
Der KitKatClub ist ein Ort, an dem Grenzen verschwimmen: zwischen Alltag und Exzess, zwischen Rolle und Identität, zwischen dem, was man zeigt, und dem, was sonst verborgen bleibt. Für seinen Film begibt sich Philipp Fussenegger in eine Welt, die sich bewusst dem gewöhnlichen Blick entzieht – und stellt dabei auch die Frage, was wir sehen dürfen und was geschützt bleiben muss. Im folgenden Interview sprechen Philipp Fussenegger und Susanne Heuer über die Entstehung von „KitKatClub – Kinks of Berlin“, ihre Perspektiven auf Freiheit, Intimität und Authentizität sowie über die Herausforderung, einen Ort filmisch festzuhalten, dessen Freiheit wesentlich auf Vertrauen beruht. Beide beantworten Fragen zum Film und geben Einblicke in ihre persönlichen und künstlerischen Zugänge.
„Diese Grenze lässt sich nicht einmal festlegen“, sagt Fussenegger. Gerade beim Dreh im KitKatClub sei deshalb vor allem eines entscheidend gewesen: Vertrauen. Auch die Frage nach Authentizität spielt eine zentrale Rolle. Heuer sieht diese differenzierter: „Menschen gehen an einen Ort, an dem sie spielen dürfen – mit anderen und unter gewissen Spielregeln.“ Für sie kann auch die Suche nach Authentizität zur Selbstinszenierung werden: „Die Suche nach Authentizität kann genauso zur Selbstinszenierung führen.“
Der Film wird so auch zu einer Zeitkapsel eines bestimmten Berlins. Für Heuer ist er „hundertprozentig ein Zeitdokument“ – gerade in einer Zeit, in der Clubkultur und die damit verbundenen Freiräume unter Druck geraten. Clubs seien für sie vor allem „Begegnungsorte“, an denen Menschen aufeinandertreffen, die sich sonst vielleicht nie begegnen würden. Vielleicht liegt darin die eigentliche Stärke des Films: Er möchte nicht erklären, was normal ist, sondern sich der Frage nach Normalität stellen. Heuer sagt dazu: „Wir geben keine neue Normalität vor.“ Stattdessen lädt der Film dazu ein, eine Welt für einige Stunden von innen zu erleben – und das Fremde nicht sofort zu bewerten, sondern zunächst zu verstehen. Was dabei sichtbar wird, ist nicht nur eine besondere Berliner Nachtwelt, sondern auch die grundsätzliche Frage: Wie viel Freiheit lassen wir anderen – und wie viel Freiheit erlauben wir uns selbst?

Den Anfang macht Philipp Fussenegger:
Du sagst, der KitKatClub hat dich selbst geprägt. Wie filmt man einen Ort, zu dem man eine persönliche Beziehung hat, ohne ihn entweder zu verklären oder zu entzaubern?
Der KitKatClub hat mich selbst sehr geprägt. Ich komme aus Österreich, aus einem eher christlich-sozial und patriarchal geprägten Umfeld in den Alpen. Sexualität findet dort viel stärker hinter verschlossenen Türen statt. Viele Dinge bleiben im Verborgenen, und ich glaube, dass daraus auch sehr viel Unfreiheit und Unzufriedenheit entstehen kann. Als ich nach Berlin kam und den KitKatClub kennengelernt habe, war ich deshalb erst einmal vollkommen begeistert von diesem Ort. Ich selbst habe mich über die Jahre sehr verändert. Früher war ich unglaublich schamhaft. Ich hätte mich niemals getraut, meinen Körper öffentlich zu zeigen, in der Öffentlichkeit Sex zu haben oder meine gleichgeschlechtliche Liebe so selbstverständlich und offen zu leben. Das war für mich ein langer Weg.
Ich erinnere mich an einen Moment mit Kirsten Krüger, der Betreiberin des Clubs. Wir saßen am Pool im KitKat und sie meinte: „Komm, wir springen rein.“ Ich habe gesagt: „Nein, ich traue mich nicht. Dann schauen doch alle.“ Und sie meinte einfach: „Komm, machen wir.“ Also sind wir nackt in diesen Pool gesprungen – und es hat einfach niemanden interessiert. Das war für mich ein wichtiger Moment. Man versteht plötzlich, dass viele Grenzen, von denen man glaubt, sie seien gesellschaftliche Realitäten, eigentlich zuerst einmal im eigenen Kopf stattfinden.
