
Die elektronische Musikszene lebt von stetiger Veränderung, musikalischer Vielfalt und Künstler:innen, die bestehende Genregrenzen hinterfragen und neue Wege einschlagen. Zwischen Clubkultur, experimentellen Sounds und technischen Innovationen entstehen immer wieder neue Ausdrucksformen, die die Szene prägen und weiterentwickeln.
Eine Künstlerin, die diese Offenheit verkörpert, ist Philo. Als DJ, Produzentin, Veranstalterin und mittlerweile auch Live-Act bewegt sie sich zwischen unterschiedlichen musikalischen Einflüssen und verbindet verschiedene Soundästhetiken zu einem eigenen Stil. Dabei beschäftigt sie sich nicht nur mit ihrer musikalischen Weiterentwicklung, sondern auch mit Fragen nach Repräsentation, Zugänglichkeit und Sichtbarkeit innerhalb der elektronischen Musikszene.
Im Gespräch gibt sie Einblicke in ihren kreativen Werdegang, ihre musikalischen Inspirationen und ihre Perspektive auf eine Szene im Wandel. Außerdem erklärt sie, wie ihr Weg vom auflegen bis zum eigenen Live-Act verlief und was hinter der Entwicklung und Umsetzung eines Live-Sets steckt.
Dein Sound hat sich über die Jahre immer wieder weiterentwickelt und bewegt sich heute zwischen unterschiedlichen Einflüssen und musikalischen Ästhetiken. Wie kam es zu dieser Entwicklung und dazu, dass du dich klanglich zunehmend in diese Richtung bewegt hast? Gab es bestimmte musikalische Einflüsse, Begegnungen oder Momente, die diesen Wandel besonders geprägt haben?
Mein Sound hat sich über die Jahre immer wieder weiterentwickelt und bewegt sich heute zwischen unterschiedlichen Einflüssen und musikalischen Ästhetiken. Wie kam es zu dieser Entwicklung und dazu, dass du dich klanglich zunehmend in diese Richtung bewegt hast? Gab es bestimmte musikalische Einflüsse, Begegnungen oder Momente, die diesen Wandel besonders geprägt haben?
Ich finde es ganz normal, dass man sich über die Jahre musikalisch weiterentwickelt. Beunruhigend fände ich es eher, wenn es nicht so wäre. Leider habe ich erst spät gelernt, dass man sich auch von Genre- und BPM-Grenzen befreien kann und eine/n DJ nicht das zugeschriebene Genre ausmacht. Inzwischen ist mir das zum Glück gelungen und für mich eint das Ganze eher Soundästhetiken als Genres.
Ein großer Punkt sind für mich die Soundästhetiken der späten 90er und frühen 2000er, ob im Jungle, im 90s House, in der Bass Music oder im Techno. Ich mag daran vor allem das Rohe. Moderne Produktionen sprechen mich teilweise nicht an, wenn sie zu perfekt und überproduziert sind.
Dazu mag ich einfach viel zu viele Genres und viel zu viel Musik, als dass ich mich für eine Richtung entscheiden könnte. Ich habe das große Glück, dass schon so viele Epochen und Genrewechsel stattgefunden haben und ich mir das Beste aus allem herauspicken und daraus mein eigenes Ding machen kann. Mein Herz schlägt dabei immer für den UK-Sound, aber ich habe einen Weg gefunden, meine Liebe und Leidenschaft für alle möglichen Genres und Sounds zu kombinieren, ohne mich einschränken zu lassen.
Du hast mittlerweile viele unterschiedliche Rollen innerhalb der elektronischen Musikszene eingenommen: DJ, Produzentin, Veranstalterin und jetzt auch Live-Act. Ergänzen sich diese Tätigkeiten gegenseitig oder entsteht manchmal auch ein Spannungsfeld zwischen ihnen?
Prinzipiell ergänzt sich das für mich ganz natürlich. Es fühlt sich wie eine logische Weiterentwicklung an, so wie der Schritt vom Auflegen zum Produzieren.
Vor allem sehe ich es aber als eine Weiterentwicklung des Produzierens, sowohl auf inhaltlicher und persönlicher als auch auf technischer Ebene. Ich habe mich viel intensiver mit der DAW und mit Hardware auseinandergesetzt und ein ganzes kohärentes Konzept drumherum gebaut.
Das beeinflusst interessanterweise aber auch meine Sicht aufs Auflegen, worauf ich zum Beispiel gerade Lust habe. Es verändert aber auch mein Verständnis des Ganzen und damit meine ich auch eine gewisse Entmystifizierung. Als ich angefangen habe zu produzieren, habe ich Musik plötzlich ganz anders gehört, weil ich verstanden habe, wie sie gemacht wird. Beim Live-Set ist es ähnlich. Das Verständnis wächst, und man bekommt eine rationalere oder objektivere Perspektive darauf und das meine ich ganz Wertfrei. Dahingehend ändert sich aber auch zwangsläufig das Verständnis und die Wahrnehmung als Erlebnis.
