Facebook, Instagram, Twitter, E-Mails, Snapchat, Tinder – die Generation von heute befindet sich im ständigen Austausch. Während ein Großteil von uns im Analogen geboren wurde, werden wir jetzt vom Digitalen aufgefressen. Jeder folgt jedem, liest und likt Posts, Kommentare und Bilder. Die Welt verändert sich. Die Welt verändert uns. Und manchmal scheint es, als würden wir Menschen trotz permanenter Vernetzung gerade durch die sozialen Kanäle ein Stück weit vom Leben getrennt. Vom richtigen, realen Leben nämlich. Eine Problematik, die Jan Blomqvist auf seinem nun anstehenden Album „Disconnected“ thematisiert. Zwei Jahre nach seinem Debüt-Langspieler „Remote Control“ macht sich Blomqvist also wieder auf gen Album-Parkett und präsentiert sich dabei noch tiefer und eingängiger als je zuvor. Erscheinen wird das Album in Form von drei EPs bzw. Mini-Alben, die im September das große Ganze ergeben werden. Ein kluger Schachzug in einer Zeit, in der bei den meisten Alben zwei bis drei Songs in den Vordergrund rücken und der Rest automatisch zum Beiwerk mutiert. „Disconnected“ wurde geschrieben, aufgenommen und produziert – in Kooperation mit Felix Lehmann und Ryan Mathiesen – in verschiedenen Locations auf der ganzen Welt. Unter anderem auf Island, in New York und Berlin. Der erste Teil ist bereits inklusive Video erschienen. Ein Interview.

 

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Jan, herzlichen Glückwunsch zum ersten Teil deines neuen Albums. Dein Debüt „Remote Control“ ist nun zwei Jahre her – wie hast du dich als Künstler seitdem entwickelt?

Grundsätzlich versucht man als Künstler ja immer, zu sich selbst zu finden. Wer auch immer das dann gerade sein mag. Und das unabhängig von irgendwelchen Releases. Das gelingt mal mehr, mal weniger. Die Forderung aus dem „Remote Control“-Album, sich nicht mehr fernsteuern zu lassen, habe ich natürlich eiskalt umgesetzt … (lacht) So ein Blödsinn. Ne, jetzt im Ernst: Die größte Weiterentwicklung nach „Remote Control“ war der Step hin zu einer zu 100 % analogen Produktion. Irgendjemand hatte das Studio plötzlich mit 25 analogen Synths vollgestellt – alles Lieblingsteile! Die zu beherrschen, bedurfte zunächst einer Menge Tüftelei und Zeit. Aber ich kann jetzt noch mehr auf den Punkt arbeiten, meine Ideen viel besser umsetzen und vor allem in weniger Zeit mehr schaffen. An „Remote Control“ haben wir insgesamt fast vier Jahre gearbeitet, an „Disconnected“ nur noch zwei.

Liegt das auch an der Routine?

Definitiv, ja. Vor allem was das Schreiben der Lyrics betrifft. Ich habe viel mehr Textideen und kann diese auch schneller umsetzen. Ich habe auch gelernt, unterwegs zu arbeiten. Das konnte ich früher gar nicht. Da brauchte ich Ruhe. Jetzt habe ich immer alles mit dabei und schreibe an allen möglichen Orten dieser Welt an meinen Texten. Es fühlt sich so an, als hätte sich nach dem ersten Album eine Blockade gelöst.

Auf deine Lyrics kommen wir gleich zu sprechen. „Disconnected“ ist das Follow-up-Werk zu deinem gefeierten Debüt-Album. Hast du da eine Art Druck verspürt?

Klar, vor allem aber zeitlichen Druck. Ich will ja nicht ewig die gleichen Tracks live performen. Und natürlich wollte ich auch, dass das neue Album mindestens ein bisschen cooler wird als das erste. Als Live-Act sollte man schon so produzieren, dass man über Jahre hinweg authentisch und mit Liebe performen kann. Schrott produzieren kommt also nicht infrage. Diese Anforderungen, die ich an mich selbst stelle, machen im Studio schon enorm Druck. Druck kommt aber auch von einer anderen Seite: Meine wunderbare Familie wünscht sich, dass ich endlich mal weniger arbeite.

