Raxeller – Industrial-Hardtechno-Durchstarter ohne Social-Media-Allüren

Raxeller – Industrial-Hardtechno-Durchstarter ohne Social-Media-Allüren

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In Zeiten, in denen TikTok insbesondere die Szene der härteren Techno-Gefilde dominiert, laufen viele Regeln anders als zuvor. Schnelle Klicks, Followerzahlen, Storytelling, Masse statt Qualität und kurze Tracks dominieren die Musikbranche. Es gibt allerdings auch Musiker, die sich von diesen Marktregeln nicht beeindrucken lassen und die Kunst und das freie Schaffen voranstellen. Hier kommt Raxeller, ein unabhängiger Produzent und DJ im Bereich der industriellen Hardtechno-Musik, der sich dennoch auf der Überholspur befindet.

In Raxellers Musik trifft Industrial Techno auf Hardtechno. Cineastische Elemente begegnen thematischen Dystopien. Rohe Klanglandschaften lösen Gefühle in der Magengegend aus, die nichts für Weichgesottene sind – für Fans harter, rauer Musik aber genau das Richtige. Immerhin sprechen wir hier nicht von Pop. An Popularität gewinnt die Musik von Raxeller dennoch und das obwohl sich der niederländische Produzent und DJ aus Alkmaar dem Social-Media-Hype weitestgehend entzieht. Vielleicht ist es auch genau das, was sich viele eingefleischte Techno-Fans, die nicht durch den TikTok-Hype-Train in die Szene gekommen sind, wünschen: Kreative technoide Musik, die maximal musikalischen Regeln folgt und sich ansonsten als freie Kunst ohne Regeln entfaltet – Musik, die nicht nach Klickzahlen geiert, sondern echt ist. Ein Ansatz, der inzwischen leider immer weiter verloren geht.

Nicht so bei Raxeller: Der Musikliebhaber begann bereits im Jahr 2010 mit dem Produzieren eigener Musik. Über die Jahre hinweg erhielt seine Musik stetig mehr Support im Internet. Zu dieser Zeit übte er noch einen anderen Hauptberuf aus. Während der Covid-19-Pandemie und zu deren Ende ging es dann so richtig los: Veranstalter wurden auf den Produzenten aufmerksam, die ersten großen Release folgten. Seine DJ-Karriere startete er im Jahr 2022. Im Gegensatz zu vielen anderen Durchstartern aus dieser Zeit ging es bei Raxeller also nicht von null auf hundert ohne Vorerfahrung. Über zwölf Jahre lang erarbeitete er sich diesen Weg, den viele Hype-Stars künstlich innerhalb weniger Monate erreichen, ohne dass wirklich etwas dahinter ist. Qualität statt Quantität. Können anstelle künstlichen Pushens. Langfristigkeit anstelle von kurzem Hype. Echtheit statt Vortäuschen.

Inzwischen hat Raxeller bei großen und bedeutenden Festivals und in weltweit bekannten Clubs gespielt. Zu den wichtigsten Auftritten zählten etwa die Headline-Shows beim Free Your Mind, Rotterdam Rave und bei Verknipt in den Niederlanden, TeleTech in Deutschland, Duro und Blackworks in Spanien, Katlan in Ungarn, HardBeats in Slowenien und DOOM in Kolumbien. Die Musik Raxellers erreicht also ein internationales Publikum. Auch im Kölner Bootshaus und dem Fabrik in Madrid, Spanien, spielte Raxeller bereits – inzwischen hauptberuflich. Die stetige Philosophie der Auftritte: Die Musik soll im Aufmerksamkeitsfokus stehen, nicht der Künstler.

Unter anderem spielte Raxeller auch schon im Gotec Club in Karlsruhe, der in unserem Leserpoll 2024 im Ranking der besten Clubs National auf Platz zwei, direkt nach dem Kölner Bootshaus landete:

Zuletzt trat Raxeller etwa beim unabhängigen HIVE Festival in Ferropolis in Deutschland, beim MRC im Bolgia Bergamo in Italien oder auch beim Free Your Mind Festival Weekender in Stadsblokken in Arnhem, Niederlande, auf.

Raxeller bei einer seiner Shows für die niederländische Hardtechno-Event-Reihe Verknipt:

Zu den Highlights seiner DJ-Karriere zählten etwa ein All-Night-Long-Set im September 2023 für Verknipt im Hemkade48 Zaandam in den Niederlanden. Für ihn war das Set der bisher größte Meilenstein seiner Karriere. Es habe „einfach alles gepasst: die Energie, die Crowd, die Atmosphäre“. Die Nacht habe „sich angefühlt wie der Beginn von etwas Größerem“.

