All die, die sich der elektronischen Szene in Deutschland nicht verschließen, und auch die, die in ihrer eigenen Trendblase leben, haben diesen Namen zumindest schon mal auf einem der vielen Veranstaltungsflyer oder Poster gelesen. Die meisten jedoch kennen ihn – und seine Partyreihe Abfahrt ebenso. Kennen ist vielleicht etwas untertrieben. Sie lieben ihn, ihren Pappenheimer: Der DJ und Produzent aus dem Frankenland veröffentlicht nun sein neues Album „Stolen Memory“. Wir haben mehr erfahren über ihn, seine Musik und seine anderen großen Projekte.

 

Pappenheimer

 

In deinem Interview mit Lost and Distorted von 2016 meintest du, ein Album müsse perfekt sein. Wodurch zeichnet sich dein neuestes Werk aus, was macht „Stolen Memory“ zu deinem perfekten Album?

Mit meinem Album „Time Travel“ habe ich bereits Ereignisse aus meinem Leben musikalisch verarbeitet. Diese Tracks waren allerdings eher auf die Gegenwart oder nähere Vergangenheit bezogen, was man auch an den Titeln erkennen kann. Bei „Stolen Memory“ greife ich – auch hier lässt der Name das vermuten – auf weiter zurückliegende Momente oder Phasen meines Lebens zurück. Diese wichtigen biografischen Ereignisse sind natürlich mit starken Emotionen verknüpft, die ich mal mit harmonischen, melodischen Parts, mal mit rollenden, treibenden Nummern in der Musik greifbar zu machen versuche. Für mich ist ein Album dann perfekt, wenn sich diese Authentizität in den einzelnen Tracks widerspiegelt. Ich glaube, das ist mir gelungen, und ich hoffe, meine Fans werden diese Meinung mit mir teilen. Dazu kommen noch zwei Kooperationen mit zwei meiner liebsten Kollegen: Kerstin Eden und Linus Quick!

Wie bist du an dieses Projekt rangegangen und wie lange hast du an „Stolen Memory“ gearbeitet?

Wie ja schon aus der vorherigen Antwort hervorgeht, sind mir meine Albumtracks, eben weil sie autobiografisch sind, besonders wichtig. Nach „Time Travel“ habe ich mir eine kurze kreative Pause gegönnt, um mich dann langsam auf ein neues Album zu konzentrieren. Ganz wichtig bei diesem Prozess ist, dass ich in mich gehe. Wenn ich dann gewisse Erinnerungen in meinem Kopf habe, versuche ich, diese musikalisch umzusetzen. Natürlich braucht man dafür Ruhe und einen gewissen Flow, was mit zwei Kindern nicht immer leicht ist.

Seit dein viel zitierter Vater gegen deine Zimmertür geklopft hat, hat sich dein Studio sicherlich deutlich verändert. Womit entstand dein neues Album?

Das ist zwar schon ziemlich lange her, mein Studio hat sich seitdem allerdings nicht großartig verändert, sondern eigentlich nur erneuert. Ich arbeite noch immer mit FL Studio und mein Lieblingssynth ist der Sylenth One, der ebenso wie die 909 Open HiHat in keinem Pappenheimer-Track fehlen darf! Unverzichtbar ist auch mein Kopfhörer, der Pioneer HDJ X10. Er ist der beste, den Pioneer jemals auf den Markt gebracht hat. Ich benutze ihn im Studio, auf der Stage und er begleitet mich bei allen Reisen. Im Studio nutze ich außerdem die Nahfeldmonitore von JBL. Da ich nicht weit vom Musikhaus Thomann entfernt wohne, lasse ich mich immer wieder gerne von der Auswahl, die sich dort bietet, inspirieren.

Wäre eine Live-Präsentation für „Stolen Memory“ denkbar?

Mitte Juli veranstalten wir eine offizielle Release-Party im Airport Würzburg.

Präsentiert wird dort nicht nur mein Album, sondern auch der Film, „Stolen Memory by Movie Jules“, der mein Leben als DJ dokumentiert. Falls du auf einen Live-Act anspielst, das kommt bei mir nicht infrage: Ich bin DJ, und das wird auch immer so bleiben.