Wie, glaubst du, hat sich dein Sound im Vergleich zu „Remote Control“ verändert beziehungsweise entwickelt?

Stilistisch hat sich eigentlich nicht so viel verändert, darüber bin ich eigentlich froh, weil das bezeugt, dass ich meinen Stil gefunden habe. Nur der Weg, den wir jetzt durch die voll analoge Produktion gehen, ist ein anderer. Das macht den Sound einfach fetter. Dadurch, dass vor allem das Abmischen mit den analogen Sounds nun auch einfacher und schneller geht, ist „Disconnected“ am Ende auch strukturell eher auf den Punkt gebracht; wir müssen uns nicht mit langwierigen Sound-Frickeleien aufhalten. „Disconnected“ fühlt sich für mich runder an, soundmäßig auch konzeptueller und am Ende weniger experimentell als „Remote Control“.

Das Album wurde in Island, New York, Kalifornien und in Berlin aufgenommen. Wie sehr haben diese sehr unterschiedlichen Spots das Album beeinflusst?

Der Einfluss der Orte war groß. Aber am Ende anders als zunächst gedacht. Der Plan war eigentlich, in Island Field-Recordings zu machen und in der Ruhe der Insel, in absoluter Einsamkeit, Rauschen, Hi-Hats und Claps aufzunehmen. Wir dachten: Das kriegen wir super hin da oben. Eine Hand im Kiesbett, mit der anderen im Gras rascheln. Alles, was draußen in der Natur rauscht, zischt, knistert, kratzt, knackt und bricht, kann man hervorragend aufnehmen. Die Sounds sind voll stereo, voll analog und absolut einzigartig. So weit der Plan. Leider war es am Ende so stürmisch jeden Tag, dass wir fast gar nichts aufnehmen konnten. Zumindest keine Sounds. Eine Menge Video- und Fotomaterial ist allerdings auf Island entstanden. Und nicht weniger wichtig: Wir haben einen Großteil der Songtexte dort geschrieben. Das hat sich im Nachhinein als großes Glück erwiesen. In New York habe ich sehr viel an der Komposition gearbeitet und mich musikalisch inspirieren lassen. Für mich gibt es kaum eine bessere Stadt, um Ideen einzufangen. Ideen denkt sich ja niemand aus. Die sind schon da. Sie schwirren herum und man muss sie nur aufsaugen und verarbeiten, auf seine Weise. In Kalifornien in der Wüste haben wir schließlich in einem Studio die Vocals der letzten Tracks recordet. Die Wüste ist dafür ein perfekter Ort – es ist absolut still, niemand ist dort. Es gibt nicht mal Vögel. Die Stille ist superhilfreich beim Entspannen. Und Entspannung ist für mich beim Vocal-Recording existenziell wichtig. Ich muss komplett bei mir selbst sein, sonst verkrampfte ich schnell und versuche dann, das unbewusst zu retten, indem ich mich verstelle. Diesen immer wiederkehrenden Kampf gegen das eigene Verkrampfen gewinne ich wesentlich leichter, wenn ich zwischendurch immer mal wieder rausgehen kann und dann mitten in der Wüste stehe.

Das klingt nach einem langwierigen und auch aufwendigen Prozess. Dennoch hast du dafür weniger Zeit gebraucht als bei deinem ersten Werk. Was hat dich dabei inspiriert?

