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2005 bekam die Medienlandschaft für elektronische Musik Zuwachs. Keine weitere Website oder DJ-Postille, sondern ein DVD-Magazin namens „Electronic Beats Slices“ und damit ein ganz neues Format. Der Mann, der das Projekt ins Leben rief, ist Holger Wick, langjähriger Aktivist in der Szene – als DJ, Produzent, A&R und Labelbetreiber.
2004 veröffentlichte der geborene Frankfurter die DVD „Berlin Digital – A Guide Through The Electronic Music“, die in der Szene, und darüber hinaus bei Tages- und Wochenpresse große Beachtung fand. Er entwickelte daraufhin ein Magazin für elektronische Musik im DVD-Format: Interviews, Studiobesuche, aber auch Konzertmitschnitte und Videoclips. Mit diesem Konzept konnte er die Telekom überzeugen, „Slices“ mit in das Electronic Beats Programm zu integrieren. Im März 2005 feierte man Premiere, im vierteljährlichen Rhythmus erschien das Magazin. Anfangs noch auf ein Jahr angesetzt, wurde schnell klar, dass das Projekt dank großer Resonanz und Akzeptanz keine Eintagsfliege bleiben würde.

Wie ist die Idee zu einem DVD-Magazin entstanden?
Die ersten Ideen in diese Richtung entstanden so um 2002, 2003 herum. Damals habe ich beim Indie Vertrieb EFA gearbeitet und mich dort um A&R und Labelmanagement für das Inhouse Label e:motion gekümmert. Klassische Audio Compilations fanden wir zu diesem Zeitpunkt recht langweilig und hatten überlegt, mehr in Richtung Video zu gehen. Das fing dann an mit zwei Videocompilations und letztlich entwickelten wir anschliessend die Idee, eine Doku über die Berliner Elektronik Szene zu machen. Über eine Anzeige bei der HFF in Potsdam, haben wir dann ein Team zusammen gestellt und die Doku umgesetzt. Dummerweise meldete EFA kurz bevor wir fertig waren Insolvenz an und so verschwand erstmal alles in der Insolvenzmasse, konnte dann aber glücklicherweise irgendwann von Lieblingslied Records heraus gekauft werden und 2004 dann doch noch erscheinen. Die Doku bzw. DVD hieß „Berlin Digital – A Guide Through The Electronic Music Scene“.

Wie ist die Doku damals angekommen?
Wir bekamen sehr viel positives Feedback und sogar szenefremde und überregionale Medien wie z.B. die Frankfurter Rundschau berichteten über „das neue Musikfernsehen auf DVD“. Da reifte dann die konkrete Idee ein regelmäßiges Format daraus zu machen. Bei VIVA und MTV gab es nichts mehr in der Richtung und es war gerade die Hochzeit der Klingeltöne. Also warum das Ganze nicht als Alternative zum Musikfernsehen machen? So entwickelte sich das und ein paar Monate später hatte ich die Telekom mit an Bord, die das ganze in ihr Electronic Beats Programm aufnahm – und das seit mittlerweile 10 Jahren.

Eine DVD als Magazinformat, das kling recht ungewöhnlich …
Es war von Anfang klar, dass wir das auf DVD machen. Das DVD Format hatte auch gerade seinen Siegeszug gestartet und war zu der Zeit einfach das perfekte Medium für uns. Und wir wollten von Anfang an, dass das Ganze kostenlos erhältlich ist.
Bei einem TV-Format wird ja immer davon ausgegangen, dass die Leute irgendwann nach 3-4 Minuten umschalten und es geht um Quoten. Die sind bei solch einem Format aber nur schwer messbar. Sowieso: Wenn es nur um Quote geht, würden Sender wie ARTE oder 3Sat gar nicht existieren. Und wir wollten eben auch ein bisschen in die Tiefe gehen und uns nicht einer bestimmten TV-Regel unterwerfen. Deswegen gab es damals auch gar keine Alternative zur DVD. Das Internet war zu diesem Zeitpunkt noch nicht schnell genug , das machte noch gar keinen Sinn.

Wie sollte der Vertrieb laufen?
Der Vertrieb lief über entsprechend ausgerichtete Plattenläden, weil wir dort am nächsten an die Zielgruppe rankamen und die Leute wussten, wo die DVD erhältlich ist. In Clubs, Cafes oder ähnlichen Locations wären die dann mit zig anderen Heften und Flyern irgendwo in der Ecke rumgeflogen und das wollten wir weitgehend vermeiden.

