Soma Terra – Töne aus Bäumen

Soma Terra – Töne aus Bäumen

Wie organisch kann ein Synthesizer aussehen? Naja – letztens war so eine Baumscheibe in der Post – Absender: Soma Laboratories aus Polen. Aus der Baumscheibe wuchsen goldene Sensoren und Potis und es gab MIDI-Buchsen als Verbindung zwischen der Außenwelt und dem Innenleben. Kostenpunkt: 1.590 Euro. Mir ist aufgefallen: Ungefähr in dem Abstand, in dem Behringer antike Synths klont, versucht sich Soma anscheinend an einer Neuerfindung der Instrumentengattung. Und diesmal sind wir weit weg aus der Nische des Experimental-Glitch-Blip-Noisy-Shit. Diesmal geht es um ein Instrument, das für normale Wald-und-Wiesen-Producer*innen beste Brot- und -Butter-Sounds bringt. Gleichzeitig zwingt die Baumscheibe einen zur Performance und damit höchstwahrscheinlich zu deutlich spannenderen Ergebnissen als jede Software. Die Baumscheibe heißt übrigens Terra und ist das neueste Flaggschiff von Soma Lab.

Es gibt einiges, das hier auf den ersten Blick anders ist. Das Erste ist, dass man bereits beim ersten Berühren einen Ton herausbekommt. Und das bei einem Soma-Synth. Das Zweite – viel wichtiger – ist die Alternative zur Klaviatur. Gespielt wird nämlich mit ultraempfindlichen Kapazitätssensoren: kleinen Knubbeln aus Metall, die feststellen, wie fest und wie lang du sie berührst. Sinnigerweise zwölf Noten davon, um eine Oktave in westlichen Tonsystemen abzubilden. Also ungefähr wie ein MPE-Controller à la Roli Seaboard. Doch allein, dass die Oktave anders organisiert ist als eine Klaviatur, macht schon kreativ. Man kann die Knubbel strummen, drübergleiten oder einfach den irren Aftertouch genießen. Dazukommen noch zwei Oktav-Schalter und ein Hold-Taster. Das alles wäre schon einmal ganz interessant, aber mehr nicht.
Soma möchte vielmehr, dass man auch das Timbre genauso spielbar machen kann wie Noten. Dafür gibt es vier weitere Sensoren, die vier Parameter passend zum jeweiligen Preset spielbar machen. Quasi Makro-Regler, die das Patch sehr stark verändern können. Verschiedenste Filter, Ringmodulatoren, Tremolos, Overdrives, LFOs, Wellenformen, Waveshaper oder Tonhöhenabsenkung sind in den vier Knobs zusammengefasst – immer auf das jeweilige Patch abgestimmt. Und das erinnert dann schon sehr an die Mechanik z.B. einer Trompete, wo verschiedene Kombinationen von Griffen verschiedene Ergebnisse liefern. Damit ist man eben deutlich schneller unterwegs als mit Fadern, Drehreglern und Knöpfen, die weit entfernt von der Klaviatur sind.

An dieser Stelle: Anders als bei allen anderen Soma-Geräten ist eine vorgespeicherte Sound-Bibliothek essenziell für die Benutzung. Der Terra ist eine Preset-Schleuder par excellence. Es gibt Bass, Drums, Arpeggio, Poly-Synths oder Mono-Leads, die man spielen kann. Durch die extrem interaktive Oberfläche ist das Wort Preset aber vielleicht auch falsch – schließlich ändert man beim Spielen den Sound die ganze Zeit. Und selbstverständlich ist auch hier das Lesen des Manuals Pflicht, weil man durch Tastenkombinationen so viel tiefer in die Klangsynthese einsteigen kann und Presets so nur die Ausgangsbasis sind.

Die gute Nachricht: Es gibt keine Menüs und damit nichts, das einen an Computer erinnern könnte. Die schlechte: Man muss sich definitiv ein paar Griff-Kombinationen merken, um Dinge zu ändern.

Denn unter der Rinde steckt einiges, das man ändern kann. Eine Engine aus so gut wie allen Synthesearten: subtraktive, additive, FM und Physical Modelling. Soma hat sich die wichtigsten Eigenschaften dieser Synthesearten geschnappt und sie auf die Performance mit dem Terra ausgelegt. Herausgekommen sind 32 verschiedene interne „Instrumente“ – von experimentellen zu fetten analog klingenden Klangfarben. Man könnte es vergleichen mit speziellen MPE-Klangbibliotheken, die nochmals mehr Expressivität liefern als normale Synthesizer. Ein Unterschied ist dann noch ein Thema, das im Moment immer wichtiger wird: Mikrotonalität. Damit denkt man bei Soma nicht nur in der westeuropäischen gleichstufig temperierten Stimmung, sondern man kann auch Tonsysteme aus der ganzen Welt miteinbeziehen. Im Rest der Welt ist Mikrotonalität schließlich sehr gängig und gerade bei experimenteller elektronischer Musik ist dieses Wissen und vor allem die Möglichkeit eine Geheimwaffe.

