
Mit „Colors Collide“ veröffentlicht der Berliner EDM-Chor SPIELHAGEN eine Single, die weit mehr ist als ein Dance-Track: ein musikalisches Statement für Sichtbarkeit, Mut und Zusammenhalt. Gründerin und Songwriterin Cora Liebig spricht im Interview über Klangvisionen, Entwicklungen, choreografierte Energie und warum ein Chor auf der Clubbühne so gut funktioniert.
Cora, du bist die Gründerin und Songwriterin von SPIELHAGEN. Wie hat sich der Chor seit seinen Anfängen entwickelt: musikalisch, personell und als Gemeinschaft?
Meinen Weg als Chorleiterin habe ich mir selbst erarbeitet. Am Anfang habe ich daher bekannte Popsongs für den Chor neu arrangiert und so meinen Zugang zur Chorleitung und dem Arrangement gefunden. Verbunden mit einer sehr effizienten Herangehensweise, Arrangements dem Chor zu vermitteln und meiner Erfahrung als Sängerin im Profi-Bereich haben wir es geschafft, nur neun Monate später mit einem 90-minütigen Programm unser erstes eigenes Konzert zu präsentieren: alle Songs selbst arrangiert, mit Choreografien und einem schlüssigen visuellen Konzept. Jedoch: Musikalisch war der Kompass von Beginn an eindeutig: Club meets Choir. Heute schreiben ich mit einem Producer-Team eigene Songs; mit eigens produzierten Beats und einer klaren Sound-Ästhetik. Alles, was man mittlerweile bei SPIELHAGEN hört, sind unsere Arrangements und unsere Produktionen – tanzbar, mehrstimmig und eigenständig. Die Sängerinnen und Sänger mit zumeist “Gospelchor” Erfahrungen in den SPIELHAGEN-Sound zu transformieren war eine herausfordernde Arbeit, weil vor allem die Herangehensweise eine ganz andere ist. Dies verständlich zu vermitteln und im Enseble dann kraftvoll und wirkungsstark umzusetzen ist eine meiner Lieblingsaufgaben bei SPIELHAGEN. Ich liebe es total zu sehen, wie sich die Vision eines Choreos wie SPIELHAGEN mehr und mehr nach vorne entwickelt. 2019 gegründet, sind wir 2023 mit unserem ersten eigenen Song „Love on the Dancefloor“ in der Bewerbungsphase für den Eurovision Song Contest in 6er-Formation angetreten und haben seitdem unseren Signature-Sound mit Releases wie „SHINE ON“ weiter zugespitzt. Personell sind wir von einem Chor zu einem ganzen Produktionsteam gewachsen: Producer*innen, Technik-Crew, Lichtdesign, Choreografie, Styling und Kostüme – alles greift ineinander. Als Gemeinschaft sind wir extrem fokussiert. Wir nehmen Herausforderungen an, entscheiden schnell und ziehen an einem Strang. Jede und jeder, der neu dazukommt, weiß, wofür SPIELHAGEN steht – und brennt genau dafür.
Wie kam es ursprünglich zu der Idee, EDM und Chormusik miteinander zu verbinden? Wo lagen die Herausforderungen, beide Elemente harmonisch miteinander zu vereinen?
Die Idee kam aus zwei Beobachtungen: Erstens ist Chormusik unfassbar kraftvoll – viele Stimmen erzeugen einen Sog, der Menschen bewegt. Zweitens haftet Chor oft ein verstaubtes Image an. Ich wollte diese Energie sichtbar machen und sie in eine zeitgemäße Sound-Ästhetik bringen: Club meets Choir – tanzbare Beats, mehrstimmiger Chorklang, eine klare Hook. Die größte Herausforderung: Platz schaffen. Ein Chor kann klanglich komplette Synth-Flächen ersetzen – aber nur, wenn der Beat Luft lässt. Wir arbeiten deshalb mit reduzierten, druckvollen Patterns, klaren Harmonien und einem Arrangement, das den Stimmen die Hauptrolle gibt. Vieles entsteht durch Subtraktion: lieber eine starke Hook, präzise gesetzte Chorsätze und definierte Drops/Build-ups statt „alles gleichzeitig“. Außerdem achten wir auf Frequenz- und Dynamik-Balance (Bass/Drums unten, Chorflächen mittig/oben, Leadlines klar vorne) und auf rhythmische Artikulation – damit der Gesang nicht „schwebt“, sondern schiebt.
Kurz: Wir ersetzen Breite durch Stimmen-Breite, halten den Beat schlank, aber punchy und lassen Text & Emotion führend. So bleibt es tanzbar, modern – und eindeutig SPIELHAGEN.