Wie erfolgt die Auswahl der Gäste?
Wir wollten von Anfang an nicht dem Promozirkel folgen, wo dich drei-vier Monate vor VÖ der Promoter anruft, um dir irgendein neues Album anzubieten. Oft liest man dann die gleichen Themen zur selben Zeit in verschiedenen Magazinen und das fand ich persönlich schon immer langweilig. Da wir nicht von Anzeigen oder ähnlichem abhängig waren, konnten und können wir auch so agieren. Wir wollten auch nie Promos geschickt bekommen und haben uns lieber selbst auf die Themensuche gemacht. Und natürlich hat man über die Jahre auch sein eigenes Netzwerk und entsprechende Informationsquellen.
Der persönliche Geschmack spielt natürlich irgendwie auch eine Rolle, denn wir müssen ja auch überzeugt sein von dem was wir machen und dahinter stehen, um glaubwürdig zu sein.

Wie läuft die Auswahl der Intervieworte? Oft sind das ja etwas außergewöhnlichere Locations, als der klassische Hotelsessel, wo man sich zum PR-Gespräch trifft. Sucht sich das der Künstler aus oder schlagt ihr das vor?
Das läuft mal so, mal so. Oft haben wir Ideen, die wir den Künstlern vorschlagen. So wollten wir immer mal mit jemandem Fallschirmspringen. Das haben wir dann den Moderat Jungs vorgeschlagen und die fanden das super. Generell ist es uns sehr wichtig, dass sich die Künstler wohlfühlen und nicht schauspielern müssen. Die letzten Jahre drehen wir jetzt aber wieder öfter in Studios, Clubs, Backstage und auf Konzerten. Dadurch ist es ein bisschen authentischer als wenn man irgendwas inszeniert. Wenn sich die Gelegenheit ergibt oder jemand eine gute Idee hat, machen wir das aber natürlich auch immer noch gerne.

slices_moderat_issue_3-2010Gibt es Drehs, die dir besonders im Erinnerung geblieben sind?
Das ist bei der Menge gar nicht so einfach, da wir so viele tolle und spannende Drehs hatten. Aber so was wie der bereits erwähnte Fallschirmsprung mit Moderat oder unser Interview mit Underground Resistance in Detroit werden einem ewig im Gedächtnis bleiben. UR haben uns nachts auf einen Parkplatz unter der Ambassador Bridge zu sich bestellt. Auf diesem nicht beleuchteten Gelände haben wir dann auch im Dunklen das Interview gemacht. Das war schon etwas spooky. Und obwohl ich selbst schon sehr lange dabei bin, ist es immer etwas besonderes Mike Banks zu treffen. Er ist definitiv einer der interessantesten Charaktere überhaupt.

Seit Anfang 2014 gibt es die DVD nicht mehr, ihr seid nun online aktiv. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Parallel zur DVD gab es Slices mit einiger Verzögerung ja schon länger online. Das Problem bei der DVD war, dass nur PAL möglich ist, obwohl wir schon jahrelang in HDV oder HD gefilmt haben. Der Vertrieb wurde auch zunehmend schwieriger, weil immer mehr Plattenläden dicht gemacht hatten. Und da das Internet mittlerweile auch schnell genug ist, um auch beste HD Qualität wiederzugeben, gab es eben irgendwann den Entschluss Slices „nur“ noch Online zu machen, dafür dann im Wochentakt. Jeden Dienstag gibt es jetzt ein neues Feature online auf www.eb.tv, so dass sich die Leute an einen festen Tag gewöhnen können und nicht mehr dauernd im Plattenladen fragen müssen, wann die neue DVD kommt. Generell sehe ich die Online-Variante mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Man kann spontaner agieren, die Leute müssen nicht ein Vierteljahr auf die neue Ausgabe warten. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch so viel Online-Content, dass es eine Herausforderung ist entsprechend präsent zu sein.
Die größte Herausforderung ist definitiv die Promotion. Wie und wo erfahren beispielsweise neue und junge Leute von unserem Format? Seit dem Start sind ja schon einige Generationen rein- und wieder rausgewachsen und nicht jeder kennt die DVD von früher und sieht das jetzt zum ersten mal. Von daher darf man sich nicht auf den alten Lorbeeren ausruhen oder denken, ein Posting auf FB oder Twitter reicht aus, um die Welt zu erreichen, sondern man muss im Prinzip jedes Feature promoten und sich eine eigene Community aufzubauen, was sehr arbeitsintensiv ist neben der eigentlichen Arbeit.

