Mainstage

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„We are so sorry… We have to apologize“, sagte das Paar wehmütig, das neben mir im Lufthansa-Flieger von München nach Budapest saß.
„You are sorry? You want to apologize? For? Why?“, fragte ich die zwei aus Arizona, die eine Flusskreuzfahrt auf der Donau von Budapest über Wien und Passau nach Prag gebucht hatten.
„Donald Trump“, erwiderten sie kurz, die zwei, die ich auf Mitte 60 schätze. Dann teilten sie mir noch mit, dass sie ihn nicht gewählt hatten und ihnen alles sehr leid täte, was diese – man möge mir den Ausdruck verzeihen – Witzfigur des politischen Marionetten-Kabinetts unter „Regieren“ versteht.

Nun gut. Von wahnwitzigen Entgleisungen zu wahnsinnigen Ereignissen: Balaton Sound. Hier stimmte die Politik. Die Veranstaltungspolitik! Was die Organisatoren, die sich auch für das Sziget Festival verantwortlich zeichnen, 2018 wieder auf die Beine gestellt haben, toppt alles bisher Dagewesene. Der Beweis: ein neuer Besucherrekord. Insgesamt kamen 165.000 Partypeople aus 60 Ländern an den ungarischen Plattensee, der rund 90 Autominuten von Budapest entfernt liegt. Fünf Tage feierte man (und Frau) die größten Helden aus den Bereichen EDM, Techno, Trance, Tip-Hop, Disco und Trap. Und ich als Vertreter des musikalisch guten Geschmacks war für FAZE natürlich vor Ort und habe mir das Spektakel der Superlative live und in Farbe angeschaut. An allen fünf Tagen!

Ein Einfamilienhaus in Balatonendréd. Dies habe ich mir zusammen mit Christian aus Hamburg (Chef einer PR-Agentur), Christian aus München (Projektleiter diverser Magazine) und Laura aus Stuttgart (Radio NRJ) geteilt. Acht Kilometer trennte das idyllisch gelegene Häuschen vom Festivalgelände, das in Zamárdi liegt, am Südufer des Balaton.
Diese wirklich imposante Location erstreckt sich über sage und schreibe vier Kilometer – vom Campingplatz am östlichen Ende über das Festivalgelände bis hin zu Verkaufsständen & Co. am westlichen Ende des Areals.
Traumhafte Sonnenuntergänge, das Rauschen der Wellen, Südseefeeling? Hatten wir! Wenn auch nicht tagtäglich, da das Wetter mit durchschnittlich 24 Grad zwar sehr angenehm war, aber das ein oder andere Mal huschte auch das ein oder andere Wölkchen vorbei. Regen? Gab es auch. Dank Petrus aber nur an einem Tag, und nur von Mitternacht bis kurz vor halb eins. Das war zu verschmerzen.

Und unsere absoluten Festivalhighlights? Die waren natürlich die DJs, die dort aufgelegt haben. Ach so, und dann gab es ja auch noch dieses Fußballturnier … Das Event, aus dem Deutschland dubioserweise bereits zu diesem Zeitpunkt ausgeschieden war. Sorry, gerade fällt mir der Name nicht mehr ein, da ich den desaströsen Abstieg längst aus meinem Gedächtnis gestrichen habe. Umso erfreuter war ich aber, dass ich eine Handvoll Belgier kennengelernt hatte, die just während des Festivals gegen Brasilien spielten. Und gewannen! An die belgische Fußball- und Partycrew: Glückwunsch zu diesem Sieg – mein Beileid zum Aus gegen Frankreich.
Mein Beileid aussprechen wollte ich zunächst auch der isländischen Kultband GusGus. Die performten nämlich während genau dieses Spiels eine ihrer legendären Live-Shows. Oder sollte man besser sagen „Konzerte“? Ich denke: ja. Schade, dass die Show genau zu dem Zeitpunkt stattfand, als Belgien gegen Brasilien kickte. Und das, nur 20 Meter vom GusGus´schen Dancefloor entfernt. Das Bild? Das könnt ihr euch vorstellen! 40 Leute bei GusGus – 4.000 Leute vor der XXL-LED-Leinwand beim Public Viewing! Wie gut, dass das Spiel irgendwann vorbei war und GusGus dann die Aufmerksamkeit bekamen, die sie verdienten. Das Electro-Techno-Pop-Duo drehte so richtig auf, je mehr Leute mit / zu ihnen abfeierten. Nebst der Musik rund um ihr 2018 erschienenen Albums „Lies Are More Flexible“ und altbewährten Klassikern war es gewiss auch das Outfit von Frontmann Daniel Ágúst Haraldsson, das die Massen anzog und die Tanzfläche mit roundabout 2.000 Leuten füllte. Manch einer würde sagen, „Daniel stand im blauen Schlafanzug mit weißen Wölkchen und regenbogenfarbenen Kniestrümpfen“ auf der Bühne – wir sagen: Geile Klamotte! Siehe Bildergalerie unten.

Von Herzen empfehlen wir euch auch DJ Sir Jacobs. Also, von Herzen empfehlen wir euch, DJ Sir Jacobs NICHT anzusehen bzw. anzuhören! Es sei denn, ihr steht auf verkommerzialisierte Remixe, wie die katastrophale Neuinterpretation des Simon-&-Garfunkel-Klassikers „Bridge Over Troubled Water“ und hyper-billig produzierte „Tracks“, die mich spontan an „Barbie Girl“ von Aqua erinnern, aus den 1990er Jahren. Liebe Macher: Den „DJ“ bitte aus dem Line-up nächstes Jahr streichen! Danke.
Witzig hingegen war die Performance von Timmy Trumpet, der – wie der Name schon sagt – mit Trompete auf der Mainstage stand und am späten, samstäglichen Nachmittag rund 15.000 Leute beschallte. Gut, EDM ist nicht jedermanns Sache, aber der Typ zieht halt einfach sein Ding durch. Und das richtig gut. Da uns der Sound aber nicht völlig vom Hocker gerissen hat, gönnten wir uns eine Fahrt mit dem 40 Meter hohen Riesenrad. Tolle Aussicht! Guckt mal in die Bildergalerie unten, ihr werdet begeistert sein.