Ein weiteres, großes Highlight: Im Juli 2024 trat Raxeller vor 40 000 Gästen für Verknipt ArenA in der Johan-Cruyff-ArenA in Amsterdam auf – für den Künstler eine einmalige Lebenserfahrung, die er nie vergessen wird.

Raxeller vor 40 000 Besuchern bei Verknipt ArenA in der Johan-Cruyff-Arena in Amsterdam:

Die Musik Raxellers resultiert aus Emotionen, aus dem Herzen. Vielleicht deswegen trifft die Härte und Rauigkeit seiner Hardtechno-Industrial-Fusion den Nerv einer Generation, die sich mit der Covid-19-Pandemie und deren Folgen auseinandersetzen musste und immer noch muss. Eine widersprüchliche, komplexe Gefühlswelt markiert eine unsichere Realität, die voller Desillusionierung und existenzieller Unsicherheit steckt, in der Resilienz immer wichtiger wird. Dieses Spannungsfeld drückt Raxeller musikalisch aus.

Seine Tracks veröffentlichte Raxeller weitestgehend als Self-Releases. Dennoch erreichten diese millionenfache Streaming-Zahlen auf Streaming-Plattformen. Sein Katalog an unveröffentlichten Tracks ist riesig. Das brachte ihm auch den Titel „King of Unreleased“ ein.

Dass die Musik bei Raxeller im Vordergrund steht, merkt man auch an seinem bewussten Verzicht auf eine große Social-Media-Inszenierung. Raxeller rückt sich selbst dort nicht in den Vordergrund, sondern seine Musik. Er versucht so gut wie es geht auf Social Media zu verzichten. Dennoch befinden wir uns in einer Zeit, in der es nicht ohne geht – eine Paradoxie, die dem Künstler zu schaffen macht. Man findet Raxeller etwa auf Instagram, doch viele Beiträge, etwa mit lustigen Tanzvideos oder skurrilem Storytelling, sucht man dort vergebens. Stattdessen sieht man ein paar Eindrücke von den Auftritten Raxellers – immerhin möchte man ja wissen, was dort abgeht. Ansonsten spricht die Musik für sich.

Raxeller könnte sich nicht als Social-Media-Figur identifizieren. Er ist ein echter Musiker. Social Media lenkt nach seiner Meinung von der Musik ab. Das stellt den Künstler allerdings auch vor zunehmenden Herausforderungen. Im Jahr 2025 wird der Einfluss der sozialen Netzwerke immer wichtiger. Viele Promoter gucken auf Followerzahlen und man wird das Gefühl nicht los, das man als Künstler nicht mehr gebucht wird, wenn man in diesem Zirkus nicht mitmacht. Wir haben Raxeller dazu interviewt. Zuvor werfen wir jedoch noch einen Blick auf die letzten Releases des Künstlers, denn die Musik soll ja im Fokus stehen.

Zuletzt erschienen, die Single „Dealing with my Demons“:

Im Februar kam „Drown in Madness“ heraus:

Eines der Releases aus dem vergangenen Jahr, „Immortal“:

Nun lassen wir Raxeller aber selbst mal sprechen, viel Spaß beim Lesen des Interviews:

Hallo Raxeller, schön, dich für ein kleines Interview zu haben. Wie würdest du deine Musik selbst beschreiben? Was ist ihre Aussagekraft?

Danke für die Einladung. Ich würde sagen, meine Musik ist roh und ehrlich. Sie ist nicht darauf ausgelegt, Trends zu folgen, sondern ich übersetze Gefühle in Klänge. Manchmal düster, manchmal aufmunternd, aber immer echt. Ich versuche nicht zu predigen, sondern einfach etwas zu schaffen, das die Leute fühlen können. Wenn es jemandem hilft, für eine Weile aus seinem Kopf herauszukommen oder etwas zu fühlen, was er fühlen musste, dann hat es seinen Zweck erfüllt.

Auch wenn du in den letzten Jahren so richtig durchstartest, hat dein Werk als Produzent bereits im Jahr 2010 begonnen. Erzähl mal, wie hat das alles angefangen als Produzent? Mit welchem Equipment und Programmen hast du gearbeitet?