Erzähl uns doch noch etwas mehr über den Film zum Album!

Wer mich etwas besser kennt, weiß, dass ich nicht allzu gerne vor, sondern lieber hinter der Kamera stehe. Vielleicht habt ihr ja schon mal auf meine Facebook-Seite „Der Auslöser“ geschaut. Da Movie Jules allerdings von uns beiden eindeutig der bessere Kameramann ist und er sich schon immer an einer Dokumentation versuchen wollte, hat er mich mehrmals angesprochen und gefragt, ob wir nicht einen Film über mein Leben als DJ machen wollten. 2017 war es dann endlich so weit: Das Filmprojekt „Stolen Memory“ wurde gestartet. Dafür konnten wir auch auf bereits vorhandenes Filmmaterial aus den mit Sicherheit bekannten Aftermovies zurückgreifen – aber keine Angst, bei „Stolen Memory“ handelt es sich natürlich größtenteils um bisher unveröffentlichtes Material. Jules hat mich weiterhin sehr oft zu meinen Gigs begleitet und diese in Bild und Ton festgehalten. Bei manchen Aufnahmen bekomme ich jetzt noch Gänsehaut, obwohl ich sie gefühlt schon 1000 Mal gesehen habe. Er hat das Talent, die Atmosphäre und das ganze Feeling der Party perfekt einzufangen.

Über welchen Zeitraum hat dich Jules begleitet?

Jules begleitet mich jetzt mit seiner Kamera bestimmt schon zwei bis drei Jahre. Unsere Zusammenarbeit hat bereits mit dem Aftermovie zu „5 Jahre Abfahrt Würzburg“ begonnen. Aus der Zusammenarbeit hat sich eine mehr als gute Freundschaft entwickelt. Wäre er keiner meiner engsten Freunde, würde ich seine Arbeit wohl eher als Stalking bezeichnen! (lacht)

Sind es ausschließlich Aufnahmen von Gigs oder gibt es auch private Abschnitte?

Es sind Aufnahmen von Gigs, Einblicke in den Backstage, der natürlich private Abschnitte beinhaltet, und Interviews mit Menschen, die mir am Herzen liegen.

Meine Familie wollte ich allerdings nicht in den Blickpunkt der Öffentlichkeit stellen, deshalb bleibt sie bis auf wenige Ausnahmen außen vor.

Wer wird neben dir noch in dem Film zu sehen sein?

Meine Eltern, Freunde, Booker, Veranstalter, DJs und der Ausbilder aus meiner Kaufmannslehre.

Wo können wir uns den Film nach der Premiere im Airport ansehen?

Jeder, der sich die Special-Album-Box kauft, bekommt einen Zugangscode, mit dem er sich „Stolen Memory“ anschauen kann. In der Box sind übrigens noch andere Give-aways enthalten: ein Shirt mit dem Album-Motiv, eine Pappenheimer-Mix-CD „Between Time & Memories“ sowie ein Festivalbändchen mit dem Schriftzug „PAPPENHEIMER & STOLEN MEMORY“. Und Vinyl-Freunde, aufgepasst: Das Album wird auch als Schallplatte herauskommen!

Abfahrt Würzburg ist heute nicht nur eine Partyreihe, sondern auch eine Agentur, die deine Abfahrt-Acts und dich selbst verbucht. Wie wird es mit der Abfahrt weitergehen? Werden immer neue Acts dazustoßen? Hältst du hier Ausschau nach neuen Talenten oder versuchst du, Kollegen für deine Agentur zu gewinnen?

Momentan bin ich mit meiner Abfahrtscrew sowohl hinsichtlich der Quantität als auch der Qualität mehr als zufrieden. Wichtig ist, dass die Harmonie untereinander stimmt und weder Neid noch sonstige negative Vibrations aufkommen. Generell bin ich nie abgeneigt, wenn es darum geht, gute und junge Wilde in unsere Abfahrt-Familie aufzunehmen. Nächstes Jahr feiern wir bereits 10 Jahre Abfahrt! 

