Alexander Kowalski – Nachhallende Echos und neue Zyklen

Einer der einflussreichsten deutschen Techno-Produzenten der letzten drei Jahrzehnte läuft aktuell zur Bestform auf: Alexander Kowalski. Mit Releases auf Labels wie Kanzleramt und Tresor entwickelte der Berliner früh ein unverwechselbares Klangprofil, das Detroit-Einflüsse, emotionale Tiefe und den Sound der Hauptstadt verband. Sein Debütalbum „Echoes“ gilt bis heute als Meilenstein dieser Ära und erscheint nun in einer von ihm selbst überarbeiteten Fassung. Zugleich markiert sein neues Label Cycles Music einen weiteren Wendepunkt: Mit zurückgewonnenem Backkatalog, neuen Releases und klarem Fokus auf die eigene musikalische Signatur schlägt Kowalski die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Wir haben mit ihm gesprochen.

Alex, wir haben viel zu besprechen. Beginnen wir mit dem Remaster zum 25. Jubiläum deines Debütalbums „Echoes“. Inwieweit war diese LP wegweisend für deine Karriere und deinen Sound?
Das erste Album ist ja immer etwas ganz Besonderes. Ich hatte damals erst kurz vorher angefangen, auf Kanzleramt unter meinem richtigen Namen Musik zu veröffentlichen. Vorher war ich als DisX3 auf Tresor und Konsequent Records aktiv. Mich zog es schließlich immer mehr in Richtung Chords und Detroit-Einflüsse und auch der Berliner Sound der 90er war ein maßgeblicher Einfluss. Ich würde sagen, „Echoes“ war wirklich der Grundstein für die Entwicklung meines typischen Kowalski-Sounds.

Du hast alle Tracks selbst remastert. Was hast du dabei über den Produzenten Alexander Kowalski von 2001 gelernt?
Die Arbeitsweise war vor 25 Jahren komplett anders und viel reduzierter als heute. Ich habe das Album damals nur mit einer Handvoll Hardware, einem Mackie-Mixer und einem günstigen Kompressor gemacht. Heute hat man viel mehr Möglichkeiten und kann genauer arbeiten. Trotzdem finde ich, dass meine Versionen von damals grundsätzlich schon gut gemischt waren. Für das Remastering habe ich mir viel Zeit genommen, konnte tiefer in die Stücke gehen und Details herausarbeiten, um sie so klingen zu lassen, wie ich sie mir immer vorgestellt habe.

Mixing & Mastering ist etwas, das viele Künstler gerne outsourcen. Denkst du, dass Tracks dadurch einen Teil ihrer Identität verlieren?
Das würde ich nicht sagen. Die Identität eines Tracks entsteht in erster Linie durch die Ideen des Künstlers, durch musikalische Handschrift, Arrangement, Sounds und Stimmung. Mixing und Mastering sind eher eine technische Komponente, die diese Identität im besten Fall unterstützt. Natürlich kann dadurch etwas verändert werden, aber im besten Fall hilft es einem Track, sein Potenzial zu entfalten. Entscheidend ist auch die Abhörsituation. In einem Homestudio kann man oft keine großen Monitor-Lautsprecher mit Subwoofer nutzen. Ich mische schon länger Tracks von Freunden und würde gerne anfangen, Mixing und Mastering offiziell als Service anzubieten.

Mit Cycles Music launchst du nun ein neues Label, das dein bisheriges Imprint Damage Music ablösen wird. Wie kommt es dazu?
Ich habe mit Damage eine längere Pause gemacht, auch weil ich den Labelnamen in Zeiten von Hard-Techno irgendwann nicht mehr passend für meine Musik fand. Es wird jetzt aber nochmal zwei Releases zum Abschied geben. Die Idee zu Cycles trage ich schon länger in mir. Vor einer Weile hatte mich André Kronert von Matter Of Fact Vinyl angesprochen, ob ich wieder auf Vinyl veröffentlichen möchte. Kurz vorher hatte ich meinen alten Backkatalog zurückbekommen und überlegt, was ich damit machen kann. Dazu hatte ich ein paar fertige Releases. Es war perfektes Timing und dadurch hat sich ein weiterer Kreis geschlossen. Für mich war das das Zeichen, jetzt mit Cycles anzufangen.

Der persönliche Bezug zu deiner Musik ist dir immens wichtig. Hast du ein paar konkrete Beispiele, wie du das in deiner Musik umsetzt?
Ich glaube, das passiert bei mir oft intuitiv. Es geht mir nicht nur darum, dass ein Track im Club funktioniert, sondern dass er Stimmung, Tiefe oder Emotionalität hat. Das kann über Chords, Melodien, Atmosphäre oder die Energie der Drums entstehen. Bei „Echoes“ hört man für mich sehr gut, was mich damals geprägt hat: Berlin, Detroit, Melancholie, Euphorie und Nachtleben. Bei Cycles möchte ich diesen persönlichen Bezug weiterführen und Musik veröffentlichen, die mit meiner Geschichte, Haltung und Handschrift verbunden ist. Es soll auf Cycles aber auch Veröffentlichungen von anderen Künstlern geben, zu denen ich musikalisch oder persönlich eine echte Verbindung habe.