Ein Spannungsfeld sehe ich eigentlich nur zwischen dem Veranstalten und dem eigenen Auflegen oder Live-Spielen. Wenn man sich gleichzeitig um viele Dinge kümmern muss, wird es schnell anstrengend und man ist nicht mehr ganz bei seinem Set. Ansonsten sehe ich da kein Spannungsfeld, sondern eine kohärente Weiterentwicklung des Ganzen.
Mit dem Live-Set begibst du dich gewissermaßen noch einmal in eine Anfänger:innenposition, obwohl du als DJ und Produzentin bereits viel Erfahrung gesammelt hast. Wie fühlt es sich an, wieder etwas von Grund auf zu lernen und dabei nicht sofort die volle Kontrolle zu haben? Kann das auch befreiend sein?
Als Erstes kickt natürlich auf jeden Fall das Impostor-Gefühl wieder rein, mit den kleinen bösen Gedanken wie „Ist das jetzt wirklich gut genug? Kann ich das überhaupt? Andere machen das ja viel besser und schon viel länger“. Das habe ich beim Produzieren auch immer noch (beim Auflegen tatsächlich gar nicht) und interessanterweise fühlt es sich fast so an, als würde ich etwas faken, als würde ich mich irgendwo reinmogeln, wo ich eigentlich gar nicht hingehöre. Ich weiß nicht, ob das jemals ganz weggehen wird.
Andererseits gibt mir das die Möglichkeit, mich noch mal in die Anfängerinnenposition zu begeben. Wenn man etwas zum ersten Mal macht, vor allem in einem kreativen Prozess, kann es ja gar nicht gleich perfekt sein, zumindest nach der eigenen Vorstellung. Dadurch erlangt man wieder einen Art Welpenstatus und das nimmt mir ein Stück weit den Druck raus – ich finde, das hat tatsächlich etwas Befreiendes – auch wenn ich natürlich trotzdem den Druck verspüren, dass ich möchte, dass es gut ist, dass es gut ankommt und auch gerade auf dem Dancefloor etwas mit den Leuten macht.
Die Inspiration für dein eigenes Live-Set kam unter anderem durch ein Set von C3DE. Was hat dich daran besonders beeindruckt und wann ist daraus der konkrete Wunsch entstanden, selbst ein Live-Set zu entwickeln?
Besonders beeindruckt hat mich vor allem der Vibe, als ich dieses Live-Set zum ersten Mal auf dem Klein und Haarig gesehen habe. Man muss dazu sagen, dass dieses Festival generell sehr besonders ist und bereits sehr viele besondere Momente kreiert hat, dementsprechend war es auch ein sehr besonderes Live-Set. Ich glaube, der Sound, das Setting und die Uhrzeit haben einfach gepasst und das hat mich extrem beeindruckt.
Beim zweiten Mal habe ich sein Set in Wien gesehen und habe währenddessen sehr aufmerksam zugeschaut wie es funktioniert. Da es komplett DAW-less war, also ohne Software und nur mit Hardware, hat mich das noch mehr beeindruckt. Er hatte verhältnismäßig sehr wenig Hardware dabei – alles lief über einen 4-Kanal Mixer – dementsprechend arbeitete er auch nur mit 4 Kanälen und allein damit hat er ein komplett kohärentes Set gebaut. In der weiteren Beschäftigung damit habe ich dann ziemlich schnell festgestellt, dass es eigentlich gar nicht so viel Equipment braucht.
Dein Live-Set beginnt eher sphärisch und housey, mit vielen Chords, und entwickelt sich zunehmend in eine raveartige, energiegeladene Richtung. Wie entsteht diese Dramaturgie? Entwickelst du zunächst eine bestimmte Geschichte oder ein Gefühl, das du vermitteln möchtest?
Prinzipiell deckt das Live-Set meinen persönlichen Sound den ich gerne spiele, höre und produziere, sehr gut ab. Ich habe versucht, es von sehr sphärigen, flächigen Sachen hin zu ravigeren Momenten aufzubauen und dabei einen roten Faden und eine Art Storytelling zu erzählen. Was ich in meinen DJ-Sets mache, wollte ich also auch auf das Live-Set übertragen.
Für mich ergibt es wenig Sinn, direkt richtig hart zu starten, dann mittendrin einen Cut zu machen und danach wieder hart zu werden. Deshalb baue ich das Set gerne dramaturgisch auf.
Wie wichtig ist dir die Sichtbarkeit von FLINTA*-Artists in technisch anspruchsvolleren Live-Formaten? Und was müsste sich verändern, damit mehr Menschen Zugang zu dieser Art der Performance finden?