10 Jahre Abfahrt sind eine beachtliche Leistung! Wie ist die Party überhaupt entstanden?

Die Idee zu Abfahrt Würzburg kam mir nach meinem Polterabend. Meine Frau und ich haben es nämlich richtig krachen lassen, allerdings nicht traditionell mit Geschirr, sondern mit elektronischer Musik. Wir haben uns ein Partyboot in Würzburg gemietet und unsere Freunde haben aufgelegt. Ich hätte niemals mit solch einem Andrang gerechnet, aber vielleicht war das b2b, Pappenheimer versus Pappenheimerin, ein Anreisegrund. Dieser Polterabend war natürlich eine einmalige Sache, aber nach dieser Party war klar: Das darf kein Einzelfall bleiben. Knapp ein halbes Jahr später war die Abfahrt im Kamikatze-Club Würzburg geboren.

Welche Höhen und Tiefen hast du in zehn Jahren Abfahrt erlebt?

Glücklicherweise kann ich bisher auf mehr Höhen als Tiefen zurückschauen. Leider kommt es in diesem Business aber auch immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten und Konflikten, sei es mit anderen Veranstaltern, Agenturen, Eventmanagern oder DJs.

Zum Beispiel weiß ich manchmal nicht mehr, wenn ich mir so manchen Rider durchlese, ob ich eine Diva oder einen DJ gebucht habe. Ein richtig schwarzes Loch habe ich zum Glück noch nicht erlebt, aber jeder Veranstalter weiß um die Sommerlöcher, höhere Gewalten, ausfallende Flüge, gesperrte Autobahnen oder einfach krankheitsbedingte Ausfälle. Aber ein gewiefter Veranstalter findet immer einen Ausweg.

Wie dürfen wir uns den Rave zum 10-jährigen Jubiläum vorstellen? Kannst du schon etwas verraten?

Verraten möchte ich an dieser Stelle noch nichts, aber natürlich soll es eine unvergessliche Party werden. Schließlich sollten zehn Jahre eines Lebenswerks einen bleibenden bzw. gebührenden Eindruck hinterlassen: WE CALL IT ABFAHRT!

Du hast neben dem Event Abfahrt auch noch dein eigenes Festival auf die Beine gestellt, Roadhouse. Wie oft fand dieses bisher statt, wann steigt die nächste Ausgabe?

Ich bin Mitbegründer des Roadhouse Festivals und arbeite hier zusammen mit den Strohofers. Es findet einmal im Jahr statt und geht nächstes Jahr im März in die vierte Runde.

Das hört sich gut an, aber wer sind denn die Strohofers?

Die Strohofers sind Action, Abenteuer & Entspannung. Spaß beiseite, sie sind eine Familie mit vielen innovativen Ideen. Damit haben sie sich nicht nur Europas größten Autohof geschaffen, sondern auch ein Gelände, das für jedwede Veranstaltung geeignet ist, sei es ein Trucker-Festival, Rock- und Heavy-Metal-Shows oder eben auch unser Roadhouse in einer einmaligen Eventhalle.

Worauf legt ihr bei Roadhouse besonderen Wert und inwiefern unterscheidet sich dieses Event von der Abfahrt?

Das Roadhouse Festival soll alle Genres abdecken und offen sein für jeden Liebhaber elektronischer Musik: Schubladendenken unerwünscht. Leider ist es oft ein großes Problem, die Acts verschiedener Musikrichtungen auf einem einzigen Festival zu vereinen. Viele Agenturen befürchten für ihre Künstler Imageeinbußen, wenn sie mit DJs anderer Genres auf einem Flyer genannt werden. Daher ist es schwierig, manche Künstler überhaupt zu bekommen. Bei Roadhouse gibt es aber nun einmal zwei Floors: Der Bunker steht für die härtere Gangart und der Mainfloor garantiert ein in meinen Augen perfekt abgestimmtes Line-up, das sich besonders durch seine Vielfalt und Offenheit auszeichnet. Bei der Abfahrt hingegen beschränke ich mich auf Techno & Hardtechno und achte sehr auf eine familiäre Atmosphäre – nicht nur unter den Acts, sondern vor allem für die Besucher.