Ist Persönlichkeit etwas, was im Techno heute immer mehr verloren geht?
Ich würde nicht grundsätzlich sagen, dass Persönlichkeit im Techno verloren geht. Es gibt immer noch viele Künstler, die eine eigene Sprache und einen eigenen Sound haben. Aber ich glaube schon, dass heute vieles schneller austauschbar wirkt, weil Musik oft stark nach Trends, Playlists oder Social Media funktioniert. Mich hat es immer beeindruckt, wenn jemand einen eigenen Sound entwickelt und damit eine eigene Welt aufmacht. Dafür braucht es Mut, und den vermisse ich heute manchmal.

Nicht nur das Remaster-Album führt zu deinen Ursprüngen zurück, sondern auch die erste EP auf Cycles: „Live 2“ knüpft unmittelbar an „Live“ aus dem Jahre 2000 an – dein allererstes Release unter eigenem Namen. Ein spiritueller Nachfolger oder eine Wiedergeburt? Lass uns Teil am Produktionsprozess haben.
Die Idee zu „Live 2“ hatte ich schon eine ganze Weile. Leider gab es nie die richtige Gelegenheit, diese Tracks genau so zu veröffentlichen. Es sind beides Stücke, die ich bis dato nur in meinen Live-Sets gespielt habe. Das war bei der ersten „Live“-EP damals ähnlich. Ich habe lange an den Studio-Versionen herumprobiert, weil es mir wichtig war, den Live-Charakter auch dort einzufangen. Es war eine etwas schwere Geburt, aber das jetzt als erstes Release meines neuen Labels zu bringen, erschien mir mehr als passend. Es ist also etwas von allem: Nachfolger, Wiedergeburt und Anfang von etwas Neuem.

Du hast deinen Kanzleramt- und PIAS-Backkatalog zurückbekommen. Was bedeutet es für dich, wieder Kontrolle über deine eigene musikalische Geschichte zu haben? Werden sich deine zukünftigen Produktionen wieder vermehrt an deinen alten Releases orientieren?
Das fühlt sich natürlich toll an. Meine musikalische Vergangenheit ist ja auch ein großes Stück meiner persönlichen Vergangenheit. Jetzt wieder Kontrolle darüber zu haben, fühlt sich befreiend an. Für eine Weile waren einige frühere Releases digital nicht verfügbar. Das war schade, weil diese Musik ein wichtiger Teil meiner Geschichte ist. Über Cycles konnte ich fast alles wieder verfügbar machen. Dazu kommt Bandcamp, was für mich ein großes Stück Freiheit bedeutet. Ich kann meine Musik dort direkter und persönlicher anbieten und die Menschen unmittelbarer erreichen. Dort wird es auch spezielle Bandcamp-Versionen mit Bonusmaterial geben. Trotzdem geht es mir nicht darum, mich nur an alten Releases zu orientieren, sondern meine eigene Geschichte wieder in der Hand zu haben und daraus neue Dinge entstehen zu lassen.

Blicken wir zum Abschluss noch einmal in die Nostalgiekugel: Kanzleramt, Tresor, frühe Berliner Clubkultur: Welche Werte aus dieser Zeit sind für die Szene noch heute relevant und welche Werte verblassen mit der Zeit?
Der Tresor wird immer wichtig für mich bleiben. Dort hatte ich 1997 mit 19 Jahren meinen ersten Live-Act und habe danach auch privat viele Nächte verbracht. Das hat mich musikalisch stark beeinflusst. Kanzleramt wurde dann das erste Label, das wirklich mein Zuhause war. Ohne diesen Zuspruch hätte ich viele Tracks von damals wohl gar nicht geschrieben. Die Szene war damals kleiner, persönlicher und weniger professionalisiert. Man konnte vieles ausprobieren, ohne sofort großen Druck zu spüren. Gleichzeitig will ich das nicht zu sehr romantisieren: Für junge Künstler wird die Szene heute genauso aufregend sein. Ich glaube auch nicht, dass Werte einfach verschwinden. Was vielleicht eher verblasst, ist diese Unmittelbarkeit. Wichtig bleibt, den eigenen Weg zu suchen und nicht nur Trends zu folgen. Genau das versuche ich für mich bis heute beizubehalten.

Aus dem FAZEmag 173/07.2026
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alexanderkowalski.bandcamp.com/