OneOdio StudioMax2 – überlebt Sven Väths Marathon-Sets

Im Test ist ein neuer kabelloser DJ-Kopfhörer, der mich gleich zu Beginn etwas ungläubig schauen lässt. Beim ersten Ausprobieren benutzte ich ihn außerhalb seiner Komfortzone, nämlich in einer Film-Sounddesign-Session. Dort griff ich auf den OneOdio Studio Max2 eher aus Verlegenheit zurück, weil mein gewohnter Kopfhörer leider nicht den Weg in meine Reisetasche gefunden hatte. Mein Vorurteil bei kabellosen Kopfhörern wie diesem war, dass es eine viel zu hohe Verzögerung gibt und diese deswegen eigentlich nicht zum Auflegen, Produzieren und vor allem nicht zum Sounddesign zu gebrauchen sind. Man kennt es ja: Mit Bluetooth-Kopfhörern ist so mancher Film unschaubar geworden, weil z. B. die Sprache gegenüber dem Bild empfindlich zu spät wiedergegeben wird. Doch was ich in meiner Session hörte und sah, war beeindruckend. Und was in den nächsten Tagen passierte, war es umso mehr.

 

Das Sounddesign-Szenario fand ich deshalb sehr erwähnenswert, weil Synchronität hier noch wichtiger ist als beim Auflegen. Man muss nicht nur synchron zum nächsten Track sein, sondern auch synchron zum Film. Unsere Wahrnehmung ist normalerweise sehr sensibel, wenn Sounds mehrere Millisekunden später als das Gesehene bei uns ankommen. Beim Sounddesign warten aber hunderte kleine Klangschnipsel darauf, perfekt maßgeschneidert zum Bild gestaltet zu werden und so eine Glaubwürdigkeit aufzubauen. Die chinesische Brand OneOdio nimmt mit ihrem Studio Max2 die Herausforderung an und gibt ihren DJ-Kopfhörern einen Ultra-Low-Latency-Modus mit. Der soll eine maximale Verzögerung von neun Millisekunden haben.

Drahtlos

Nochmal kurz zum Kontext: Normalerweise wird Bluetooth zum kabellosen Übertragen von Sound genutzt. Jeder EarPod funktioniert so. Bluetooth ist eine Funkverbindung, die darauf ausgelegt ist, ultrastabil zu sein, mehrere Geräte gleichzeitig verbinden zu können und besonders wenig Strom bei Sendern und Empfängern zu verbrauchen. Der Preis dieses sehr verlässlichen Systems ist aber, dass seine Latenz deutlich höher ist als bei anderen Funkverbindungen. Damit etwas ansatzweise als synchron und für Echtzeit-Performances wie DJing wahrgenommen werden kann, braucht es also eine andere Herangehensweise. Da setzt der Ultra-Low-Latency-Modus beim OneOdio an. Dahinter steckt eine deutlich schnellere Funkverbindung vom Kopfhörer, der sein Signal vom mitgelieferten Sender bekommt. Das muss man nochmal erwähnen, weil man hier zum Preis von 189 EUR ein ganz schön umfangreiches Paket bekommt. Den Sender steckt man einfach in den normalen Kopfhörerausgang – und los geht es. Das Datenblatt gibt wie oben erwähnt eine Latenz von neun Millisekunden an. Um das etwas anschaulicher zu machen: So lange braucht Schall, um ca. 4 Meter zurückzulegen. Der modernste Bluetooth-Standard, Bluetooth 5.3, hat zum Vergleich eine Verzögerung, als würde man eine Schallquelle etwa 40 Meter entfernt hören. Das Ergebnis hinkt also deutlich hinterher.

Damit nochmal zurück zur Sounddesign-Session: Sobald der Ultra-Low-Latency-Modus eingeschaltet war, bewegte sich die Latenz in einem komplett tolerierbaren Bereich. Ich konnte mich somit auf den Kopfhörer als Referenz verlassen – das erste Mal überhaupt bei einem kabellosen Kopfhörer. Der nächste Punkt wäre damit auch schon der Komfort: Auch nach zehn Stunden Studio ist das Tragegefühl noch sehr angenehm. Die Ohrmuscheln sind nämlich sehr angenehm gepolstert und schirmen Klänge von außen ab – übrigens nicht durch Active Noise Cancelling, sondern nur durch die geschlossene Bauweise, was die Latenz sicherlich positiv beeinflusst.

