
Sieben Stunden Marc Romboy. Eine Nacht, ein DJ, kein Filter. Am 5. September übernimmt der Mönchengladbacher den Düsseldorfer Ampere Club für einen kompletten Allnighter – und damit für eine Form des DJings, die in einer Zeit immer kürzerer Sets fast schon wie ein Gegenentwurf wirkt. Keine Aneinanderreihung von Höhepunkten, keine vorab festgelegte Dramaturgie, keine Setlist. Stattdessen: sieben Stunden Zeit, ein Raum, ein Soundsystem und ein Artist, der erst während der Nacht herausfindet, wohin die Reise geht.
Für Romboy ist dieses Format eng mit seiner Vorstellung von Clubkultur verbunden. Seit den frühen Neunzigern gehört der Produzent und DJ zur elektronischen Musiklandschaft und hat in dieser Zeit Veröffentlichungen auf Labels wie Kompakt, Cocoon, Innervisions und Bedrock ebenso vorzuweisen wie seine Arbeit mit dem eigenen Label Systematic. Er spielte in Clubs wie dem Berghain, Fabric, Rex Club, Womb oder Faust – und kennt damit sowohl die großen internationalen Bühnen als auch die besonderen Dynamiken kleinerer Clubnächte.
Die Idee, einen ganzen Abend allein musikalisch zu gestalten, ist für ihn allerdings nicht einfach eine besonders lange Version eines gewöhnlichen DJ-Sets. „Ein Allnighter gibt mir die Freiheit, Spannungsbögen aufzubauen, Risiken einzugehen, Genres zu streifen und gemeinsam mit der Crowd etwas entstehen zu lassen, das sich null planen lässt“, so Romboy. Genau darin liegt für ihn der entscheidende Unterschied zu den 60, 90 oder 120 Minuten, die er bei Festivals und klassischen Clubnächten häufig zur Verfügung hat.
Kein Blick mehr auf die Uhr
„Viele kennen mich von Festivals oder Clubnächten, in denen ich 60, 90 oder 120 Minuten spiele. Das macht großen Spaß, ist aber nur ein Ausschnitt dessen, was die Clubkultur wirklich ausmacht.“ Sieben Stunden ermöglichen dagegen etwas, das in kürzeren Slots kaum Platz findet: Entwicklung. „Wer erst um zwei Uhr morgens kommt, erlebt eine andere Nacht als jemand, der von Anfang an dabei ist“, erklärt Romboy. Und irgendwann komme der Punkt, an dem die Zeit selbst ihre Bedeutung verliert: „Die schönsten musikalischen Momente entstehen oft erst dann, wenn niemand mehr auf die Uhr schaut und sich der Dancefloor und der DJ gegenseitig vertrauen.“
Diese Idee ist auch eng mit einem Künstler verbunden, der Romboys Verständnis von langen Clubnächten maßgeblich geprägt hat: Laurent Garnier. Die Verbindung zwischen den beiden reicht weit über gemeinsame Veröffentlichungen und Remixe hinaus. „Ich denke, Laurent und ich sind musikalische Soulmates“, sagt der Mönchengladbacher. Als Anfang der Neunziger Garnier-Tracks wie „Acid Eiffel“ und „Astral Dreams“ erschienen, lösten sie bei Romboy eine unmittelbare emotionale Reaktion aus. 1994 lernten sich beide schließlich im Kölner Warehouse kennen. Jahre später sollte aus der musikalischen Verbindung auch eine konkrete Zusammenarbeit entstehen: Nachdem ein Video viral gegangen war, in dem Garnier Romboys Track „Iceland“ spielte, entstand die Idee zu gegenseitigen Remixen. Garnier nahm sich „Iceland“ vor, während Romboy „Bang the Box“ neu interpretierte.
Für Marc Romboy war das weit mehr als eine weitere Veröffentlichung. „Für mich war das ein echter Ritterschlag, denn es zeigte mir, dass auch meine Musik ihn erreicht.“ Besonders bewundert er an Garnier bis heute dessen Fähigkeit, ein Publikum über viele Stunden hinweg mitzunehmen. Genau diese Kunst des musikalischen Geschichtenerzählens soll nun auch in Düsseldorf eine zentrale Rolle spielen. Dabei wird sich Romboy nicht auf ein einzelnes Genre festlegen. Wer seine musikalische Entwicklung kennt, weiß ohnehin, dass Genregrenzen für ihn eher Orientierung als Begrenzung sind. „Als ich Anfang der 90er angefangen habe, Musik zu produzieren und aufzulegen, war vieles noch viel simpler. Es gab Techno, House und Drum & Bass, fertig.“ Diese Offenheit aus den Anfangsjahren habe ihn nachhaltig geprägt.
