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Generell ist es einem ziemlich latte bis wurscht, bei wem man sein Musiktool ersteht. Möglichst günstig sollte es eben sein. Aber selbst, wenn man zusätzlich noch gut beraten wird, fällt der Verkäufer nach dem Deal häufig  schnell auf seinen alten Status zurück: Eine Person ohne Namen und bald auch wieder ohne Gesicht.


Anders ein gebürtiger Bremer, der sich vor rund 14 Jahren in Berlin eine Nische erschloss, in dem er das Business gewissermaßen auf den Kopf stellte: Andreas Schneider. Mit analoger Klasse statt digitaler Masse und ganz eigener Philosophie wurde der Anbieter seltener wie seltsamer Instrumente spätestens mit der Doku „Totally Wired“ zum Popstar einer Branche, deren Mechanismen er keinesfalls kritiklos goutiert.

So liegt auch sein sagenumwobener Laden, eben „Schneidersladen“, zusammen mit „Schneidersbüro“ nicht etwa in der repräsentativen schicken Mitte oder im hippen Prenzlberg, sondern am Kottbusser Tor. Ein amtsdeutsch formuliert „Gebiet mit besonderem Entwicklungsbedarf“. Macchiato-Mütter sind in der Minderzahl – hier bevorzugt man härteren Stoff. Insofern passte es ganz gut ins Bild, dass sich Andreas Schneider zum Telefoninterview verspätete, weil es ihn kurz zuvor in eine Demonstration zog. Anlass: Verhinderung einer Zwangsräumung in der Nachbarschaft. Stichwort: Mietexplosion und Gentrifizierung. Keinesfalls also nur abstraktes Schlagwort, sondern tägliche Realität im Kiez. Die anarchischen Strukturen in Friedrichshain: Verschwunden. Die Liebigstraße: Geräumt. Und schon sind wir mittendrin in einem interessanten Gespräch.

IMG_14405Sieht denn Herr Schneider diese Entwicklung selbst mit Sorge?
Andreas Schneider:
Jetzt gar nicht so sehr für mich persönlich. Aber dann doch für die kulturelle Vielfalt des Bezirks. Und natürlich Durchmischung der Gesellschaft insgesamt. Bei uns sind Ghettoisierungen ja zum Glück noch bei weitem nicht so ausgeprägt, wie anderswo. Da wohnen Arbeitslose und Angestellte und Doktoren immer noch so dicht zusammen, dass sie zumindest Notiz voneinander nehmen. Wogegen ich mich sperre, ist das grundsätzliche Prinzip, dass der Gesetzgeber skrupellos dem Kapital Vorschub leistet. Denn mir sind sind die zugrundeliegende Gesetzesänderung und angewandten Methoden ja hinlänglich bekannt. 

Uiuiui, das klingt jetzt aber sehr klassenkämpferisch …
Naja, es geht eben auch um die Verdrängung von Kunst. Also das, was Berlin ja international besonders anziehend macht. Und womit die Stadt groteskerweise sogar wirbt. Fragt sich nur, ob das noch eine Künstlerszene ist, wenn alle damit Geld verdienen. Ist die kreative Unbefangenheit dann wirklich noch gegeben? Ich bin mir da nicht sicher. Aber ich bin ja ohnehin kein Künstler mehr, sondern Kaufmann …

Kaufmann aber dann offenbar nicht im Sinne des FDP-Parteiprogramms
Naja, diese Form des Kaufmanns will ich ja auch gar nicht sein. Unter rein ökonomischen Aspekten betrachtet müsste ich mein Geschäft tatsächlich ganz anders aufziehen.

Du würdest dich mit dem, was du machst, schon typisch Berlinerisch bezeichnen? Also arm, aber sexy mit einem Faible fürs Chaos.
Als arm und sexy sehe ich mich überhaupt nicht [lacht]. Fand ich aber auch nie schick. Das Chaotische hingegen schon. Denn Chaos, oder besser, Anarchie, erfordert immer einen gewissen Freiraum und die Möglichkeit, Dinge anders zu denken. Was nicht bedeutet, dass man dafür die gesamte Gesellschaft zerschlagen muss. Aber sich kleine Inseln zu bewahren, finde ich schon wichtig.

Könntest du das auf deinen Bereich konkretisieren oder ist das eher ein Grundgefühl?
Eher ein Grundgefühl.