Der Akku

Am nächsten Tag bemerkte ich, dass ich am Abend vergessen hatte, die Kopfhörer auszuschalten. Damit liefen sie die ganze Nacht. Beim Verbinden mit meinem MacBook erwartete ich also einen sehr erschöpften Akku. Doch wir waren noch bei unglaublichen 92 Prozent! Und damit sind wir bei einem der absoluten Highlights des Kopfhörers: Im normalen Bluetooth-Betrieb hält der Akku 120 Stunden, im Low-Latency-Betrieb 50 Stunden. Das ist schon stark und total praktisch für den Club-Einsatz. Das nächste Goodie: Wenn man kurz vor dem Gig vergessen hat aufzuladen, kann man das in Höchstgeschwindigkeit nachholen – innerhalb von 5 Minuten sind wieder zweieinhalb Stunden Akkulaufzeit drin. Oder, wie man beim OneOdio sagen könnte: 1,67 Prozent der Gesamtladezeit für zweieinhalb Stunden Betrieb. Die deutlich teureren kabellosen Modelle der Konkurrenz gehen deutlich ineffizienter mit ihrer Stromversorgung um und kommen auf höchstens 30 Stunden Akkulaufzeit. Das ist nicht ganz verwunderlich und ganz im aktuellen Zeitgeist, denn entwickelt und gebaut wurden die Kopfhörer in Hongkong. Rund um die Shenzhen-Region ist momentan das Zentrum der Batterietechnologie, wo einerseits viele High-Tech-Firmen wie Huawei und DJI, aber auch die größten Batteriehersteller weltweit wie BYD oder CATL sitzen. 120 Stunden – das ist nochmal deutlich länger als jedes von Sven Väths Marathon-Sets. Eine beeindruckende technische Leistung, auch wenn sie den Club- und Festival-Alltag nicht komplett revolutioniert. Zumindest muss man sich sehr wenig Gedanken um die Technik machen, und die schnellen Ladezeiten sind perfekt – selbst für die vergesslichsten DJs. Man kann sich bis zu 10 Meter frei bewegen, im Test waren es sogar eher 15 Meter, was ebenfalls sehr angenehm ist und mit Kabel so nicht möglich wäre.

An diesem nächsten Tag schloss ich also den OneOdio an meinen DJ-Mixer an und wollte ein paar Setups durchtesten. Einmal das Basic-Setup: Auflegen mit Controller und Sync-Button an. Das klappt natürlich perfekt, würde aber, wenn wir ehrlich miteinander sind, auch ohne Kopfhörer klappen. Der nächste Step wären dann zwei Plattenspieler plus Drummachine. Auch hier komme ich gut zurecht, kann trotz lauter Anlage gut den nächsten Track hören und habe bei den neun Millisekunden immer ein direktes Gefühl. Die Übergänge klappen – zumindest so gut wie mit Kabel-Kopfhörern auch. Und jetzt die Königsklasse: Ein Kollege und versierter Battle-DJ kommt vorbei für eine gediegene Scratch-Routine. Beim Scratchen wird das DJ-Setup am meisten zum Instrument und braucht unmittelbares Feedback auf dem Ohr. Sein Feedback war so: Zwar klappt es mit der Ultra-Low-Latency, trotzdem merkt man eine winzige Verzögerung. An dieses ganz leicht unnatürliche Gefühl kann man sich allerdings gewöhnen – erwünscht ist es bei dieser Art von DJing aber nicht. Für unseren elektronischen Kosmos ist meine Einschätzung jedoch: Alles gut!

Sound

Last, but not least – der Klang. Der hat zwei Gesichter: Einmal im normalen Modus einigermaßen linear und absolut brauchbar für die DJ-Booth. Und dann per Knopfdruck im Spaß-Modus mit Bass-Boost für absolute Fettheit. Beim Auflegen habe ich stets den normalen Modus bevorzugt, weil die Transienten hier gut durchkamen und ich den vorgehörten Track so gut fühlen konnte. Am Ende kostet der OneOdio aber auch nur so viel wie der normale, kabelgebundene Club-Standard, der Sennheiser HD25. Im Gegensatz zum Sennheiser gibt es etwas mehr Komfort auf den Ohren. Dafür fehlen aber Ersatzteile, die ein professioneller DJ im Laufe der Zeit natürlich braucht. Da man auch aus Nachhaltigkeitsgründen nicht jedes Jahr einen neuen Studio Max2 kaufen möchte, ist das ein Punkt, der für beständig tourende DJs wichtig ist – für alle anderen aber eigentlich keine Rolle spielt.

 

Dafür hat man Bluetooth, einen unglaublich langen Akku und einen clubtauglichen Ultra-Low-Latency-Modus. Außerdem ein schickes, robustes Hardcase. Und um das auch noch zu erwähnen: Natürlich ist auch ein Spiralkabel mit von der Partie, also ist der Studio Max2 neben den im Test besonders fokussierten Features auch ein ganz normaler, guter DJ-Kopfhörer mit Kabeln. Ganz nebenbei.
Preis: 189,99
www.oneodio.com