Oben auf der Scheibe gibt es noch ein paar Drehregler für die Mastersektion: Hall und Echo, Volume und die sogenannten Wasser- und Feuereffekte. Hier sieht man einmal mehr die etwas esoterische Denkweise der Soma-Ingenieure. Die Effekte ändern sich zwar von Preset zu Preset, doch Wassereffekte machen den Sound eher etwas breiter, quirliger und verstimmter, während Feuereffekte den Sound eher schärfer und klarer machen.

Lange genug habe ich ja jetzt über die sehr eigentümlich intuitive Art, den Terra zu spielen, gesülzt. Doch, was bringt einem das, wenn man seine eigenen Instrumente, Software oder Modularsysteme mit ihm kontrollieren möchte? Dann kann man einfach per MIDI alles connecten, im Handbuch den passenden MIDI-Out-Modus heraussuchen und das Instrument der Wahl mit dem Terra spielen – für mich ist das auch eines der Key-Features. Allerdings muss man sich hier wirklich gut mit den MIDI-Settings vertraut machen, denn normale MIDI-Parameter wie Velocity oder Aftertouch harmonieren nicht von Anfang mit dem Terra – aber es gibt gute Workarounds. Für Modularsysteme gibt es tatsächlich einen MIDI-to-Gate-Adapter.

Irgendwie hat sich mir das Gyroskop des Terras noch nicht ganz erschlossen. Über diesen Gleichgewichtssensor wird die Neigung zu jeder Seite gemessen. Damit kann man dann, je nach Presets, den Sound stark modulieren, vor allem als Ersatz eines Pitchbends. Eigentlich ja eine sehr gute Idee, den gesamten Körper beim Spielen einzusetzen, aber definitiv auch etwas befremdlich: Soll man den Terra auf seine Beine stellen und diese kippen, um den Effekt perfekt auszunutzen? Weiß ja nicht.

Obwohl es natürlich alle wünschenswerten Verbindungen via MIDI gibt, hat sich für mich herausgestellt, dass die besten Ergebnisse immer im Jam entstanden und via Audio aufgenommen wurden. Beim Terra geht es ja gerade darum, mit allen zehn Fingern unterwegs zu sein und prägnant-außergewöhnliches Material aufzunehmen. Wenn es um Techno ging, hatte ich meistens einen guten Drumloop laufen und habe mit dem Terra Synth-Lines darüber gespielt – variierend über zehn Minuten. Damit gab es direkt Parts mit verschiedenen Intensitäten und spannenden Variationen – um die man sofort einen ganzen Track aufbauen konnte. Und vor allem catchende Lead-Synthesizer à la Earcandy sind wie am laufenden Band entstanden – hier konnte man sich die besten herauspicken und an gute Stellen im Track legen. Auch eigentlich ganz normale Tech-House-Basslines, wie sie in Düsseldorf zu einem Aperol gespielt werden, haben das Potenzial, deutlich interessanter zu werden, wenn man sie performt.

Und auch das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten ist um einige Facetten reicher geworden, weil man deutlich stärker wirklich fühlen kann, wie ein Klang sich entwickeln wird – und man ähnlich wie bei einem Blasinstrument mit Fingerkombinationen die Intonation kontrollieren kann.

Ganz ehrlich, der letzte Absatz war wahrscheinlich etwas zu ergebnisorientiert. Beim Terra geht es auch um ein resonantes Gefühl, diesen Synthesizer zu spielen. Natürlich ist es immer wieder schön, den Filter eines analogen Klassikers komplett aufzudrehen und ein paar Riffs zu spielen. Aber mit dem Terra geht man, wenn man etwas Übung investiert, nochmal in eine andere Beziehung. Es ist kein Instrument, das man auch beherrschen kann, wenn man eigentlich gar kein richtiges Instrument spielen möchte, wie es oft bei Producer*innen ist. Beim Terra hat man wirklich Bock zu üben und einen geilen Synthesizer-Sound wie ein Instrument zu spielen. Denn auch wenn innendrin ein digitaler Synth liegt – das Gefühl ist analoger als analog.

Aus dem FAZEmag 151/09.2024
Text: Bastian Gies
Web: www.somasynths.com