Euer neuer Song „Colors Collide“ ist ein starkes Statement für Vielfalt und Sichtbarkeit. Was war der Auslöser für diesen Song? Welche Emotionen haben euch dabei besonders getrieben?
Die Idee zu „Colors Collide“ kam aus einem Gefühl der Gegenwart: Überall Fronten, wenig echtes Zuhören. Ich wollte ein Gegenbild setzen. Für mich ist Vielfalt kein nice-to-have, sondern Kraftstoff – unterschiedliche Meinungen, Herkünfte und Lebensentwürfe machen uns als Ganzes stärker. Auf dem Dancefloor wird das sichtbar: Wenn Farben „kollidieren“, entsteht kein Chaos, sondern neue Energie. Nicht gegeneinander – Zugang schaffen und Unterschiede feiern. Der Song ist ein Statement für Sichtbarkeit in allen Lebensbereichen. Es geht um Respekt: dem Anderen offen begegnen und verstehen.
Welche Emotionen haben uns getrieben?
Schmerz über die Spaltung. Sehnsucht nach Miteinander. Mut, die eigene Farbe laut zu zeigen. Und ganz viel Freude & Euphorie – denn am Ende soll der Refrain Menschen in Bewegung bringen und ein Gefühl von Verbundenheit und Aufbruch hinterlassen.
Eure Musik trägt generell eine Botschaft von Diversität, Akzeptanz und Zusammenhalt. Wie wichtig war euch der gesellschaftliche Aspekt eurer Arbeit, auch über die Musik hinaus.
Der gesellschaftliche Aspekt ist für uns kein Add-on, sondern Kern unseres Arbeitens. Mit SPIELHAGEN wollen wir Menschen ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen – sichtbar, frei und ohne sich kleiner zu machen. Unsere Songs erzählen von Mut, Selbstbestimmung und dem Moment, in dem man sich selbst „anschaltet“. Diversität heißt für uns: anders denken, anders lieben, anders leben – und dafür Raum schaffen. Akzeptanz heißt: Unterschiede nicht glätten, sondern wertschätzen. Und Zusammenhalt bedeutet, trotz Reibung verbunden zu bleiben. Genau hier ist Chor das perfekte Bild: viele individuelle Stimmen, die ein gemeinsames Ganzes formen. Über die Musik hinaus leben wir das im Team: Wir sind starke Charaktere mit verschiedenen Hintergründen. Wir feiern Stärken, fangen Schwächen auf, sprechen Unterschiede an – respektvoll und auf Augenhöhe. Unsere Auftritte, unser Styling, unsere Kollaborationen und die Art, wie wir arbeiten, sind Statements für Sichtbarkeit und Respekt. Wir glauben daran, dass Kultur Debatten nicht ersetzt, aber Herzen öffnet – und damit Türen.
Das Musikvideo wurde unter anderem beim Lesbisch-Schwulen Stadtfest in Berlin gedreht. Wie war das, mitten in dieser Atmosphäre zu performen? Was bedeutet dieser Ort für euch persönlich?
Das Lesbisch-Schwule Stadtfest ist für uns ein echter Wohlfühlort. Wir fühlen uns dort zugehörig, weil die Community genau die Werte lebt, die auch unsere Musik trägt: persönliche Freiheit, Sichtbarkeit, den Mut, anders zu sein – und das Selbstverständnis, dafür einzustehen. Mitten in dieser Atmosphäre zu performen, heißt: pure Energie. Für uns hat dieser Ort auch persönlich Gewicht: Er zeigt, wie stark Musik verbindet und wie wichtig Räume sind, in denen jede Farbe laut sein darf. Dass wir dort Teile des Videos gedreht haben, war konsequent – „Colors Collide“ gehört genau dorthin. Und ja, wir sind in der Chorszene nicht der erwartbare Weg. Umso schöner, wenn Menschen gerade unser „anderssein“ feiern.

SPIELHAGEN wird oft als „Deutschlands erster EDM-Chor“ bezeichnet. Wie reagiert die Club- und Musikszene auf euch? Eher neugierig, überrascht oder begeistert?
