Sirin Inci – Club-Ästhetik verschmilzt mit Tradition

Foto: Martijn Kuyvenhoven

Bekannt geworden durch ihren viralen Hit „Run Like Forrest Gump, gelang Sirin Inci der schnelle Durchbruch. Mit rund 1,5 Millionen Spotify-Streams machte der Track sie zur Sensation und zu einem Namen, den heute viele kennen. Seit Jahren veröffentlicht sie Musik, die sowohl Tradition als auch ihre Herkunft zelebriert. Orientalische Elemente und kulturelle Fragmente treffen auf tanzbare Beats zwischen House und Techno. Jeder Track erzählt eine Geschichte – so auch ihre neue Veröffentlichung. Das 3-Track-Bundle „Kömür Gözlüm, das sie bei Warner Music veröffentlicht, erzählt ihre persönliche Geschichte und bildet ein kleines Universum, das ihre inneren Gefühle beschreibt und widerspiegelt – Leere und der Kampf nach Freiheit stehen dabei im Fokus. Die Tracks sollen die Hörer:innen in einen tranceartigen Zustand versetzen, um Emotionen wie Trauer, Glück oder Wut verarbeiten zu können.

Ihr Durchbruch begann mit „Run Like Forrest Gump – damit erreichte die Berliner Künstlerin schnell einen hohen Bekanntheitsgrad. In den vergangenen Jahren etablierte sie sich zudem als Remixerin. Als DJ, Produzentin und Remixerin arbeitete sie mit Künstler:innen wie Babyjoy, Wa22ermann und Eli Preiss zusammen. Mit ihrem Einstieg in die elektronische Musikszene wollte sie eines beweisen: Club-Ästhetik sollte keine bloße Oberfläche sein, sondern ein Raum für Gefühle – ein Raum der Entfaltung, in dem Subgenres miteinander verschmelzen. Als Enkelin türkischer Gastarbeiter:innen zelebriert sie bewusst ihre Herkunft, indem sie türkische und orientalische Elemente in ihre Produktionen integriert und sich damit selbst treu bleibt.

Das Bundle besteht aus dem Titeltrack „Kömür Gözlüm“ sowie den beiden weiteren Songs „Dream“ und „Yalan. Alle drei Tracks bilden den Auftakt einer neuen künstlerischen Reise. Inci spricht über ihre Gefühle und Emotionen und möchte die Hörer:innen zum Nachdenken, Fühlen und Verarbeiten anregen.

Der Titeltrack „Kömür Gözlüm“ zeigt eine besonders emotionale Seite der Künstlerin. Mit Passagen wie „Ah kömür gözlüm / Ben ölmeden bir sabah gözüme gözlerinle bak“ beschreibt sie den Wunsch, eine bedeutsame Person vor dem eigenen Tod ein letztes Mal anzusehen. Der Song vermittelt tiefe Leere. Über den Track sagt sie: „Ich rede über eine Person mit dunklen Augen, die mir in die Augen schauen soll, bevor ich nicht mehr auf dieser Welt bin. Es ist der Wunsch nach diesem einen, letzten Blick.“ Zwischen Clubbeats und Melancholie offenbart sie hier eine intime Facette.

In „Dream“ thematisiert Inci eine nicht greifbare Liebe – jedoch nicht ausschließlich im negativen Sinne. Die Lyrics erzählen vom Weiterleben nach dem Verlust einer Person und vom Wunsch nach Verständnis. Fragen wie „Wer spricht noch über mich?“ oder „Träumst du von mir?“ stehen dabei im Raum. Sirin Inci sagt selbst: „In ‚Dreamscheint Liebe nicht mehr physisch greifbar zu sein, sondern nur noch als Erinnerung oder Projektion zu existieren. Empfindest du diesen Zustand eher als tröstlich oder als schmerzhaft?

Auf dem letzten Track des Bundles, „Yalan, beschreibt sie das Zusammenbrechen der Welt nach dem Verlust eines geliebten Menschen. Übersetzt bedeutet der Titel „Lüge“ – und genau so fühlt sich für sie alles an: unwirklich, kaum zu begreifen. Mit hypnotischen Beats und Trompetenfragmenten vertieft sie diese innere Leere musikalisch. Gleichzeitig bleibt Raum für eigene Interpretationen. Inci erklärt: „Jeder kann seinen eigenen Blick auf die Welt und die Liebe haben, und wir können mit unseren Gedanken alles ändern – sei es ins Positive oder Negative. Es liegt in unserer Hand, ob wir der Lüge Glauben schenken oder unsere eigene Wahrheit kreieren.

Das Release bei Warner markiert eine neue Facette ihrer Musik. Es ist erst der Anfang einer intensiven künstlerischen Reise, die Sirin Inci mit ihrer Musik verfolgt. „Kömür Gözlüm“ steht damit nicht nur für einen neuen Abschnitt, sondern für die konsequente Weiterentwicklung einer Künstlerin, die Clubkultur und Tradition auf eindrucksvolle Weise miteinander verbindet.

Aus dem FAZEmag 171/05.2026
Text: Anil Mustafa
Foto: Martijn Kuyvenhoven

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