Na ja, da ich schon vor dem Release von „Remote Control“ an manchen Songs von „Disconnected“ saß, muss man sagen, dass es insgesamt doch fast drei Jahre waren, die ich dafür gebraucht habe. Am Ende ist es aber schwierig, so ein Zeitfenster festzuzurren. Manche Ideen reifen lange in meinem Kopf, die Übergänge von einem Album zum nächsten sind fließend. Ich habe jetzt zum Teil auch schon angefangen, an Folgeprojekten von „Disconnected“ zu arbeiten, obwohl das Album noch gar nicht voll releast ist. Inspiration für die Lyrics und Vocals hole ich mir immer von den Menschen, denen ich begegne und die ich auf meinen Reisen beobachten kann. In den letzten Jahren war ich immer sehr erstaunt darüber, wie vernetzt wir weltweit sind, zu jeder Zeit. Ich finde die Frage sehr spannend, ob uns das als Menschen überhaupt weiterbringt. Sind wir dadurch glücklicher? Wenn nicht, warum nicht? Bringt es uns was, dass durch das Internet alles einfacher wird und schneller geht oder ist es vielleicht sogar so, dass jetzt auch alles schneller gehen muss und man am Ende nur noch mehr arbeiten muss? Werden vielleicht alle Vorzüge, die das Netz bietet, direkt wieder vom Kapitalismus verschlungen und gegen die Menschen verwendet? Gibt es diese Romantik von Freiheit und positiver Anarchie noch, die das frühe Internet bestimmt hat? Können wir den Zeitgeist nutzen, um die Welt zu verbessern? Vielleicht verschlechtern wir sie auch nur. Fragen über Fragen. Gerade für Sänger, Texter, Musiker oder Poeten ist es eine unheimlich spannende Zeit. Unheimlich und auch spannend.

In der Tat ein brisantes Thema. Wie nutzt du diese Möglichkeiten für dich?

Es beschäftigt mich privat schon sehr, vor allem vielleicht deswegen, weil ich den Eindruck habe, dass mein Privatleben durch meine Mediennutzung mehr und mehr verschwindet. Ständig fühle ich mich fast schon verpflichtet, irgendwas zu posten – gerade zu den Zeiten, in denen Releases anstehen –, und fühle mich dann im Anschluss nicht wohl mit dem Inhalt. Das Problem ist, dass ich mir keine zweite Online-Identität als Künstler zugelegt habe und somit die Grenzen irgendwie verschwimmen. Ich muss immer lang überlegen, was ich preisgeben kann und was nicht. Auf der anderen Seite ist das aber auch gut so, denn so passiert es immerhin nicht, dass ich mich in dieser kreierten Social-Media-Identität verliere, und alles bleibt auch nach außen hin authentisch. Das hoffe ich zumindest. Den permanenten Austausch zwischen den Menschen weltweit finde ich aber super, daher nicht falsch verstehen. Ich möchte nicht grundsätzlich Kritik üben an der digitalen Welt. Die Idee, alles sofort zu teilen, ist toll. Teilen ist generell toll.

Für viele ist dieses Thema Fluch, aber auch Segen zugleich …

So ist es. Ich nutze natürlich alle Tools, die mir helfen, meine Musik zu verbreiten. Obwohl es mich oft tierisch nervt. Aber es wäre saudumm, diese vorhandenen Möglichkeiten nicht zu nutzen. Social Media nutze ich auch privat. Zum Zeitvertreib auf Flughäfen oder Bahnhöfen. Ich bin sonst eigentlich eher oldschool unterwegs, schreibe SMS oder Nachrichten über WhatsApp. Witzig eigentlich, wie schnell die Dinge wieder veraltet sind. SMS sind ja auch nicht mehr unbedingt am Zahn der Zeit. Was für mich sehr wichtig ist, ist das Nutzen von Tools, die mir helfen, mein tägliches Chaos zu ordnen. Das gelingt mit den Dingern sogar so gut, dass ich mich oft frage, wie ich ohne Smartphone früher überhaupt leben konnte. Bei dem Gedanken komme ich mir immer direkt dumm vor und denke schnell an etwas anderes. Denn, wie du sagst, das Problem liegt darin, dass diese Technologien unabdingbar geworden sind. Diese Abhängigkeit oder sogar Sucht macht uns als Individuen und auch als Gemeinschaft unfrei.

Welche Veränderungen würdest du dir auf diesem Gebiet im Vergleich zum aktuellen Zustand wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass wir ein gewisses Bewusstsein erschaffen und anfangen, Fragen zu stellen. Am Ende muss dann jeder für sich entscheiden, was gut für ihn oder sie ist. Aber so grundsätzlich ist es super, wenn man öfter mal offline ist. Mir tut das supergut.