Angefangen hat es in meinem Schlafzimmer mit der Demoversion von FL Studio, weil wir damals nicht viel Geld hatten. Wir hatten nur einen einfachen Laptop und ein paar winzige Logitech-Desktop-Lautsprecher. Kein großes Studio, keine ausgefallene Ausrüstung. Nur Leidenschaft und Besessenheit. Später bin ich auf Ableton umgestiegen und benutze es bis heute. Damals ging es nicht darum, das beste Setup zu haben, sondern darum, mit dem, was ich hatte, herauszufinden, wie ich alles, was ich fühlte, in Klang umsetzen konnte.

Machen wir einen Sprung: Wie hängt die Covid-19-Pandemie mit deiner Karriere und deiner Fanbase zusammen?

In dieser Zeit hat sich tatsächlich viel verändert. Alles kam zum Stillstand, was mir Zeit gab, in die Tiefe zu gehen. In dieser Zeit habe ich mit einige meiner emotionalsten Sachen gemacht. Ich habe auch bemerkt, dass sich mehr Menschen auf einer persönlichen Ebene mit der Musik von verbunden fühlten. Ich habe viele Nachrichten bekommen, in denen stand, dass die Musik ihnen durch schwere Zeiten geholfen hat. Das bedeutete sehr viel. Seitdem fühlt sich die Verbindung zu meinen Hörern stärker und echter an.

Kommen wir zurück zur Aussagekraft deiner Musik. Entgegen vieler anderer Künstler, die harten Techno oder Hardtechno produzieren, verzichtest du bewusst auf Social-Media-Auftritte und konzentrierst dich lieber auf die Musik. Was sagst du zu Acts, die über TikTok groß geworden sind und sich dort vermarkten? Was sagst du zum Techno-TikTok-Hype im Allgemeinen?

Ich glaube, TikTok hat eine seltsame Dynamik in der Szene geschaffen. Es geht weniger um die Musik und mehr um die Performance, die sie umgibt. Der Look, das Branding, der virale Moment. Und ja, einige Leute machen das gut und bleiben sich selbst treu, aber vieles davon fühlt sich an wie Fast Food. Schnelle Dopaminschübe ohne Tiefgang.

Ich persönlich halte mich davon fern. Ich möchte, dass der Schwerpunkt auf der Musik liegt und nicht auf einem Zehn-Sekunden-Video, das sich auf in einem Bildlauf verliert. Und ehrlich gesagt glaube ich, dass dieser ganze TikTok-Hype mit der Zeit abklingen wird. Die Leute sind bereits des ständigen Lärms und der kurzen Aufmerksamkeitsspanne überdrüssig. Irgendwann kommt die Echtheit zurück. Die Leute werden sich wieder nach Substanz sehnen. Musik mit Bedeutung, nicht nur ein weiterer Trend oder visuelles Gimmick.

Ich hoffe nur, dass Underground-Künstler, die Blut, Schweiß und Tränen in ihre Musik gesteckt haben, eines Tages gesehen werden. Nicht, weil sie das Spiel mitgespielt haben, sondern weil sie originell geblieben sind.

Du hast seit deinen ersten DJ-Auftritten im Jahr 2022 schon auf zahlreichen internationalen Festivals gespielt. Was war besonders imposant, was deine persönlichen Highlights und warum? Kannst du vielleicht ein Erlebnis besonders hervorheben?

Es ist schwer, eine Auswahl zu treffen, aber was wirklich herausstach, war der Auftritt in Kolumbien. Die Energie dort war wahnsinnig. Das Publikum war voll dabei, hat es voll gespürt. Kein Ego, nur Liebe für die Musik. Diese Show erinnerte mich genau daran, warum ich mit dieser Arbeit angefangen habe. Es war pure Verbundenheit von Anfang bis Ende. Solche Momente bleiben einem in Erinnerung.

Was dürfen wir als nächstes von dir erwarten?

Mehr Musik und noch ehrlicher als zuvor. Ich arbeite an einigen speziellen Projekten, sowohl solo als auch zusammen mit anderen Künstlern, und es stehen einige Shows an, die mir sehr viel bedeuten. Ich werde nicht zu viel verraten, aber ich baue Dinge zu meinen eigenen Bedingungen auf. Keine Eile, kein Druck. Nur echte Energie.

Danke dir für das Interview!

 

Hier noch eine Übersicht über die wichtigsten kommenden Gigs von Raxeller:
26.07.2025 | Free Your Mind Festival, Drafbaan, Groningen (Niederlande)
02.08.2025 | Teletech Festival, BEC Warehouse, Manchester (Großbritannien)
13.09.2025 | Verknipt | Raxeller ADL, Hemkade 48, Zaandam (Niederlande)
23.10.2025 | Teletech x FYM ADE, AFAS Live, Amsterdam (Niederlande)