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Genau heute vor 30 Jahren begann die DJ-Karriere von Dag Lerner aka DJ Dag in der Frankfurter Music Hall. Übermorgen wird DJ Dag im Frankfurter Gibson Club dann zusammen mit Wegbegleitern wie Frank Lorber und Alex Dior offiziell sein 30-jähriges feiern. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

 

Wie war die Szene in Frankfurt, als du mit dem Auflegen anfingst?

Als ich 1985 als DJ anfing, war die Szene noch bunt gemischt. Ich musste von Anfang an die ganze Nacht spielen. Da habe schnell gelernt, dass ich mit meinem Sound die Leute durch die Nacht tragen muss. Ich versuchte, alle im Club zu begeistern. Die Leute erwarteten nur, dass der DJ den passenden Soundtrack für ihren Lieblingsclub spielte. Damals war der DJ noch nicht der Superstar, den alle vergötterten, wenn man einen guten Job machte, wurde man mit Respekt und einer vollen Tanzfläche belohnt. Das ist es, was ich auch heute noch will – mehr nicht.

Was für Platten hast du in der Anfangszeit am liebsten gespielt? Gibt es da noch einige Tracks, die du immer noch gerne wieder spielst?

Zu meinen Anfangszeiten war der Sound natürlich noch nicht so technoid wie heute. Jede Gruppe, die damals eine Platte raus brachte, hatten auf der B-Seite einen Clubmix, der meist ohne Gesang war. Aber es gab auch sehr innovative Musik, wo man nicht auf die B-Seite zurückgreifen musste. Mich hat die Zeit der späten Achtziger sehr geprägt, was man an meinen Produktionen hört. Wenn ich eine Platte von meiner Anfangszeit auswählen müsste, dann wäre es „Kirlian Camera – Blue Room“. Ich wünschte, ich hätte diese Platte produziert.

Was sind in deinen Augen die größten Veränderungen, die mit elektronischer Musik passiert sind?

Eigentlich hat Techno in der Clublandschaft viel zerstört. Damals gab es den Resident DJ und der hat die ganze Nacht bestritten, deswegen kamen die Leute in den Club, denn sie wussten, was sie für ihr Eintrittsgeld bekommen würden, und das jedes Wochenende. Der gebuchte DJ hat dann irgendwann den Resident DJ verdrängt, das heißt, dass die Leute nur noch gezielt, für einen bestimmten DJ in den Club gegangen sind. Somit ist auch das Stammpublikum ausgestorben. Diese Entwicklung bedauere ich sehr! Ich bin aber unheimlich stolz, dass ich das alte Handwerk gelernt habe. Denn „Dank“ Syncbutton kann doch heute jeder DJ sein.

Wie siehst du die zunehmende Professionalisierung der Szene? Wie Underground ist Techno für dich?

Also das Wort „Untergrund“ bedeutete in der Technoszene immer: Es darf kein Gesang, keine Melodien und keine Flächen in einem Track vorkommen, denn sonst ist es kommerziell. Ich war immer der Meinung, dass Techno ein freier Sound ist. Frei von gesellschaftlichen Zwängen. Dass man einfach alles auf einen tanzbaren Beat legen kann, solange es funktioniert. So war es auch anfangs, doch leider hat sich dieses Schubladendenken durchgesetzt. Ich bin Künstler und möchte mit meiner Musik die Herzen der Leute erreichen. Ich möchte mit meiner Musik Emotionen wecken, und das kann ich nicht, wenn ich vorgeschrieben bekomme, was in einem Track zu sein oder nicht zu sein hat. Deswegen habe ich mich auch nie daran gehalten.

Ende der 90er war Techno an seinem kommerziellen Zenit angelangt. Da ist klar, dass er sich im Untergrund neu finden musste. Das gleiche habe ich schon mit Disco Anfang der 80er miterlebt. Damals hat sich die Clubmusik auch im Untergrund weiterentwickelt, also weg von: „Wir gehen jetzt ins Studio und produzieren einen Hit!“ Hin zu: „Wir bleiben weiter kreativ, ohne cheasy zu sein.“ Leider lief es im Techno so, dass es auf einmal im Untergrund nur noch Schranz und Minimal gab. Das hat die Leute aus den 90ern verschreckt. Anstatt sie mitzunehmen in eine neue Epoche, wurden sie vergrault. Nur im heute sogenannten „Trance“ lebte der Spirit von damals weiter, nur leider hat er sich da nicht weiterentwickelt. Ich habe in meinen Sets und Produktionen immer versucht, den Spirit von einst mit in die heutige Zeit zu nehmen, ohne cheasy zu sein. Dass verstehen viele aus der sogenannten Undergroundszene aber leider nicht, denn in meinen Stücken sind Gesang, Melodien und Flächen.

Das Dorian Gray ist seit Jahren zu, doch der Ruf ist ungebrochen. So sehr sogar, dass es beim BigCityBeats World Club Dome eine eigene Stage dazu im Flughafen gibt. Was waren so deine schrägsten Erlebnisse in dem Club?

Schräg war natürlich, als mal einer mit einer Knarre auf der Tanzfläche rumgeballert hat. Dabei bekam ein Mädel eine Kugel in den Oberschenkel ab. Die Türpolitik im Gray war schräg! Viel lieber denke ich aber an die Zeit im Gray, als der Frankfurter Sound entstanden ist. Ich für meinen Teil merkte schnell, wie meine Musik mich in einen Trancezustand versetzen konnte. Also nannte ich die Musik, die ich spielte und produzierte Trance. Somit gab ich dem Kind seinen Namen. Leider hat mein Grundgedanke nicht mehr viel mit dem zu tun, was heute unter Trance läuft.

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Übermorgen, am 19.06., feierst du dein Jubiläum im Gibson in Frankfurt. Wen hast du noch eingeladen und was erwartet deine Fans an dem Abend?

An meinem Jubiläum im Gibson werden natürlich all jene, die damals dabei waren, mal wieder aus ihren Löchern kriechen und natürlich erwarten sie auch den Sound von damals. Den gebe ich ihnen gerne. Eine Zeitlang war ich genervt von den vielen Classic-Veranstaltungen. Doch dann merkte ich, wie schön es ist, wenn durch bestimmte Lieder, Bilder und Gefühle von damals wieder hervor gekitzelt werden. Auch merkte ich, dass ich nach so einer langen Zeit, auf unheimlich viele geile Stücke zurückgreifen kann, ohne Kompromisse einzugehen. Ich freue mich schon riesig auf die Nacht im Gibson und bin mir sicher, dass ich meine Gäste fliegen lassen werde! Ich musste auch nicht lange überlegen, wen ich als Gast DJ dazu hole, mit Frank Lorber verbindet mich eine wunderbare Zeit im Omen.

Jetzt liegen 30 DJ-Jahre hinter dir. Wie sieht deine Zukunft aus?

Nach der Nature One werde ich erst mal für drei Monate in die USA reisen. Ich brauche mal eine Auszeit! Nachdem ich meine Freunde in Kalifornien besucht habe, kaufe ich mir ein Kanu und eine Winchester und werde auf den Spuren von Louise & Clark durch Montana, Idaho in Richtung Oregon reisen. Ich werde kein Handy oder Laptop mitnehmen und wenn ich dann tagsüber in meinem Kanu, oder Abends am Lagerfeuer sitze, um mich herum nur die Geräusche der Wildnis, werde ich mir Gedanken machen, wie meine Zukunft aussehen wird. Eins ist schon mal sicher: ich habe noch viel zu sagen!

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