Du kombinierst selbst gerne Stile. Mal frei heraus: Wie sähe dein Traum-Line-up für ein Festival aus, wenn du verschiedene Bühnen mit Acts füllen könntest?

Diese Frage gefällt mir sehr gut. Also, ich würde natürlich alle Facetten genreübergreifend abdecken, sodass die Besucher ihr musikalisches Wissen und vielleicht damit auch ihren Musikgeschmack erweitern können. Daher würde ich eine Mischung aus meinen All-time-Favourites und jungen Wilden ins Line-up packen.

Und so könnte es dann aussehen: The Prodigy, Cypress Hill, Wu-Tang, DJ Rush, Gary Beck, Carl Cox, Jeff Mills, Adam Beyer, Reinier Zonneveld, Dax J, Aphex Twin, Worakls, deadmau5, Kölsch, Eric Pryd, BPM – Hart am Limit, Keeno und dann natürlich meine Abfahrt-Jungs: Sebastian Groth, Ben Dust, Linus Quick, Matt Mus, Felix Bernhardt, Markus Schneider und die liebe Kerstin Eden. Nach diesem Festival könnte ich getrost sterben.

Neben all den eigenen Dingen, um die du dich kümmerst, bist du ja auch ein sehr gefragter DJ. Auf welchen Festivals oder Open Airs wirst du im Sommer anzutreffen sein?

Wie bereits im letzten Jahr wird man mich auf folgenden Festivals antreffen: Ruhr in Love, Panama Festival, auf dem Sea You, dem Parookaville, Lucky Lake Festival und last, but not least dem Echelon Festival. Erstmalig könnt ihr mich auf dem Open Beatz Festival und dem Zuckerbrot & Peitsche Festival hören. Doch am meisten freue ich mich natürlich wieder auf das Century Circus Closing auf der Nature One. Das war letztes Jahr mein persönliches Highlight und ich hoffe, es wird auch 2018 wieder so emotionsgeladen!

In Deutschland kennt so gut wie jeder, der sich mit der elektronischen Szene auseinandersetzt, deinen Namen. Wie steht es um deine Präsenz im Ausland?

Meine Präsenz im Ausland ist definitiv ausbaufähig. Frankreich, Österreich und die Schweiz klopfen immer wieder mal an. Wir werden sehen, wo die Reise noch hingeht!

Sind abgesehen vom kommenden Album weitere Releases für 2018 geplant?

Bis September möchte ich mein Album jetzt erst einmal auf andere wirken und für mich sacken lassen. Kreativität bedarf ab und an einer Pause. Es gibt aber bereits einige Tracks, die ich meinem Album nachschieben könnte. Zudem freue ich mich auf die fertigen Kooperationen mit Linus Quick, Matt Mus und Ben Dust.

Vor Kurzem hast du ein Set hoch oben in der Luft gespielt – auf einer Plattform, getragen von einem Kran. Wie kam es zu dieser schwindelerregenden Idee?

Die Welt hat viele kreative Köpfe und einer von ihnen ist eben Movie Jules. Er hat immer wieder sensationelle Einfälle, die ich gerne mit ihm zusammen umsetze. Von mir aus hätte es ruhig noch höher gehen dürfen, das Stromkabel war aber leider nur 50 m lang. Bei der letzten Aktion mit Jules habe ich ein DJ-Set in einem fahrenden Bus gespielt. Wir sind jetzt schon auf der Suche nach neuen verrückten Spots und ich bin gespannt, was uns als Nächstes einfallen wird!

Du bist nicht nur „der Pappenheimer“, sondern auch Familienvater. Wie bringst du Familien- und Nachtleben in Einklang? Oder auf Neudeutsch: Wie steht es um deine Work-Life-Balance?

Mein Ausgleich zum Tour-Life hole ich mir in der Natur, mit Spaziergängen durch den Wald oder am Wasser. Ich brauche nicht viel und kann einfach mal die Ruhe genießen – allerdings nur mit genügend Proviant. Dazu kommt, dass ich meine Familie einfach sehr liebe und mich sonntags darauf freue, nach Hause zu kommen. Ich kann noch so kaputt sein, das ist meine persönliche Lieblings-Afterhour.

 

Aus dem FAZEmag 077/07.2018