Kurz gesagt: erst skeptisch, dann neugierig – und live meist begeistert. Viele Live-Veranstalter sehen „Chor“ und haben sofort das Fragezeichen im Kopf. Live kippt es nach den ersten Drops ins Ausrufezeichen: Mehrstimmigkeit trifft punchy Beats – das schiebt und funktioniert auf großen Bühnen mit einem generationsübergreifenden Publikum. Die größte Skepsis kommt weniger aus der Club-, sondern eher aus der Chor-Szene. Paradox: Obwohl wir oft mehrstimmiger singen als andere Ensembles, werden wir nicht immer als „richtiger Chor“ gelesen – als müsse Chor in Deutschland zwingend „getragen und schmusig“ klingen. Wir sehen das anders: Chormusik kann modern, progressiv und mit klarer Kante sein – lauter, präziser, aufwendiger inszeniert und vor allem verbindend und energiegeladen. SPIELHAGEN zeigt: EDM + Chor ist kein Effekt, sondern ein einzigartiges Ensemble-Konzept – mit eigener Sound-Ästhetik, eigenem visuellen Konzept und für ein Publikum, dass sich bewegen will. In der Promo an DJs merken wir immer wieder: Sie lieben unseren Sound, übernehmen ihn in ihre Sets – unsere Tracks laufen auf den Dancefloors. Neben unseren eigenen Songs haben wir vor drei Jahren „Merry Christmas Everyone“ in unserer Sound-Ästhetik veröffentlicht; der Track wird zur Weihnachtszeit regelmäßig in Clubs gespielt. Ziemlich cool.
Welchen Herausforderungen musstet Ihr euch stellen beim Ankommen in der Szene?
Wir haben beim Ankommen in der Szene weniger gegen „Hürden“ gekämpft, als konsequent Entscheidungen getroffen. Unser Kurs war von Anfang an klar – EDM + Chor – und daran halten wir fest. Die eigentliche Arbeit lag nicht im Kämpfen, sondern im Übersetzen: Verstehen schaffen: Was heißt Club-Ästhetik mit Chor live? Wir zeigen es – mit starken Live-Videos, Showcases und Referenzen statt langen Erklärungen. Setup schärfen: Eigene Beats, Click/In-Ear, schlanke Arrangements (weniger ist mehr), damit der Chor Raum bekommt und die Kick atmen kann. Die richtigen Bühnen finden: Slots, bei denen Format, Energie und Publikum passen. Team & Training: Bewegung, Timing, Artikulation – Chor als „große Lead-Stimme“ statt Hintergrundfläche. Vorurteile („Chor = getragen und kuschelig“) begegnen wir mit Konsequenz und Qualität. Wir machen unser Ding – und wer die Show sieht, versteht es.
Ihr seid in Berlin zu Hause. Wie prägt die Stadt euren Stil und euer Selbstverständnis als Kollektiv?
Berlin ist für mich kein Konzept, sondern Alltag – Teil meiner DNA. Ich bin hier aufgewachsen; Vielfalt, Ecken und Kanten gehören dazu. Anpassen hat sich für mich nie richtig angefühlt. Diese Haltung prägt SPIELHAGEN automatisch: Wir machen die Dinge so, wie sie sich für uns wahr anfühlen – mutig, eigen, ohne Verrenkungen. Die Stadt gibt uns den Raum, genau so zu sein. Deshalb antworte ich fast schlicht: Es war nie „draufgesetzt“. Es war schon immer da – in mir, und dadurch auch im Chor.
Was dürfen wir in Zukunft von SPIELHAGEN erwarten? Gibt es bereits Pläne für 2026?
2026 steht für uns im Zeichen von REMIX. Die Show, die wir am 13.12. auf die Bühne bringen, wollen wir im nächsten Jahr öfter und an verschiedenen Orten spielen – vom Stadtfest bis Club- und Markenbühne. Parallel planen wir eine neue Single und weitere Auftritte im LGBTQ-Kontext, weil dort unsere Themen Sichtbarkeit, Mut und Zusammenhalt genau andocken. Gerade passiert viel im Hintergrund: Designer arbeiten an den Kostümen, Producing läuft, Styling/Make-up wird entwickelt – und wir proben wöchentlich, damit der 13.12. sitzt. Danach nehmen wir die Energie mit ins neue Jahr und bauen Termine aus. Kurz: Mehr REMIX-Shows, neue Musik, starke Bühnen. Wir sind Newcomer – jedes Jahr ist ein neues Abenteuer.
SPIELHAGEN schafft ein Projekt das Soundästhetik, Haltung und Community zu einem gemeinsamen Puls verbindet. Mit „Colors Collide“ setzt der Chor ein kraftvolles Zeichen: laut, modern und voller Energie für eine diverse Zukunft.
Hier geht es zur Single:
Auch Interessant:
Von Vinyl zu Virtual: Wie DJs Casino-inspirierte Beats in modernen Sets einsetzen