Damit sind wir wieder beim Thema Repräsentation, das mir in meiner Recherche aufgefallen ist. Gerade arbeiten viel mehr Leute an Live-Sets, was super cool ist, aber auch dort ist der FLINTA*-Anteil marginal bis kaum sichtbar und das ist natürlich total schade. Einen großen Aufschwung bringt gerade, glaube ich The Tune Girl. Sie ist das beste Beispiel dafür, wie geflasht die Leute von einer 64-jährigen Frau sind, die das alles macht. Sie spielt hammer Sets, keine Frage, aber ich finde es schon interessant, dass die größte Aufmerksamkeit, ihr Alter in Kombination mit ihrem Geschlecht zu sein scheint. So als wäre so etwas nicht möglich.
Ein großer Grund dafür ist vermutlich die Zugänglichkeit von Technik. Der Kostenfaktor spielt dabei auch eine Rolle, aber der ist ein generelles Thema. Entscheidender finde ich den Umgang mit Technik. Es freut mich zwar zu sehen, dass immer mehr FLINTA*-Personen auflegen und auch zu produzieren beginnen, aber selbst dort ist ihr Anteil noch deutlich geringer. Das hängt für mich mit einem gesellschaftlichen Problem zusammen. FLINTA*-Personen haben nach wie vor weniger Berührungspunkte mit Technik und weniger selbstverständlichen Zugang und ihnen wird auch weniger zugetraut.
Ich befürchte, dass das beim Live-Set genauso ist. Man muss sich tief einarbeiten und viel ausprobieren und wenn einem dafür das Selbstvertrauen fehlt, ist es leider schwer, überhaupt anzufangen. Zumindest war das lange ein Thema bei mir.
Ist das Live-Set für dich der Beginn einer längerfristigen Entwicklung, bei der du dich zunehmend als Live-Act etablieren möchtest, oder soll es eine weitere Ausdrucksform bleiben, die neben dem auflegen und Produzieren existiert?
Ich sehe das Ganze eher als eine weitere Ausdrucksform und eine zusätzliche Möglichkeit. Wie es in den nächsten Jahren aussieht weiß ich natürlich nicht, aber ich liebe es aufzulegen, deshalb wird das sicher auch immer ein großer Bestandteil bleiben. Das Live-Set ist für mich gerade eine zusätzliche Form, mich kreativ und musikalisch auszuleben und etwas Neues auszuprobieren und mit der Aufgabe zu wachsen.

Du arbeitest unter anderem mit einer APC40 MK2 und einem Roland S-1. Wie wichtig ist dir die physische Interaktion mit deinen Instrumenten und Controllern? Verändert es dein Verhältnis zur Musik, wenn du Sounds während der Performance unmittelbar beeinflussen kannst?
Bis vor Kurzem war ich ein absolutes Sample-Girl. Ich liebe es, mit Samples zu arbeiten und bin weniger die krasse Sounddesign-Maus. Viel lieber suche ich Samples zusammen und finde dabei lustige Sachen – vielleicht baue auch mal hier und da ein easter-egg ein. Deshalb hatte ich früher auch nie andere Hardware, sondern nur meinen Laptop und der hat mir gereicht.
Jetzt kann ich das aber alles live kontrollieren und performen, wodurch sich mein Zugang vor allem bei der Effektierung noch einmal verändert hat. Ich habe bestimmte Effekte und Plugins neu und anders kennengelernt und auch neue Methoden entdeckt. Für die Zukunft kann ich mir gut vorstellen, mich dahingehend zu erweitern und zu schauen, wie ich alles live steuern und integrieren kann. Falls jemand ein günstiges Dub-Delay abzugeben hat – here I am!
Wenn du auf die elektronische Musikszene blickst, was begeistert dich momentan besonders und was würdest du gerne verändern – musikalisch, strukturell oder im gesellschaftlichen Umgang innerhalb der Szene?
Wie vorhin schon erwähnt, habe ich das Gefühl, dass gerade viel mehr Leute Live-Sets planen, daran arbeiten und sie performen, das ist sehr inspirierend und auch Soundtechnisch prägend. Es kann aber natürlich sein, dass das nur in meiner Bubble und in meinem Feed vermehrt auftaucht. Außerdem merke ich gerade wieder einen kleinen musikalischen Switch, den ich sehr angenehm finde, weil es etwas mehr Laidback und reduzierter ist.
Ansonsten habe ich eher beunruhigende Gedanken und nehme unschöne Veränderungen wahr, die ich auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung zurückführe. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr bemüht wird, marginalisierte Menschen sichtbarer gemacht werden und dass die Zugänge besser werden. Man sollte nicht erst eine halbe Niere verkaufen müssen, um es sich leisten zu können, in den Club zu gehen und einen guten Abend zu haben. Insgesamt blicke ich da gerade eher nicht so positiv drauf.
Die Live-Sets begeistern mich dagegen gerade sehr. Und es ist schön zu sehen, dass es trotz der globalen Krisensituation tolle neue Projekte gibt, neue Clubs eröffnen und auch eine neue Generation an DJs, Producern und generell Künstler*innen auftauchen.
Hier sind weitere Sets von Philo:
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