Natürlich bestand bei diesem Film deshalb auch die Gefahr der Verklärung. Mir war von Anfang an bewusst, dass das nur meine Perspektive auf diesen Club sein kann. Die Auswahl der Protagonist:innen, die Situationen, die wir zeigen, die Art, wie wir sie erzählen – das ist mein Blick und nicht irgendeine allgemeingültige Wahrheit über den KitKatClub. Gerade deshalb habe ich versucht, ein möglichst ausgewogenes Bild zu zeichnen, mit den positiven wie mit den schwierigen Seiten. Der Film sollte auf keinen Fall ein Werbefilm werden. Aber genauso wenig wollte ich investigativen Enthüllungsjournalismus machen. Für mich ist er eher eine Zeitkapsel. Ich wollte diesen Ort und vor allem die Menschen, die dort hingehen, erlebbar machen. Nicht erklären, wie man den KitKatClub zu verstehen hat, sondern dem Publikum ermöglichen, für zwei Stunden selbst in diese Welt einzutauchen.
Wann hast du beim Dreh entschieden: Diese Kamera muss jetzt weg? Gab es Situationen, in denen Sie bewusst nicht weitergefilmt haben?
Das war tatsächlich eine der schwierigsten Fragen während des gesamten Drehs. Mein Kameramann Dino Osmanović und ich waren meistens nur zu zweit unterwegs – ich habe zusätzlich den Ton gemacht –, manchmal hatten wir noch eine Assistenz dabei. Dadurch konnten wir sehr nah an den Protagonist:innen sein und auch intime Situationen begleiten. Aber trotzdem galt immer: Wir mussten von allen Beteiligten das Einverständnis haben, sonst konnten wir nicht drehen.
Es gab viele Tage, an denen wir die Kamera überhaupt nicht einsetzen konnten, weil einzelne Personen nicht im Bild sein wollten. Das konnte auf Sexpartys sein, bei Orgien, bei Pre- oder Afterpartys, backstage, am See oder in privaten Situationen. Sobald sich jemand damit nicht wohlgefühlt hat, war klar: Dann drehen wir nicht. Das ist in so einem Umfeld wahnsinnig komplex, weil Situationen sehr dynamisch sind. Manchmal kommt jemand in einen Raum, während wir bereits drehen, und möchte nicht gefilmt werden. Dann muss man sofort reagieren. Wir haben versucht, von allen Beteiligten einen klaren Consent zu bekommen.
Besonders sensibel wird es natürlich, wenn Menschen high sind oder sich in einem Zustand befinden, in dem man sich fragen muss, wie eindeutig eine Zustimmung gerade überhaupt sein kann. Deshalb war für uns nicht nur der Moment des Drehs entscheidend. Wir haben davor und danach immer wieder mit den Protagonist:innen gesprochen und überprüft, ob das Gezeigte für sie weiterhin in Ordnung ist und ob der Kontext stimmt. Wenn jemand im Nachhinein Bedenken hatte, haben wir das ernst genommen und gemeinsam geprüft, ob und in welchem Kontext das Material verwendet werden kann. Es sollte nichts gegen den Willen irgendeiner Person passieren. Allen Hauptprotagonist:innen war sehr klar, was wir drehen und auf welche Art von Film sie sich einlassen. Darüber wurde sehr viel gesprochen – vorher, währenddessen und auch danach. Die Kamera wegzunehmen war deshalb kein einzelner dramatischer Moment, sondern Teil unserer täglichen Arbeit. Sobald kein eindeutiger Consent mehr da war, war die Grenze erreicht. Dann blieb die Kamera aus.

Warum war es dir wichtig, auf klassische Interviews und erklärende Einordnung zu verzichten? Hattest du keine Angst, dass Zuschauer:innen dadurch bestimmte Zusammenhänge missverstehen?
Ich komme ursprünglich aus der Fiktion, das habe ich an der Filmakademie gelernt. Zum Dokumentarfilm bin ich erst später gekommen. Deshalb liegt mir eine Form des Erzählens näher, die möglichst wenig über klassische Interviews, Erklärungen oder nachträgliche Einordnungen funktioniert. Mir ist wichtig, dass man eine Welt erlebt, anstatt dass sie einem nacherzählt wird. Das war schon bei I Am the Tigressein zentraler Gedanke für mich und beim KitKatClub noch einmal ganz besonders. Ich wollte, dass die Zuschauer:innen mit den Protagonist:innen in diese Welt hineingehen, dass sie Situationen erleben, beobachten und sich selbst ein Bild machen können. Natürlich besteht dabei immer die Gefahr, dass Dinge missverstanden werden. Aber ich vertraue dem Publikum auch etwas zu. Ich glaube, dass Zuschauer:innen intelligent genug sind, Dinge selbst einzuordnen. Und ich finde sogar, dass das ein Teil der Arbeit ist, die ein Film dem Publikum überlassen darf.