Toll wäre allerdings, wenn sich durch die neuen Technologien und die krasse Vernetzung wirklich Zeit einsparen ließe, wenn durch die Beschleunigung von manchen Prozessen am Ende ein wenig mehr Zeit für mich übrig bleiben würde. Leider passiert das aber nicht. Denn der Sog der Beschleunigung wirkt sich auf alles aus. Das hat Michael Ende schon zu Beginn der Siebziger ganz richtig gesehen: Die grauen Herren von der Zeitsparkasse sind unter uns. So viel ist klar. Um Zeit zu haben, muss man sie sich nehmen. Und aktiv und mit Freude verschwenden. Sonst ist sie weg. Weil die Geschichte von Momo und den grauen Herren so passend ist, gibt es auf dem neuen Album auch einen Verweis auf Meister Hora in einem der Texte, in dem es unter anderem um die fehlende Zeit geht.

Du warst schon immer bekannt für tiefgreifende Lyrics. Auf „Disconnected“ habe ich allerdings den Eindruck, dass du noch eine Schippe draufgelegt hast.

Eigentlich ist es ganz einfach: Gute Lyrics brauche ich, um authentisch performen zu können. Für mich ist es wichtig, dass die Musik und die Worte Hand in Hand gehen. Ich habe auch den Anspruch, mich meinen Vorbildern Mick Jagger und vor allem Bob Dylan anzunähern, so gut es eben geht. Deswegen stecke ich viel Energie und Zeit in die Lyrics. Schon seit vielen Jahren arbeite ich dabei mit Ryan zusammen. Der ist Kanadier, Muttersprachler und ein guter Freund.

Das Album erscheint in drei Teilen über den Sommer verteilt. Warum dieser Weg und wie wird das komplette Produkt am Ende aussehen?

Für diesen Weg gibt es mehrere Gründe. Der wichtigste ist das Konzept, das hinter dem Album steht. Wir haben es an unterschiedlichen Orten auf der Welt produziert, in Island, Kalifornien und Berlin. Die Idee ist in New York entstanden. Das sind vier Orte, die für mich wichtig sind und es auch für den Entstehungsprozess des Albums waren. Deswegen machen vier Releases – drei Albumteile und am Ende das Gesamtpaket – total Sinn. Außerdem wollen wir, so paradox das auch zunächst erscheinen mag, durch die Aufteilung erreichen, dass keiner der Tracks untergeht und alle in ihrem konzeptuellen Zusammenhang wahrgenommen werden können. Alle Tracks sind in etwa gleichwertig, es gibt keine Lückenfüller. Beim klassischen Albumformat ist es jedoch oft so, dass drei Tracks mega promotet werden und der Rest des Albums untergeht. Genau das wollten wir vermeiden. Was da allerdings auch mit rein spielt, ist, dass ich selbst beispielsweise gar nicht mehr in der Lage bin, ein ganzes Album mit über zehn Tracks von vorn bis hinten durchzuhören. Dafür reicht meine Aufmerksamkeitsspanne, meine Ruhe nicht mehr aus. Und ich bin ganz sicher, dass es vielen Leuten so geht. Ich möchte mein Publikum natürlich nicht unterschätzen. Aber ich denke, auch das ist eine Auswirkung unserer Zeit, des Überangebots und des rasenden Tempos auf dem Musikmarkt. Im Endeffekt bin ich sehr glücklich mit dieser Entscheidung. Ich finde es toll, das Album, an dem ich jetzt gute zwei Jahre gearbeitet habe, gebührend zu feiern. Die Freude dauert durch das aufgeteilte Release nun länger an. 2018 ist Release-Jahr. (lacht)

Passend zu den Tracks gibt es auch Videos. Welches Konzept hast du dabei verfolgt und welche Geschichte wird am Ende mit allen Tracks erzählt?