Begeistert waren wir auch von Charlotte de Witte. Selbstredend aber, dass das belgische Aushängeschild mit ihrem Technoset brillierte. Im äußerst knappen Höschen performte die Mitt-Zwanzigerin auf dem Floor „Clubs on the Beach” – was man allerdings nur sehen konnte, wenn man backstage war. Dieser Anblick blieb dem tanzenden Volk (leider) verwehrt – zu hoch war das Technikpult. Wer hat noch eine gute Figur gemacht? Ohne jeden Zweifel unser „Babba”, Sven Väth. Als er am Freitag von Mitternacht bis zwei Uhr an den Decks stand, passte kein Vinyl mehr zwischen zwei Leute, so voll war der Dancefloor bei der Heineken Beach Stage.
Für uns eine riesen große Überraschung: Das Live-Set des Duos Changing Grey. Die zwei Ungarn hatten ihren großen Auftritt am Samstag von 20:30 bis 22:00 Uhr – und nutzten ihn! Ich persönlich hatte zuvor noch nie etwas von den beiden Live-Performern gehört, doch es hat sich einmal mehr gezeigt, wie gut es ist, wenn man Neuem gegenüber offen eingestellt ist. Leider ist über das Duo im Netz nicht allzu viel zu eruieren – außer dass sie am ungarischen Balaton ein Heimspiel hatten und ihren Soundcloud-Kanal pflegen. Letzteres machen die zwei Elektronikkünstler hoffentlich so gut, dass sie das Set am Plattensee demnächst veröffentlichen. Daumen drücken, denn in der Tat erlebten alle einen Ohrgasmus, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren: am Heinken Beach Floor.

Weitere Lobhudeleien stehen natürlich noch folgenden DJs und Acts zu: Dem südafrikanischen Naturtalent aus dem House-Segment: Black Coffee. Den beiden Adrians, besser bekannt als Adriatique. Dem holländischen Trance-Meister Sander van Doorn, der am Samstag unter seinem Alias Purple Haze sein Können bewies. Auch CamelPhat waren am Start, die ihr natürlich liebt und schätzt – wohl kaum hättet ihr sonst „Cola” auf die Peak-Position der letztjährigen FAZEmag Jahres-Charts gewählt. Dann war da noch unsere liebe Ellen Allien, bei der mir gerade der Sensations-Track „Stadtkind” aus 2001 durch den Kopf geht. Kölsch aus Dänemark spielte diesmal nicht in luftiger Höhe des Eiffelturms, sondern ist beim Balaton völlig auf dem Boden geblieben und glänzte als einer der ersten Acts – sein Auftritt war bereits an Tag eins, am Mittwoch. Stephan Bodzin, der 2017 mit den DJ Awards als bester elektronischer Livekünstler preisgekrönt wurde, gab sich ebenfalls die Ehre. Wie auch der frankofile Agoria, Booke Shade aus den deutschen Gefilden, das aufstrebende Technosternchen Cristoph aus dem Land, dessen Fußballmannschaft sich mit Platz 4 der WM zufrieden geben muss und, und, und…

Und: Auch die EDM-Häschen waren natürlich vertreten, wie das Geschwister-Duo Dimitri Vegas & Like Mike aus Belgien, David Guetta (der mit Sängerin Sia und dem Titel „Flames” gerade fast überall auf der Welt die Charts anführt), Martin Garrix (der pro Gig zwischen 150.- und 200.000 Euro kassiert und dessen Vermögen die Experten auf 15 Millionen Euro schätzen) und Konsorten. Da die „Put Your Hands Up In The Air”-Fraktion bei euch aber nicht unbedingt im Fokus steht, machen wir hier einfach Schluss.

Als Fazit lässt sich sagen: Gerne kommen wir 2019 wieder. Wir checken schon mal die Flight-Connections und sind natürlich vom 03.-07.07.2019 erneut dabei. Zudem sind wir sehr gespannt, ob dann der diesjährige Besucherrekord von 165.000 Leuten noch einmal geknackt wird. Fakt ist: Balaton Sound 2018 war ein voller Erfolg. Vor allem der Samstag, an dem sich 40.000 Leute auf dem Festivalgelände tummelten. 40.000 Leute, die alle ein Wristband hatten – quasi die papierlose Eintrittskarte in Form eines Festivalbändchens mit Plastikchip. Die Rede ist von einem? Richtig: Cashless-Payment-System. Das Wristband konnte man an diversen Stellen schnell und einfach per EC-Karte oder Bargeld aufladen. Somit wurden lange Wartezeiten an den Bars vermieden. Auch die Rückzahlung des Restguthabens am Ende des Festivals verlief absolut reibungslos: Wristband scannen lassen – Restgeld in bar kassieren. Nicht nur diesbezüglich können sich Festivalmacher in good old Germany eine dicke Scheibe abschneiden. Auch in puncto Getränkepreisen! Umgerechnet 2,47 Euro für 0,4 Liter Bier – da sagen wir von FAZE einfach nur: We like! In deutschen Landen zahlt man mitunter das Doppelte für die gleiche Menge des leckeren Gerstensaftes. Cheers, auf Balaton Sound! Oder wie man in Ungarn sagt: egészségére!

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