Wir haben trotzdem sehr lange und sehr genau daran gearbeitet, dass die Zusammenhänge so verständlich wie möglich werden – über die Dramaturgie, die Auswahl der Situationen, den Schnitt und die Reihenfolge der Geschichten. Mir ist bewusst, dass trotzdem Missverständnisse entstehen können. Aber das gehört für mich auch zu dieser Art von Kino. Und wenn jemand nach dem Film das Gefühl hat, noch nicht alles verstanden zu haben, dann sage ich ganz gerne: Schau ihn dir einfach noch einmal an.
Du selbst schreibst: „Vielleicht ist es ein Film über Freiheit. Vielleicht über Projektion.“ Wenn du dich heute entscheiden müssten – was glaubst du, ist der KitKatClub tatsächlich: ein Ort der Freiheit oder ein Ort, auf den wir unsere Sehnsucht nach Freiheit projizieren?
Ich glaube schon, dass der KitKatClub tatsächlich ein Ort der Freiheit ist. Natürlich gibt es auch dort nicht nur eine einzige Vorstellung davon, was Freiheit bedeutet. Es gibt sehr unterschiedliche Partys, Szenen und Menschen, die jeweils ihre eigenen Ansätze und Vorstellungen mitbringen. Und gleichzeitig ist der KitKatClub natürlich auch ein Ort, auf den wir unsere Sehnsucht nach Freiheit projizieren. Für mich schließt sich das nicht aus. Ein wichtiger Ansatz des Films war für mich, eine Art Utopie zu erzählen: die Utopie einer hedonistischen Welt, in der freie Liebe, Polyamorie, Sexualität und andere Formen des Zusammenlebens fernab klassischer gesellschaftlicher Modelle möglich sind.
So habe ich diesen Ort erlebt, und so wollte ich ihn auch zeigen. Vielleicht kann so ein Ort deshalb auch nach außen inspirierend sein. Er zeigt zumindest für ein paar Stunden, dass bestimmte Regeln, Rollenbilder und Grenzen, die uns im Alltag selbstverständlich erscheinen, auch anders gedacht werden können. Natürlich ist der KitKatClub keine perfekte Gegenwelt. Die Menschen bringen ihre Probleme von draußen mit hinein. Konflikte, Machtverhältnisse, Grenzüberschreitungen und Verletzungen gibt es auch dort. Überall, wo Menschen zusammenkommen, gibt es diese Widersprüche. Eine Utopie ist deshalb niemals vollkommen. Aber gerade in einer Welt, die sich für mich manchmal sehr dystopisch anfühlt – in der wir gesellschaftlich enorme Konflikte haben und gleichzeitig unseren Planeten immer weiter gegen die Wand fahren –, finde ich es wichtig, dass es Orte gibt, die zumindest versuchen, eine andere Form des Zusammenlebens auszuprobieren. Vielleicht ist der KitKatClub deshalb beides: eine reale Erfahrung von Freiheit und gleichzeitig eine Projektionsfläche für die Hoffnung, dass eine andere Welt möglich sein könnte.
Wenn du heute noch einmal mit der Kamera in den KitKatClub gehen würden: Was würdest du anders machen?
Ich habe fast vier Jahre an diesem Film gearbeitet, und natürlich gibt es im Rückblick immer Dinge, die ich heute anders machen würde. Aber ich versuche, über verschüttete Milch nicht zu lange nachzudenken. Dino und ich sind während dieser Zeit als Team unglaublich gewachsen – gerade darin, uns mit einer Kamera in Räumen zu bewegen, in denen eigentlich keine Kamera vorgesehen ist, Situationen zu lesen und zu wissen, wann man näher herangehen kann und wann man sich zurücknehmen muss. Wenn ich heute noch einmal anfangen würde, hätte ich diese Erfahrung natürlich von Anfang an. Wahrscheinlich wäre ich an manchen Stellen ruhiger, präziser und würde schneller wissen, welche Situationen wirklich wichtig sind und welche man auch vorbeiziehen lassen kann.
