
Frühmorgens im Technoclub – was früher nach Afterhour klang, ist für manche inzwischen Teil eines durchgetakteten Fitnessplans. Statt durchfeierter Nächte geht es um Schrittzahlen, Kalorienverbrauch und Content.
Eine Berliner Influencerin dokumentierte kürzlich genau dieses Modell: Aufstehen um sechs Uhr, Sportkleidung an, ab ins Berghain. Ziel ist nicht Eskapismus, sondern Bewegung. Mehrere Stunden Tanzen später stehen über 13.000 Schritte auf dem Tracker. Danach folgt der nächste Programmpunkt: Essen, Pre-Workout-Drink, Gym. Der Clubbesuch wird zur Trainingseinheit, die sich nahtlos in den Tagesablauf einfügt.
Solche Routinen stehen exemplarisch für ein Phänomen, das sich als „Lifestyle-Raving“ beschreiben lässt. Gefeiert wird zu Uhrzeiten, die mit Schlafrhythmus und Trainingsplan kompatibel sind. Das Outfit ist funktional und fototauglich, der Aufenthalt zugleich Erlebnis und Content-Produktion. Der Club wird nicht nur besucht, sondern inszeniert.
Auch digitale Angebote reagieren bereits auf diese Entwicklung. Apps wie „Mondaysover“ ermöglichen es, Tanzdauer und Schrittanzahl zu erfassen. Slogans wie „I don’t run, I rave“ oder „Workout … or Rave?“ übersetzen Clubkultur direkt in Fitnessrhetorik.
Historisch stand Raving jedoch für etwas anderes: für Kontrollverlust statt Selbstoptimierung, für kollektive Erfahrung statt Performance. Clubs galten als Räume, in denen gesellschaftliche Leistungslogiken für einige Stunden ausgesetzt waren. Heute wird das Feiern von manchen in ein System integriert, das auf Effizienz, Sichtbarkeit und Selbstvermessung basiert.
Das bedeutet zwar nicht, dass frühere Formen des Feierns verschwunden sind oder dass Disziplin per se problematisch wäre, einen Paradigmenwechsel gibt es aber dennoch.
Zuvor hatte bereits der Tagesspiegel über die Thematik berichtet.
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