Dann gib unseren eventuell noch nicht so kundigen Lesern einfach mal eine Zusammenfassung deines geschäftlichen Treibens
Also: Ich habe vor vielen Jahren Schneidersbüro als Handelsvertretung für Hersteller für elektronische Musikinstrumente und Werkzeuge für elektronische Kunst gegründet, die nicht in der Dimension von beispielsweise Korg oder Roland agieren. Mir ging es darum, all den vielen kleinen Bastlern eine Plattform zu bieten, die aus unterschiedlichen Gründen nicht selbst in der Lage sind oder sein wollen, mit Wiederverkäufern oder Künstlern oder Pressevertretern wie Dir so in Kontakt zu treten. Die also keine Lobby haben. Ich bin also, wie ich jetzt grad selbst von mir gelernt habe, ein Lobbyist.

Was hast du zuvor gemacht?
Gar nicht so weit Entferntes. Ich war unter anderem Manager einer HipHop-Band, bin dann bei VIVA im Marketing gelandet, habe dort allerdings schnell festgestellt, dass dieser Apparat der Musikverwertung eigentlich gar nichts mehr mit der Musik an sich zu tun hat. Es ging dort also genau nicht um das Erobern von Freiräumen und Austesten kreativer Grenzen. Die jungen Leute wollten einfach nur ihr musikalisches Ding machen. Und nicht … was weiß ich … Ingenieure werden, um bei Siemens eine Atomrakete zu entwickeln. Lustigerweise hab ich es jetzt eben doch mit Ingenieuren zu tun. Allerdings auch wieder die Aussätzigen, Andersdenkenden in ihrem Metier. Die wollen eben Musikinstrumente bauen. Da sind einige dabei, die Ihre Ausbildung bewusst nicht ganz abgeschlossen haben, um gar nicht erst in die Versuchung zu kommen, irgendwann in der Industrie zu landen.

Gab es so etwas wie ein ausschlaggebendes Instrument für die Gründung deines Geschäftes?
Ja, das war die X-Base 09 von Jomox.  Ich hatte damals zwar noch nicht im Detail verstanden, worum es geht, fand sie aber toll.

Somit war Jomox auch dein erster Kunde?
Ja, den Gründer Jürgen Michaelis hab ich damals beim Umzug kennengelernt. Den Jomox-Vertrieb mache ich inzwischen zwar nicht mehr, verkaufe die Produkte aber immer noch in meinem Geschäft. Sind ja auch super Maschinen.

Aber warum dann nicht weiter vertreiben?
Das ist gar nicht so einfach zu erklären. Vielleicht haben wir einfach zu lange zu viel miteinander gemacht, so dass irgendwann jeder seine eigenen Wege verfolgen musste. Jürgen ist ein netter Kerl, aber wir gehen halt nicht mehr jeden Monat essen. Ich hab in der Zwischenzeit auch schon wieder zahlreiche andere Kleinhersteller auf dem Schirm, welche mich aufgrund anderer Tiefen und Intensitäten von Innovation mehr ansprechen.

Also interessiert dich grundsätzlich nur das, was ganz am Anfang steht?
Nein, anders: Ich habe keine Lust mich mit Firmen auseinanderzusetzen, die das einzige Bestreben haben, so groß zu werden wie meinetwegen Korg. Ich möchte ein Indie-Vertrieb bleiben. Wenn jemand Major-Hersteller mit einzigem Ziel Gewinnmaximierung werden will, ist das okay. Nur soll er dann bitte auch den entsprechenden Vertrieb suchen oder aufziehen und nicht mich damit belästigen.

Aber die Schwelle vom vom Indie zum Major zu überschreiten, kann doch eine ganz natürlich Entwicklung sein. Warum sich im Vorhinein selbst limitieren?
Ja, im Idealfall wäre das so. Aber nur, wenn der Anspruch an die Qualität erhalten bleibt, den man als Indie formuliert hat. Und das passiert meist nicht. Denn es ist halt ein wirklich schwer zu vollziehender Schritt, für die man die richtigen Partner benötigt. Wenn, wie so oft, ein analoger Hardwaresynth als Plugin oder Digital-Dongle endet, ist in meinen Augen etwas Entscheidendes falsch gelaufen.

