„Glücksreaktor“ heißt der Debütroman des gebürtigen Schweizers Max Wolf, in dem es um Rave, Rausch, Rebellion, Freundschaft und Ekstase geht, angelegt in der Technoszene der Mitte-90er-Jahre. Wolf ist promovierter Evolutionsbiologe und in der fränkischen Provinz aufgewachsen. Im Interview erzählt uns der Wahlberliner, wie weit seine eigenen Erlebnisse in den Roman einflossen, wie man als Naturwissenschaftler auf die Idee kommt, einen Roman zu schreiben und welchen Bezug er noch zur heutigen Technoszene hat.

max Wolf

 

Wie kommt man als promovierter Evolutionsbiologe dazu, einen Roman zuschreiben – noch dazu über ein so „berufsfremdes“ Thema.

Das werde ich interessanterweise öfters gefragt – ein Naturwissenschaftler, der einen Roman schreibt und dann auch noch über Techno und Rausch? Mir kommt das gar nicht so ungewöhnlich vor: Leidenschaft für elektronische Musik und das Clubleben, für Naturwissenschaften und für das Schreiben, das ist schon lange ein Teil von mir. Im Glücksreaktor kommt das alles zusammen.

Ist das evt. auch eine Aufarbeitung der eigenen Erlebnisse? Womit wir nun bei der Frage der eventuellen autobiografischen Elemente im Roman wären.

Angefangen habe ich wirklich mit einigen Szenen, die ich ziemlich genau so erlebt hatte: Auch nach fast zwanzig Jahren konnte ich mich immer noch sehr gut daran erinnern, wie ungemein intensiv und aufregend die ersten Berührungspunkte mit Techno und der Clubkultur waren, und genau diese Intensität wollte ich literarisch fassbar machen und formen. Im Laufe des Schreibens an einem Roman (am Glücksreaktor habe ich fast vier Jahre gearbeitet) passiert dann aber unheimlich viel und die Figuren und der Stoff und eigentlich alles entwickelt sich auf eine ganz natürliche Weise weg von der eigenen Geschichte – hin zu etwas viel Interessanterem, Spannenderem und Größerem.

Was fasziniert dich besonders an dieser Zeit, an dieser Ära? Wie hast du sie durchlebt?

Für mich hat das gar nicht so viel mit der Zeit zu tun. Elektronische Musik, Nacht- und Clubleben, das hat mich in den 90ern fasziniert und das tut es auch heute noch. Die ungemeine Energie und Intensität, die sich im Laufe einer Nacht in einem Club aufbauen kann. Das Eintauchen in Welten, in denen ganz andere Gesetze gelten, in denen der Ausnahmezustand zur Regel wird, in denen Aspekte des Mensch-seins gelebt werden, die im normalen Alltag oft wenig Raum finden. Das Körperliche und Rauschhafte einer durchtanzten Nacht. Die Menschen, denen man in so einer Nacht begegnet, den Fantasien und Sehnsüchten, denen diese Welten eine Plattform bieten.

Wie bist du darauf gekommen, Fred als Fan der Physik anzulegen? Im ersten Moment vielleicht eine sehr ungewöhnliche Wahl.

Am Anfang hatte sich Fred – genau wie ich in seinem Alter – überhaupt nicht für Physik interessiert. Aber als ich dann vielleicht so ein Jahr am Glücksreaktor geschrieben hatte, habe ich langsam gemerkt, wie packend und vibrierend der Sound einer Erzählerstimme ist, die auf eine spielerische Weise naturwissenschaftliche Bilder nutzt („In meinen Synapsen vibriert das Glück im Viervierteltakt …“). Und wie gut sich Tanz- und Rauschzustände mit so einer Stimme einfangen lassen. Jetzt hatte ich die Stimme von Fred – und so spricht natürlich nur jemand, der selber einen Faible für Physik hat.

Wann hast du das erste Mal darüber nachgedacht, einen Roman zu schreiben? Und wie lange hast du gebraucht?

Die Idee und den Wunsch einen Roman zu schreiben, hatte ich zum ersten Mal vor ungefähr fünfzehn Jahren. Zwei Jahre später habe ich dann angefangen, wirklich ernsthaft zu schreiben. Am Glücksreaktor habe ich fast vier Jahre gearbeitet.

Wie sind denn die Reaktionen auf das Buch bisher? Haben sich viele Gleichaltrige auch gemeldet, die das ähnlich in Erinnerung haben?

Ich war wirklich überrascht, wie viele Reaktionen ich in den letzten Wochen bekommen habe. Von ganz unterschiedlichen Seiten. Gleichaltrige und auch Ältere, die selber in den 90ern schon unterwegs waren, aber auch viele deutlich Jüngere, die in den letzten Jahren zum ersten Mal mit der Techno- und Tanzkultur in Berührung gekommen sind. Und dann viele andere, die selber überhaupt keinen Kontakt zur elektronischen Musik und der Szene haben und dann wieder ganz andere Dinge im Glücksreaktor sehen.

Siehst du das als Hobby neben dem Beruf oder hättest du auch Ambitionen, als Schriftsteller weiterzuarbeiten?

Ich schreibe auf jeden Fall weiter. Und es gibt da auch schon konkrete Ideen und so einiges an Textmaterial für einen zweiten Roman. Elektronische Musik und Clubleben wird wieder eine Rolle spielen, so viel kann ich verraten.

Wie weit bist du denn heute noch involviert? Bist du regelmäßig unterwegs? Welche Acts/DJs/Produzenten magst du?

Ich bin immer noch sehr gerne unterwegs und Berlin hat da ja auch viel zu bieten. Vor ein paar Wochen war ich Sonntagnachmittag im Berghain: In der Panorama Bar hat Marcel Dettmann aufgelegt, im Garten Soundstream – eine fantastische Kombination. Wen ich sonst sehr mag: Francesco Tristano, Koze, Xosar, Trentemøller, Recondite, Villalobos, Helena Hauff …

Deine Top-3-Techno-Klassiker:

Sven Väth – Harlequin – The Beauty and the Beast
Josh Wink – Higher State of Consciousness
The Aztec Mystic – Jaguar

 

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Wir verlosen fünf „Glücksreaktor“-Bücher. Schickt uns eine E-Mail an win@fazemag.de, Betreff „Glücksreaktor“ und sagt uns, was euer Lieblingsclub in den 90er Jahren war. Einsendeschluss ist der 20. Oktober 2018, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

 

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