Orchestral Tools Konduit – Library zwischen Berghain und Filmscore

 

Manchmal erscheint es so, als würde keine Musik so offensichtlich altern wie elektronische Musik. Oft kann der geneigte Hörer bzw. Hörerin ziemlich genau das Erscheinungsjahr vieler Track erraten. Ästhetik, Styles und Technik ändern sich ständig – wirklich selten sind Künstler*innen, die dem Techno-Business einen wirklich zeitlosen, experimentellen Touch hinzufügen. Einer, der ständig unterwegs ist, um seinen eigenen Sound in der Form von unzähligen Releases, Club-Shows, Festivals oder mehrkanaligen Klanginstallationen weiterzubringen, ist der Belgier Peter van Hoesen. Sein Studio in seiner vietnamesischen Wahlheimat ist gespickt mit Hardware-Tools, die ihm ein endloses, doch gleichzeitig intuitives Erforschen seiner Klangwelt möglich machen. In diesem Feature geht es um sein spielbares Sample-Instrument „Konduit“, das er zusammen mit Orchestral Tools aus Berlin aufgenommen hat. Jenes gibt Producer*innen nun Zugriff auf kurarierte Patches aus seinem Studio. Konduit gehört zur Fabrik-Reihe von Orchestral Tools, mit der die Berliner die elektronischen Gefilde abseits des Mainstreams abdecken, abseits ihrer Hollywood-erprobten Orchester-Libraries.

Konduit besteht aus insgesamt 40 Presets, die jeweils aus zwei Layern bestehen: Einmal rein in die synthetische Klangwelt von Peter van Hoesen, zum anderen transformierte Gitarren- und Bass-Sounds. Beide lassen sich per Modwheel überblenden. Im hauseigenen SINE-Player kann man die Patches trocken oder mit einer von feinstem Outboard-Gear bearbeiteten Version zusammenmischen. Thematisch dreht sich alles um eine elektrisch-brodelnde Soundästhetik, die in drei Kategorien aufgeteilt wurde: Surge, Charge und Spark – es geht also von sehr düsteren, intensiven Klangwelten bis zu harmonischeren, etwas sanfteren Patches. Wie man eine solche Klangkreation realisiert, welche Schätzchen man mit Konduit auf seiner Festplatte hat, sowie einiges andere verrät uns Peter nachfolgend.

Was war der beste Sound in deinem Leben?

Unbestreitbar der Vogelgesang am frühen Morgen am Mount Taraer in Neuseeland.

Was war der größte Einfluss auf deine experimentelle Soundästhetik? Und wie lange hat es gedauert, diesen Sound zu finden?

Wenn man seit seiner Kindheit ständig von Musik jeglichen Genres umgeben ist, verwischen die einzelnen Einflüsse ein bisschen – und es wird schwer zu sagen, ob es eine Hauptinspiration gibt und es ob einen bestimmten Anstoß für meine Art des Musikmachens gibt. Generell ist es aber weniger meine akustische Umwelt, die mich zu prägen scheint, sondern wirklich die Interaktion mit künstlerischen Einflüssen von außen. Darüber hinaus würde ich aber sagen, dass mein Sound gar nicht so gesetzt ist, wie du sagst, sondern sich hoffentlich immer weiterentwickelt. Nicht zuletzt deswegen, weil jeder ständig neuen künstlerischen Einflüssen ausgesetzt ist und diese weiterinterpretiert. Trotzdem würde ich sagen: Um das Jahr 2008 habe ich einen bestimmen Fokus in meiner Arbeit gefunden, der mir seitdem hilft, meinen Sound weiter in eine bestimmte Richtung zu entwickeln.

Wie ist die Idee zu Konduit entstanden? 

Für Konduit ist Orchestral Tools auf mich zugekommen. In der Konzeptphase war mir klar, dass ich die Klangsynthese in möglichst expressiver Form für diese Library nutzen möchte. Als Antwort darauf ist Cornelius Dürst, der die Fabrik-Libraries bei Orchestral Tools erstellt, mit einer besonderen Idee an mich herangetreten: Meine synthetischen Layer wollte er mit stark manipulierten Gitarrenklängen schichten – eine Kombination, von der ich noch nie vorher gehört hatte. Das Konzept von Synthese und Gitarren reizte mich sehr als künstlerische Challenge und brachte mich in einen Workflow, in dem ich noch nie war.

Welche Rolle spielen gesampelte Instrumente in deinem Studio?

Eher selten benutze ich Third-Parties-Libraries in meinem Studio, doch auf der anderen Seite ist Sampling essenziell für mich. Normalerweise verbringe ich mehrere Stunden in meinem Studio, um mein Hardware-Setup zu recorden und dann weiter digital zu bearbeiten. Diese Arbeitsweise ist mir sehr wichtig und es kommt selten vor, dass Sounds ohne digitale Bearbeitung in meinen Tracks landen. Diesen Prozess genieße ich jedes Mal sehr.

Was bestimmt daran liegt, dass das Schrauben an Hardware-Synthesizern alles für dich ist?