Naja, aber du bist dann ja doch Kaufmann genug, um zu wissen, dass sich das Hinterzimmergelöte unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet nicht wirklich lohnt.
Naja, da sind wir aber wieder beim Punkt: Muss man denn wirklich jedes Produkt rein kaufmännisch beurteilen? Ich erlaube mir den Luxus, denn das scheint es ja inzwischen zu sein, das nicht zu tun. Es geht, gerade im Instrumentenbau, doch um mehr. Und was den Lebensunterhalt angeht, kann ich persönlich nur von mir und meiner Familie ausgehen: Wir haben ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, ich hab ein Fahrrad, um mich fortzubewegen. Und wenn ich dann vielleicht sogar irgendwann in der Position bin, zu sagen: „Oh, mir tut der Rücken weh, ich geh dann besser mal in Rente“, ist doch alles prima. Ich hab nichts gegen Geld verdienen, bestimmt nicht. Aber deshalb muss ich nicht künstlich irgendwelche Preise aufblasen. Eines darfst Du mir ebenfalls glauben: Auch wir machen unsere Margen nicht zwanghaft kleiner, als sie sein müssen. 

Aus welchen Teilbereichen besteht den inzwischen das Schneider-Imperium?
Neben Schneidersbüro zum einen aus Schneidersladen als Fachgeschäft für Instrumente,  Modularsysteme, Kabel und Zubehör.  Dahin kommen eben ganz normale Endkunden, im Regelfalle Musiker, und lassen sich was zeigen und erklären. Zum anderen habe ich jüngst separat Alex4 gegründet. Ein reines Handelsunternehmen. Eben aus der Erkenntnis heraus, dass fortgeschrittene Löter so etwas brauchen, um dann doch mal ein paar mehr Kisten weltweit abzusetzen. Wenn Du es böse formulieren wolltest, also die Vorstufe zum Handels-Major. Grad so Leute wie Dieter Doepfer oder Manfred Fricke Berlin, die ja nun auch schon um die 60 sind, wollen zwar gerne noch weitere Sachen entwickeln. Sich aber eben dann nicht mehr die Quality Checks und Vertriebsgeschichten antun. Das alles und noch ein bisschen mehr macht Alex4 als Dienstleister.

Schneiders LadenDoepfer ist ein gutes Beispiel. Würdest du den überhaupt noch als Indie bezeichnen? Wir haben ja grad den Dark Energy II getestet (FAZEmag Ausgabe März 2013, Anm. d. Red.) Der dürfte, ebenso wie der Vorgänger, weggehen wie geschnitten Brot.
Doepfer ist auf jeden Fall auf der Schwelle zum Major, hat aber bei weitem nicht die Dimension und Struktur von beispielsweise Moog. Eine konkrete Grenze kann man aber nicht ziehen, da hast Du Recht. Vielleicht sehe ich in zehn Jahren diesen Indie-Major-Konflikt auch viel entspannter. Ich lerne ja auch immer noch dazu. Aber im hier und jetzt sehe ich das so mit voller Überzeugung. Weil ich eben ganz grundsätzlich nicht glaube, dass dieser Irrsinn des ewigen Wachstums, über den sich ja inzwischen jede Daseinsberechtigung definiert, überhaupt  eine Zukunft hat. Vielleicht macht es, auf meinen Bereich übertragen, mehr Sinn, die guten, existierenden Musiksysteme einfach mal häufiger weiterzugeben. Anstatt immer wieder neue Billigtools in immer kürzeren Abständen zu produzieren, von denen 70% schon die erste Generation gar nicht überleben. Wenn Instrumente mal wieder zwei oder drei Generationen genutzt werden könnten, sozusagen vom Vater zum Sohn vererbt, fände ich das denn viel besseren, weil nachhaltigen Fortschritt. Um beim Beispiel zu bleiben: Warum baut Korg nicht mal wieder etwas mit Metallgehäuse? Das könnten die. Stattdessen bringen sie aber eine verkleinerte MS20-Plastikkopie. Das wirklich Schlimme ist: Niemand, auch ich, kann sich dem Wachstumszwang komplett entziehen. Wenn beispielsweise jemand in London auch Doepfer-Module verkaufen will, was ja sein gutes Recht ist, weil die Teile gerade hip sind und es die Stückzahlen hergeben, muss ich dort auch mitziehen. Sonst werde ich als Geschäft langfristig nicht überleben. Stillstand bedeutet Untergang. Leider. Deshalb existiert ja inzwischen auch mein Showroom in London. Ich versuche aber, ein gesundes Wachstum hinzulegen. Ja möglichst sogar den Mitbewerber willkommen zu heißen, um Tipps zu geben. Ich möchte da im voll Sinne der Hersteller handeln. Die Sachen sind ja teilweise doch beratungsintensiv, weshalb gut ausgebildete Händler so wichtig sind. Damit die Leute nicht immer beim Dieter [Doepfer] anrufen, sondern die Fragen und Probleme beim Händler vor Ort lösen können. Zugleich muss es aber auch von Seiten der Hersteller menschlich funktionieren. Ich bin zwar jemand, der mit allen irgendwie gut klar kommt. Aber gelegentlich stoße auch ich, oder ein Mitarbeiter, dann doch an eine Grenze. Dave Smith war so ein Fall. Dann Elektron. Und auch Schippmann. Wir sind ja gewissermaßen Produktmanager und Interessenvertreter für die Hersteller. Und wenn der persönliche Zugang nicht gegeben ist, funktioniert es halt nicht. Da kann das Produkt noch so gut sein.