Aber genau das ist ja auch das Wesen des Dokumentarfilms: Man kann das Leben nicht inszenieren und nicht kontrollieren. Man muss mit dem arbeiten, was passiert und was einem gegeben wird. Das war bei diesem Film unglaublich reizvoll, aber auch extrem anstrengend. Und vielleicht ist das tatsächlich die größte Konsequenz daraus: Mein nächster Film wird wieder ein Spielfilm. Nach vier Jahren, in denen ich so wenig kontrollieren konnte, habe ich gerade wieder große Lust darauf, eine Welt zu bauen, in der ich ein bisschen mehr bestimmen darf, was als Nächstes passiert.

Susanne Heuer ist auch Teil des kreativen Teams hinter „KitKatClub – Kinks of Berlin“. Gemeinsam mit Philipp Fussenegger hat sie an der filmischen Auseinandersetzung mit dem Berliner Kultclub und seinen unterschiedlichen Facetten gearbeitet. Dabei beschäftigt sie sich mit Fragen rund um Freiheit, Intimität, Identität und den sensiblen Umgang mit den Menschen vor der Kamera. Auch im anschließenden Interview kommt Susanne Heuer zu Wort und beantwortet Fragen zur Entstehung des Films, ihrer Perspektive auf den KitKatClub und den Themen, die den Film prägen.
Du hast die Geschichten sehr unterschiedlicher Menschen dramaturgisch miteinander verwoben. Nach welchem Prinzip hast du entschieden, welche Lebensgeschichten nebeneinanderstehen sollten?
Das Prinzip Kopfschmerz, das Prinzip Spannungsfeld oder vielleicht das Prinzip Harmonie? Die Geschichten haben Überschneidungen, thematische Berührungspunkte, an denen die Narration überspringt. Es gibt thematische Bubbles, denen sich alle irgendwie nähern. Der Kopfschmerzaspekt war sicherlich, dass jedes Mal, wenn eine Szene dazukam, sich die komplette Balance verändert hat. Es entstand eine Art Knock-on-Effekt: Eigentlich mussten immer wieder alle Szenen neu arrangiert werden, damit es weder so scheint, als würde man eine Art Werbefilm für einen Club machen wollen, bei dem alle alles so geil finden, noch als würde man eine enthüllungsjournalistische Perspektive anstreben, die versucht, die Schattenseiten der Clubkultur aufzudecken. Diese Neutralität zu wahren und die Geschichten der Menschen innerhalb der Dramaturgie zueinander zu positionieren, war extrem herausfordernd und hat enormen Spaß gemacht.
Natürlich hat sich auch die Balance der Protagonist:innen über die vier Jahre, in denen wir diese Menschen begleitet haben, verändert. Sie haben sich in dieser Zeit auf eine Weise weiterentwickelt, die wir vorher nicht vorhersehen konnten. Für mich war deshalb auch das Prinzip Gegengewicht sehr wichtig. Ich kann Thaurs Perspektive aushalten, wenn ich weiß, dass auf der anderen Seite auch jemand wie Hottie steht. Die Auswahl der Menschen war unheimlich komplex. Und man muss auch sagen, dass nicht jeder Mensch, der gerne in einer KitKat-Doku mitspielen möchte, auch dafür geeignet ist – ganz im Gegenteil vielleicht. Menschen, die eher etwas zögerlich sind, weil es ihnen eben nicht um reine Selbstdarstellung geht, sind die Menschen, die es dann am Ende geworden sind.
Und dann kommen natürlich noch diese wundervollen Montagen dazu, die Judy, die Cutterin, wieder einmal geschaffen hat, ganz ähnlich wie bei der Peaches-Doku. Da sind wirklich Geniestreiche von Judy drin, die es geschafft haben, diese unterschiedlichen Perspektiven zusammenzuhalten. Durch diese Montagen ist auch noch einmal unheimlich viel Nähe entstanden, weil man da erst richtig begreift, dass die Menschen den gleichen Ort teilen, zur gleichen Musik tanzen und sich wirklich Körper an Körper aneinander vorbeischieben. Das hat für mich total dazu beigetragen, dass sich die vielen unterschiedlichen Menschen doch immer wieder wie eins anfühlen konnten. Multiperspektive ist unheimlich schwierig. Und getragen werden die Geschichten irgendwie alle davon, dass die Menschen auf der Suche nach derselben Sache sind.