Es gab auch mal eine abendfüllende Dokumentation über Richie Hawtin (2006) mit dem Untertitel „Pioneers Of Electronic Music“. Wird es da evtl. noch weitere Ausgaben geben über andere Künstler?
Obwohl wir gerne würden, ist es sowohl finanziell als auch zeitlich schwierig, solch ein Projekt öfter zu machen. Es gab ja 2013 noch unsere „We Are Modeselektor“-Dokumentation, die auf Monkeytown Records erschien, aber von Electronic Beats produziert und präsentiert wurde. Neben diesen beiden Dokus haben wir 2008 noch die Eigenproduktion „We Call It Techno“ veröffentlicht, weil das irgendwie ein Herzenswunsch von mir war.
Im Rahmen von Slices ist in naher Zukunft erstmal nichts in der Richtung geplant, aber wir denken durchaus über neue Ideen nach, weil uns das auch einfach Spaß macht und wir ab und zu, alle zwei bis drei Jahre, mal eine extra Herausforderung benötigen. Einen Slices-Beitrag zu produzieren ist wie einen ausführlichen Artikel für ein Magazin zu schreiben und eine Doku eher wie ein Buch – das sind also zwei unterschiedliche Herangehensweisen. Außerdem verdanke ich der Szene meinen persönlichen beruflichen Werdegang und deswegen ist das auch eine Herzensangelegenheit so etwas ab und an mal zu machen.

Zum zehnten Geburtstag schließt sich auch ein Kreis …
Unser allererster Dreh und Beitrag war mit Funkstörung in Rosenheim. Kurze Zeit später trennten sich Michael Fakesch und Chris de Luca. Pünktlich zu unserem 10jährigen Jubiläum haben sich die beiden wiedervereinigt und sind mit einem neuen Album am Start. Sie hatten also fast genau 10 Jahre Funkstille. Das war natürlich ein schöner Zufall und für uns ein gelungener Anlass, das als kleinen Aufhänger für unser Jubiläum zu nehmen. Und so waren wir vor kurzem wieder in Rosenheim und haben quasi ein Update 2015 gedreht und in den Beitrag auch Bilder von 2005 eingebaut. Die Jungs haben sich in der Zwischenzeit ja auch ein wenig verändert, die Bärte sind voller geworden und…. Nein, im Ernst, da wurde uns erstmal bewusst, wie lange wir das schon machen und was sich alles in unserem Archiv befindet. Das ist schon ein schönes Stück Zeitgeschichte.

Was nehmt ihr mit aus den Drehs, was nehmen die Acts mit?
Das wichtigste ist, dass sich die Leute wohlfühlen mit uns und uns vertrauen. Mit vielen Künstlern sind wir regelmäßig in Kontakt, mit einigen sind auch Freundschaften entstanden, die dann auch in andere Zusammenarbeiten münden wie z.B. mit Modeselektor oder aktuell Howling. Unseren aktuellen Tonmann, der für uns die Electronic Beats Festivals recorded, haben wir auch über einen Beitrag kennengelernt (The Analog Roland Orchestra). Da wird es in Kürze auch noch eine sehr spannende Kollaboration in Buchform geben. Also Augen aufhalten.
Wir finden es wichtig, dass die Leute mit einem guten Gefühl aus der Sache rausgehen und sagen „die von Electronic Beats waren cool und mit denen hat es Spaß gemacht .“ Wir sind da wirklich Pro-Artist. Uns wurde auch mal vorgeworfen, dass wir so unkritisch sind. Wir wollten aber nie ein Kritikermagazin sein, das war nie unser Ansatz und warum sollen wir unsere Zeit mit Künstler verschwenden, die wir kritisch sehen? Uns geht es um gute Musik und interessante Künstler, damit haben wir genug zu tun. Und wenn wir was scheiße finden, dann machen wir das nicht. Wir machen Künstlerportraits mit Leuten, die wir gut finden.

Ab dem 10. März ist die Jubiläumssendung mit Funkstörung online
„Electronic Beats Slices Woche“

Vom 16. bis zum 20. März zeigen wir auf FAZEmag TV jeden Tag einen Beitrag von „Electronic Beats Slices“.
www.fazemag.de/faze-tv

Gewinnspiel
Ab dem 16.03. findet auf der Microseite slices10.electronicbeats.net zum 10jährigen Slices Jubiläum vier Wochen lang ein Gewinnspiel mit hochwertiger Hard- und Software von Native Instruments, Ableton, Bitwig, Roland, Akai und vielen anderen statt.

www.eb.tv