
Nach drei Jahrzehnten juristischer Auseinandersetzung haben Kraftwerk vor dem Europäischen Gerichtshof eine entscheidende Niederlage erlitten.
Das Urteil in Luxemburg fällt zugunsten von Moses Pelham und markiert einen Wendepunkt im europäischen Urheberrecht. Ausgangspunkt des Streits war ein zwei Sekunden langer Schlagzeug-Loop aus dem Kraftwerk-Track „Metall auf Metall“ von 1977.
Pelham hatte die Sequenz 1997 entnommen, leicht verändert und für den Song „Nur mir“ von Sabrina Setlur verwendet. Kraftwerk-Mitgründer Ralf Hütter klagte daraufhin. Es entwickelte sich die längste urheberrechtliche Auseinandersetzung in der Geschichte der Bundesrepublik mit zahlreichen Instanzen und Entscheidungen.
Am 14. April 2026 entschied der Europäische Gerichtshof in der Rechtssache C-590/23 zugunsten von Pelham, seinem Partner Martin Haas und Sabrina Setlur. Zentral ist dabei die erstmals verbindliche Definition des Begriffs „Pastiche“.
Demnach liegt ein Pastiche vor, wenn ein Werk an ein bestehendes erinnert, dabei aber erkennbare Unterschiede aufweist und einen künstlerischen Dialog mit dem Original führt. Dieser kann als Hommage, Stilnachahmung oder kreative Auseinandersetzung erscheinen.
Das Urteil ist historisch, weil Sampling damit grundsätzlich als zulässige künstlerische Praxis anerkannt werden kann. Die Definition gilt ab sofort in allen EU-Mitgliedstaaten und beendet eine langjährige Rechtsunsicherheit in der Branche.
Der Rechtsweg war komplex: fünf Verfahren vor dem Bundesgerichtshof, drei Berufungen am Hanseatischen Oberlandesgericht, zwei Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts und zwei frühere EuGH-Urteile.
Die Gerichte teilten den Fall in drei Zeitabschnitte. Für die Nutzung bis 2002 hatten Pelham und seine Mitstreiter bereits gewonnen. Das aktuelle Urteil betrifft den Zeitraum ab Juni 2021, während die Phase von 2002 bis 2021 noch vor dem Bundesverfassungsgericht liegt.
Experten sehen nun gute Chancen für Pelham in der weiteren Bewertung durch den Bundesgerichtshof. Gleichzeitig wird betont, dass nicht jede Übernahme automatisch als Pastiche gilt, sondern ein erkennbarer künstlerischer Bezug erforderlich ist.
Die Auswirkungen reichen weit über die Musik hinaus. Sampling, das zentrale Elemente von Hip-Hop, elektronischer Musik und Pop prägt, erhält eine klare rechtliche Grundlage. Auch für digitale Inhalte wie Remixe oder Memes schafft das Urteil neue Orientierung.
Quelle: Loop Rituals
Das könnte dich auch interessieren:
50 Jahre Radio-Aktivität: Kraftwerk kündigen Vinyl-Neuauflage an