Heute fühlt er sich nach wie vor in all diesen Welten zuhause. Für ihn entscheidet nicht das Etikett eines Tracks darüber, ob er funktioniert. „Entscheidend ist für mich nicht das Genre, sondern die Gefühle, die Energie und die Story, die ein Track erzählt. Gute Musik berührt, unabhängig davon, welches Etikett man ihr gibt.“ Entsprechend darf man in Düsseldorf eine musikalische Reise erwarten, die House, Techno, Drum & Bass und Disco miteinander verbindet, aber eben nicht bei diesen Kategorien stehen bleibt. „Es wird fließende Übergänge geben, aber genauso bewusste Brüche und überraschende Richtungswechsel“, kündigt Romboy an. Gerade bei sieben Stunden müsse ein Set schließlich nicht permanent intensiver werden. „Man kann Stimmungen entstehen lassen, Erwartungen brechen und die Crowd immer wieder neu überraschen.“
Exklusives & neues Material im Gepäck
Und dann wäre da noch die Musik, die tatsächlich noch niemand gehört hat. Romboy hat für den Allnighter einiges an unveröffentlichtem Material im Gepäck. Dazu gehören unter anderem vier gemeinsame Tracks mit dem Produzenten Spencer Brown aus San Francisco. „Mit denen bin ich sehr happy“, sagt er. Veröffentlicht werden sollen die Stücke allerdings erst im kommenden Jahr. Auch eine Verbindung nach Japan wird musikalisch wieder relevant: Mit Ken Ishii arbeitet Romboy derzeit an neuen Demos. Die beiden haben bereits vor 15 Jahren das Album „Taiyo“ veröffentlicht und sitzen nun an einem neuen Album. Für einen Allnighter, dessen Dramaturgie ohnehin nicht im Voraus feststeht, bedeutet das eine Menge Material, aus dem Romboy spontan schöpfen kann.
Genau diese Spontaneität ist ihm wichtig. „Na ja, wir Vinyl-DJs kommen doch genau daher“, sagt er mit Blick auf die immer wieder geführte Diskussion um vorbereitete Sets. Früher habe man mit einer Plattentasche den Club betreten und spontan entschieden, wohin die Reise geht. Die technische Entwicklung möchte er dabei ausdrücklich nicht schlechtreden. Für ihn bleiben aber „Spontaneität und Intuition immer noch das Herz des DJings“. Romboy will auf die Stimmung im Raum reagieren und sich dabei selbst überraschen lassen. „Oft entstehen genau daraus die besten Momente. Die Nacht entwickelt ihre ganz eigene Dynamik und genau das macht für mich den Reiz aus.“ Selbst beim technischen Umgang mit seinem Equipment hält er an einer persönlichen Philosophie fest: „Den Sync-Button benutze ich übrigens bis heute nicht.“ Nicht aus Prinzip, sondern weil er das permanente Anpassen der Tracks schätzt. Es halte ihn konzentriert und näher an der Musik. Seine Frage dazu ist durchaus grundsätzlicher Natur: „Wenn irgendwann alles automatisch läuft, frage ich mich schon manchmal: Warum steht dann überhaupt noch ein DJ da oben?“
Die Mission: Düsseldorf wieder mit Leben füllen
Dass der Allnighter ausgerechnet im Ampere Club stattfindet, ist ebenfalls kein Zufall. Nach einem Systematic Showcase im April entstand schnell die Idee, die Zusammenarbeit fortzusetzen. Romboy verbindet mit den Ampere-Machern Stefan, Frank und Tobias eine gemeinsame Vision für die Düsseldorfer Clubkultur. „Sie arbeiten mit unglaublich viel Herzblut daran, Düsseldorf endlich wieder einen echten Club zu geben“, sagt er. Für ihn ist das auch deshalb relevant, weil die Stadt einst über eine lebendige Clubszene verfügte. Namen wie Relax, Ratinger Hof oder später die Harpune stehen für eine Zeit, an die Romboy gerne zurückdenkt. „Davon ist leider nicht mehr viel übrig.“ Umso mehr begeistert ihn, wie konsequent das Ampere-Team den Club weiterentwickelt – vom Sound bis zur Atmosphäre. Nach dem ersten Showcase sei deshalb schnell klar gewesen, dass es nicht bei einem einmaligen Gastspiel bleiben sollte. „Ich bin überzeugt, dass das erst der Anfang ist. Wir wollen gemeinsam wieder regelmäßig besondere Künstler nach Düsseldorf bringen.“
Romboys eigene Geschichte geht derweil weit über den Ampere-Termin hinaus. Im Herbst stehen weitere Systematic Showcases an – am 25. September im Odonien in Köln, anschließend im Paula in Dresden und am 10. Oktober im Fridas Pier in Stuttgart. Ende Oktober geht es schließlich für eine Tour nach Australien. Dort war Romboy schon länger nicht mehr und entsprechend groß ist seine Vorfreude. Und vielleicht bleibt zwischen den Terminen sogar noch Zeit für einen kurzen Abstecher ins Paradies. „Wenn es zeitlich passt, würde ich mir zwischendurch gerne ein paar Tage auf Fiji gönnen“, sagt er. Für Tipps aus der FAZEmag-Community sei er ausdrücklich offen. Zunächst aber wartet Düsseldorf – und sieben Stunden, in denen noch niemand weiß, wie die Nacht beginnen, wohin sie sich entwickeln und wo sie irgendwann enden wird.
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Marc Romboy Allnighter: 5. September 2026 im Ampere Club, Düsseldorf
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