Soma Messeiver – Samples aus dem Äther

Soma Messeiver – Samples aus dem Äther

Diesmal habe ich wirklich gedacht, dass es zu weit geht mit dem Erfindergeist von Vlad Kreimer von Soma. Ich meine, was soll ich mit einem besseren UKW-Radio? Auf den ersten Blick ist der neueste Kandidat auf dem experimentellen Spektrum des Hauses Soma Laboratories nämlich genau das. Mit dem merkwürdigen Unterschied, dass man nicht einmal die genaue Frequenz einer bestimmten Station einstellen kann. Super, ich erwartete also nichts mehr als Radiorauschen und Brummen aus dem Lautsprecher. Kunst oder kann das weg? Und dann wurde ich während des Testzeitraums eine Woche krank, musste zu Hause bleiben und habe dabei angefangen, dieses ulkige Instrument zu genießen.

Denn, während man zwar nicht eine einzelne Radiostation aus der Umgebung anwählen könnte, konnte ich eben das ganze UKW-Spektrum anhören. Auf einmal. Dem Messeiver „fehlt“ der Tuning-Knopf. Mit dazu gehören zwei sehr lange – mindestens 15 Meter lange – Antennen, die man mit den SOMA-typischen Krokodil-Klemmen am Gerät befestigt. Als ich die Antennen das erste Mal befestigte und langsam aus dem Fenster meiner Dachgeschosswohnung im fünften Stock runterseilte, dabei langsam die Lautstärke des Radios aufdrehte, fing es aus irgendeinem Grund sofort an, Spaß zu machen. Warum auch immer, hörte ich französische Musik mit merkwürdigen Radio-Artefakten.
Als ich die Antennen noch ein paar Meter weiter nach unten ließ, sprach ein spanischer Sprecher aus der Box. Ok, meine Neugier war geweckt und ich dachte mir, dass es den besten Empfang doch nur auf dem Dach haben kann. Freie Sicht auf den Ruhrpott und kein Gebäude, das den Empfang stören könnte. Also befestigte ich die Antenne am Schornstein, drehte Messeiver auf – und hörte gar nichts außer einem Brummen. Und so ging es ständig. Mal war der Sound sehr klar, mal konnte man vor lauter Rauschen nichts verstehen. Was einen dann doch recht sauer machen kann – mit einem Mal kam ein bekanntes Gefühl auf. Nicht nur wegen der Antennen, die ich gewissermaßen auswarf, war es ein ähnliches Procedere wie beim Angeln. Für mich ziemlich unverfügbar und rätselhaft: Manchmal laufen mehrere Klangquellen übereinander, manchmal kommt minutenlang gar nichts. Manchmal ist man sehr glücklich – und manchmal wirklich gar nicht. Und passt nicht genau dies zu einem der besten Tricks zum Produzieren, die uns Artists im Track-Check gegeben haben? Studio-Barnhus-Gründer Axel Boman sagte 2018 dort:

„Boris Werner hat mir in seinem Amsterdamer Studio einen Trick beigebracht, den ich sehr gerne benutze. Nimm eine alte Platte – Reggae oder vielleicht schwedischen Fusion-Pop aus den 80er-Jahren – starte sie und dann lege die Nadel an zufällig ausgewählten Stellen drauf, aber nur ganz kurz jeweils. Am Ende hast du eine Aufnahme mit all diesen Mikro-Samples und in der Regel klingen fünf oder sechs davon ziemlich cool und sehr unerwartet, sodass sie sich als Percussion-Elemente oder Effekte sehr gut eignen. Try it, kids!“

Und genau solche Glücksmomente sind doch die riesige Chance beim Messeiver. Weil man sich um Urheberrechte – meiner persönlichen Meinung nach – bei der empfangenen Klangcollage nicht mehr kümmern muss. Zu andersartig, zu verändert, zu crazy kommt das musikalische Material hier an. Aber interessante Vocal-Samples, charmante Chords oder wirklich ungewöhnliche Glitches gibt es hier immer wieder – und nicht wenige von denen könnte ich mir in Tracks von DJ Koze, Jamie xx oder Moderat vorstellen. Wie beim Angeln braucht es aber etwas Zeit. Und wie beim Angeln ist gerade dies sehr entschleunigend – oder es macht sauer.

Zum Abschluss aber noch einige Worte zum Workflow: Der Messeiver gibt die empfangenen Signale entweder über einen Line-Ausgang oder über den integrierten und Design-prägenden Vintage-Lautsprecher wieder. Das beste Recording zum weiteren Verwenden der Radiosounds bekommt man mit einer Mikrofonierung der Lautsprecher-Membran. Darüber hinaus kann der Messeiver auch nur als Lautsprecher verwendet werden für Signale, die durch den Input eingespeist werden. Dann klingt es wirklich sehr „vintage“ – also perfekt, um zu prüfen, ob eigene Mixe radiotauglich sind. Ansonsten gibt es aber noch zahlreiche Schalter, um die Radiowellen doch etwas zu selektieren. Soma hält sich hier an mythologische Parameter statt technische Bezeichnungen – aber es macht ziemlich Spaß, hier herumzuexperimentieren. Ein paar Wochen später habe ich den Messeiver dann nochmals auf einem Berg mitten in einem Naturschutzgebiet ausprobiert – und der Empfang war dort nochmals viel besser – draußen kann man wohl besser angeln.

Aus dem FAZEmag 160/06.2025
Text: Bastian Gies
Web: www.somasynths.com