Muss denn das Gerät etwas Bestimmtes haben, damit du es verkaufst oder vertreibst?
Ja, eine Aura. Du kannst drei 303-Clones nebeneinander haben, aber nur einer hat dann das gewisse Etwas.

Es entscheidet sich also nicht an der Frage analog oder digital?
Nö. Die Hardware von Kenton ist komplett digital, Manikin ebenso.

Wäre demnach auch ein Softwareprodukt denkbar?
Software? Puhhh, da kann ich persönlich jetzt nicht so viel anfangen. Eine eher ungünstige Voraussetzung also [lacht]. Nein, da bin ich selbst wohl noch zu sehr Musiker. Computer benutzen wir bei uns zum Rechnungen schreiben. Bevor man was auf dem Rechner zum Laufen gebracht hat, ist der halbe Tag ja meist um und die Nerven sind runter.

Controllerboxen?
Laufen ja auch nicht ohne Software. Werden aber auch nicht oft bei mir nachgefragt.
Wir könnten da auch gar nicht so wirklich gut beraten. Ist einfach eine andere Baustelle.

Aber deine Kunden arbeiten schon mit Rechnern?
Na klar haben Leute wie Richie Hawtin ein Digitalstudio. Aber wenn es dann drum geht, etwas kreativ zu formen und wo sie Spaß dran haben, dann stöbern sie bei mir.

Was war denn dein meistverkauftes Tool 2012?
Moooment, ich schau grad mal nach … im Computer übrigens … das war der MFB522, also der TR-808 Clone von Manfred Fricke. Das Effektgerät Bisquit von Oto aus Frankreich hat sich auch guten Umsatz gemacht, war allerdings mit 600 Euro auch eher teuer.

Wirst du uns mit einem Stand auf der Musikmesse begeistern?
Ich werde dort sein, aber lediglich mit einem Stand von Alex4. Ich werde also nur Sachen auffahren, die für den Handel und Wiederverkauf interessant sind. Weil die Messe ja ohnehin in erster Linie an Fachbesucher gerichtet ist. Mich, wie früher, mit einem gigantischen und  entsprechend teuren Stand und zig Kleintools aufzureiben, tu ich mir nicht mehr an. Die Details zu den Instrumenten zieht man sich ja heute ohnehin deutlich effizienter über das Netz rein.

Letzte Worte?
Ich hoffe, dass wieder mehr Leute nachwachsen, die altmodische Technik pflegen und Wert auf Qualität legen. Und wir mal wieder ein Bewusstsein für innovative europäische Produkte entwickeln. Wir müssen hier was machen und zusammenkommen als Europa. Das ist eine Riesenchance. Ansonsten werden nur die chinesischen Billigpotis überleben. Und so etwas wie den MacBeth wird es voraussichtlich nicht mehr geben. Unvernünftige Produkte, die aussagen: „Na und, ich koste halt so viel – musst mich ja nicht kaufen!“ Wäre doch schade. / Matthias Thienel

Hinweis:
Ab sofort wird Andreas Schneider in regelmäßigen Abständen ein neues Hardware-Tool seiner Wahl in unserem Maschinenraum vorstellen.

www.schneidersbuero.de
www.schneidersladen.com

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