
Mit ihrem Debütalbum „Arilos Mennar“ schlagen Racines eine Brücke zwischen elektronischer Musik, mediterranen Traditionen und kultureller Vielfalt. Im Gespräch erzählen Rokeya und Anissa, wie persönliche Wurzeln, Mehrsprachigkeit und weibliche Symbolik ihre künstlerische Vision prägen – und warum ihr Projekt weit mehr als nur ein musikalisches Statement ist.
Racines vereint elektronische Musik, alte Traditionen und Einflüsse aus dem gesamten Mittelmeerraum. Inwiefern haben eure unterschiedlichen kulturellen Hintergründe die kreative Vision hinter Arilos Mennar geprägt?
Unser kultureller Hintergrund ist vielfältig. Italien, Indien, Algerien, England, Spanien – all diese Einflüsse zu vermischen, ist für uns zu etwas ganz Selbstverständlichem geworden. Jede Kultur, in der wir gelebt haben, jedes Land, das uns aufgenommen hat, wird Teil unserer Art zuzuhören, Teil unserer Vorstellungskraft und verwandelt sich schließlich in Geschichten, Erinnerungen und Klänge. Genau daraus entsteht Racines: Wir wollten uns nicht für eine einzige Identität entscheiden, sondern alle nebeneinander bestehen lassen. Das Album reduziert das Mittelmeer nicht auf eine Reihe von Postkartenbildern. Es durchstreift es von innen heraus und lässt die Geschichten, die Sprachen und die Erinnerungen von Generationen aneinanderstreichen und sich verwandeln.
Das Album wechselt zwischen Arabisch, Italienisch, Spanisch, Französisch, Griechisch und Ladino. Welche Herausforderungen und Chancen ergaben sich aus der Verwendung so vieler Sprachen, um eine einzige musikalische Geschichte zu erzählen?
Die Entscheidung, mehrere Sprachen innerhalb desselben Titels nebeneinander bestehen zu lassen, entspringt einer gezielten Auseinandersetzung mit Klang und Phonetik. Jede Sprache hat ihre eigene Musikalität, ihre eigene Resonanz im Körper und in der Erinnerung. Jede Sprache ist wie ein Granatapfelkern, der zusammen mit den anderen eine einzige Frucht bildet. Es handelt sich nicht um eine stilistische Übung, sondern entspricht ganz einfach unserer Realität: Wir sind Töchter vieler Kulturen, und Mehrsprachigkeit ist keine künstlerische Entscheidung. Sie ist unsere Muttersprache.
Der Titel „Arilos Mennar“ verbindet die Symbolik von Granatapfelkernen mit der Vorstellung von Feuer als schöpferischer, weiblicher Kraft. Was bedeutet dieses Konzept für Sie auf persönlicher Ebene?
Sowohl das Feuer als auch der Granatapfel sind ausdrucksstarke Symbole der Verwandlung – Elemente, die seit jeher untrennbar mit der Lebenserfahrung jeder Frau verbunden sind. Die Kerne, die Arilos, stehen für die Reise: Widerstandsfähigkeit, Wiedergeburt, Leben und Tod, die miteinander verflochten sind. Feuer ist das reinigende Element, die Urkraft, die nicht zerstört, sondern erschafft. Wir sammeln diese Kerne aus der Erde, der Mutter aller Traditionen, und entzünden sie mit der Energie der Elektronik. Es ist ein Bild, das uns zutiefst gehört: Wir sind beide Frauen, die inmitten vielfältiger Wurzeln aufgewachsen sind, und wir haben gelernt, dass Verwandlung nicht bedeutet, sich selbst zu verlieren.
Im gesamten Album tauchen Themen wie Wurzeln, Migration, Widerstandsfähigkeit und Wiedergeburt immer wieder auf. Seht ihr „Racines“ als musikalisches Projekt oder auch als kulturelles und soziales Statement?
Wir möchten, dass „Arilos Mennar“ ein Ort ist, der zugleich ein Nicht-Ort ist. Wir sind beide Töchter vieler Kulturen; wir haben in mehreren Ländern gelebt und leben jetzt beide in Italien, doch kein einziges Land gehört wirklich ausschließlich uns – oder vielleicht gehören wir zu allen. Das ist es, was „Racines“ ausmacht: ein Raum, in dem sich jeder wiedererkennen kann, der sich als Bürger aller Kulturen fühlt. Es ist nicht nur Musik; es ist eine Art, in der Welt zu sein, eine Einladung, sich nicht zwischen seinen Wurzeln entscheiden zu müssen, sondern sie alle mit sich zu tragen.
Rokeya hat einen Hintergrund in der zeitgenössischen Elektronikmusik, während Anissa eng mit traditioneller Musik und Performance verbunden ist. Wie habt ihr die Balance zwischen der Bewahrung von Tradition und der Erschließung neuer klanglicher Wege gefunden?
Unser Zusammentreffen löste einen ständigen Inspirationsfluss aus, bei dem jede von uns die andere in ihre eigene Welt entführte. Als Künstlerinnen stützen wir uns auf gründliche Recherche und haben großen Respekt vor den klanglichen Inspirationsquellen, aus denen wir schöpfen, lassen uns jedoch nicht von der Angst vor Veränderung oder Innovation einschränken. Wir haben Tradition und Elektronik nie gegeneinander ausgespielt: Wir ließen sie aufeinander einwirken, bis neue Texturen und Bedeutungen entstanden. Das Ergebnis ist keine Fusion von Stilen, sondern etwas Einzigartiges und Lebendiges, wie ein Samenkorn, das, wenn man es in den Fokus rückt, zu etwas anderem wird, ohne jemals aufzuhören, das zu sein, was es war.
