Karrierestart im Tresor? Paul van Dyk erinnert sich und wird korrigiert

Eigentlich sollte es in einem Interview der Talkreihe „Berlin Sounds Inside“ zwischen Paul van Dyk und Musikjournalistin Anja Caspary vor allem um die bewegende rund 30-jährige Karriere der Dance-Ikone gehen.

Doch zwischen Ostberlin, Trance und Unfall sorgt vor allem eine Erinnerung für Aufmerksamkeit in den Kommentarspalten: van Dyks erster DJ-Job im Berliner Kult-Club Tresor. Seine Erzählung deckt sich nämlich nicht ganz mit der Erzählung eines weiteren Szene-Kenners.

„Ich habe viel über elektronische Musik gelernt, indem ich Radio gehört habe“, so Paul van Dyk zu Beginn. „Als die Mauer fiel, fing ich an in Clubs zu gehen und für Freunde und mich Tapes zu mixen.“

Er erinnert sich. „Einer Meiner Freunde hat dann beim Tresor an der Tür eine dieser Kassetten gezeigt und gesagt ‚Hier, das ist cool, das hören wir so‘ und daraufhin bin dann eingeladen worden, dort zu spielen.“

„Insofern bin ich jemandem wie Dimitri Hegemann auch für immer dankbar für die Unterstützung, auch gerade am Anfang meiner Karriere, wie vielen anderen auch.“ – vielen anderen? Niemand Geringeres als Berlins Techno-Ikone WolleXDP hat die Geschichte anders in Erinnerung.

Wolle Neugebauer ist bekannt als zentrale Figur der frühen Berliner Techno-Szene. Geboren 1967 in Leipzig, organisierte er ab 1989 die ersten XDP-Techno-Partys und die legendären Tekknozid-Raves, die als Pionierere deutscher Raves gelten.

In seiner Karriere war er maßgeblich am Relaunch des Tresor-Clubs 1994 beteiligt, betrieb Clubs wie Discount und Pfefferbank, initiierte die Hart-House-Reihe im Bunker und half bei der Fuckparade mit.

Als DJ WolleXDP tourte er international durch Clubs und Radios, lehnt kommerzialisierten Techno ab und ist Resident im KitKatClub bei Carneball Bizarre sowie Organisator von Oldschool-Tekknozid-Revivals seit 2015.

Hier folgt seine Sicht auf Paul van Dyks Story – ausführlich und unkritischer, als man zuerst erwarten würde:

„Da ist bei ihm offensichtlich einiges durcheinander gerutscht? Denn dieses Tape* hat Paul nicht im Tresor abgegeben, sondern bei mir. Das war am Sonntag, den 22.9.1991, und es war nicht irgendein Tape, sondern eines, was er in der Nacht zuvor speziell für mich angefertigt hat, um sich damit für Berlins damals größten Rave „The Brain“ zu bewerben. Er hatte das Talent und das Glück, dass damals so etwas möglich war. Denn tatsächlich hat er den „Job“ bekommen und durfte nur 4 Wochen später als absoluter Anfänger (er hatte zuvor einmal für 30 Minuten ohne Publikum im Tresor gespielt, weil DJ Rok zu spät kam) auf dieser Party vor über 2000 Leuten spielen. Die Nacht teilte er sich abwechselnd mit DJ Conrad. Und damit er das überhaupt konnte, habe ich ihm 2 Plattenspieler (Technics 1210) und seine Plattenkäufe vorfinanziert (sein Mixtape hatte er noch mit seinem riemengetriebenen, aber pitchbaren und einem nicht pitchbaren Direktdrive-Plattenspieler gefertigt). Ich brauchte ihn, weil es keinen anderen DJ gab, der meine Visionen eines anderen Techno-Sounds (Trance) auf dieser Party umsetzen konnte. Denn das Konzept dieser Party war komplett irre. Es integrierte weltweit erstmalig die Sounds und Lichteffekte sogenannter „Brain Machines“ in eine Tanzparty. Alle Berliner Zeitungen und sogar das Fernsehen berichteten groß aufgemacht von diesen Partys. Sie waren eine richtige Sensation! Damals kamen die Leute noch nicht wegen irgendeines DJs auf die Partys, sondern wegen der Musik und wegen der Veranstaltungskonzepte und deren Umsetzung. Nur deshalb war es möglich, einen Newcomer wie Paul zum „Headliner“ dieser Partys zu machen. Techno hatte sich damals ein wenig „verrannt“. Es dominierten brachiale Sounds. Der sogenannte „Wallküren-Techno“ schien alle tieferen und melodischen Varianten von Techno regelrecht wegzudrücken. Bleeps, Klonks und Trance passten nicht mehr auf die großen Raves. Deshalb wollte ich diesen Spielarten Raum geben und entwickelte dieses spezielle Party-Konzept. Paul und ich sahen das sehr ähnlich, und wir lagen mit unserer Annahme, dass es vielen Leuten ähnlich gehen würde, absolut richtig. Nach seinem erfolgreichen Debüt auf „The Brain“ im Oktober 1991 machten wir diese Partys fortan monatlich, bis das Quartier im Mai 1992 geschlossen wurde. Danach trennten sich unsere Wege. Er entwickelte auf den (zuerst wesentlich kleineren) Dubmission-Partys Trance weiter, während ich den härtesten Club der Welt, die „Hartware“, im Berliner Bunker installierte.“

Besonders spannend wurde es noch einmal am Ende, als WolleXDP ankündigte: „Dieses legendäre Bewerbungstape stelle ich jetzt endlich mal online. Link folgt.“ Leider ist dies nie geschehen, vermutlich aus technischen Gründen.

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