-Kunst. Vor allem aber soll die Grenze zwischen Bühne und Publikum zunehmend verschwinden.

„Wir möchten neue Wege finden, die Menschen im Raum selbst zu einem Teil der Performance werden zu lassen. Wie genau das aussehen wird, wird sich nach und nach zeigen.“ Gerade diese Offenheit scheint das Projekt am besten zu beschreiben. GODTRIPPER liefert bewusst keine vollständigen Antworten. Stattdessen entsteht ein Kunstprojekt, das irgendwo zwischen Liveperformance, Skulptur, Technologie und elektronischer Musik angesiedelt ist – und dessen größte Stärke vielleicht darin liegt, dass es seine zentralen Fragen nicht auflöst, sondern dem Publikum überlässt.

Text: scharsigo
https://www.instagram.com/godtripper