
Dave Clarke gehört zu den prägenden Figuren des europäischen Techno – kompromisslos im Sound, direkt in seinen Ansichten. Im Interview spricht der „Baron of Techno“ über frühe DJ-Erfahrungen, prägende Einflüsse aus Punk, Hip-Hop und Electronica, die Beschissenheit der Szene und darüber, was Techno für ihn bis heute bedeutet: Freiheit.
Kannst du uns mehr über deine ersten Erfahrungen als DJ erzählen – und darüber, warum du diesen Weg gewählt hast?
Ich habe bei Geburtstags- und Weihnachtsfeiern von Freunden angefangen aufzulegen. Danach bekam ich einen Gig in einer lokalen Rollerdisco, anschließend hatte ich Residencies in kleinen Clubs in der Gegend. Ich habe diesen Weg gewählt, weil er in Wahrheit mich gewählt hat. Nichts anderes schien zu passen. Eigentlich sollte ich die Schule verlassen, Software Engineering machen und im frühen Bereich der KI arbeiten. Aus verschiedenen Gründen ist das nicht passiert. Aber wie bei vielen aus meiner Generation hat mich Musik absolut gerettet.
Deine Karriere ist stark in Punkkultur und europäischer elektronischer Musik verwurzelt. Welche Musiker, Bands oder DJs hatten am Anfang den größten Einfluss auf dich – und wie?
Hm, schwer zu sagen. Einige frühe Alben, die ich eher zufällig gekauft habe, erwiesen sich später als absolute Klassiker: ‚Machine Gun Etiquette‘ von The Damned, ‚Freedom of Choice‘ von Devo und ‚Metamatic‘ von John Foxx begleiten mich bis heute. Was DJs angeht, war es Kool DJ Herc. Ich sah ihn zufällig im Fernsehen und dachte: Das kann ich auch. Das war total inspirierend. Danach kamen Red Alert, Mastermind und vieles aus der Hip-Hop-Kultur. Dann sah ich DJ Shem in Brighton, und das hat meine Inspiration noch einmal auf ein neues Level gehoben.
Neben deinem harten Techno-Stil bist du auch dafür bekannt, deine oft harschen und ungefilterten – aber relevanten – Meinungen öffentlich zu äußern. Hat dir das im Laufe deiner Karriere Probleme bereitet?
Natürlich. Vielleicht bin ich naiv, aber Musik und Kunst sollten die Grundlage dafür sein, sich selbst zu repräsentieren. Leute, die nur so getan haben, als ob, konnte ich schon aus großer Entfernung riechen. Meine Karriere wurde auch von einigen kleingeistigen, fragilen Seelen ausgebremst. Vielleicht leben wir in einer postfaktischen Welt – ich aber nicht. Diesen Leuten ging es immer nur um Geld, null Integrität.
Laut deinen Socials und dem, was ich bei unserem Treffen von dir gehört habe, bist du ein großer Foodie und beschäftigst dich intensiv mit Gastronomie. Was ist dein absolutes Lieblingsgericht – und gibt es bestimmte Restaurants oder Pubs, zu denen du immer wieder zurückkehrst, wenn du die Gelegenheit hast?
Hm, wir essen jeden Tag, oder? Dann kann man auch versuchen, gesund zu essen und es zu genießen. Vor Covid waren meine Geschmacksknospen extrem sensibel. Leider habe ich davon ziemlich viel verloren. Mein Lieblingsessen ist überwiegend asiatisch geprägt: japanisch, thailändisch, malaysisch. Außerdem liebe ich italienisches Essen. Ich habe viele Lieblingsgerichte, viele davon roh.
Gibt es einen Traum, den du als Künstler noch erreichen möchtest?
Dass Kunstfertigkeit zurückkehrt und nicht von gierigen, leeren Seelen und KI untergraben wird.
Welche kleine Sache im Leben bringt dich immer zum Lächeln?
Karma, haha. Natur bringt mich immer zum Lächeln – genauso wie ein großartiges neues Plug-in fürs Produzieren.
Deine Top 5 Artists aller Zeiten – unabhängig vom Genre?
Bowie, Cocteau Twins, Hendrix, The Sound, PJ Harvey.
Wie sieht ein freier Tag bei dir aus, wenn du nicht unterwegs bist – keine Gigs, keine Ausstellungen? Was machst du in deiner Freizeit?
Entweder bin ich müde und fühle mich schuldig, weil ich mich entspanne – oder ich mache Interviews wie dieses.
Gibt es jemanden, zu dem du heute noch aufschaust?
Interessante Frage, denn leider sind einige von ihnen viel zu früh gestorben.
Wie blickst du auf die aktuelle Techno-Szene?
Absolut beschissen und beschämend. Ich habe überhaupt kein Problem mit Anpassung oder Weiterentwicklung. Aber das Techno zu nennen, ist kulturelle Aneignung – ausgerechnet von einer Generation, die angeblich politisch sensibel für solche Themen ist. Sie haben keinerlei Fantasie, es einfach als neues Genre zu benennen, sondern bedienen sich am guten Ruf all derer, die vorher da waren. Außerdem ist der Dancefloor voll mit Bros, mit all diesen Leuten, denen Counterculture komplett egal ist – genau die Art Menschen, die ich mein Leben lang zu vermeiden versucht habe.
Würdest du etwas an deiner Vergangenheit ändern? Wenn ja, was?
In vielerlei Hinsicht nichts. Gute wie schlechte Entscheidungen formen einen. Wenn man das akzeptiert, kann man daraus lernen.
Wie ich aus nächster Nähe erlebt habe, bist du verrückt nach Kokoswasser, das bei deinen Auftritten unbedingt in Reichweite sein muss. Gibt es noch andere kleine Schwächen oder Treats, zu denen du einfach nicht Nein sagen kannst?
EQ auf den Monitoren, haha.
Eine sehr wichtige Frage: Katzen oder Hunde?
Beide. Ich war immer ein Hundemensch, ich spreche fließend Hund und liebe sie. Aber ich schätze Katzen sehr. Sie haben ebenfalls enorme Persönlichkeiten und sind perfekte Kreaturen.
Wenn du eine einzige Frage stellen könntest – welche wäre es?
Warum werden talentlose Menschen für ihre Fakes belohnt?
Zum Schluss: Was bedeutet Techno für dich?
Über 40 Jahre Freiheit in meinem Leben. House und Electro sehe ich dabei als Teil dieser Reise.
Interview: Mark Petes Varga
Foto: Bastiaan Woudt