Du arbeites viel mit Figuren, die zwischen scheinbar gegensätzlichen Welten leben. Glaubst du, dass wir Menschen grundsätzlich mehrere Identitäten brauchen, um uns vollständig zu fühlen?
Na ja, „brauchen“. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen unterschiedliche Identitäten haben und komplex sind. Niemand lebt nur in einer Welt. Und das meine ich gar nicht im Sinne davon, dass jemand noch eine geheime Familie oder eine moralisch total verwerfliche Schattenseite hat. Nein, ganz im Gegenteil. Verschiedene Rollen spielen zu können und dafür flexibel zu bleiben, ist doch genau das, was uns davon abhält, bitter zu werden. Wenn wir die Rolle wechseln können und sehen, dass das alles auch wieder nur ein weiteres Spiel ist, dass ich mich in einer Situation so und in einer anderen anders verhalte und wie viele gesellschaftliche Codes da eigentlich mitlaufen, dann ist das doch unheimlich befreiend. Ich glaube, man darf sich vollständig fühlen mit all seinen Identitäten, mit all seinen Facetten.
Deiner Arbeit liegt ein queer-feministischer Blick zugrunde, was meines Erachtens mega ist. Wie wichtig war es dir, nicht nur sexuelle Freiheit zu zeigen, sondern auch die Machtstrukturen sichtbar zu machen, die innerhalb vermeintlich freier Räume existieren können?
Haha. Ja, ich finde das auch mega. Es war mir eigentlich genau das Wichtigste, diese Machtstrukturen zu zeigen. Das am Beispiel eines Clubs zu tun, ist eine unheimliche Chance. Der Club ist ja auch wieder nur ein Mikrokosmos dessen, wie die Welt ist. Und diese vermeintlich freien oder Safer Spaces – man spricht ja eigentlich von Safer Spaces, weil klar ist, dass es keine vollkommen sicheren Räume geben kann, schon per Definition. Ich wollte gerne zeigen, dass man Machtstrukturen hinterfragt, indem man nachfragt. Man nimmt eben nicht an, dass, weil eine Sache okay war, auch die nächste okay ist. Oder weil man einmal etwas machen durfte, man das auch das nächste Mal wieder machen darf.
Und das wäre genau das, was man von der Kinky-Szene lernen könnte. „Consent is key“, ja, alles klar. Aber was bedeutet das wirklich? Das bedeutet, dass ich anerkenne, dass ein anderer Mensch ein genauso vollständig geformtes Universum in seinem Kopf hat wie ich und genauso viel wert ist. Dass ich ihn eben nicht objektifiziere. Dass ich nicht darüber nachdenke, wie ich recht bekomme oder wie ich jemanden so manipuliere, dass er so funktioniert, wie ich mir das vorstelle, sondern dass ich merke, dass meine Freiheit wirklich dort endet, wo die eines anderen anfängt. Und alles andere ist Verhandlungssache. Man kann über alles reden, aber man muss reden.
Du arbeitest gemeinsam mit Philipp Fussenegger. Wo unterscheiden sich Ihre Blicke auf den Film? Gab es Momente, in denen du dramaturgisch etwas anders erzählen wolltest als er es filmisch sehen wollte?
Ob es Streit gab, willst du wissen? Ja, natürlich. Es ist unheimlich spannend und bereichernd, diese unterschiedlichen Perspektiven in einem Team zu haben. Zu diesen Perspektiven gehören ja nicht nur Philipp und ich, sondern vor allem auch Judy, die Editorin, und Dino, der Kameramann oder Cinematograf. Genau deshalb hat das auch so gut funktioniert. Selbst merkt man, glaube ich, nie, wo die eigenen blinden Flecken sind, weil man genau dort ja nicht hingucken kann. Es gab viele Momente des Verhandelns, Momente, in denen ich gesagt habe: Ich brauche diese Szene unbedingt, ich brauche diese Person im Film, ich brauche diese Perspektive, ich brauche jemanden, der hier dagegenhält. Auf der anderen Seite steht der Wunsch nach den einzigartigen Bildern, nach diesen Momenten, die so besonders, so nah, so toll und so schön sind, dass man sich dann auch wieder auf ein weiteres schwieriges Thema, das ich dramaturgisch daherbringe, einlassen kann.