Videokonzepte gibt es nur ganz grobe, bevor wir uns mit den Videomenschen zusammensetzen. Ich versuche immer, denjenigen, die die Videos am Ende machen, viel künstlerische Freiheit zu lassen, weil ich denke, dass das Resultat dann besser wird, als wenn da immer jemand reinredet. Klappt aber leider nicht immer, dass ich meinen Mund halte. In Bezug auf „Disconnected“ war es logisch und konsequent, die an unterschiedliche Orte gebundene Aufteilung auf das visuelle Konzept zu übertragen. Deswegen ist das erste, bereits erschienene Video auch auf Island gedreht worden. Das zweite wurde vor Kurzem in Kalifornien abgedreht. Und natürlich sind die Lyrics und das Thema des Albums auch präsent in den Bildern und Storys. Das ergibt sich von selbst. Zusätzlich planen wir Live-Videos, aber wie viele das am Ende werden, wissen selbst wir noch nicht. Das hängt auch von Faktoren ab, die wir nicht unbedingt beeinflussen können. Vom Wetter zum Beispiel oder davon, ob die Venues sich eignen.

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Wie sieht denn deine anstehende Live-Show zum Album auf der Bühne aus?

Für die neue Live-Show arbeiten wir an einem Lichtkonzept. Der Plan ist, dass ich auch das Licht steuern kann, damit ich nicht nur im Licht stehe, sondern ein Teil der Lichtshow bin. Das ist was völlig Neues für mich. Hoffentlich geht der Plan auf.

Du bist sowohl für Live-Gigs in Clubs als auch mit deiner Band in Konzert-Venues unterwegs. Wie hältst du die Balance zwischen beidem und welche Art der Performance ist für dich als Act intensiver?

Intensiver ist ganz klar der Gig mit der Band. Allein schon, weil wir dann mit superviel Equipment reisen und natürlich immer mal wieder etwas verloren geht bei Flügen etc. Allein kann ich relativ gut improvisieren, mit der Band ist das echt schwierig. Das ist schon in der Vorbereitung nervenaufreibend. Aber auch während des Gigs ist es spannender mit der Band. Denn auch dann kann viel mehr schiefgehen. Nicht alles läuft nach Plan. Aber das ist auch gut, denn dadurch entsteht Raum für Überraschungen und es passieren Dinge und es entstehen Momente, die besser sind, als wir es jemals hätten planen können. Meine Band und ich sind seit über 20 Jahren die besten Kumpels. Die Dynamik auf der Bühne ist ganz anders, als wenn ich da allein stehe. Toll am allein Spielen ist, dass ich viel beweglicher bin. Mit der Band muss man immer erst proben. Und das dauert. Allein kann ich auf das Publikum und den Vibe eingehen, neue, unfertige Tracks spielen, Sachen spontan ausprobieren.

Wenn wir gerade schon über Bühnen sprechen, lass uns beim Touren bleiben; du bist nahezu jedes Wochenende unterwegs. Welche Länder und Kulturen haben dich bislang am meisten begeistert?

Es sind nicht die Länder an sich, die mich begeistern. Eher Gegenden oder Städte. Buenos Aires, New York und am Ende auch – immer wieder – Berlin inspirieren mich mit Abstand am meisten. Zumindest, was Städte angeht. Vor Kurzem war ich länger in Los Angeles. Das Leben dort hat mir auch sehr gut gefallen. Sonst bin ich sehr gerne in den Bergen in Norditalien. Berge sind eh immer gut. Ich liebe die Alpen. Deswegen bin ich auch gern in Süddeutschland oder der Schweiz unterwegs. In Südamerika sind es vor allem die Menschen, die ich toll finde. Die scheinen sichtbar mehr Freude am Leben zu haben, als es hier in Europa zum Beispiel der Fall ist.

Du warst 2016 beim Burning Man. Ein noch größeres Highlight für dich als die zahlreichen anderen?