So ist es: Hardware hat eine Unmittelbarkeit und Nähe, die ich sehr schätze. Das direkte Interagieren mit einem Instrument ist eben etwas anderes als das Arbeiten mit Software. Meine musikalische Ausbildung begann am Klavier, also sind Hardware-Synthesizer mit einem Keyboard erst einmal das Tool, das sich am natürlichsten anfühlt. Bei Hardware-Modular-Synthesizern habe ich einen deutlich besseren Überblick über den Patch als bei einer Software. Irgendwie funktioniert mein Gehirn so, dass ich die Verbindung vor mir sehen muss, um einen guten Patch zu entwickeln. Die Haptik ist das, was alles so spannend für mich macht.

Bei Konduit geht es genau darum: den Klang von musikalischer Elektrizität. Welches Equipment hast du denn beim Designen der Library benutzt?

In der ersten Phase machte ich alles an einem maßgeschneiderten Modular-System. Mit ein paar Modulen aus diesem System wollte ich die FM-Synthese noch mehr entdecken. Namentlich waren das der DPO von Makenoise, The Quad Operator von Humble Audio und der Odessa von Xaoc Devices. Ich war gespannt, wie diese doch sehr verschiedenen FM-Oszillatoren in einem Patch zusammen interagieren. In der nächsten Phase kam der Korg Opsix hinzu, ein aktueller FM-Synthesizer mit spannenden Wellenformen und tollen Optionen zur Modulation.

Alle meine Konduit-Patches wurden am Ende mit einer speziellen Hardware-Kette aufgenommen: Cranborne Audio Camden 500 Pre-Amps mit einem voll aufgedrehten Mojo-Parameter, zwei Distressors von Empirical Labs, der Rubber Band EQ von IGS Audio und am Ende ein SMC-2B Multiband-Kompressor von Tube-Tech. Die Idee war, allein mit der Hardware mindestens 75 Prozent des fertigen Sounddesigns zu gestalten – auf der digitalen Ebene ging es nur noch um Räumlichkeit und das EQing der recordeten Sounds.

Insgesamt stelle ich mir diesen Workflow auf eine Weise ähnlich und auf eine andere Weise ganz anders vor als die gewohnte Herangehensweise bei deinen Tracks.

Das kann man wirklich so sagen. Bei Konduit musste ich nicht darüber nachdenken, wie ein einzelner Sound im Kontext eines Tracks klingt. Mein gesamter Fokus war auf dem Erstellen eines einzigen Sounds. Und das war eine sehr erfrischende Erfahrung, denn wenn ich an einem Track arbeite, ist immer der gesamte Kontext in meinem Kopf: Arrangement und Komposition. Das ist ein riesiger Unterschied, der aber nicht heißen soll, dass Konduit nicht auch einen festen Kontext hatte. Die Sounds mussten natürlich im Rahmen eines Sample-basierten Instruments funktionieren. Zu diesem Rahmen gehörte auch die Interaktion mit dem zweiten Layer, den Cornelius beigesteuert hat.

Wie habt ihr zwei – du in Vietnam, Cornelius in Berlin – zusammengearbeitet?

Die Arbeit mit Cornelius war sehr interessant und ich habe eine Menge dabei gelernt. Zuerst habe ich Cornelius Patches aus meinen Synthesizern zugesandt – diese nutzte er als Basis für seine Presets. Danach haben wir die Rollen immer wieder getauscht und uns gegenseitig Sounds zugeschickt. Für jedes Preset haben wir mehrere Male kleine Details geändert, bis das Finetuning perfekt gepasst hat. Es hat eben eine gewisse Zeit gedauert, Synthesizer und Gitarren kohärent zusammen klingen zu lassen.

Heißt das aber auch, dass Konduit-Besitzer*innen nun deinen Trademark-Sound zur Verfügung haben und so Patches aus deinen Produktionen in ihrer DAW nutzen können? Oder seid ihr noch in eine ganz andere Richtung gegangen?

Das ist eine interessante Frage, denn ich denke wirklich, dass ein Teil meiner musikalischen Persönlichkeit in Konduit geflossen ist. Ich habe in allen meinen Arbeiten zum Beispiel die Tendenz zu einem darkeren Sounddesign, was man in Konduit gut hören kann. Die Patches sind aber alle „from scratch“ entstanden und somit noch nie in bisherigen Produktionen verwendet worden.

Für welche Genres oder Musiker*innen habt ihr Konduit kreiert?

Das Hauptziel bei Konduit war es, ein perfekt spielbares, expressives Instrument zu erschaffen, das erst einmal für sich selbst steht. Wenn ein Instrument expressiv ist, wird es seine Zielgruppe finden. Bei Konduit kann ich mir nun gut vorstellen, dass es als düsterer intensiver Layer in elektronischer Musik bestens funktioniert. Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Library ein großes Potenzial für cinematische Kompositionen hat – die Presets sind sehr filmisch, gleichzeitig aber auch sehr expressiv. Natürlich kann ich mir auch Producer von Drone- und Ambientmusik vorstellen, die viel Spaß mit Konduit haben.

 

Aus dem FAZEmag 144/02.2024
Text: Bastian Gies
www.orchestraltools.com