Würde man nämlich nur ein Verhandeln von Consent und Clubkultur im Interviewformat machen, würde es sich keiner angucken. Und auch die einzelnen Clubbilder wären doch zu wenig, würde man nicht auch den Menschen nahekommen. So hält sich das genau die Waage. Und gerade deshalb funktioniert es so gut. Natürlich kennen wir uns im Team schon sehr lange und haben eine unheimlich schöne, offene Kommunikationsweise gefunden, bei der man auch kein Blatt vor den Mund nehmen muss und ganz klar sagen kann: Finde ich scheiße so, muss anders sein.
Und es ist immer extrem positiv und bereichernd, wenn wieder jemand mit viel Inbrunst eine Idee vorbringt und sagt: Davon bin ich überzeugt. Und dann guckt man es sich eine Woche später im Schnitt an und sagt: Ja, jetzt sehe ich es auch. Manchmal muss man auch ein bisschen darauf vertrauen, dass die andere Person, wenn sie sehr passionate gegenüber einer Szene oder einer bestimmten Sache ist, einen Punkt hat. Wir haben dieses Vertrauen in die Expertise der anderen Person, dass das funktioniert. Und dann ist da immer noch Judy, die jede Sekunde des Film in und auswendig kennt und dann rumschiebt. So ein Film entsteht eben einfach im Schnitt und dann können Philipp und ich hin und her diskutieren und am Ende gilt: Wenn Judy final sagt “das muss so” – dann ist das so.
Wenn man selbst Teil einer Szene ist, trägt man auch seine eigenen Sehnsüchte, Vorurteile und Projektionen in die Arbeit hinein. Welche Vorstellung über die Berliner Club- und Queer-Szene musstest du im Laufe dieses Films vielleicht selbst verlernen?
Ich finde gut, dass du die erste Frage gleich als Aussage formuliert hast, mit Punkt statt Fragezeichen, denn die Antwort ist natürlich: ja. Vorurteile, Projektionen, klar. Man kann sich dem nicht entziehen. Man kann aber versuchen, sich dessen ein bisschen bewusster zu werden – oder man wird durch die anderen im Team darauf aufmerksam gemacht. Das hilft. Meine Vorstellung von der Berliner Club- und Queer-Szene war schon immer sehr ambivalent. Gerade weil ich selbst mit meinem künstlerischen Wirken in der Clubkultur und in der Queer-Szene drin stecke. Und ich glaube, was sich verändert hat, ist, dass man ein bisschen realistischer wird. Das kommt in Wellen, wie immer, wenn man etwas Neues erlebt. Man denkt erst: Oh, das ist ja so toll, diese Freiheit im Club oder die Queer-Szene, die haben es ja total verstanden, die lassen das verstaubte Patriarchat hinter sich. Und am Ende hat wieder jede Szene ihre Probleme und Herausforderungen.
Nur weil irgendwo Queer draufsteht, heißt das nicht, dass es dort nicht auch Diskriminierung, Machtstrukturen und all so etwas gibt. Nur weil es Club heißt, heißt es nicht, dass alle auf Drogen verballert durch die Gegend staksen. Genauso wenig heißt es, dass ein Mensch, der sober ist, moralisch überlegen sein muss. Was es immer wieder von Neuem zu verlernen gibt, ist dieses Schwarz-Weiß-Denken: Wer sind die Guten, wer sind die Bösen, wer hat es gecheckt und wer nicht? Und damit möchte ich niemanden in Schutz nehmen. Es gibt total Menschen, die beratungsresistent sind, die sich auch in sogenannten Safer Spaces und freien Orten aufhalten und da eigentlich nicht hingehören. Da muss man genau hingucken und auch handeln.
Trotzdem muss man sich vielleicht auch selbst eingestehen, dass es noch einiges dazuzulernen gibt. Es geht nicht nur darum, Vorurteile zu verlernen, weil man sich mit Menschen aus vielen verschiedenen Bubbles oder Hintergründen umgibt, sondern auch darum, gemeinsam dazuzulernen, wie Community funktioniert. Nicht nur Toleranz, nicht nur das Aushalten, dass jemand anderes auch da ist, sondern sich wirklich als gleichwertig und verbunden wahrzunehmen. Und da hast du sie. Das wären dann also meine utopischen gutmenschlichen Sehnsüchte. Ach ja, und so kurz vor den Berlin Wahlen hätte ich gern noch gesagt: BLAU IST KEINE FARBE DES REGENBOGENS.
Aus dem FAZEmag 175/09.26
Text: Anil Mustafa
Foto: Avanti Media Fiction
www.kitkatclub.org