Ja. Mein Burning Man 2016 war tatsächlich eine fast lebensverändernde Erfahrung. Eine bunte Mischung an Menschen von überall auf der Welt und aus allen Gesellschaftsschichten lebt eine Woche in der Wüste zusammen. Das ist unglaublich inspirierend. Für mich vor allem sehr interessant, dass es eigentlich gar kein Musikfestival ist, sondern um Kunst geht. Musik gehört eben auch dazu, aber die Inspiration geht von der bildenden Kunst aus. Ich werde dieses Jahr wieder dort sein und freue mich schon sehr auf die Wüste.

Was hast du in den kommenden Wochen und Monaten geplant – sowohl im Studio als auch in Sachen Shows?

Meine Festival-Tour für diesen Sommer steht fest. Ich freue mich besonders auf Calvi On The Rocks auf Korsika, das Aquasella in Spanien, Audioriver in Polen, Kafes in Istanbul, meine beiden Gigs in Budapest, das Labyrinth Festival in Kroatien und das Neversea Festival in Rumänien. Eigentlich sind alle geil – auch die fünf WooMooN-Gigs auf Ibiza. An manchen Orten werde ich dieses Jahr definitiv ein bisschen länger bleiben, um wieder aufzutanken. Auf Korsika zum Beispiel oder in Nordspanien. Und weitere Releases wird es auch geben. Wie gesagt, 2018 ist Album-Release-Jahr. Es ist also auch Promo angesagt. Ab Oktober steht dann die Vorbereitung auf die Albumtour auf dem Programm. Da werde ich mit der Band viel Zeit im Studio verbringen. Die Lichtshow ist auch Teil dieser Vorbereitung.

Apropos Studio: Was sind aktuell deine favorisierten Tools aus den Bereichen Hard- und Software?
Eigentlich mag ich immer noch meinen ersten Synth am liebsten, Moogs Little Phatty. Der macht einfach die besten und sattesten Bässe. Ich mag ihn lieber als den Moog Sub37. Den nutze ich eigentlich nur, wenn ich freakige Sounds brauche. Für die reine Umsetzung meiner Ideen ist er mir zu wild. Supergut ist dafür aber der Prophet6. Der ist megaclean und trotzdem fett. Lustigerweise störe ich mich beim Prophet6 immer am Artikel, denn er erscheint mir eher wie eine Frau. (lacht) Die Prophetin6. Klingt irgendwie intelligent. Softwaretechnisch ist Cubase natürlich einer meiner Favoriten. Das ist am geradlinigsten. Ich habe so viele Ideen, da brauche ich ein Programm, das mich erdet. Das hört sich in Bezug auf eine Software vielleicht komisch an. Dieses ewige Rumdaddeln auf Ableton nervt mich total und bringt mich überhaupt nicht weiter. Außerdem weiß ich, dass jeder Zweite genau den gleichen Groove-Knopf drückt. Im Gegensatz dazu muss man bei Cubase selbst denken. Das mag ich. Was EQs und Kompressoren angeht, ist Felix das Genie. Der ist eindeutig der Nerd von uns beiden. Er kann wochenlang darüber nachdenken, welchen neuen Kompressor wir uns jetzt noch gönnen müssen. Und dann kauft er ihn doch nicht. (lacht)

Du bist kürzlich Papa geworden, Glückwunsch dazu! Wie hat sich das auf deine Karriere ausgewirkt?

Im Leben verändert sich vieles. Wenn nicht sogar alles. Auch ich habe mich extrem verändert und es macht mich sehr glücklich, dass an jedem Morgen plötzlich ein weiteres süßes Wesen im Bett liegt und mich anlacht. Der große Unterschied hinsichtlich der Arbeit ist, dass ich viel weniger Zeit habe. Aber das ist okay. Ich bin dafür ja auch schneller geworden im Produzieren. Doch es bricht mir schon manchmal das Herz, wenn ich an der Tür stehe und weiß, dass ich jetzt drei Wochen auf Tour bin. Die Frage, ob ich wirklich den richtigen Job gewählt habe, stelle ich mir in solchen Momenten schon. Im Idealfall kommt der Kleine einfach mit und dann nerven wir gemeinsam alle Promoter mit tausend Extrawünschen. (lacht)

 

Aus dem FAZEmag 077/07.2018 
Fotos: Christian Damman

 

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