Redet man über die Anfänge von Acid House in Großbritannien, kommt man an 808 State nicht vorbei. Die Elektronik-Pioniere aus Manchester – damals einer der musikalischen Hot-Spots – hatten mit „Pacific State“ einen großen Hit und arbeiteten mit Künstlern wie Björk, Bernard Sumner von New Order oder MC Tunes zusammen. 2002 erschein das bisher letzte Album, nun meldet sich 808 State, inzwischen nur noch als Duo, bestehend aus Graham Massey and Andrew Barker, mit einem neuen Longplayer zurück. Graham Massey beantwortete unsere Fragen über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.


GESTERN

Ende der 80er-Jahre, der Durchbruch der elektronischen Musik und ihr mittendrin. Kannst du das „Unbeschreibliche“ in zwei, drei Sätzen beschreiben?

Elektronische Musik war mein ganzes Leben lang um mich herum, aber meistens finanziell unzugänglich. Ende der 80er-Jahre war alte Technik billig und neue Technik wurde erschwinglich. Es war auch eine Zeit, in der sich soziale Räume veränderten und die Anzahl der Soundsysteme sprunghaft anstiegen – körperliche Musik und physischer Klang rückte in den Fokus. Elektronische Musik war perfekt, um diese Erfahrungen zu gestalten – auch um mit den zerebralen und spirituellen Wurzeln dieser Musik zu spielen. Jeden Tag kamen neue Musikformen hinzu.

„Pacific State“ war damals ein großer Hit. Als ihr es veröffentlicht habt, hattet ihr irgendeine Ahnung, dass der Track etwas Besonderes ist und so erfolgreich sein könnte?

Die kurze Antwort ist: Ja, es fühlte sich besonders an. Es brauchte ein paar Sessions, bis es sich vollständig und perfekt anfühlte. Wir haben den Track auch außerhalb des Studio getestet. Er drehte seine Runde, ravte und brachte Erfahrungen zurück ins Studio.

HEUTE

Warum habt ihr euch entschieden, nach 17 Jahren ein weiteres Album zu veröffentlichen?

Seit dem letzten Album gab es keine Bindung mehr in der Gruppe. Circus Records, die Plattenfirma, die uns davon überzeugt hat, „Outpost Transmission“ bei ihnen zu veröffentlichen, ging kurze Zeit später pleite und wir hatten das Glück dadurch zu überleben, dass wir noch gelegentlich Konzerte gaben und andere Projekte absolvierten. Aber der Großteil der Gruppe nahm zu diesem Zeitpunkt Tagesjobs an – DJing war auch eine Ergänzung. Aber es gab keine Studiobasis mehr.

Irgendwann 2017 mietete ich einen Raum in den verlassenen Granada-TV-Studios im Zentrum von Manchester für ein Projekt des Künstlers Jeremy Deller zur Eröffnung des Manchester International Festival. Ich brauchte alle alten Synthesizer und neuen Geräte zusammenbringt und so wurde es zum ersten Mal seit Jahren zu einem Ort, an dem man richtig arbeiten konnte. Es dauerte ungefähr ein Jahr, dann ein weiteres Jahr, um einen Weg zu finden, „Transmission Suite“ herauszubringen. Wir veröffentlichen diese Platte jetzt selbst, ohne Label.

MORGEN

2020 ist nicht mehr weit, was sind eure Pläne für das kommende Jahr? Und darüber hinaus, wo seht ihr 808 State in fünf Jahren?

Wir hoffen, dass wir damit beschäftigt sind, auf Tour zu sein und unsere Musik für unsere Fans zu spielen. Es gibt noch so viel, was wir machen können. Wir hoffen auch, dass wir die finanzielle Freiheit haben, mit den besten Acts der ganzen Welt zusammenzuarbeiten, spannende Projekte zu realisieren und etwas Freude zu verbreiten!

Aber um ehrlich zu sein, bin ich wirklich besorgt, dass das Ganze, worauf wir hingearbeitet haben, durch das aktuelle politische Klima, in dem wir leben, zerstört wird. Ich fürchte, es wird viel schwieriger sein, eine Tournee im Ausland zu planen. Dance-Musik hat die Welt in vielerlei Hinsicht zusammengeführt. Das mag schon für lange Zeit der Fall sein, aber weißt du, es ist immer zerbrechlich.

Deine Heimatstadt Manchester in einem Satz:

Gestern: Erfinderisch
Heute: Immer noch erfinderisch
Morgen: Erfinderisch – geboren aus Respekt vor Unterschiedlichkeit und Toleranz

 

Aus dem FAZEmag 092/10.2019
Text: Tassilo Dicke
Foto:Michael England
www.808stateofficial.com